VITA-Assistenzhunde: Kluge Partner auf vier Pfoten

Nach englischem Vorbild gründete die Wiesbadenerin Tatjana Kreidler im Jahr 2000 den gemeinnützigen Verein VITA e. V. Assistenzhunde (VITA), der Menschen mit körperlicher Behinderung – unabhängig von ihrer finanziellen Situation – einen Assistenzhund zur Seite stellt und ihnen so zu mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität verhilft.

Das Lilienjournal hat mehrfach die Gelegenheit genutzt, den Verein zu begleiten und dessen Ausbildungszentrum im Westerwald zu besuchen. Es verwundert, dass nur recht wenige Wiesbadener von der besonderen Arbeit von VITA wissen, während er aus ganz Deutschland große Beachtung erfährt. Dabei leistet VITA mit der Ausbildung von Assistenzhunden für Kinder europaweit Pionierarbeit und wurde als erster Verein beim Dachverband Assistance Dogs Europe (ADEu) zur Ausbildung nach international anerkannten Qualitätsstandards auf dem europäischen Festland zertifiziert.

Der Verein und die jährlich im Herbst stattfindende „Charity Gala zugunsten von VITA“ im Wiesbadener Kurhaus werden durch Sponsoren und die Schirmherrin des Vereins Dunja Hayali sowie die Schirmherren der Charity Gala Ursula von der Leyen und Volker Bouffier unterstützt. Hundeversteher Martin Rütter fördert VITA genauso wie die Taunuskrimi-Autorin Nele Neuhaus und andere Prominente als Botschafter oder Fürsprecher.

VITA bildet Hunde zu besonders spezialisierten Begleitern aus. Man kann sie in kleinen Gruppen gelegentlich auf und um den Wiesbadener Marktplatz herum antreffen. Ob beim Wochenmarkt oder in benachbarten Ladengeschäften, Wiesbadens Zentrum ist beliebtes Übungsgelände für Assistenzhunde in Ausbildung. Viele Ladeninhaber wie zum Beispiel die Parfümerie am Markt oder Der Papierladen in der Arcade unterstützen es gern, wenn die Hund-Mensch-Teams mit oft noch jungen Hunden den Umgang in engen Gängen üben. Aber es gibt noch weit mehr Unterstützung und Sympathien für die Arbeit von VITA.

Eine Gala in Eigenleistung

Dem Wiesbadener Unternehmer Erhard Priewe mit seinen Floralen Träumen und Dekorationen in der Mühlgasse ist es zu verdanken, dass Tatjana Kreidler und ihr Verein das Kurhaus als Bühne nutzen können, um VITA-Teams und ihre Arbeit vorzustellen. Zum zehnten Geburtstag des Vereins im Jahr 2010 fragte Tatjana Kreidler den Unternehmer, der auch eine Eventagentur betreibt, um Rat, wie sie das Jubiläum mit einem kleinen Fest feiern könnten. „Ich schenke Euch eine Gala im Kurhaus“, war die übermütige und unerwartete Antwort Priewes. Und 2015 war es nun bereits die sechste Veranstaltung im großen Saal des Kurhauses und seinen Nebenräumen, die durch viele Sponsoren ermöglicht wurde.

Die Firma Acetec aus Bierstadt stellt beispielsweise die gesamte Licht- und Tontechnik zum Selbstkostenpreis zur Verfügung und übernimmt den Auf- und Abbau. Die 20 Jahre in Wiesbaden beheimatete Werbeagentur Gröpper und Bonum unterstützt die Gala seit dem ersten Tag mit allen Drucksachen und der Gestaltung von Flyern, Plakaten und Eintrittskarten. Petra Denecke von der Künstleragentur Da Capo aus Eltville macht sich auf die Suche nach Künstlern, die für den guten Zweck auf das Honorar verzichten oder nur einen deutlich ermäßigten Satz in Rechnung stellen. Die Sektkellerei Henkell & Söhnlein stellt Personal und prickelnde Getränke, während die Südliche Weinstraße e. V. als Winzerverband ebenso vom ersten Tag an alle Weine (aus)schenkt und dazu eigenes Personal und sogar die Bartheke mitbringt. Ohne das Autohaus Schäfer wiederum wäre es kaum möglich, all die Promis abzuholen und angemessen zu befördern. Auch der Nassauer Hof hilft mit vergünstigten Übernachtungskontingenten. Von vielen weiteren Seiten wird der Verein, der sein eigentliches Zuhause in Wiesbaden sieht, unterstützt. Die Stadt stellt jedoch mittlerweile nahezu die volle Miete für das Kurhaus in Rechnung. Das war anfangs nicht so.

Dabei bringt die VITA Charity Gala nicht nur deutschlandweit mediale Aufmerksamkeit für die Hundegala in Wiesbaden, sondern auch viel Geld in die Stadt, denn 90 Prozent der rund 800 Gäste kommen aus Düsseldorf, Hamburg, München oder Frankfurt. Die meisten übernachten in Wiesbaden. Die Gala dient nicht nur dem Sammeln von Spenden, sondern ist ein einziges großes Wiedersehen vieler Mensch-Hunde-Teams, die sich teilweise seit Jahren von ihrem Training im Ausbildungszentrum in Hümmerich oder von gemeinsamen Veranstaltungen kennen. Sechsstellige Spendenerlöse kommen zusammen und die sind auch bitter nötig, kosten die zeitintensive und aufwendige Ausbildung eines Assistenzhundes sowie die sozialtherapeutische Betreuung und pädagogische Begleitung eines VITA-Teams ein Hundeleben lang doch rund 75000 Euro, die keine Krankenkasse übernimmt.

 

Der lange Weg zum VITA-Assistenzhund

Vom Welpenpaten zur Teambildung

Das erste Lebensjahr der Welpen, die ausschließlich von zertifizierten Züchtern stammen, ist das entscheidende für die Sozialisierung des späteren vierpfotigen Begleiters. Hierfür werden geeignete Paten ausgewählt, die verlässlich diese Phase begleiten und den Welpen bei sich aufnehmen, wohl wissend, sie werden ihn nach circa 18 bis 24 Monaten wieder hergeben müssen. Nicht nur Grundkommandos werden in dieser Zeit gelehrt und eingeübt, sondern auch korrektes Verhalten in Alltags- und möglichen Stresssituationen (Auto oder Aufzug fahren, laute Geräusche). In dieser wie auch in der folgenden Ausbildungsphase sowie bei der Zusammenführung mit seinem Halter im dritten Lebensjahr stehen die vertrauensvolle Bindung und Beziehung von Mensch und Hund im Vordergrund.

Die in England zur Trainerin ausgebildete Sozialpädagogin Tatjana Kreidler hat ihre eigene Methode entwickelt. Diese richtet sich speziell an Kinder, denen nur selten ermöglicht wird, einen eigenen Assistenzhund zur Seite gestellt zu bekommen. Man traut ihnen meist nicht zu, die Verantwortung zu tragen. Kreidler schrieb ihre Diplomarbeit über „Hunde als Helfer und Heiler des Menschen“. Die Kreidler-Methode basiert auf Empathie und Motivation, einem situativen und ganzheitlichen Ansatz, der vor allem durch Ruhe und Geduld, positive Verstärkung und durch freundliche Autorität die vertrauensvolle Bindung von Mensch und Hund fördert. Nur so wird erreicht, dass ein Hund „seinen Menschen“ freudig, ausdauernd und zuverlässig unterstützt. Geduld, Respekt und Zuneigung für Tier und Mensch sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Trainingsarbeit.

Richard und Abby – eine besondere Verbindung

Ob im Ausbildungszentrum oder auf der Charity-Gala, wir treffen bis auf sehr wenige Ausnahmen nur Teams mit Rollstuhl. Da ist jedoch auch der Junge, der durch eine Krankheit langsam erblindet und nur noch zwei Prozent Sehfähigkeit besitzt, wissend, auch die bald zu verlieren. Wüsste man es nicht besser, man würde denken, da geht einfach nur ein Kind mit seinem Hund spazieren. Dieses Team wurde bereits zusammengeführt, bevor der Junge vollständig erblindet.

Und dann ist da Richard, wir haben ihn jetzt im Abstand von einem Jahr zweimal getroffen. Beim ersten Mal wäre ein lockeres Gespräch, wie wir es nun im November führten, wohl kaum möglich gewesen. Richard war früher US-Soldat und kam aus dem Irak-Krieg mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zurück. Was wird dieser junge Mann gesehen oder erlebt haben? Wir konnten ihn das nicht fragen, aber er konnte lange Zeit nicht mehr unter Menschen gehen. Jede Begegnung, jedes Geräusch konnten bei ihm kaum vorstellbare Ängste auslösen. Richard bewegte sich letztlich gar nicht mehr nach außen und fühlte sich nur in seiner Wohnung halbwegs sicher.

Mit einer Deutschen verheiratet lebt er in Hanau und ist als Kriegsveteran durch die US-Armee anerkannt. Und hatte das große Glück, auf VITA gestoßen zu sein, der ihm bereits im September 2013 seine Partnerin, die schwarze Labradordame Abby, zur Seite gestellt hat. Sie gibt ihm die Sicherheit, die er braucht, um sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie ist ausgebildet, kurz zu bellen, wenn sich jemand nähert, damit Richard nicht überrascht wird und erschrickt. Richard kann ruhig schlafen, weil er weiß, dass Abby in der Nacht über ihn wacht. Wenn er Gefahr läuft, schlecht drauf zu kommen, blickt er tief in die wachen und treuen Augen von Abby, die seinen Blick erwidert und seine ganze Konzentration fordert. Wenn es sein muss, minutenlang, bis Richard wieder genug Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen hat, um sich der Welt um ihn herum zu öffnen.

Seit kurzem gibt es nun ein zweites PTBS-Team. Der Ex-Soldat Chris und der schwarze Labrador Pepper. Das Zusammenleben mit seinem Assistenzhund beschreibt Chris in seinem „denglisch“ mit bewegenden Zeilen:

„Ich gehe über all mit der Pepper. Er geht mit mir zu meine Schwiegereltern, im unser kleiner Laden, zum Supermarkt und auch zum Kindergarten und Schule mit meine Töchter. Ich kann nicht genug danke sagen für eure hilf. Ich hab mein Leben zurück und ihr hab das zur mir zurück gegeben.“ (Chris & Pepper)

 

Was ist was?

Hilfshunde, Partnerhunde, Alzheimerhunde, Servicehunde, Schulhunde, Behindertenbegleithunde, Signalhunde, Assistenzhunde, Therapiehunde, Besuchshunde – wer findet sich bei diesem Begriffswirrwarr noch zurecht? Es gibt 20 verschiedene Begriffe für die tiergestützte Therapie und zwölf verschiedene Termini für den Einsatz von Hunden als Helfer. Das Problem: keine dieser Bezeichnungen für Begleithunde ist genau definiert oder gar gesetzlich geschützt. Es fehlt ein konzeptioneller Rahmen. Die Ausbildung von Hunden, Hundeführern und Trainern ist völlig ungeregelt. Die Unübersichtlichkeit der Szene und der erforderlichen Qualifikationen ist ein Argument für Krankenkassen, außer Blindenführhunden keine tierischen Therapeuten als „Hilfsmittel“ anzuerkennen.

Ein Assistenzhund ist gleichzeitig auch ein Therapiehund. Der Unterschied liegt darin, dass der Assistenzhund im Gegensatz zum Therapiehund noch ganz bestimmte Aufgaben für seinen Menschen übernimmt. Während Therapiehunde, „geführt“ von einer dritten Person, als sogenannte Co-Therapeuten durch ihre reine Anwesenheit „wirken“, werden Assistenzhunde ganz gezielt für einen (meist) körperlich behinderten Menschen ausgebildet, um bestimmte Tätigkeiten für ihn zu übernehmen und seine Lebensqualität zu erhöhen. Der bekannteste Vertreter ist der Blindenführhund.

Auch bei Behinderten-Begleithunden ist die Qualität der Ausbildung sehr unterschiedlich. Im besten Fall werden die Hunde – so wie bei VITA – ganz speziell und personenbezogen für einen bestimmten Menschen mit körperlicher Behinderung geschult. Der Hund verhilft seinem menschlichen Partner dann auf vielfältige Weise zu mehr Lebensqualität, Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Er bringt Gegenstände auf Zuruf, öffnet Türen, Schubladen und Schränke, holt Hilfe, wenn es nötig ist, räumt Waschmaschinen aus oder hilft beim An- und Auskleiden. Gleichzeitig ist er Freund, Gefährte, Seelentröster und fördert als sozialer Mittler die Integration von Menschen mit Handicap in die Gesellschaft. Ein solcher Hund trägt nachweislich zur Verringerung von Pflege-, Heil- und Therapiekosten und zur Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen bei.

Rein ehrenamtlich ist der gewaltige Ausbildungs- und Kostenaufwand nicht zu stemmen, VITA finanziert sich ausschließlich über Spenden und Unterstützung von Freunden, Förderern und Sponsoren. Bis heute hat VITA 47 Mensch-Hund-Teams (davon 25 Kinder-Teams) zusammengeführt und begleitet diese ein Hundeleben lang.

VITA hat seinen Vereinssitz in Frankfurt am Main und betreibt das Ausbildungszentrum in Hümmerich im Westerwald, das allerdings viel zu klein geworden ist. Seit Jahren sucht der Verein ein geeignetes Grundstück im Rhein-Main-Gebiet, um ein eigenes Ausbildungszentrum zu bauen, mit Platz für die Kinder und Familien, die oft Tage und Wochen vor Ort betreut und geschult werden. 1200 Quadratmeter Nutzfläche sollen es mindestens sein, etwas außerhalb gelegen und doch nahe am urbanen Raum, um den Hunden den Alltag der Städte zu vermitteln. Der Platz muss sich für die Hundehaltung eignen, und möglichst barrierefrei sein. Ein baureifes Grundstück mit all diesen Voraussetzungen zu finden, ist schwer. Vielleicht erkennt die Wiesbadener Stadtpolitik, wie wichtig es wäre, diesem Verein bei der Ansiedlung zu helfen. denn Wiesbaden ist der Wunschstandort der VITA e. V. Assistenzhunde. Dieser wahrlich gemeinnützige Verein stünde unserer Stadt gut zu Gesicht.

Weitere Informationen unter: www.vita-assistenzhunde.de

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