Wiesbadens Mühlen

Romantik poor: Wiesbadens Mühlen

Neuzeit und Erneuerung

In Wiesbaden gab es neben Getreidemühlen etliche andere Mühlen, deren Einsatzgebiete sich im Wandel der Zeit veränderten, denn Mühlräder waren kurzfristig umrüstbar.

Lohmühlen und Gerbereien

Die Lohe war wichtigster Bestandteil zur Lederbearbeitung. Lohmühlen siedelten sich meist nahe Eichen- oder Fichtenwäldern an, denn deren Rinde enthält den höchsten Anteil an natürlichen Gerbstoffen: 10 bis 15 Prozent, vor allem Tannine sind der begehrte Stoff.

In Lohmühlen wurde getrocknete Baumrinde möglichst fein zermahlen, um sie in den meistens ebenfalls nahe gelegenen Gerbereien zur Ledererzeugung zu verwenden. Dies war ein langwieriger Prozess, der viel Wasser in verschiedenen Gruben benötigte, um in den Lohebecken das Leder zu gerben. Die organischen Bestandteile der Tierhaut, vor allem Fett und Eiweiß, wurden so durch den Gerbprozess haltbar gemacht.

Die vor allem im 18. und 19. Jahrhundert stark zunehmende Besiedlung und Industrialisierung, insbesondere durch zahlreiche Lohmühlen und Gerbereien, wurde gerade für Wiesbaden zum frühen Umweltproblem, bevor die Epoche der Weltkurstadt anbrach. Die Gewässer wurden immer stärker belastet, Seuchen brachen aus. Wiesbaden begann, getrennte Kanalnetze anzulegen und erste Bäche umzuleiten oder unterirdisch zu führen. Heute holt die Stadt diese Bäche teilweise wieder ans Licht.

Beau Site – die „schön Gelegene“

Auch im Nerotal gab es Mühlen und viele Gerbereien – der nahe Wald brachte nicht nur die Rinde für die Mühlen, sondern auch das Wild für die Jäger und Tierfelle für das Leder verarbeitende Handwerk. Bald war der Bach durch die dunkle Brühe der Lohgruben schwarz gefärbt und trägt seitdem den Namen „Schwarzbach“. Daraus leitet sich auch der Name Nerotal ab, für den erst Ende des 19. Jahrhunderts zur Parkanlage umgewandelten „Herzogin Elisabeth Park“ (heute Nerotal-Anlagen).

Diesen Umbruch binnen weniger als 100 Jahren zeigt auf besonders beeindruckende Weise die 1776 erstmals erwähnte Gipsmühle im Nerotal, die 1838 zur Lohmühle und bereits zwölf Jahre später für den Kurbetrieb zur „Kaltwasseranstalt“ umgewandelt wurde. Stinkende und giftige Lohgruben wurden nun auch an anderen Stellen zu Badebecken umgewandelt und gaben der alten Mühle, die Kur- wie Ausflugsziel und später zur reinen Gastronomie wurde, den Namen „Beau Site“ (seit 2013 vom italienischen Restaurant Girasole betrieben). Das Nerotal, damals noch vor den Toren der Kernstadt, war besonders schön gelegen und zog die gut betuchte Kundschaft an, die ab 1840 dort die schönsten Villen und prachtvolle Gebäude errichtete. Mühlen und Gerbereien des Nerotals mussten weichen, sie passten nicht mehr ins Bild der aufstrebenden Kurstadt.

Die bekannteste Lohmühle in Wiesbaden trägt dagegen noch heute ihren Arbeitsnamen. Die Lohmühle in Biebrich, idyllisch im Mosbachtal zwischen Gräselberg und der Gibb gelegen, ist im Besitz der Stadt und als Gaststätte verpachtet. Sie hat eine besonders interessante Geschichte, denn während die meisten Wiesbadener Mühlen abgerissen oder längst überbaut wurden, ist sie die einzige, die ihren Standort gewechselt hat.

Vom Fürsten das Wasser abgegraben

Ursprünglich wurde die Lohmühle 1645, mitten im Dreißigjährigen Krieg, in Mosbach, der heutigen Gibb, erbaut. Nach einem Besitzwechsel 1676 baute Johannes Nickel Späth aus einer Biebricher Müllersippe sie zu einer Getreidemühle um. Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten weiter ausgebaut, jedoch forderte die Nassauische Herrschaft mit dem nahe gelegenen, ebenso über Jahrzehnte erbauten Biebricher Schloss ihren Tribut. Mit dem Schloss wurde auch der Schlosspark angelegt und mit ihm der Weiher und Fontänen für Wasserspiele, deren Druck nur durch ein großes Reservoir mit entsprechendem Gefälle erreicht werden konnte. Dieses legte man neben der ursprünglichen Lohmühle an. Heute steht an dieser Stelle die Pestalozzischule. Mit Inbetriebnahme der Fontäne am Biebricher Schloss 1764 war schlagartig der Lohmühle „das Wasser abgegraben“.

Dieser Spruch kommt nicht von ungefähr und hat seinen Ursprung im Müllereiwesen. Lagen Mühlen nahe beieinander, die von den jeweiligen Bachläufen streckenweise, meist parallel, ihre Mühlengräben anlegten, um ihre Wasserräder mit entsprechendem Gefälle antreiben zu können, konnte es passieren, dass durch oberhalb gelegene Mühlen dem Müller darunter nur noch wenig Wasserdruck verblieb. Zu wenig, um den Mahlbetrieb aufrecht zu erhalten. Auch dies war ein Grund, warum die Genehmigung von Mühlen meist eine hoheitliche Aufgabe wurde und jede Mühle gewisse vererbbare Wasserrechte besaß.

Fürst Karl von Nassau-Saarbrücken-Usingen hatte jedoch ein Einsehen mit dem von dem „Wasserraub“ betroffenen Müller Conrad Strassheim. Er ließ die Lohmühle abtragen und einige hundert Meter oberhalb des Bachs wieder neu aufbauen, dort, wo sie heute noch steht. Da Strassheim für den unfreiwilligen Neubau sein gesamtes Vermögen einsetzen musste, billigte ihm der Fürst – auf sein Bittgesuch an den „gnädigsten Landesherren“ als „alter Mann, der ansonsten nichts mehr zu verdienen wisse“ – ein Gnadengehalt zu. Seitlich der Erich-Ollenhauer-Straße, wunderschön am Bach gelegen, mit einer Küche in Sternequalität, ist heute „Maloiseaus Lohmühle“ zu finden. Einige hundert Meter weiter, bereits in Dotzheim, gibt es noch die Straßenmühle, ebenfalls ein gastronomischer Betrieb.

Erste Chemische Industrie – die Geburtsstunde von Kalle und Albert

Noch heute existieren die Flurstückbezeichnungen „Loh“ und „Lohwiesen“. Die frühere Bedeutung war „lichte Buschwäldchen mit jungem Baumbestand“, denn junge Bäume haben den höchsten Anteil an Gerbstoffen in der Rinde, den die sogenannten Rotgerbermeister brauchten. Sie produzierten braunfarbiges Leder, während die „Weißgerber“ mit nichtpflanzlichen Mitteln wie Salzen und Laugen ihre Stoffe bleichten. Es ist anzunehmen, dass die bekannten Gibber Bleichwiesen, ebenso am Mosbach gelegen, von den Weißgerbern ihren Namen erhielten.

1858 pachtete der junge Apotheker Heinrich Albert die Lohmühle. Als Schüler Justus von Liebigs kündigte er an, ein „Etablissement auf Leim und künstlichen Dünger…“ einzurichten. Sein chemischer Betrieb benötigte viel Wasser und erzeugte ebenso viel Abwasser, noch mehr stinkende Brühe als zuvor. Ãœberliefert ist aus dieser Zeit der Begriff „Stinkhütt“ für die Lohmühle. Diese Düfte werden auch in fürstliche Nasen gezogen sein. Das Abwasser floss ja weiterhin über den Mosbach durch den Schlosspark in den Rhein.

Wegen des enormen Erfolgs der „Chemischen Werke H. & E. Albert“ wurde schon nach drei Jahren eine Erweiterungsmöglichkeit an anderer Stelle gesucht, aber durch nassauische Bürokratie verhindert. Schließlich hatten die Alberts die Nase voll und zogen in Amöneburg ihre neue Fabrik hoch. So nah und doch so fern, denn hier begann bereits der Einflussbereich von Hessen-Darmstadt, Nassau war außen vor. Mit einer Mühle begonnen, legte Albert 1861 den Grundstein der chemischen Industrie in Wiesbaden. Kalle folgte 1863 direkt daneben. Später gingen die Werke in der Hoechst AG auf und bilden heute den Kern von Infraserv am gleichen Standort.

Von der Wassermühle zur Dampfmaschine

Während die Wassermühlen nahezu zwei Jahrtausende durch die Nutzung purer Wasserkraft rein mechanisch erste Maschinen antrieben, wurde mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert diese ortsgebundene Technik mehr und mehr überflüssig. Dampfkraft löste die Wasser- und Windkraft als dominierende Antriebsform der Mühlen ab. Sie bot überdies den Vorteil, wetterunabhängig zu sein. Zuverlässig und nach Bedarf konnte die Dampfkraft durch Feuer und Hitze aus dem reichlich vorhandenen Element Wasser abgerufen werden. Zudem mussten keine Wasserrechte erworben und vergütet werden. Einzig der Brennstoff, meist Kohle, musste eingekauft und herangeschafft werden. Diese bedarfsgerechte Verfügbarkeit von Energie und der Wegfall der Leistungsbeschränkung – Dampfmaschinen konnten in fast beliebigen Größen an jedem Ort entstehen – änderten das Mühlenwesen grundlegend. Kleine, handwerksmäßig organisierte Betriebe entwickelten sich zu industriellen Großbetrieben. Das erste Mühlensterben setzte ein. So stellte Karl Marx in seiner Schrift „Das Elend der Philosophie“, 1847, fest:

„Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“

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