Schloss Freudenberg – Lebendiges Denkmal

Mehr als 30.000 denkmalgeschützte Gebäude und Gebäudeteile gibt es in Wiesbaden, alleine rund 10.000 Bauwerke gibt es innerhalb denkmalgeschützter Stadtbereiche. Davon sind geschätzte 7.500 „konstituierend“, das heißt: Stadt- bzw. Ortsbild prägende historische Gebäude, welche die Denkmaleigenschaft der Gesamtanlagen wesentlich mit begründen. 3.300 Gebäude sind als „Einzelkulturdenkmäler“ erfasst, dazu zählt auch das Schloß Freudenberg

Bis in die 1960er Jahre freilich wurde dem Denkmalschutz auch in unserer von Historismus geprägten Stadt noch keine große Bedeutung beigemessen. Zahlreiche, aus heutiger Sicht unschätzbar wertvolle historische Gebäude, wie zum Beispiel das Café Orient, konnten leichtfertig abgerissen und durch gesichtslose Neubauten ersetzt werden. In den Nachkriegsjahren, erst recht angesichts großflächig zerbombter Innenstädte, stand zunächst pragmatischer Wiederaufbau im Vordergrund und das Bedürfnis, altes durch neues zu ersetzen. Bei manchen mag auch der Wunsch eine Rolle gespielt haben, der Gegenwart ein neues Gesicht zu geben, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

 

Charta von Venedig

Zu spät für das Café Orient einigten sich 1964 viele europäische Länder auf die “Charta von Venedig.“ Sie gilt als zentrale und international anerkannte Richtlinie in der Denkmalpflege und als wichtigster denkmalpflegerischer Text des 20. Jahrhunderts. Die Charta legt zentrale Werte und Vorgehensweisen bei der Konservierung und Restaurierung von Denkmalen fest.

Aus der Präambel:

„Als lebendige Zeugnisse jahrhundertealter Traditionen der Völker vermitteln die Denkmäler in der Gegenwart eine geistige Botschaft der Vergangenheit. Die Menschheit, die sich der universellen Geltung menschlicher Werte mehr und mehr bewußt wird, sieht in den Denkmälern ein gemeinsames Erbe und fühlt sich kommenden Generationen gegenüber für ihre Bewahrung gemeinsam verantwortlich. Sie hat die Verpflichtung, ihnen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben.

Es ist daher wesentlich, daß die Grundsätze, die für die Konservierung und Restaurierung der Denkmäler maßgebend sein sollen, gemeinsam erarbeitet und auf internationaler Ebene formuliert werden, wobei jedes Land für die Anwendung im Rahmen seiner Kultur und seiner Tradition verantwortlich ist.“

Wenn wir Geschichten hinter der Geschichte erzählen können, sind Denkmäler von besonderem Interesse für uns und unsere Leser. Nur wenige Gebäude bieten mehr Geschichten als das Schloß Freudenberg. Und kein Hausherr kann sie so kreativ vorantreiben und lebendig erzählen wie Matthias Schenk.

„Nehmt die Scheißseite“ ruft er uns im Gespräch zu, als es um ein passendes Aufmacherfoto für unseren Artikel über das Schloß Freudenberg geht. Er meint damit die Westseite des Schlosses, als einzige noch im Ursprungszustand. Matthias Schenk ist künstlerischer Leiter der Gesellschaft Natur & Kunst e.V. und zusammen mit seiner Frau Beatrice Dastis Schenk als Geschäftsleiterin des Vereins Gründer des „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens“ und des Gesamtkunstwerks Schloß Freudenberg. Als Schüler von Hugo Kükelhaus, der das Erfahrungsfeld der Sinne ersann, waren sie bis 1993 mit ihrem mobilen Erfahrungsfeld, quasi als Wanderzirkus unterwegs. In Wiesbaden im Schlosspark Biebrich gastierend, wurden sie auf das dem Verfall preisgegebene Schloß Freudenberg aufmerksam gemacht.

Im Auftrag von Marie Eugénie Victoire Guérinet und dem Maler James Pitcairn-Knowles wurde das Schloß von 1903 bis 1905 von dem renommierten Architekten Paul Schultze-Naumburg errichtet. Das Paar bewohnte das Schloß nur drei Jahre lang. Dann durchlief es eine wechselvolle Geschichte. In den folgenden Jahrzehnten diente es u. a. als Hotel, Kindererholungheim, NS-Erholungsheim, NS-Frauenheim, Leitstelle der Wehrmacht. Nach Ende des zweiten Weltkriegs betrieben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten für die Kaserne Camp Pieri im Schloss ein Offizierskasino. 1973 übergab die US-Armee das mittlerweile extrem sanierungsbedürftige Gebäude an die Bundesvermögensverwaltung. Von 1977 bis 1984 Sitz der Internationalen Pfingstgemeinde (United Pentecostal Church), stand es anschließend leer.

1990 wurde das Schloß nach kurzer Hausbesetzung und fortgesetztem Vandalismus von der Stadt zugemauert. Die Stadt Wiesbaden, gleichwohl verantwortlich für das denkmalgeschützte Gebäude, hatte kein sonderliches Interesse an einer Sanierung oder einem Verkauf, da der Erlös dem Bund zugeflossen wäre. So ist es denn eher diesem glücklichen Umstand zu verdanken, dass sich die Stadt mit dem zwischenzeitlich vom Ehepaar Schenk und Mitstreitern gegründeten Verein auf einen langfristigen Pachtvertrag einigen konnte. Erleichtert wurde dies, da sich auch Kulturschaffende und der damalige Oberbürgermeister Achim Exner dafür aussprachen, dem Erfahrungsfeld einen festen Platz in Wiesbaden zu geben.

„Als Fahrender spürt man, ob ein Ort passt oder nicht.“ Die Erbauer wollten bereits einen Ort der Künste, wenn auch der Künste der damaligen Zeit, wie zum Beispiel Lesungen und Kammerkonzerte, erzählt uns Matthias Schenk. Jetzt sind Kunst und Kultur allgegenwärtig in und um das Schloß verankert. Jedoch kaufte der Verein vor genau 22 Jahren die Katze im Sack. Denn nie zuvor hatten sie das Gebäude betreten. Sie kannten es nur von außen. Ein großes Wagnis.

Zugemauert bis zur Übergabe

Mit Beginn des Jahres 1994 wurde das Schloß Freudenberg für die symbolische eine D-Mark Jahrespacht offiziell an den Verein übergeben. Bereits im Sommer 1993 öffneten die neuen Schlossherren die zugemauerten Eingänge und zugenagelten Fenster. Als sie die vollgemüllten Räume betraten, fand noch kein einziger Sonnenstrahl ins Innere. Die Idee zur Dunkelbar und dem Restaurant Nachtmahl, zwei wichtige Bestandteile des heutigen Erfahrungsfelds, wurde in diesem Moment geboren.

„Wir hatten die Idee: Ein Ort der Finsternis. Eine Ausstellung in der man nichts sieht.

Wir inszenierten eine Wanderung durch das völlig lichtlose Erdgeschoss.

30.000 Besucher. Die Einnahmen sicherten uns die Anfangszeit.“ Matthias Schenk

Der letztlich gültige Erbbaurechtsvertrag wurde erst Ende 2005 für die Dauer von 66 Jahren geschlossen und läuft unter der Maßgabe, das Schloß zu sanieren und weiterhin ein Erfahrungsfeld der Sinne, vielmehr den Satzungszweck ihres Vereins für Natur und Kunst zu leben, mindestens bis zum Jahre 2072.

Dienen durch Verdienen

Schloß Freudenberg erhielt nie Zuschüsse für den laufenden Betrieb, höchstens projektbezogene, wie für das große Brennglas im Garten. Das Unternehmen Schloß Freudenberg besteht aus einem großen Team mit 82 Mitarbeitern, aufgeteilt auf 40 Vollzeitstellen und fußt auf vier Standbeinen. Haupterlöse erfolgen durch das Erfahrungsfeld der Sinne und die Besucher des Schlosses. Ein großer Teil wird jedoch auch durch Seminare für Firmen, auch auf hoher Managementebene, verdient. Das Mobile Erfahrungsfeld, „Die Werkstatt der 13 Sinne“, ist das dritte Standbein. Das vierte die Gastronomie, die mit ihrem Café längst einen kreativen Einzelbetrieb geschaffen hat. Miguel leitet es seit 7 Jahren und bereitet Ihnen gerne einen Slow-Coffee, einen kaltgebrühten Kaffee, für den es viel Zeit braucht, der aber ein vielfaches an Aromen bietet. Der Kuchen kommt von der Domäne Mechthildshausen. Gekocht wird in der Küche des Schlosses, auch für größere Gesellschaften. Die kreativen Tischdekorationen bei privaten Veranstaltungen, welche liebevoll vom Schloßteam vorbereitet und begleitet werden, sind allein schon ein Schmaus für die Augen. Auch die soziale Kunst, das Miteinander von Mitarbeitern, nimmt einen großen Stellenwert ein im Team von Schloß Freudenberg. So sagt Matthias Schenk im Gespräch: „Wenn etwas schief läuft mit Mitarbeitern liegt es an mir oder Beatrice.“ All dies führt auch zu einer hohen Identifikation mit dem Gebäude und dem Betrieb Schloß Freudenberg.

 

Es ist wie mit dem Küssen. … Man muss es tun. Dann erst weiss man, was es ist.“ Hugo Kükelhaus

Das Schloß Freudenberg mit dem Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens ist ein zutiefst soziales Projekt, jedoch nicht minder von seinem finanziellen Erfolg abhängig. Die Millionenaufwendungen, um ein solches Gebäude zu sanieren, sind für einen gemeinnützigen Verein mit Saisonbetrieb nicht zu finanzieren. Mit viel Eigenkapital wurde eine Stiftung gegründet und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz angeschlossen, somit werden die Mittel auch von ihr überwacht. Zuschüsse durch das Landesamt für Denkmalpflege für Dach und Freitreppe, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Ortsbeirat Dotzheim zur Sanierung der Fenster haben zusammen mit viel Eigenleistung bereits einen Gutteil des Schlosses wieder nutzbar gemacht.

„Die zentrale Aussage, nach der die Freudenberger seit über 20 Jahren ihr Schloss voran entwickeln hieß damals: Sanierung = Heilung durch Kunst & Kultur. Daran hat sich nichts geändert, aber die Wege dahin sind neu, das Team ist neu und jung. Nun kommt der Ausbau des Dachs zum Seminarraum und die Verbindung nach oben für das Publikum: Was für ein grandioser Blick von der Dachterrasse! Dazu gehört die Wiederherstellung der Blendmauern beiderseits des Schlosses, die einen Schloßplatz entstehen lassen im Übergang zum Gartenraum. Es steht ein großer Sprung unmittelbar bevor, die Wahrnehmung des Orts wird sich wieder entscheidend verändern. Eines kann man in Freudenberg immer lernen: Das einzig Beständige ist der Wandel.“

Prof. Dipl.-Ing. Emil Hädler

 

Armut ist der beste Denkmalpfleger

Manchmal ist es besser, nichts zu tun, als das falsche, lernen wir bei einem Seminar über die Instandsetzung historischer Fenster. 2010 startete das Projekt Fenstersanierung zusammen mit den Fensterrestauratoren Johannes Mosler und Burkhard Münchow. Nicht mehr als 3 Fenster pro Jahr sind finanzierbar, da sie nicht ausgetauscht, sondern vollständig instand gesetzt werden und wieder ihren ursprünglichen Leinölanstrich erhalten. Weitere Schäden am Gebäude sind abgewendet und es wird stetig vorangehen, aber maßvoll. Es ist noch ein weiter Weg. Um diesen zu beschreiben, wurde mit Mitteln der Erich Haub-Zais-Stiftung ein Architekturbüro beauftragt, einen Masterplan zu erstellen.

Beatrice und Mattias Schenk haben es geschafft, mit viel Phantasie, Optimismus und Elan zahlreiche Unterstützer zu finden. Darunter auch Handwerker, die ihnen entgegenkamen oder halfen. So ist auch die große, geschwungene Edelstahlrutsche am nördlichen Schloßeingang eher der Verlegenheit geschuldet, dass damals das Geld ausging, um die Sandsteintreppe vollständig zu erneuern. Die Firma Huhle hat die Hälfte der Kosten übernommen. Davon werden uns zahllose Beispiele erzählt und man sieht, wie von allen Seiten, auch von beauftragter planerischer, viel Herzblut in das Projekt einfließt. Emil Hädler, Professor für Denkmalpflege und Architektur, begleitet das Vorhaben von Beginn an. Mehrere hundert seiner Studenten halfen bei der Erfassung und Vermessung des Gebäudes. Christiane Wolf, damals Studentin bei Professor Hädler und an den ersten „Schloßarbeiten“ beteiligt, arbeitet heute im Hochbauamt und betreut das Projekt ehrenamtlich. Sie begeistert der „multiple Bauherr“, denn Verein und Auftraggeber bringen verschiedene Aspekte und Sichtweisen mit ein. Im Vordergrund stehe die Frage, was wird eigentlich gewollt? Auch das Architekturbüro Kaffenberger, vertreten durch Carsten von Schuckmann, der als Architekt den Masterplan mit erarbeitet, rechnet wohl längst nicht jede Stunde ab. Es wird hier auch nicht in Jahren geplant, sondern in Jahrzehnten gedacht. Von Schuckmann hat auf die Frage, was ihn am meisten mit dem Projekt verbindet, geantwortet: „Der Geist des Hauses“. Man spürt es in vielen Gesprächen und sieht es in den Gesichtern der Menschen, dass hier im besten Sinne gute Gedanken angeregt werden. Achim Exner sagte zum 20-jährigen Jubiläum etwas von dem spirituellsten Ort in Wiesbaden.

Das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens selbst konnten wir hier nicht annähernd beschreiben. Dafür werden wir uns erneut die Zeit nehmen. Überhaupt sollte man sich mehr Zeit nehmen, wenn man Schloß Freudenberg besucht. Es gibt innen und außen so viel zu entdecken. Und es verändert sich ständig. Kein esoterischer Schnickschnack, sondern kunstvolle Übersetzung der Kepplerschen und Newtonschen Gesetze. Gravitation wird sichtbar, Dreidimensionaltiät fühlbar, überhaupt, besuchen Sie in jedem Fall die Dunkelbar!

Matthias Schenk als Schüler von Hugo Kükelhaus führt das Projekt seines Lehrmeisters fort und erweitert es zum Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens.

Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe und unserer Sinne, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung…Was aufbaut ist Entfaltung. Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt.“

Hugo Kükelhaus (1900 bis 1984): Tischler und Zimmermann, “Baumeister“, Soziologe und Philosoph.

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