Der Neroberg – geliebtes (Stief-)Kind

Mit dem Neroberg verbindet wohl jeder hier GebĂŒrtige Erinnerungen schon aus frĂŒhester Jugend. Grandioser Ausblick, romantische Momente, womöglich erste, zaghafte KĂŒsse unten bei den Löwen, die erste Fahrt mit der Nerobergbahn – oder das bereits seit 15 Jahren dort bestehende Improtheater im Sommer. Auf dem höchsten Aussichtspunkt des unmittelbaren Stadtgebietes. In einer Mulde, in der ab 1881 ein Hotel und CafĂ© mit Außenbewirtschaftung stand. Die etwas Älteren erinnern sich noch an „das Nero“ als legendĂ€ren Musikclub und das mit der Zeit zunehmend verfallende Neroberghotel. An undurchsichtige Investoren und Nutzungsideen, den warmen Abriss denkmalgeschĂŒtzter Bausubstanz 1989. Der Status quo ist eine Notlösung, mangels Perspektiven und angesichts klammer Kassen sowie der hinsichtlich des Nerobergs besonders empfindlichen Wiesbadener geschaffen. Wir bringen in Erinnerung, wie unser Hausberg wurde, was er ist, und stellen auch Anregungen vor, wie er wieder werden könnte, was er sein sollte. Es gilt, zwischen vielen Interessen zu vermitteln. Eine Spurensuche von Mario Bohrmann


ZunĂ€chst, vor genau 200 Jahren, als 1818 Christian Zais das Historische FĂŒnfeck vollendete, war noch der nahe gelegene Geisberg der „Place to be“ fĂŒr die ersten KurgĂ€ste der Stadt und die Bevölkerung. Mit direktem Blick auf die Altstadt und das alte Kurhaus sowie die neu angelegte Wilhelmstraße war der Geisberg (neben dem Schulberg) der ursprĂŒngliche Hausberg des noch eher dörflichen Wiesbadens. Das Kureck war noch im Werden und Wiesbaden sehr ĂŒberschaubar – die Stadt endete noch an der Röderstraße. Erst in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts begann Wiesbaden, stark in alle Richtungen zu wachsen, auch in das Nerotal mit seinen besonders prachtvollen Villen, oft frĂŒheren Kurbetrieben, Privatkliniken oder Kaltwasserheilanstalten. Nun wurde es vor allem Naherholungsziel der BĂŒrgerschaft.

Vom Geisberg ins Nerotal

Die „Kaltwasserheilanstalten“, so auch die DietenmĂŒhle am Kurpark und das frĂŒhere „Beau Site“ (die „schön Gelegene“) im Nerotal, gingen meist aus jahrhundertealten MĂŒhlen hervor, die das Wasser des Schwarzbachs nutzten, aber mit der Erfindung der Dampfmaschine ĂŒberflĂŒssig wurden. Aus ihnen entstanden Heilanstalten und Sanatorien, zu denen sich immer mehr Restaurationen gesellten. Lange Zeit strĂ€ubte sich die Stadt, das Nerotal und die HĂ€nge zum Taunus hin fĂŒr die Bebauung freizugeben. Erst 1828 wurde ĂŒberhaupt ein Fahrweg ins Nerotal angelegt. NatĂŒrliche Grenzen waren an dessen SĂŒdhang glĂŒcklicherweise durch den seit 1525 bestehenden Weinberg gesetzt, den der Graf Philipp von Nassau-Weilburg anlegen ließ. Damals hieß der Neroberg noch „Ersberg“ oder „Nersberg“ – der „hintere Berg“. Er war eben schon deutlich beschwerlicher zu erreichen als der Geisberg, den Goethe 1815 mit seinem bekannten Zitat bedachte:

„Man bedarf in Wiesbaden nur einer Viertelstunde Steigens,
um in alle Herrlichkeit der Welt zu blicken
“

Aber nicht jeder wanderte so gerne wie Goethe. Besser Betuchte und Ă€ltere KurgĂ€ste ließen sich schon vor 200 Jahren durch das „Esels-Corps“ zum Geisberg ins Nerotal und spĂ€ter auch auf den Neroberg bringen. Die BĂŒrgerschaft kommentierte es spöttisch: „Uff de Gaasberg laafe Esel statt Gaase enuff, sitze Weiber unn MĂ€nner unn MĂ€dercher druff.“

Doch verschiedene gesellschaftliche Gruppen rĂŒckten nun mehr und mehr den Neroberg in den Mittelpunkt des Interesses. Bevor ab 1843 der Wiesbadener Stadtvorstand an jedem 24. Juli den Geburtstag des Herzogs Adolph von Nassau auf dem Neroberg feierte, gab auch noch nicht viele GrĂŒnde, dorthin zu pilgern. Die Kapellenstraße war noch der „Steinhohlweg“. Mutmaßlich wurden letzte Reste römischer Befestigungen und Natursteine zu dieser Zeit eher noch vom Berg geholt, bevor man wieder Steine als Baumaterial hinaufschaffte. Aber der Neroberg wurde fortan gerne fĂŒr politische Kundgebungen und Fahnenweihen genutzt. Erste Volksfeste fanden dort statt, und mehr und mehr wurden Neroberg und Nerotal Ziel der in Nassau traditionellen HimmelfahrtsausflĂŒge. SpĂ€ter feierte man dort die GrĂŒndung des Kaiserreichs und bis heute Silvester.

Namensfindung

Der Name Neroberg setzte sich in Anspielung an die römische Vergangenheit erst Anfang des 19. Jahrhunderts durch. Man fand Gefallen daran, Ă€hnelte er doch der alten Bezeichnung „Nersberg“ und mutete gleichzeitig römisch an, was zu den dort gefundenen Resten eines römisches Gehöfts sowie alter römischer MĂŒnzen passte. Freilich keine mit dem Abbild Kaiser Neros, dennoch wurde der neue Name fĂŒr Berg und Tal bereitwillig angenommen und verbreitete sich schnell.

Der Name des Schwarzbachs (schwarz = nero) leitete sich ebenfalls davon ab. Und passte zu dieser Zeit auch optisch, angesichts der zahlreichen, bis weit ins Nerotal angesiedelten Gerbereien und Bleichwiesen. Eine stinkende und keimverseuchte BrĂŒhe durchzog vor rund 200 Jahren die Stadt und fĂŒhrte nach Seuchen zur frĂŒhen Kanalisierung der BĂ€che in den Salzbachkanal. Heute holt man sie wieder an verschiedenen Stellen Wiesbadens ans Licht.

Der Neroberg als Teil des Rheingaus – Weinwissen und etwas Geologie

Auch wenn Schierstein als westlichster Ortsteil als „Tor zum Rheingau“ bezeichnet wird, zĂ€hlen sowohl der Neroberg als auch Kostheim, Dotzheim und Frauenstein mit ihren Weinanbaugebieten zum Rheingau. Mit knapp ĂŒber vier Hektar beherbergt die Lage „Wiesbadener Neroberg“ das kleinste Areal. Mithin seit rund 500 Jahren bebaut.

Im Jahr 1900 ging der Weinberg in den Besitz der Stadt Wiesbaden ĂŒber. Seit 2005 haben die
Hessischen StaatsweingĂŒter die Lage zurĂŒckgepachtet. Sie wird von der WeinbaudomĂ€ne Rauenthal aus bewirtschaftet, die auch weiterhin den als PrĂ€sent sehr geschĂ€tzten „Neroberger“ anbaut und nun auch Neroberger Sekt vermarktet.

50 Jahre Kreuz-Neroberger Riesling

Die drei Jahre zuvor eingegangene StĂ€dtepartnerschaft mit Berlin-Kreuzberg fĂŒhrte dazu, dass seit 1968 Abkömmlinge der Neroberger Reben in der deutschen Hauptstadt wachsen. Dort, an dem frĂŒher sogenannten Tempelhofer Berg, mit 66 Metern der höchsten natĂŒrlichen Erhebung Berlins, wird ebenfalls seit fast 500 Jahren Wein angebaut. Bis heute wird der Kreuz-Neroberger Wein aus Berlin nicht verkauft, sondern nur gegen eine Spende jenseits der zehn Euro abgegeben.

Die Nordhanglage mag ihm im Gegensatz zum dort seit 1979 auch angebauten Blauen SpĂ€tburgunder aus Ingelheim einen sauren Ruf eingebracht haben. Im Volksmund der Kreuzberger wird er auch als „Fahnenwein“ bezeichnet. Dies geht auf eine Äußerung des Satirikers Adolf Glasbrenner zurĂŒck „Wenn man een eenzjes Achtel ĂŒber die Fahne kippt, zieht sich det janze Regiment zusammen.“

Geologie

Der Wiesbadener Wein hat in seiner Heimat wohl bessere Bedingungen, in SĂŒdhanglage, mit seinem beigefĂŒgten Lehm-Lössgemisch in steinigem Gneisboden. Dies ist metamorphes, also aus tiefen Erdschichten herausgedrĂŒcktes, mehr oder weniger vulkanisches Gestein. Der Neroberg wurde hier vor dem eigentlichen Taunuskamm durch eine Verwerfung, einer Scherzone, irgendwann vor etwa 420 bis 440 Millionen Jahren aufgefaltet.

Fachartikel des Landesamtes fĂŒr Geologie erklĂ€ren es komplexer:

Die TaunussĂŒdrandstörung bildet die Grenze zwischen den palĂ€ozoischen Gesteinen des Taunus und den tertiĂ€ren Sedimenten des Mainzer Beckens bzw. des Oberrheingrabens. Entlang dieser von WSW nach ENE verlaufenden Störungslinie liegen die bekannten HeilbĂ€der Wiesbaden, Bad Soden, Kronthal, Bad Homburg und Bad Nauheim.

Die Wiesbadener Innenstadt wird durch die TaunussĂŒdrandstörung in einen nördlichen Bereich mit palĂ€ozoischen Gesteinen und einen sĂŒdlichen Bereich mit tertiĂ€ren Gesteinen unterteilt. (…) Sie entstanden in der Zeit vom Ordovizium bis zum Silur. Aus diesen Gesteinen (Serizitgneis) wird auch der Hausberg von Wiesbaden, der Neroberg, aufgebaut.“


Russische Kapelle, Monopterus und Sichtachsen

Erst mit dem frĂŒhen Tod der jungen Herzogin Elisabeth, der ersten Frau von Aldoph von Nassau, kam 1845 neue Dynamik ins Spiel, um den kĂŒnftigen Wiesbadener Hausberg zumindest partiell zu bebauen. Er wurde nicht ohne Grund an dieser Stelle so entwickelt. Kapelle und Neroberg konnte der Herzog von seinen beiden Schlössern, dem Biebricher Schloss und dem Stadtschloss, aus sehen, wie auch von seinem Jagdschloss auf der Platte, von dort mit Blick auf beide Schlösser ĂŒber den Neroberg hinweg. Bis heute bestehen, hĂ€lt man den Bewuchs in Zaum, Sichtbeziehungen zwischen den frĂŒhen Nassauer Residenzen . Erst in den letzten Jahren besann sich die Stadtpolitik wieder darauf, dass man diese Blickachsen als Teil des Denkmalschutzes insbesondere am ĂŒppig bewaldeten Neroberg auch freihalten muss.

Nur vom Monopterus aus blickt man sowohl auf die Kapelle als auch ĂŒber die Stadt bis zum Rhein und weit darĂŒber hinaus. Stadtbaumeister Philipp Hoffmann errichtete den kleinen griechischen Tempel quasi nebenbei, denn seit 1847 baute er an der russischen Kapelle, und erst langsam zeichnete sich ein klares Bild – auch fĂŒr das Plateau nordwestlich darĂŒber. Ab 1851 wurde der heutige Aussichtspunkt als „Bergpark“ auf dem Neroberg eingerichtet und der Monopterus in Rekordzeit von wenigen Monaten erbaut. Zu verdanken war die Entwicklung auch der Beharrlichkeit des Kaufmanns Gottfried Ruß, der bereits zwei Jahre zuvor anregte, auf dem Neroberg einen gerĂ€umigen Tempel anzulegen: „Unser historischer Neroberg ist seit langen Jahren schon der beliebteste Ort zum Abhalten allgemeiner Feierlichkeiten und des frohen Beisammenseins kleiner Parthien“.

Gleichwohl schlug er pragmatisch vor, die mit EinfĂŒhrung der Gaslaternen 1847 ĂŒberflĂŒssig gewordenen großen SandsteinsĂ€ulen fĂŒr die Öllampen entlang der Wilhelmstraße und auf dem Luisenplatz dafĂŒr zu verwenden. So wurden sie fĂŒr den Bau des Monopterus zweitverwertet, was auch die kurze Bauzeit erklĂ€rt.

Monopteros

Ein Monopteros ist ein griechischer Rundtempel mit SĂ€ulen, dessen Bauform frĂŒher fĂŒr Aussichtstempel in Parkanlagen sehr beliebt war. FĂŒr den 1851 auf dem Neroberg errichteten Monopteros verwendete der Architekt Philipp Hoffmann zehn SĂ€ulen, auf denen zuvor die Ölleuchten der ersten Wiesbadener Straßenbeleuchtung an der Wilhelmstraße montiert waren. Als diese durch Gaslaternen ersetzt wurden, setzten sich BĂŒrger fĂŒr eine Zweitverwendung im Aussichtstempel ein. Zu Hoffmanns Monopteros mit einer halbkugelförmigen Kuppel ĂŒber zehn Bogenstellungen fĂŒhrten ursprĂŒnglich sechs Stufen auf einem romantisierenden Felsgestein-Unterbau. Durch die ErdaufschĂŒttungen im Zuge der Neugestaltung des Plateaus wurde dieser verborgen, was die Proportionen empfindlich stört.

Zuletzt wurde der Monopterus selbst ab 2010 ĂŒber drei Jahre saniert. Er erhielt sein Kupferdach zurĂŒck, das Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Zinkblechdeckung ersetzt worden war.

Von hier aus sieht man nun wieder, nach RĂŒckschnitten vor zwei Jahren, das Hauptportal im WestflĂŒgel der Kapelle mit einem Medaillon der heiligen Helena, namensgleiche Schutzpatronin der Mutter der frĂŒh verstorbenen russischen GroßfĂŒrstin Elisabeth.

 

Neroberghotel und Bergbahn

Mit Einweihung der Kirche 1855 und Prozession entlang des „Steinhohlwegs“ wurde dieser zur Kapellenstraße. Deren Hang zur heutigen Taunusstraße wurde erst weit spĂ€ter so dicht bebaut wie heute. Aber als neuer Treff- und Aussichtspunkt löste der Neroberg nun endgĂŒltig den Geisberg ab und wurde ĂŒber sanftere wie steilere Pfade erschlossen. Der 1. Wiesbadener Verschönerungsverein legte zwischen 1844 und 1852 eine Reihe von Wanderwegen an, die den KurgĂ€sten den Weg in den Stadtwald, zur Fasanerie, dem Bahnholz und auf den Neroberg ebneten. Die „Pferdebahn“, ein VorlĂ€ufer der Straßenbahn, fuhr ab 1874 von der Rheinstraße durch das Kureck ins Nerotal, endete am Beau Site und gab schon die heutige Endhaltestelle vor. Auf dem Neroberg gab es erste mobile Verkaufsstellen fĂŒr Kaffee und Kuchen. Aber die Versorgungssituation und Transportmöglichkeiten, um die immer zahlreicher ins Tal und zum Berg strömenden Besuchermassen komfortabel zu bedienen, waren sehr unbefriedigend.

Die Nerobergbahn

Erste Initiativen zum Bau einer Bahn auf den Hausberg stießen 1873 auf wenig Gegenliebe, weil die Wiesbadener eine Verschandelung des Tals durch den Viadukt befĂŒrchteten; 1887 setzte man sich ĂŒber die Bedenken hinweg. Am 25. September 1888 wurde die durch den Rentner Karl Rudolf aus Baden-Baden privat geplante und finanzierte Bahn ihrer Bestimmung ĂŒbergeben. Die tatsĂ€chlichen Baukosten betrugen 220.000 Mark und damit mehr als das Doppelte der veranschlagten Summe. 1890 wurde die Bahn ĂŒbernommen durch die Betreiber der öffentlichen Straßenbahnen, 1925 durch die Stadt Wiesbaden und 1929 den Verkehrsbetrieben eingegliedert. Eine geplante Umstellung auf Elektroantrieb unterblieb 1939 wegen des Krieges.

Dadurch ist die Nerobergbahn als die Ă€lteste noch in Betrieb befindliche „Riggenbach-Zahnstangen-Standseilbahn“ Deutschlands mit Wasserballastantrieb ein technisches Denkmal ersten Ranges. Ihre Antriebsform ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Der an der Bergstation befindliche Wagen wird mit bis zu 7.000 Litern Wasser „betankt“ und dadurch schwerer als sein Pendant an der Talstation. Wird die Bremse gelöst, bewirken die Gesetze der Schwerkraft, dass er talwĂ€rts rollt und dabei den leichteren Wagen mittels eines 451 Meter langen Stahlseils bergwĂ€rts zieht. Mit einer Fahrgeschwindigkeit von knapp acht Stundenkilometern benötigt die Bahn dreieinhalb Minuten zur BewĂ€ltigung der 438,5 Meter langen Strecke. Das an der Talstation abgelassene Wasser wird in einem Reservoir gesammelt und von Zeit zu Zeit auf den Berg gepumpt – dies seit 1925 mittels einer Elektropumpe. Damit konnte der störende Schornstein entfallen.

Der bergab fahrende ZugfĂŒhrer reguliert die Geschwindigkeit. Deshalb haben beide Bahnen immer nur talabwĂ€rts einen Tachometer, der ihnen anzeigt, wann sie im grĂŒnen Bereich sind. Gebremst wird mit mechanischem Druck ĂŒber ein Zahnradsystem, das als Ă€ltestes und sicherstes Bremssystem seiner Art gelten kann und unverĂ€ndert gut funktioniert. Auch die Nerobergbahn fĂ€hrt völlig unfallfrei. Lediglich ein Achsbruch musste vor langer Zeit mal auf offener Strecke geflickt werden. Auch das ging binnen kurzer Zeit. Der Verschleiß ist zwar gering, aber Ersatzteile mĂŒssen immer individuell angefertigt werden, da die Bahn zum Großteil noch im Originalzustand ist.

Durch Landfrauen die Grenzen aufgezeigt

Einmal blieb die Nerobergbahn tatsĂ€chlich trotz normalen Betriebs auf halber Strecke stehen: Der Ballasttank der talabwĂ€rts fahrenden Bahn war zwar, entsprechend der nach oben gemeldeten Fahrgastzahl, ausreichend befĂŒllt. Deren Durchschnittsgewicht wurde jedoch durch einen talaufwĂ€rts mitfahrenden schwergewichtigen Landfrauenverein erheblich ĂŒbertroffen. So reichte das ĂŒbertragene Zuggewicht in den Tanks nicht aus. Die Bahn fuhr zwar ĂŒber die Steilstrecke noch an, konnte aber nicht genug Fahrt aufnehmen, um das flache BegegnungsstĂŒck zu ĂŒberwinden. Das einzige ĂŒberlieferte Versagen der Bahn lag also nicht an der Technik, sondern eher dem nicht ausreichend aus der FrĂŒhzeit mitgewachsenen Umrechnungsfaktor fĂŒr die beförderten GĂ€ste.

130 Jahre Nerobergbahn

Zu Beginn der Osterferien, spÀtestens am 1. April, eröffnet die Nerobergbahn die Saison und fÀhrt generell bis zum 1. November. 300.000 Menschen schafft sie in den sieben Monaten auf den Berg. Am 25. September 1888 wurde sie eröffnet und wird nun 130 Jahre alt.

Die offizielle Geburtstagsparty fand am 26. August 2018 mit einem großen Nerobergbahn-Fest auf dem Plateau des Berges statt.

Details und weitere Information auf www.eswe-verkehr.de/nerobergbahn


WĂ€hrend zahlreiche Investoren und Eisenbahnunternehmer ab 1773 erste VorschlĂ€ge machten, eine Bergbahn vom Nerotal zum Bergpark zu errichten, die aus verschiedenen GrĂŒnden, unter anderem ĂŒberzogenen Erwartungen, immer wieder scheiterten, konnten die StadtvĂ€ter nicht mehr lĂ€nger warten, um die dringend notwendige Neugestaltung der Gastronomie auf dem Hausberg in Angriff zu nehmen. ZunĂ€chst wurde 1879 eine Zuleitung zur Bergkuppe gelegt und vom Wasserwerk 1881 ein 100 Kubikmeter großer SammelbehĂ€lter erbaut – auch, um die Versorgung im Brandfall sicherzustellen.

Im gleichen Jahr vollendete der Stadtbaumeister Johannes Lemcke dann den Bau des „Hotelrestaurant“ auf dem Neroberg, das ziemlich genau im Bereich der heutigen Erlebnismulde lag. Dabei blieb es nicht, in den nĂ€chsten zwei Jahrzehnten folgten zahlreiche Anbauten und Erweiterungen. Erste PĂ€chter waren die GebrĂŒder Balder. Schon 1887, die Nerobergbahn war nun auch im Bau, errichtete die Stadt den 15 Meter hohen Aussichtsturm und von dort eine flache Wandelhalle in Nord-SĂŒd-Richtung. Auf der anderen Seite wurde der Turm mittels großzĂŒgiger Überdachung der Terrasse mit dem Altbau verbunden.

1897 wurde der Wiesbadener Stadtbaumeister Felix Genzmer mit der Erweiterung beauftragt. Bis 1899 ĂŒberbaute er im Stil des SpĂ€thistorismus die Wandelhalle mit einem zusĂ€tzlichen Geschoss fĂŒr großzĂŒgige GĂ€stezimmer mit dazugehörenden Terrassen. Die PĂ€chter hatten kurz zuvor gewechselt, was durch die zahlreichen erhaltenen Postkarten aus jener Zeit ersichtlich wird. Ab nun finden sich dort die GebrĂŒder Krell als Wirte eines Hotels nebst Weinhandels. Der Altbau wurde durch einen zweistöckigen Zwischenbau mit dem Turm verbunden und erhielt neben weiteren GĂ€stezimmern auch Speise- und LesesĂ€le sowie den Haupteingang des Hotels. Die Wandelhalle wurde zum Veranstaltungssaal und durch umlaufende Veranden fĂŒr das AusflugscafĂ© erweitert. Ein Musikpavillon und ein Wintergarten fĂŒr die HotelgĂ€ste kamen hinzu. Der eigentliche Clou aber war es, den steinernen Turm mit einer schieferverkleideten Holzkonstruktion in der Höhe fast zu verdoppeln. Erst von diesen oberen Ebenen war ein Rundumblick ĂŒber alle Baumkronen hinweg auf die ganze Stadt möglich. Das Luxushotel am Neroberg hatte seinen endgĂŒltigen Zustand erlangt, der sich bis zu seiner Zerstörung 1989 kaum verĂ€nderte. Gleichzeitig wurden die Nerotal-Anlagen als englischer Landschaftspark entlang des Schwarzbachs angelegt, sie endeten am Viadukt der Nerobergbahn.

Glanzzeiten, Kriegswirren und Sperrgebiet

Im Hotel am Neroberg gingen fortan an manchen Tagen 2.000 StĂŒck Kuchen ĂŒber den Tresen. Als Ausflugsort beliebt und mit der Nerobergbahn nun vergleichsweise komfortabel erreichbar, konnte es lange Zeit von seiner Toplage profitieren. Es wurde spĂ€ter auch gelegentlich als Zarenhotel bezeichnet, und nicht nur der ĂŒbernachtete dort als Gast der Stadt oder hoher Besucher in den Glanzzeiten der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Mit der Übernahme der Bewirtschaftung durch Wilhelm Cruciger ab 1905 betreute dessen Familie, mit kriegsbedingter Unterbrechung, ĂŒber 60 Jahre das Neroberghotel, bevor der Betrieb 1965 endgĂŒltig eingestellt wurde.

Dazwischen lagen die Wirren des Ersten Weltkrieges, die das Hotel aber unbeschadet ĂŒberstand. Die Betreiber und die Stadt investierten weiterhin durch regelmĂ€ĂŸige Umbauten und Modernisierungen. Doch die EinschlĂ€ge kamen nĂ€her. Internationale KurgĂ€ste blieben nach dem Krieg weitgehend aus. Die Inflation forderte ihren Tribut. Der Hotelbetreiber zahlte 1923 eine Pacht von mehr als 34 Milliarden Mark an die Stadt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges quartierte sich eine Einheit der Wehrmacht ins Hotel ein, und der Turm diente zur Luftbeobachtung durch Flak-Soldaten. Wieder ĂŒberstand das Neroberghotel den Krieg ohne einen einzigen Treffer. Aber andere FolgeschĂ€den zeitigte die anschließende Beschlagnahme durch das US-MilitĂ€r – der Bergpark wurde fĂŒr die deutsche Bevölkerung zehn Jahre lang zum Sperrgebiet. Wie andere Luxushotels der Stadt diente es seit 1945 als Offizierskasino und zur Unterkunft fĂŒr höhere Dienstgrade der amerikanischen Truppen. Frank Sinatra und andere internationale KĂŒnstler traten hier auf der BĂŒhne des Hauses auf. Wiesbadener durften zwar nicht hinein, aber das Hotel war Ă€ußerlich noch so gut in Schuss, dass es als Kulisse der „Filmstadt Wiesbaden“ allemal taugte, so auch in Szenen des 1952 gedrehten Films „Wenn der weiße Flieder wieder blĂŒht“ mit Magda und Romy Schneider.

Das Neroberghotel

Nachdem sich ein erstes Projekt 1865 zerschlagen hatte und ein Wettbewerb 1876 kein brauchbares Ergebnis brachte, entwarf Stadtbaurat Lemcke einen alpenlĂ€ndisch inspirierten Berggasthof, der 1881 eröffnet wurde. Diesen Ursprungsbau ergĂ€nzte Stadtbaumeister Israel in Erwartung steigender Besucherzahlen um den Turm und einen Saalbau. In Abstimmung mit den PĂ€chtern Krell aus Berlin erfolgte ab 1897 der endgĂŒltige Ausbau durch Stadtbaumeister Felix Genzmer, der die LĂŒcke zwischen Ursprungsbau und Turm schloss, den Saalbau umbaute und aufstockte und den nun umbauten Turm mit einem Aufbau mit Helm und zwei UmgĂ€ngen versah. Seine große Zeit erlebte der „Luftkurort Neroberg“ unter dem PĂ€chter Wilhelm Cruciger.

Der Hotelbetrieb wurde 1940 zunĂ€chst reduziert, 1944 völlig eingestellt. 1945 beschlagnahmten die Amerikaner den Bau und richteten ein Offizierskasino ein. Um den Betrieb 1957 wieder aufnahmen zu können, nahm die Stadt Wiesbaden Instandsetzungen vor und investierte bis 1964 1,5 Millionen D-Mark. 1965 verkaufte sie das Hotel, um es nach dem Konkurs des KĂ€ufers 1967 wieder zurĂŒckzukaufen. Nachdem 1965 bereits der Hotelbetrieb eingestellt worden war, endete 1971 auch der sommerliche Restaurationsbetrieb. FĂŒr vier Jahre wurde das Hotel an das Bundeskriminalamt vermietet. Ab 1975 nutzte das Musiklokal „Nero“ den Festsaal, in den RĂ€umen probten Wiesbadener Musikgruppen. Angebliche VerstĂ¶ĂŸe gegen die Auflagen fĂŒhrten zur KĂŒndigung. Japaner, die eine fernöstliche Hotel- und Freizeitwelt schaffen wollten, gingen aus einem 1978 veranstalteten Investorenwettbewerb zunĂ€chst als Sieger hervor, danach plante ein Bauunternehmer die Umwandlung in ein Kongress- und Tagungshotel mit erheblichen Eingriffen in die Anlage und ihre Umgebung. Trotz Baugenehmigung kam der Umbau nicht in Gang; Vandalismus setzte ein. WĂ€hrend erste kleinere BrĂ€nde noch gelöscht werden konnten, zerstörte ein Großbrand am 25. Mai 1996 den Ursprungsbau und ein weiterer Großbrand exakt drei Jahre spĂ€ter auch den Genzmerbau einschließlich des Turmaufsatzes. Die Überreste einschließlich der unbeschĂ€digten Teile wurden zĂŒgig „entsorgt“ und das Plateau neu gestaltet.


Neuanfang und Ende des Hotelbetriebs

1956 gaben die Amerikaner das Hotel in Ă€ußerst schlechtem Zustand zurĂŒck. SĂ€mtliches Mobiliar war beschĂ€digt oder abhandengekommen. Von den 42.000 StĂŒck Porzellangeschirr waren nur 28 Teller ĂŒbriggeblieben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Besteck. Bis heute tauchen gelegentlich StĂŒcke aus dem Neroberghotel in amerikanischen ErblĂ€ssen auf und werden reuig von Angehörigen zurĂŒckgeschickt. Doch mit der RĂŒckĂŒbertragung an die Stadt begann der endgĂŒltige Abstieg des Neroberghotels, denn des besonderen Erbes war man sich nicht mehr bewusst und unterstĂŒtzte den neuen/alten Hotelier, den Sohn des ersten PĂ€chters, kaum. Denkmalschutz war noch ein Fremdwort, so fiel den Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten einiger Fassaden- und GebĂ€udeteile der Fachwerkcharakter des Hotels weitgehend zum Opfer. Die Autarkie mit eigener WĂ€scherei und Metzgerei bei lediglich 120 Zimmern war lange vorbei. Der Hotelbetrieb wurde unrentabel und im SpĂ€tsommer 1965 eingestellt. In den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren und nur wĂ€hrend der Sommermonate war noch das CafĂ©-Restaurant in Betrieb. Wie Dietrich Oedekoven als damaliger StadtkĂ€mmerer und Liegenschaftsdezernent noch erinnert, pachtete zunĂ€chst Carol Nachmann das Neroberghotel. Er hatte bereits nach dem Krieg als KonzessionĂ€r das Casino wieder aufgebaut. Musste aber hier nach kurzer Zeit passen. Von nun an gab es jĂ€hrlich Wechsel der Betreiber, alle warfen nach einer Saison das Handtuch. Oedekoven, mittlerweile 90 Jahre alt, beklagt sich, „dass die Stadt es bis heute nicht geschafft hat, an einem der schönsten Aussichtspunkte des vorderen Taunus vor der eigenen HaustĂŒr etwas Gescheites hinzubekommen.

Zwischennutzungen von BKA bis „Nero“

Die Stadt fand noch immer keine Nutzungsidee, aber das stark im Ausbau befindliche Bundeskriminalamt (BKA) suchte dringend RĂ€ume zur ÜberbrĂŒckung wĂ€hrend der Errichtung seines Neubaus und ĂŒbernahm von 1970 bis 1974 das Neroberghotel. Riesige Funkantennen am Turm zeugten weithin sichtbar von dieser einzigen Nutzung durch eine deutsche Behörde. Dann begann das erste, aber nicht letzte AufbĂ€umen der BĂŒrgerschaft und der Versuch, den Berg kulturell zurĂŒckzuerobern. Die legendĂ€re Nutzung fĂŒr ProberĂ€ume und Veranstaltungen als „Nero-Musikpalast“ begann 1975 und endete 1983. Diese Zeit verdient noch einen eigenen Artikel in einer Folgeausgabe und wir suchen noch Bildmaterial dazu (bitte an redaktion@lilienjournal.de)

SĂ€mtliche PlĂ€ne, das Neroberghotel kulturell zu nutzen und weiterzuentwickeln, scheiterten in diesen Jahren an Desinteresse, Geld und in der Causa Neroberg stets uneinigen Stadtpolitik. So hatten sich ĂŒber zehn Jahre hinweg bis zum Brand und Abbruch 1989 auch alle zwischenzeitlichen Überlegungen und Investorenangebote zerschlagen.

Nie schienen die PlĂ€ne ĂŒberzeugend oder finanzierbar. Wie schon zu Beginn, nach einer internationalen Ausschreibung 1978: von 30 Bewerbungen blieben letztlich nur zwei VorschlĂ€ge ĂŒbrig. Deren Ablehnung steht exemplarisch fĂŒr das sensible Gesamtgebilde Neroberg und unterschiedliche Interessen in Politik und BĂŒrgerschaft, was denn mit ihrem Hausberg zu geschehen habe.

Das „Japan-Projekt“

Besonderes Augenmerk verdient hierbei das politisch lange Zeit bevorzugte Konzept eines japanischen Investors, hier ein japanisches Kulturzentrum mit bis zu 300 Betten zu errichten. Das Hotel sollte um- und daran angebaut werden, vor allem aber wĂ€ren entlang des Hanges zahlreiche kleinere Wohn- und KonferenzrĂ€ume im japanischen Stil errichtet worden. Im Gegensatz dazu sah der zweite Gewinnerentwurf der Firma Berger und Partner einen moderaten Anbau Richtung Wald und die Nutzung als kleines Hotel mit 84 Betten vor, dafĂŒr aber mit vier Gastronomiebetrieben und groß angelegter Außenbewirtschaftung.

Im Archiv des Wiesbadener Kurier finden sich zahlreiche Artikel ĂŒber den seit Ende 1978 erstarkenden Widerstand aus der Bevölkerung gegen den japanischen Entwurf, da er einen erheblichen Eingriff in den Baumbestand zur Folge gehabt hĂ€tte. Eine BĂŒrgerinitiative „Rettet den Neroberg“ drohte mit der Ausschöpfung aller juristischen Mittel, um das Japan-Projekt zu verhindern, und ĂŒbergab Ende MĂ€rz 1979 1.684 Unterschriften an die Verantwortlichen im Rathaus. AuszĂŒge der damaligen Gutachten stehen exemplarisch fĂŒr die SensibilitĂ€t des Nerobergs in naturschutzrechtlichen Belangen und sorgten schließlich fĂŒr die Ablehnung des Entwurfs im Magistrat.

Maßvolle Bebauung angemahnt

Ein Artikel des Wiesbadener Kurier vom 7. MĂ€rz 1979 titelt:

Magistrat: „Wir lehnen das Japan-Projekt auf dem Neroberg ab“ – Knappe Mehrheit durch OberbĂŒrgermeisterstimme / Das Gutachten der Landesanstalt fĂŒr Umwelt gab den Ausschlag.

OberbĂŒrgermeister damals war Rudi Schmitt, und auch Achim Exner, seinerzeit noch SPD-Fraktionschef, signalisierte die Bereitschaft, beide EntwĂŒrfe abzulehnen und das Hotel am Neroberg doch noch in stĂ€dtischer Hand zu entwickeln. Das Japan-Projekt war damit im Grunde vom Tisch. So heißt es in AuszĂŒgen aus dem Umweltgutachten unter anderem: „Das Projekt stellt eine VerĂ€nderung der Gestalt und der Nutzung dieser FlĂ€che von rund sechs Hektar dar. Dadurch wird möglicherweise die LeistungsfĂ€higkeit des Naturhaushalts nachhaltig beeintrĂ€chtigt.“ (…) „Einig sind sich die Gutachter aber schon heute darin, dass der landschaftliche Wert der ökologischen Baumeinheiten als besonders hoch einzustufen ist. Aus der Sicht der Landschaftsplanung muß daher eine Zerstörung oder BeeintrĂ€chtigung dieser RĂ€ume durch landschaftsbeanspruchende Maßnahmen negativ beurteilt werden.“

Auch zur Verkehrserschließung, ein Dauerthema bis heute, Ă€ußern sich die Gutachter zurĂŒckhaltend bis ablehnend: „Es muß davon ausgegangen werden, dass durch zwangslĂ€ufig notwendige Folgemaßnahmen zusĂ€tzlich zu dem FlĂ€chenbedarf von sechs Hektar weitere FlĂ€chen im unmittelbaren und weiteren Neroberg-Bereich in Anspruch genommen werden.“ (…) „Bei WĂŒrdigung der Belange erheben sich berechtigte fachplanerische Zweifel, ob das Japan-Projekt mit den Vorgaben in Einklang zu bringen ist.“

Letztlich sorgte die Magistratsentscheidung fĂŒr vollendete Tatsachen, auch wenn das Stadtparlament eine Entscheidung noch einige Zeit hinauszögerte und die Japaner im Mai 1979 eine Ultimatum stellten. Angebotene AlternativflĂ€chen im Aukammtal lehnten die Japaner ab. Nur fĂŒr das „Nero“ als Musikclub war es ein GlĂŒcksfall. War doch zumindest dessen Betrieb vorlĂ€ufig gerettet. Erst ab 1983 stand das Hotel dann völlig leer.


Das Planetarium und das Urproblem der Anbindung


In der Zwischenzeit kamen vor allem stadteigene VorschlĂ€ge – doch nie zum Tragen. Mal sollte es ein Schulungszentrum fĂŒr Computerfachleute werden, mal eine Altenwohnanlage; Jörg Bourgett (SPD) setzte sich damals stark fĂŒr ein Planetarium auf dem Neroberg ein und hilft uns ebenfalls die Erinnerung aufzufrischen. Er stellt gleich klar: Die Stadt muss mehr Mut fĂŒr Investitionen haben und an dieser Stelle muss unbedingt das Opelbad mit einbezogen werden.

Jörg Bourgett folgte zu Beginn der 1980er Jahre auf Dietrich Oedekoven als Wirtschaftsdezernent. FĂŒr das Planetarium mit Besucherzentrum, nebst angeschlossenem Hotelbetrieb, nun als Neubau an Stelle des alten Neroberghotels geplant, gab es sogar einen Investor. Doch auch dieser Plan scheiterte. Vor allem an den wenigen möglichen Anbindungen ĂŒber Kapellenstraße und Nerotal. Bourgett beklagt noch heute die VerĂ€nderungsangst der Wiesbadener, bekennt aber zugleich den Dreh- und Angelpunkt jeder Ausweitung der AttraktivitĂ€t des Nerobergs:

„Ohne Lösung des Verkehrsproblems wird jedes noch so gute Konzept zum Scheitern verurteilt sein. ZusĂ€tzlicher Verkehr ĂŒber die Kapellenstraße oder die russische Kirche ist weder sinnvoll noch durchsetzbar. Wenn man dort oben mehr Nutzung will, wĂ€re es das Beste, man wĂŒrde die Nerobergbahn in der Frequenz steigern und als wichtiges Mittel des Nahverkehrs begreifen.

Siechtum und mehrere BrÀnde

Das gesamte Areal war nicht eingezĂ€unt. Der Neroberg war auch abends und nachts wie eh und je Treffpunkt fĂŒr harmlos feiernde Menschen und hĂ€ndchenhaltende PĂ€rchen, mehr und mehr aber auch Treffpunkt der Drogenszene. Das Neroberghotel wurde weitgehend sich selbst ĂŒberlassen. Am 25. Mai 1986 brannte es zum ersten Mal. Der Ă€lteste FlĂŒgel musste komplett abgerissen werden. Eine weitere Nutzung war unmöglich geworden. Weite Teile des GebĂ€udekomplexes standen unter Denkmalschutz, ein Wiederaufbau wĂ€re nur als kaum finanzierbare Rekonstruktion möglich gewesen.

Genau drei Jahre spĂ€ter, am Fronleichnamstag 1989, leuchtete dann der ganze Neroberg hell auf. Der gesamte Komplex stand lichterloh in Flammen. Sogar auf den hölzernen Aussichtsturm griffen sie ĂŒber und zerstörten ihn vollstĂ€ndig. Das gesamte Becken des Opelbades wurde von den LöschzĂŒgen leergepumpt, die Feuerwehr konnte aber nichts mehr retten. Nun waren die SchĂ€den so stark, dass nur der Abriss blieb. Einzig der Turm blieb erhalten.

An Zufall glaubte keiner

Nach dem Großbrand mischten sich Fassungslosigkeit und Wut der BĂŒrger mit der Verzweiflung vieler Musiker ĂŒber den endgĂŒltigen Verlust wichtiger ProberĂ€ume und SpielstĂ€tten, die sie bis dahin in Teilen noch hatten. An einen Wiederaufbau oder eine Restaurierung war ja schon nach dem ersten Brand kaum zu denken. Nun aber waren Fakten geschaffen. Das von der Stadt lange Zeit ungeliebte Kind Neroberghotel war endgĂŒltig Geschichte, 108 Jahre nach Errichtung des ersten FlĂŒgels.

Dass die Bevölkerung ĂŒber die wiederholte Brandstiftung „not amused“ war, griff Kurier-Redakteur Manfred Knispel 20 Jahre spĂ€ter, im Mai 2009, in einem Artikel mit dem Titel „An Zufall glaubte keiner“ auf. Darin hĂ€lt er die unrĂŒhmlichen Versuche einer Wiederbelebung ĂŒber Jahrzehnte fest und auch die in der Bevölkerung gefĂŒhlte Ohnmacht. Knispel schreibt:

„Deshalb schien es so, als wĂ€re fĂŒr Wiesbadens Politik der Brand die beste aller Lösungen. OberbĂŒrgermeister Achim Exner hatte bereits einen Tag nach dem ersten Brand „nur noch die Möglichkeit eines Abrisses“ gesehen. Mit dem zweiten Feuer waren zumindest die Bedenken der DenkmalschĂŒtzer im wahrsten Sinne des Wortes gegenstandslos geworden.

Deswegen waren die Wiesbadener nicht nur traurig, sie waren auch zornig. Ein Tagblatt-Redakteur schrieb sich damals die eigene Wut von der Seele: „Diesmal allerdings ist die Frage nach der Verantwortung ,brand-heiß‘. Die Wiesbadener sind empört und wollen wissen: Wer ist an dem Neroberg-Desaster schuld? Die Antwort sollte OberbĂŒrgermeister Achim Exner nicht lang hinauszögern.“

Doch diese Antwort steht bis heute aus. Brandstiftung sei es gewesen, heißt es, doch TĂ€ter gibt es keine. Und auch fĂŒr den Neroberg gab es keine Lösung. Dort, wo einst das alte RestaurationsgebĂ€ude stand, ist heute eine öde „Erlebnismulde“. Und am Fuß des Turms ein kleines CafĂ©. Nichts erinnert auch nur ansatzweise an die einstige Pracht.“


Teil II auch unter eigenem Link mit Bild

Der Neroberg heute – und morgen?

Um den Gesamtkomplex zu erfassen, ist die Hintergrundgeschichte genauso wichtig wie der Status quo auf dem Neroberg, der sich so ja erst nach dem Vollbrand entwickelte. Wir trafen oder befragten fĂŒr diesen Artikel alle derzeitigen und einige damaligen Akteure auf dem Neroberg sowie DenkmalschĂŒtzer und Historiker; viele von ihnen sehen den Umgang der Stadt mit ihrem historischen Erbe kritisch.

Das lilienjournal verabredete sich Mitte Juni bei „Wagner im Turm“. Berthold Bubner, Hauptkonservator a. D., Architekt, Diplomingenieur und Regierungsbaumeister ist mittlerweile 80 Jahre alt; von 1976 bis 2003 war er Leiter der stĂ€dtischen Denkmalschutzbehörde. Er wie auch der Bauhistoriker Dr. Martino La Torre kommen schnell zur Sache, wenn sie sich umblicken. Denn der einige Jahre nach dem Abriss des Hotels in die heutige Form gebrachte Neroberg hat nur noch wenig von seinen historischen BezĂŒgen behalten. Insbesondere die Erhöhung des Plateaus rund um den Monopteros widerspricht ihrer Meinung nach nicht der historischen Bautradition. Aber auch die Erlebnismulde am eigentlich besten Aussichtspunkt der Stadt wird von ihnen als ungelöst betrachtet, so Dr. Martino La Torre:

„Der Neroberg scheint seit Jahrzehnten immer mal wieder ein ergebnisoffener Workshop der Stadt Wiesbaden zu sein. FĂŒr die weitere Nutzung des Hotels fanden die Verantwortlichen seinerzeit keine Lösung. So hat das Hotel zweimal brennen mĂŒssen, bis es „endlich weg“ konnte. An der prominentesten Aussichtsstelle der Stadt, an deren höchsten Punkt, entstand, anstelle des Hotels, ein monumentales Loch (die sog. Erlebnismulde), das der Funktion als Aussichtspunkt des Wiesbadener Hausberges diametral entgegensteht. Neben dem Turmfragment erinnern lediglich die KanalanschlĂŒsse ganz unten im Loch und die wegen der frĂŒheren Keller teils abgesackten Quader am oberen Rand der Mulde an den Hotelbau.“

Kastrierter Monopteros und Genius loci ohne Geist

Berthold Bubner erinnert sich, dass gewisse Herren nach den BrĂ€nden relativ schnell die Reste entsorgen ließen. Um sich dann wenige Jahre spĂ€ter, auch unwissentlich, ĂŒber jeden Denkmalschutz hinwegzusetzen. Die Stadt zeigte schon nach dem Ende des Hotelbetriebes kein wirkliches Interesse daran und warf Wiesbadener Kultur- und BĂ€dertradition teils ĂŒber Bord, weil kein Sinn dafĂŒr da war, so Bubner. Man versuchte sich von allem zu lösen, was Geld kostete, verkaufte oder vernachlĂ€ssigte Kulturgut. Er sieht das Ergebnis mit der Mulde Ă€hnlich wie Dr. La Torre, ihn Ă€rgert aber vor allem die Erhöhung des Niveaus rund um den Monopteros, die vor rund 25 Jahren unter Stadtentwicklungsdezernent Thomas Dilger (FDP) umgesetzt wurde und den kleinen Tempel seiner eigentlichen Bestimmung beraubte. Letztlich ein unbeabsichtigter Planungsfehler, der erst hinterher bemerkt wurde.

Bubner: „Er stand immer erhaben, musste ĂŒber mehrere Stufen erklommen werden. In der Gartenbaugeschichte sind solche Monopteroi immer ein wenig erhöht. Ziel war stets, eine erhabene Situation zu erschaffen, man musste eine Lebenssituation verlassen, um sich in eine andere zu begeben. Mit dem Plateauumbau 1993/94 hatte er fast seinen gesamten Stufenbau verloren und wurde damit seiner wahren Bestimmung beraubt.“

Diese Kritik ist nicht neu, und die Planer mussten ihre Fehler eingestehen. Geld zur Beseitigung dessen erbat Dilger dann aber vom zuvor kaum angehörten Amt fĂŒr Denkmalpflege, was nun wirklich nicht deren Problem war. Es blieb, wie es ist. Bis heute. Konsequenzen hatte es keine, außer den immer weiter fortschreitenden Verlust des „genius loci“.

Der „Geist des Ortes“ war ja schon durch den Verlust des Hotels kaum noch erkennbar. In Architektur und Stadtplanung sollte der Genius loci entwurfsbestimmend sein. Die Definition der Lage eines GrundstĂŒcks und seiner Einbettung in ihrer Umgebung gewinnt seinen Wert nicht alleine daraus und aus seinen Nutzungsmöglichkeiten. Auch die AtmosphĂ€re und Aura eines Platzes und im Kontext des Nerobergs auch dessen historische Bebauung und Bedeutung sind Teil des Gesamtkonstrukts, das den Geist eines Ortes formt. Beim Neroberg wollte man nach dem Abriss der Hotelreste eine schnelle, kleine Lösung. Die Stadt schrieb einen Wettbewerb aus fĂŒr eine gastronomische Nutzung des Turms und verfolgte selbst die Neugestaltung des umgebenden Areals. Dies fĂŒhrt zu bis heute komplexen ZustĂ€ndigkeiten und BesitzverhĂ€ltnissen. Eine historische Gesamtbetrachtung nebst Vision blieb aus. Dr. Martino La Torre fand den schönen Begriff der „kontextlosen GelĂ€ndemodellierung“ fĂŒr diese Notlösung mit hohen KollateralschĂ€den.

Die Erlebnismulde als Provisorium

Hildebert de la Chevallerie war von 1970 bis 1998 Leiter des Wiesbadener GrĂŒnflĂ€chenamtes und langjĂ€hriger PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Auf Anfrage des lilienjournals erlĂ€utert er, wie es zum Status quo kam und wie er es heute sieht:

„Der Hausberg verdient nicht nur eine Erörterung, sondern eine Wiedererweckung. Ein schickes Restaurant wĂ€re hier vorstellbar, mit den alten historischen Blickbeziehungen und weitlĂ€ufigen Außenterrassen fĂŒr eine Außenbewirtschaftung. Doch sollte man hier nicht im historischen Stil bauen, auch nicht mit dem Versuch einer Rekonstruktion des alten Neroberghotels. Die damalige Wiederbelebung des CafĂ©s in den 1970er bis 1980er Jahren war ja auch deswegen schwierig, weil die alten Funktionsbauten, KĂŒche zum Beispiel, nicht dem Ablauf eines modernen CafĂ©s entsprachen. Also: ein tolles Cafe wĂ€re der historischen Bedeutung des Hausbergs und dem auch heutigen Besucherstrom angemessen und wĂŒnschenswert. Man sollte modern gestalten, hierfĂŒr einen Wettbewerb ausschreiben.

Zur Situation nach dem Abbruch: Nur der Turm blieb erhalten, er mĂŒsste wieder als Aussichtsturm dienen. Das Hochbauamt entwarf damals den kleinen, bescheidenen CafĂ©-Anbau. Ein stĂ€dtebauliches Provisorium, aber nur das war mit den damaligen Geldmitteln machbar. Es war damals sehr schwer, einen Gastronomen zur Bewirtschaftung zu finden, der Neroberg war ein ,krimineller Ort‘ mit stĂ€ndigen Zerstörungen. Nur Herr Wagner vom Opelbad-Restaurant hatte den Mut, hier zu starten.

Die Mulde wurde, im Auftrag des Gartenamtes, von den Wiesbadener Landschaftsarchitekten Gero Marten und Porlein gestaltet. Es gab eine lange Diskussion, mit dem Ortsbeirat, mit dem Naturschutz. UrsprĂŒnglich sollte es keine Mulde werden, sondern ein Amphitheater mit dem Monopteros als Blick- und Mittelpunkt, der gleichzeitig als BĂŒhne fungieren sollte. Das wĂ€re sehr sinnvoll und von der Funktion ĂŒberzeugender als heute gewesen. Aber es kam anders. Im Ortsbeirat hatte man die BefĂŒrchtung, dass der LĂ€rmkegel bei Veranstaltungen hangabwĂ€rts die Talbebauung stören wĂŒrde. Das wĂ€re auch so, bei entsprechender Windrichtung hört man auch heute zum Beispiel die Lautsprecherdurchsagen des Opelbades.

So musste umgeplant werden. Statt eines Amphitheaters entstand die Erlebnismulde in Form einer Spirale. Sie ist zwar ein ,Loch‘, da hat Dr. La Torre recht, und entspricht in keiner Weise dem historischen Anspruch des Hausbergs. Doch damals war nicht mehr drin, und in sich funktionierte die Spirale, sie wird automatisch von Kindern gut angenommen, die hier den Verlauf erkunden, und auch Erwachsene nehmen hier gerne ihr Picknick ein. Man sitzt hier schön, und es kostet nichts. Doch, um es noch einmal zu sagen, auch die sogenannte Erlebnismulde ist ein Provisorium, und es ist gut vorstellbar, im Rahmen einer Neuorientierung entsprechende Sitzterrassen im Monopterosbereich anzubieten.

Wagner im Turm und Erlebnismulde

Stephan Wagner, Juniorchef der Wagnergastronomie im Opelbad, der das CafĂ© im Turm verantwortet und damals nach den EntwĂŒrfen der Stadt baute, kommt in unsere Runde hinzu. Und weiß als Gastronom in Doppelfunktion einiges zu erzĂ€hlen. Einen internen Architekturwettbewerb der Stadt gewann 1991 ein Entwurf des Hochbauamtes, wie er jetzt, zumindest Ă€ußerlich, auch steht. An seiner Ausschreibung beteiligten sich nach Wagners Erinnerung nur drei oder vier Betriebe. Es bestand ein hohes Risiko angesichts des abgelegenen Orts, der zu dieser Zeit gerade nachts alles andere als sicher war. Wagner beteiligte sich auch nur deshalb, weil die Anbindung zum Opelbad bereits vorhanden war. Vorteile beim Personaleinsatz seiner nahegelegenen Betriebe bringt das aber nicht, denn die Wetterlage macht den Neroberg entweder proppenvoll oder gleichmĂ€ĂŸig leer. Kalkulierbar ist das kaum. Wagner beteiligte sich zusammen mit seiner Brauerei, Binding, heute Radeberger, an der Ausschreibung. Und erhielt sogar die einstimmige Bewilligung im Stadtparlament.

Schon damals stand der Neroberg in politischer Verantwortung verschiedener Parteien. GrĂŒnflĂ€chen, Stadtwald, Bauaufsicht wie Denkmalschutz, Zuwegungen und Verkehrswege wurden in verschiedenen Dezernaten gefĂŒhrt. Wenn auch in neu gemischten politischen Karten ist dies unverĂ€ndert der Fall. 1992 fing Wagner an, zu bauen, und es dauerte letztlich gut zwei Jahre, bis er 1994 eröffnen konnte. Der Grundentwurf war von Anfang an zu klein dimensioniert, und eine Erweiterung wenigstens um Keller erforderlich. Die wurden zwar bewilligt, doch wĂ€hrend des Bauens stellte sich heraus, dass hier Bunker waren. Diese Luftschutzbunker mussten teilweise erst gesprengt werden. Auch die Wasser-, Strom- und Gasleitungen waren komplett marode und mussten erst vom Opelbad neu verlegt werden. Letztlich verdoppelten sich die Kosten auf zwei Millionen D-Mark, von denen sich die Stadt lediglich mit 80.000 D-Mark beteiligte, so Stephan Wagner. In dieser Zeit entstand auch die Erlebnismulde. Auf stĂ€dtische Kosten.

Schwierige Bedingungen und dunkles Pflaster

Ein großes Problem war gerade in der Anfangszeit, dass manche GĂ€ste des Turms abends von Halbstarken auf dem Neroberg angepöbelt wurden. Auch auf dem Fußweg talabwĂ€rts. Wagner junior erinnert sich an eine legendĂ€re Aktion des damaligen OBs Achim Exner, der mit Wagen am Tempel vorfuhr, sich mitten in die Menge der Feiernden stellte, aufs Autodach stieg und sagte: „Macht mal den Kofferraum auf“. Darin fanden sich zwei KĂ€sten Bier, die er ausgab, und er fragte: „Was ist euer Problem? Wir finden einen Platz fĂŒr euch.“ Nach Wagners Erinnerung hat das auch kurz funktioniert, dann wurde es doch immer schlimmer. Es war die Zeit der Hausbesetzer in Frankfurt, die Stadt hatte die Nase voll von „Sodom und Gomorra“ auf dem Neroberg und ließ ĂŒberörtliche Amtshilfe organisieren. Mehrfach kamen Sondereinheiten aus Frankfurt, die aus dem Wald stĂŒrmten, um zwei Monate lang die harmlos Feiernden wie auch Dealer zu ĂŒberraschen. VerdĂ€chtige wurden mitgenommen, Kabelbinder, Feststellung der Personalien in der Stadt, das volle Programm. Danach war Ruhe, zumindest das Drogenproblem wurde an dieser Stelle gelöst.

Attraktiver gestalten und doch wieder bremsen

„Einerseits sollte alles attraktiver werden, um mehr GĂ€ste anzuziehen. Ein paar Jahre spĂ€ter hieß es dann wieder, wir sollten bremsen, der Neroberg sei ĂŒberbevölkert“, erinnert sich Wagner an widersprĂŒchliche Signale aus Politik und Verwaltung. 2006 kam der Kletterwald hinzu, der kĂŒrzlich deutlich erweitert wurde. Das Hauptproblem ist der Parkraum in den Stoßzeiten oder bei Veranstaltungen wie dem Impro-Sommer oder Opelbadfesten. Es reicht vor allem im Sommer hinten und vorne nicht mehr. Bei gutem Wetter ist der Neroberg brechend voll, und wenn das Opelbad, der Turm und der Kletterwald zeitgleich boomen, hat kein grĂ¶ĂŸeres Rettungsfahrzeug oder die Feuerwehr eine Chance, durchzukommen.

Frederik Malsy, Chef des Impro-Theaters „FĂŒr Garderobe keine Haftung“ und des Impro-Sommers auf dem Neroberg:

„Die Mulde auf dem Neroberg ist eine einzigartige SpielstĂ€tte, sie besitzt einen unvergleichlichen Charme und hat ein Flair, das seinesgleichen sucht. NatĂŒrlich ist eine Veranstaltungsreihe dieser GrĂ¶ĂŸenordnung immer mit Herausforderungen verbunden, und gerade die Situation auf dem Neroberg erfordert kreative Lösungen. Die An- und Abfahrtssituation sowie die Parkmöglichkeiten sind unbefriedigend, die fehlenden sanitĂ€ren Anlagen erhöhen die Kosten fĂŒr jeden Veranstalter. Die Infrastruktur insgesamt ist völlig unzureichend. Dennoch: Das Wiesbadener Publikum hat die Mulde fĂŒr den Impro-Sommer in sein Herz geschlossen. In nunmehr 15 Jahren gab es keine einzige Beschwerde aufgrund der LautstĂ€rke, keinen einzigen Vorfall von Verschmutzung und keine BeeintrĂ€chtigungen der Anwohner. Das macht uns umso stolzer, als dass seit 2004 mittlerweile rund 150.000 Menschen zu Gast beim Impro-Sommer waren. Eine Verbesserung der Infrastruktur auf dem Neroberg begrĂŒĂŸen wir sehr, eine Verschlechterung, zum Beispiel durch den Wegfall von PlatzkapazitĂ€ten oder weiter verschĂ€rften Auflagen der Nutzung wĂŒrden wir und sicher auch unser treues Publikum sehr bedauern.“

Fehlende Infrastruktur und Anbindung

Der starke Zulauf von GĂ€sten in diesen Stoßzeiten fĂŒhrt neben der verkehrlichen Erschließung zum zweiten großen Problem fĂŒr alle Akteure. Es gibt kaum öffentliche Toiletten. An der Talstation der Nerobergbahn wurde zwar etwas Abhilfe geschaffen. Doch der Kletterwald behilft sich nach wie vor mit mobilen Toiletten, das Opelbad ist nur gegen Eintritt erreichbar. Thorsten Held als GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Kletterparks am Neroberg beklagt ebenfalls die EngpĂ€sse an gut frequentierten Tagen: „Ein Dauerthema sind die mangelnden öffentlichen Toiletten. Seit zehn Jahren sind wir hier um eine bessere Lösung mit der Stadt und den zustĂ€ndigen Ämtern bemĂŒht.“

Thorsten Held, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Weitblick Naturerlebnis GmbH als Betreiber des Kletterwaldes:

„2005 haben wir nach einem guten Standort fĂŒr einen Kletterwald im Rhein-Main-Gebiet gesucht. Auf dem Neroberg haben wir diesen Platz gefunden. Mit der bestehenden Infrastruktur, den anderen Ausflugszielen und dem außergewöhnlichen Baumbestand ist es fĂŒr uns ein perfekter Ort. Wir sehen auf dem Neroberg die unterschiedlichsten Besuchergruppen – SpaziergĂ€nger, Jogger, Mountainbiker, Familien, KindergĂ€rten, Schulklassen. Ebenso unterschiedlich sind die AnlĂ€sse – Familienausflug, Wandertag, der tĂ€gliche Spaziergang (mit und ohne Hund), Training, Erholung, Kultur, et cetera. Da wir auch eine sehr breite Zielgruppe haben, passt das prima. Der Neroberg ist mit seinen AttraktivitĂ€ten einfach ein einzigartiges Ausflugsziel im Rhein-Main-Gebiet. Das spiegelt sich auch in unseren Erhebungen zur Herkunft unserer Besucher, die aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, Rheinhessen und auch aus dem Frankfurter Raum kommen. Seit 2006 wurde der Kletterwald stĂ€ndig weiterentwickelt und ausgebaut. Im Jahr besuchen uns circa 60.000 GĂ€ste. Der Neroberg zeigt sich aber auch mit sehr unterschiedlichen Gesichtern. Manchmal sehr ruhig, wochentags und in der kalten Jahreszeit, und manchmal auch trubelig, wenn das Wetter passt oder Veranstaltungen stattfinden.“


Schwierigkeiten macht auch die Beleuchtung. Vor einigen Jahren wollte die Stadt Strom sparen und schaltete den grĂ¶ĂŸten Teil der Straßenbeleuchtung ab 22 Uhr ab, obwohl Wagner nach eigener Aussage angeboten hatte, die Mehrkosten von circa 1.200 Euro im Jahr zu ĂŒbernehmen. Im Bereich des Opelbades behilft man sich seitdem mit der Ausrichtung von Strahlern weit in die ParkplĂ€tze hinein. Doch die bereits ab 22 Uhr reduzierte Straßenbeleuchtung wird um 24 Uhr ganz abgeschaltet. Wagner zur Grundproblematik:

„Ideen sind viele da, aber die Infrastruktur fehlt. Sie wurde in allem vernachlĂ€ssigt. Es gibt keine Busanbindung. Im Winter ist der Neroberg abgeschnitten. Es wird nicht gestreut, es wird nicht gekehrt, es wird sich nicht darum gekĂŒmmert. Das heißt, wenn die Nerobergbahn zumacht, wenn Opelbad und Kletterwald schließen, ist er nicht erreichbar, und wir mĂŒssen die Gastronomie am Turm von November bis MĂ€rz dichtmachen. Was wir anfĂ€nglich nicht wollten. Im Winter lohnt sich eine Bewirtung des Turms nicht, und im Sommer erstickt der Neroberg im Verkehr, wĂ€hrend es fĂŒr Ă€ltere Besucher ohne eigenes Auto kaum möglich ist, ĂŒberhaupt zum Opelbad zu gelangen.“

Die ebenfalls zu unserer Runde am Turm hinzugestoßene Betriebsleiterin der Nerobergbahn, Sabine FĂŒll, kennt die Problematik gut. Die Nerobergbahn wird zu 80 Prozent von Touristen genutzt, Ă€hnlich wie auch der Turm selbst. Wiesbaden Marketing und Eswe Verkehr prĂ€sentieren „Wiesbadens schrĂ€gstes Wahrzeichen“ wieder vermehrt auch auf Touristikmessen, was auch dem Einsatz von Sabine FĂŒll zu verdanken ist. Die Nerobergbahn als Transportmittel wird jedoch seit einigen Jahren nicht mehr als Teil des öffentlichen Personennahverkehrs gesehen. Seitdem gibt es keine oder nur noch stark reduzierte VergĂŒnstigungen fĂŒr Tickets fĂŒr Behinderte oder Schulklassen. Das verĂ€rgerte viele Menschen und trifft auch einige StammgĂ€ste im Turm. Es war letztlich eine politische Entscheidung des Aufsichtsrates, im Grunde könnte die Nerobergbahn durchaus hĂ€ufiger und lĂ€nger fahren. Aber die Betriebskosten sind hoch, und auch wenn der Verschleiß der Bahn gering ist: Ersatzsteile mĂŒssen nach Maß und individuell angefertigt werden.

Auf Nachfrage bestĂ€tigt Sabine FĂŒll, dass bei den immer milderen Wintern auch ein lĂ€ngerer Betrieb vorstellbar wĂ€re. Theoretisch könnte man mit einer nachgerĂŒsteten Heizung an den Ventilen auch bei leichten Minusgraden fahren. Stephan Wagner wĂŒrde sich schon freuen, wenn die Buslinie 8 wenigstens gelegentlich bis zum Opelbad oder gar Turm weiterfahren wĂŒrde. So könnte sich die Situation entspannen, sind es vom TrĂ€nkweg doch nur noch ein paar hundert Meter, meint Wagner. Einen Parallelbetrieb zur Nerobergbahn sieht wiederum Sabine FĂŒll kritisch. Eswe Verkehr wĂŒrde sich ja selbst das GeschĂ€ft wegnehmen. Man sieht schon hieran, dass die Akteure des Neroberges zwar weitgehend das gleiche Ziel haben – ein attraktives Tourismusziel und einen gut angebundenen Hausberg – jedoch auf dem Weg dahin mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert werden. Und eigenen Interessen. Ein Zwiespalt im VerhĂ€ltnis Nerobergbahn-Turm-Opelbad wird offensichtlich: Stephan Wagner wĂ€re schon froh, wenn nahe dem Turm und am Opelbad wirkliche BehindertenparkplĂ€tze errichtet wĂŒrden. Wenn alles zugeparkt ist, wird es schwierig, Ă€ltere GĂ€ste zu empfangen. Von der Nerobergbahn zum Opelbad ist der Weg fĂŒr diese zu beschwerlich. Und wenn sie aximal bis acht Uhr abends fĂ€hrt, nötigt dies auch andere zur Nutzung eines eigenen Autos oder Taxis.

Stadtwald und Verkehrssicherheit

Die Verkehrssicherheit mitten im Wald bringt uns zu weiteren Teilhabern am Gesamtgeschehen: Die Erlebnismulde steht im Besitz des GrĂŒnflĂ€chenamtes, betreut wird sie auch vom Kulturamt. FĂŒr den umliegenden Stadtwald, eingebettet in den Naturpark Rhein-Taunus, ist das Wiesbadener Forstamt zustĂ€ndig. Die zustĂ€ndige Abteilungsleiterin im GrĂŒnflĂ€chenamt, Sabine Rippelbeck, sieht den Neroberg derzeit ebenfalls an seinen KapazitĂ€tsgrenzen und jede Erweiterung kritisch. Wegen seiner Besonderheit in Lage wie Kulturgut wird er auch nicht als Wirtschaftswald gepflegt, sondern in besonderer Verantwortung gehegt. Dies ermöglichte auch die Etablierung eines Kletterwaldes in gewachsenem Eichen- und Buchenbestand. Im gesamten Bereich des Nerobergs, auch entlang des Naturerlebnispfades, wird wirklich nur geschnitten oder gefĂ€llt, wenn es unumgĂ€nglich ist. Das ist zwar im Sinne des Naturschutzes sinnvoll und richtig, bereitet aber auch gelegentlich der Nerobergbahn Probleme, wenn zum Beispiel ein außerhalb der Strecke stehender Baum droht, auf die Gleise zu fallen. Hier dĂŒrfen die Mitarbeiter nicht selbst Hand anlegen.

Dass die Natur sich jeden freien Raum sehr schnell zurĂŒckerobert, sieht man auch an den erst vor zwei Jahren per RĂŒckschnitt geschaffenen Sichtbeziehungen zur Russischen Kapelle. Sabine FĂŒll merkt an: „Es wĂ€chst schneller zu, als man schauen kann.“ Und Dr. Martino La Torre bringt das ganze Drama auf den Punkt: „Wenn man sie (die Sichtbeziehungen) nicht unterhĂ€lt, kommt irgendwann der große Knall. Es muss einen Wartungsplan geben fĂŒr den Neroberg, wie auch jede bedeutende GrĂŒnflĂ€che lĂ€ngst ein Parkpflegewerk hat. Hier wĂ€re es einer, der sagt: Alle fĂŒnf Jahre muss die Schneise freigeschnitten werden. Es mĂŒssen regelmĂ€ĂŸig die SichtbezĂŒge geprĂŒft werden. Wie auch jedes hessische Forstamt jĂ€hrlich die Verkehrssicherheit der BĂ€ume entlang der Wege prĂŒfen muss.“ Unisono stellt man unter DenkmalschĂŒtzern auch fest, das hinter der Griechischen Kapelle einst dunkle Tannen gepflanzt wurden, um einen besonders starken Kontrast zu den goldenen Kuppeln der russischen Kirche zu setzen. Hier hĂ€tte lĂ€ngst nachgepflanzt werden mĂŒssen. Doch dieser Teil des Waldes gehört der russisch-orthodoxen Gemeinde, einem weiteren Akteur.

Berthold Bubner: „Mit großem Schmerz und großer Trauer nehme ich wahr, dass die Stadt an sich selbst kein Interesse hat. Höchstens ein Merkantiles. Sie hat letztlich kein inneres Interesse an ihrer Vergangenheit. Es gibt zwar viele freundliche Geister, die sich darum bemĂŒhen, aber die PrĂ€sentation eigenen historischen Erbes scheitert ja bereits bei der Planung eines Stadtmuseums.“


Hildebert de la Chevallerie merkt hierzu ein altes Problem an: „Das Freischneiden der Sichtachse auf die Kirche hat damals schon lange KĂ€mpfe mit Forst und Naturschutz gekostet. Ein regelmĂ€ĂŸiger Freischnitt ist erforderlich. Es gibt aber noch eine andere Sichtachse, den Blick vom Monopteros ĂŒber die Opelbadwiesen auf die Stadt. Dieser Blick war zugewachsen. Durch eine Vertiefung der UmzĂ€unung, der Zaun wurde in einen Graben verlegt, entstand wieder eine „grĂŒner Blickachse“ ĂŒber die RasenflĂ€chen des Hanges am Monopteros und des Opelbades. Man nannte dieses Verfahren in der Gartenkunst das Anlegen eines „Aha Grabens“. In englischen LandschaftsgĂ€rten sehr ĂŒblich, um das weidende Vieh am Betreten des Parks zu hindern und um einen weiten Blick in die Landschaft zu ermöglichen (hier auf die Stadt). „Aha“ deswegen, weil der Besucher, stand er plötzlich vor solch einem Graben, erstaunt „Aha“ ausrief. Dies Blickachse muss also auch regelmĂ€ĂŸig gestutzt werden“

Perspektive Neuausrichtung und -bebauung

Bereits 2012 wurde dem Magistrat vom Planungsausschuss der Auftrag erteilt, sich der Neuordnung des Areals zu widmen. Ein Entwicklungskonzept wurde von der WIM (Wiesbadener Immobilienmanagement GmbH) in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wurde nicht bekannt, wohl auch, weil es dem OberbĂŒrgermeister nicht gefiel, wie es in einem Artikel von JĂŒrgen Hauzel im Wiesbadener Kurier 2015 öffentlich wurde. Der WIM Liegenschaftsfonds (als Tochter der WIM unter der Mutter der „Wiesbaden Holding“ WVV) wurde beauftragt, nun zunĂ€chst die FlĂ€chen zusammenzufĂŒhren. Denn dem stadteigenen Fonds gehören vor allem besonders historisch wertvolle Immobilien wie die WalkmĂŒhle, die LohmĂŒhle, das Pariser Hoftheater und eben auch der verbliebene Turm auf dem Neroberg. Wie Erik Schaab als GeschĂ€ftsfĂŒhrer bestĂ€tigt, sind die langjĂ€hrigen Verhandlungen zum RĂŒckerwerb der Erlebnismulde vom GrĂŒnflĂ€chenamt so gut wie abgeschlossen. Doch wie es weitergeht, was daraus einmal werden soll, ob Erlebnis-Areal oder großflĂ€chige Gastronomiebebauung, wie es damals hieß, scheint noch völlig offen.

Die WIM prĂ€ferierte offensichtlich eine Variante, nach der die Erlebnismulde zugeschĂŒttet wird, um darĂŒber einen modernen Neubau zu errichten. Gewollt und auch durchaus von DenkmalschĂŒtzern gewĂŒnscht wĂ€re eine große Terrasse in Ahnlehnung an jene des Neroberghotels, von der aus wieder ein Blick ĂŒber den Monopterus auf die Stadt möglich wĂŒrde. Ob und wie der Turm in eine Neubebauung eingebunden wird und ob er wieder als Aussichtturm genutzt werden kann, alles „eine Frage der technischen Möglichkeiten und der Finanzierbarkeit“.

OberbĂŒrgermeister Sven Gerich konstatierte schon damals: „Meine Billigung findet eine weitgehende EinschrĂ€nkung des Nerobergs fĂŒr die öffentliche Nutzung jedenfalls nicht. Und deswegen hat der WIM-Aufsichtsrat das vorgelegte Konzept auch hinterfragt und darum gebeten, einen Stehgreif-Wettbewerb auszuschreiben, um eventuell noch andere Nutzungsideen zu erhalten.“ Davon hört man jedoch seitdem nichts öffentlich. Es scheint eher so, als wĂŒrde das sensible Thema Neroberg bis wenigstens nach den Direktwahlen zum OberbĂŒrgermeister Anfang 2019 zurĂŒckgestellt. Aber dass sich dort oben etwas tut, scheint allseits gewĂŒnscht, und es bleibt zu hoffen, dass aus den vielfĂ€ltigen Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Bevor sich der Himmel ĂŒber dem Neroberg wieder verfinstert …

OberbĂŒrgermeister Sven Gerich:

„FĂŒr den Neroberg wĂŒnsche ich mir eine attraktive Neugestaltung, in der vor allem Familien mit Kindern und Erholungssuchende auf ihre Kosten kommen. Dazu gehört fĂŒr mich eine moderne und fĂŒr Familien bezahlbare Gastronomie, ausreichend Toiletten (auch fĂŒr den Kletterwald), eine Neuordnung des Parkplatzchaos und der Erhalt der Liegewiese.“


KOMMENTAR
Von Mario Bohrmann

Es ist derzeit fĂŒr alle Beteiligten ein Teufelskreis. Bevor nicht klarer ist was hier draus wird, will die Stadt kein Geld in die Infrastruktur stecken und als PĂ€chter des Turms fĂŒhlt man sich alleine gelassen. Unternimmt vielleicht auch selbst zu wenig, was bei unsicherer Zukunft verstĂ€ndlich ist. Dabei ist das Potenzial des Nerobergs so gewaltig. Wenn die Leute nur wieder mehr laufen oder Rad fahren wĂŒrden und nicht mit dem eigenen Auto kommen mĂŒssten. Oder wenn es eine verlĂ€ngerte Buslinie 8 geben wĂŒrde, oder die Nerobergbahn öfter fahren wĂŒrde.

Unser Hausberg muss auch fĂŒr uns wieder eine Reise wert werden. Nicht nur fĂŒr Touristen, die auch gerne den Besuch der Rheingauer Weinwoche damit kombinieren. Eine gut befreundete Mitarbeiterin im Service von „Wagner im Turm“ trifft beruflich wie privat auf viele amerikanische GĂ€ste. Hier oder in der „UrÂŽs Sports Bar“ neben dem Caligari. Ein Standardsatz vieler Begegnungen könnte lauten: „The wine-thing, the festival of wine – this ist the week, to come back for vacation“ Zugleich sagt sie: „An Touristen mangelt es nicht, aber wo sind die Wiesbadener? Wir haben 80 Prozent FeriengĂ€ste, 20 Prozent Wiesbadener, davon 5 Prozent StammgĂ€ste. Die Wiesbadener picknicken eher in der Mulde oder auf der Wiese, machen HeiratsantrĂ€ge im Monopterus, und das wars. Es ist fĂŒr sie allgemein zu unattraktiv, um regelmĂ€ĂŸiger zu kommen. Touristen sind da noch leichter zu begeistern. Mit Lage und Blick und der Nerobergbahn.“

Fakt ist, es tut sich was.

Wohlwollend geplant könnte man die extra aus dem Schwarzwald herangekarrten Steinblöcke aus der Mulde zunĂ€chst an ihren neuen Platz versetzen, um dem Improtheater unterbrechnungsfreies Spieldasein jeden Sommer zu ermöglichen, wĂ€hrend zugleich dahinter etwas Neues entsteht. Etwas, womit die Wiesbadener weitgehend dÂŽaccord gehen. Es sollte etwas „Großes“ werden, aber nichts Großes sein. Fasst man die gesammelten HintergrĂŒnde und Erfahrungen zusammen, sollten elegante BezĂŒge zum Turm hergestellt werden und das oder die GebĂ€ude sollten als Restaurant und CafĂ© ganzjĂ€hrig nutzbar sein. Zugleich muss der Landschaftscharakter und öffentliche Zugang erhalten bleiben, fĂŒr den Wanderer wie den kindlichen Erkunder des Naturpfades oder Besucher des Waldseilgartens. Denkmalschutz, Naturschutz, Umweltschutz, wirtschaftliche Interessen stĂ€dtischer Gesellschaften und der Verkehrsbetriebe mĂŒssen unter einen Hut gebracht werden. Eine Quadratur des Kreises, die aber lösbar erscheint. Denn wohin ich auch kam, mit wem ich auch sprach, und es waren ein paar dutzend Menschen in den letzten Monaten – sie alle lieben ihren Neroberg und scheinen dem richtigen Konzept nicht im Wege stehen zu wollen. Wenn es sich zeigt. Im Gegenteil …