Der Neroberg – geliebtes (Stief-)Kind

Mit dem Neroberg verbindet wohl jeder hier Gebürtige Erinnerungen schon aus frühester Jugend. Grandioser Ausblick, romantische Momente, womöglich erste, zaghafte Küsse unten bei den Löwen, die erste Fahrt mit der Nerobergbahn – oder das bereits seit 15 Jahren dort bestehende Improtheater im Sommer. Auf dem höchsten Aussichtspunkt des unmittelbaren Stadtgebietes. In einer Mulde, in der ab 1881 ein Hotel und Café mit Außenbewirtschaftung stand. Die etwas Älteren erinnern sich noch an „das Nero“ als legendären Musikclub und das mit der Zeit zunehmend verfallende Neroberghotel. An undurchsichtige Investoren und Nutzungsideen, den warmen Abriss denkmalgeschützter Bausubstanz 1989. Der Status quo ist eine Notlösung, mangels Perspektiven und angesichts klammer Kassen sowie der hinsichtlich des Nerobergs besonders empfindlichen Wiesbadener geschaffen. Wir bringen in Erinnerung, wie unser Hausberg wurde, was er ist, und stellen auch Anregungen vor, wie er wieder werden könnte, was er sein sollte. Es gilt, zwischen vielen Interessen zu vermitteln. Eine Spurensuche von Mario Bohrmann


Zunächst, vor genau 200 Jahren, als 1818 Christian Zais das Historische Fünfeck vollendete, war noch der nahe gelegene Geisberg der „Place to be“ für die ersten Kurgäste der Stadt und die Bevölkerung. Mit direktem Blick auf die Altstadt und das alte Kurhaus sowie die neu angelegte Wilhelmstraße war der Geisberg (neben dem Schulberg) der ursprüngliche Hausberg des noch eher dörflichen Wiesbadens. Das Kureck war noch im Werden und Wiesbaden sehr überschaubar – die Stadt endete noch an der Röderstraße. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann Wiesbaden, stark in alle Richtungen zu wachsen, auch in das Nerotal mit seinen besonders prachtvollen Villen, oft früheren Kurbetrieben, Privatkliniken oder Kaltwasserheilanstalten. Nun wurde es vor allem Naherholungsziel der Bürgerschaft.

Vom Geisberg ins Nerotal

Die „Kaltwasserheilanstalten“, so auch die Dietenmühle am Kurpark und das frühere „Beau Site“ (die „schön Gelegene“) im Nerotal, gingen meist aus jahrhundertealten Mühlen hervor, die das Wasser des Schwarzbachs nutzten, aber mit der Erfindung der Dampfmaschine überflüssig wurden. Aus ihnen entstanden Heilanstalten und Sanatorien, zu denen sich immer mehr Restaurationen gesellten. Lange Zeit sträubte sich die Stadt, das Nerotal und die Hänge zum Taunus hin für die Bebauung freizugeben. Erst 1828 wurde überhaupt ein Fahrweg ins Nerotal angelegt. Natürliche Grenzen waren an dessen Südhang glücklicherweise durch den seit 1525 bestehenden Weinberg gesetzt, den der Graf Philipp von Nassau-Weilburg anlegen ließ. Damals hieß der Neroberg noch „Ersberg“ oder „Nersberg“ – der „hintere Berg“. Er war eben schon deutlich beschwerlicher zu erreichen als der Geisberg, den Goethe 1815 mit seinem bekannten Zitat bedachte:

„Man bedarf in Wiesbaden nur einer Viertelstunde Steigens,
um in alle Herrlichkeit der Welt zu blicken

Aber nicht jeder wanderte so gerne wie Goethe. Besser Betuchte und ältere Kurgäste ließen sich schon vor 200 Jahren durch das „Esels-Corps“ zum Geisberg ins Nerotal und später auch auf den Neroberg bringen. Die Bürgerschaft kommentierte es spöttisch: „Uff de Gaasberg laafe Esel statt Gaase enuff, sitze Weiber unn Männer unn Mädercher druff.“

Doch verschiedene gesellschaftliche Gruppen rückten nun mehr und mehr den Neroberg in den Mittelpunkt des Interesses. Bevor ab 1843 der Wiesbadener Stadtvorstand an jedem 24. Juli den Geburtstag des Herzogs Adolph von Nassau auf dem Neroberg feierte, gab auch noch nicht viele Gründe, dorthin zu pilgern. Die Kapellenstraße war noch der „Steinhohlweg“. Mutmaßlich wurden letzte Reste römischer Befestigungen und Natursteine zu dieser Zeit eher noch vom Berg geholt, bevor man wieder Steine als Baumaterial hinaufschaffte. Aber der Neroberg wurde fortan gerne für politische Kundgebungen und Fahnenweihen genutzt. Erste Volksfeste fanden dort statt, und mehr und mehr wurden Neroberg und Nerotal Ziel der in Nassau traditionellen Himmelfahrtsausflüge. Später feierte man dort die Gründung des Kaiserreichs und bis heute Silvester.

Namensfindung

Der Name Neroberg setzte sich in Anspielung an die römische Vergangenheit erst Anfang des 19. Jahrhunderts durch. Man fand Gefallen daran, ähnelte er doch der alten Bezeichnung „Nersberg“ und mutete gleichzeitig römisch an, was zu den dort gefundenen Resten eines römisches Gehöfts sowie alter römischer Münzen passte. Freilich keine mit dem Abbild Kaiser Neros, dennoch wurde der neue Name für Berg und Tal bereitwillig angenommen und verbreitete sich schnell.

Der Name des Schwarzbachs (schwarz = nero) leitete sich ebenfalls davon ab. Und passte zu dieser Zeit auch optisch, angesichts der zahlreichen, bis weit ins Nerotal angesiedelten Gerbereien und Bleichwiesen. Eine stinkende und keimverseuchte Brühe durchzog vor rund 200 Jahren die Stadt und führte nach Seuchen zur frühen Kanalisierung der Bäche in den Salzbachkanal. Heute holt man sie wieder an verschiedenen Stellen Wiesbadens ans Licht.

Der Neroberg als Teil des Rheingaus – Weinwissen und etwas Geologie

Auch wenn Schierstein als westlichster Ortsteil als „Tor zum Rheingau“ bezeichnet wird, zählen sowohl der Neroberg als auch Kostheim, Dotzheim und Frauenstein mit ihren Weinanbaugebieten zum Rheingau. Mit knapp über vier Hektar beherbergt die Lage „Wiesbadener Neroberg“ das kleinste Areal. Mithin seit rund 500 Jahren bebaut.

Im Jahr 1900 ging der Weinberg in den Besitz der Stadt Wiesbaden über. Seit 2005 haben die
Hessischen Staatsweingüter die Lage zurückgepachtet. Sie wird von der Weinbaudomäne Rauenthal aus bewirtschaftet, die auch weiterhin den als Präsent sehr geschätzten „Neroberger“ anbaut und nun auch Neroberger Sekt vermarktet.

50 Jahre Kreuz-Neroberger Riesling

Die drei Jahre zuvor eingegangene Städtepartnerschaft mit Berlin-Kreuzberg führte dazu, dass seit 1968 Abkömmlinge der Neroberger Reben in der deutschen Hauptstadt wachsen. Dort, an dem früher sogenannten Tempelhofer Berg, mit 66 Metern der höchsten natürlichen Erhebung Berlins, wird ebenfalls seit fast 500 Jahren Wein angebaut. Bis heute wird der Kreuz-Neroberger Wein aus Berlin nicht verkauft, sondern nur gegen eine Spende jenseits der zehn Euro abgegeben.

Die Nordhanglage mag ihm im Gegensatz zum dort seit 1979 auch angebauten Blauen Spätburgunder aus Ingelheim einen sauren Ruf eingebracht haben. Im Volksmund der Kreuzberger wird er auch als „Fahnenwein“ bezeichnet. Dies geht auf eine Äußerung des Satirikers Adolf Glasbrenner zurück „Wenn man een eenzjes Achtel über die Fahne kippt, zieht sich det janze Regiment zusammen.“

Geologie

Der Wiesbadener Wein hat in seiner Heimat wohl bessere Bedingungen, in Südhanglage, mit seinem beigefügten Lehm-Lössgemisch in steinigem Gneisboden. Dies ist metamorphes, also aus tiefen Erdschichten herausgedrücktes, mehr oder weniger vulkanisches Gestein. Der Neroberg wurde hier vor dem eigentlichen Taunuskamm durch eine Verwerfung, einer Scherzone, irgendwann vor etwa 420 bis 440 Millionen Jahren aufgefaltet.

Fachartikel des Landesamtes für Geologie erklären es komplexer:

Die Taunussüdrandstörung bildet die Grenze zwischen den paläozoischen Gesteinen des Taunus und den tertiären Sedimenten des Mainzer Beckens bzw. des Oberrheingrabens. Entlang dieser von WSW nach ENE verlaufenden Störungslinie liegen die bekannten Heilbäder Wiesbaden, Bad Soden, Kronthal, Bad Homburg und Bad Nauheim.

Die Wiesbadener Innenstadt wird durch die Taunussüdrandstörung in einen nördlichen Bereich mit paläozoischen Gesteinen und einen südlichen Bereich mit tertiären Gesteinen unterteilt. (…) Sie entstanden in der Zeit vom Ordovizium bis zum Silur. Aus diesen Gesteinen (Serizitgneis) wird auch der Hausberg von Wiesbaden, der Neroberg, aufgebaut.“


Russische Kapelle, Monopterus und Sichtachsen

Erst mit dem frühen Tod der jungen Herzogin Elisabeth, der ersten Frau von Aldoph von Nassau, kam 1845 neue Dynamik ins Spiel, um den künftigen Wiesbadener Hausberg zumindest partiell zu bebauen. Er wurde nicht ohne Grund an dieser Stelle so entwickelt. Kapelle und Neroberg konnte der Herzog von seinen beiden Schlössern, dem Biebricher Schloss und dem Stadtschloss, aus sehen, wie auch von seinem Jagdschloss auf der Platte, von dort mit Blick auf beide Schlösser über den Neroberg hinweg. Bis heute bestehen, hält man den Bewuchs in Zaum, Sichtbeziehungen zwischen den frühen Nassauer Residenzen . Erst in den letzten Jahren besann sich die Stadtpolitik wieder darauf, dass man diese Blickachsen als Teil des Denkmalschutzes insbesondere am üppig bewaldeten Neroberg auch freihalten muss.

Nur vom Monopterus aus blickt man sowohl auf die Kapelle als auch über die Stadt bis zum Rhein und weit darüber hinaus. Stadtbaumeister Philipp Hoffmann errichtete den kleinen griechischen Tempel quasi nebenbei, denn seit 1847 baute er an der russischen Kapelle, und erst langsam zeichnete sich ein klares Bild – auch für das Plateau nordwestlich darüber. Ab 1851 wurde der heutige Aussichtspunkt als „Bergpark“ auf dem Neroberg eingerichtet und der Monopterus in Rekordzeit von wenigen Monaten erbaut. Zu verdanken war die Entwicklung auch der Beharrlichkeit des Kaufmanns Gottfried Ruß, der bereits zwei Jahre zuvor anregte, auf dem Neroberg einen geräumigen Tempel anzulegen: „Unser historischer Neroberg ist seit langen Jahren schon der beliebteste Ort zum Abhalten allgemeiner Feierlichkeiten und des frohen Beisammenseins kleiner Parthien“.

Gleichwohl schlug er pragmatisch vor, die mit Einführung der Gaslaternen 1847 überflüssig gewordenen großen Sandsteinsäulen für die Öllampen entlang der Wilhelmstraße und auf dem Luisenplatz dafür zu verwenden. So wurden sie für den Bau des Monopterus zweitverwertet, was auch die kurze Bauzeit erklärt.

Monopteros

Ein Monopteros ist ein griechischer Rundtempel mit Säulen, dessen Bauform früher für Aussichtstempel in Parkanlagen sehr beliebt war. Für den 1851 auf dem Neroberg errichteten Monopteros verwendete der Architekt Philipp Hoffmann zehn Säulen, auf denen zuvor die Ölleuchten der ersten Wiesbadener Straßenbeleuchtung an der Wilhelmstraße montiert waren. Als diese durch Gaslaternen ersetzt wurden, setzten sich Bürger für eine Zweitverwendung im Aussichtstempel ein. Zu Hoffmanns Monopteros mit einer halbkugelförmigen Kuppel über zehn Bogenstellungen führten ursprünglich sechs Stufen auf einem romantisierenden Felsgestein-Unterbau. Durch die Erdaufschüttungen im Zuge der Neugestaltung des Plateaus wurde dieser verborgen, was die Proportionen empfindlich stört.

Zuletzt wurde der Monopterus selbst ab 2010 über drei Jahre saniert. Er erhielt sein Kupferdach zurück, das Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Zinkblechdeckung ersetzt worden war.

Von hier aus sieht man nun wieder, nach Rückschnitten vor zwei Jahren, das Hauptportal im Westflügel der Kapelle mit einem Medaillon der heiligen Helena, namensgleiche Schutzpatronin der Mutter der früh verstorbenen russischen Großfürstin Elisabeth.

 

Neroberghotel und Bergbahn

Mit Einweihung der Kirche 1855 und Prozession entlang des „Steinhohlwegs“ wurde dieser zur Kapellenstraße. Deren Hang zur heutigen Taunusstraße wurde erst weit später so dicht bebaut wie heute. Aber als neuer Treff- und Aussichtspunkt löste der Neroberg nun endgültig den Geisberg ab und wurde über sanftere wie steilere Pfade erschlossen. Der 1. Wiesbadener Verschönerungsverein legte zwischen 1844 und 1852 eine Reihe von Wanderwegen an, die den Kurgästen den Weg in den Stadtwald, zur Fasanerie, dem Bahnholz und auf den Neroberg ebneten. Die „Pferdebahn“, ein Vorläufer der Straßenbahn, fuhr ab 1874 von der Rheinstraße durch das Kureck ins Nerotal, endete am Beau Site und gab schon die heutige Endhaltestelle vor. Auf dem Neroberg gab es erste mobile Verkaufsstellen für Kaffee und Kuchen. Aber die Versorgungssituation und Transportmöglichkeiten, um die immer zahlreicher ins Tal und zum Berg strömenden Besuchermassen komfortabel zu bedienen, waren sehr unbefriedigend.

Die Nerobergbahn

Erste Initiativen zum Bau einer Bahn auf den Hausberg stießen 1873 auf wenig Gegenliebe, weil die Wiesbadener eine Verschandelung des Tals durch den Viadukt befürchteten; 1887 setzte man sich über die Bedenken hinweg. Am 25. September 1888 wurde die durch den Rentner Karl Rudolf aus Baden-Baden privat geplante und finanzierte Bahn ihrer Bestimmung übergeben. Die tatsächlichen Baukosten betrugen 220.000 Mark und damit mehr als das Doppelte der veranschlagten Summe. 1890 wurde die Bahn übernommen durch die Betreiber der öffentlichen Straßenbahnen, 1925 durch die Stadt Wiesbaden und 1929 den Verkehrsbetrieben eingegliedert. Eine geplante Umstellung auf Elektroantrieb unterblieb 1939 wegen des Krieges.

Dadurch ist die Nerobergbahn als die älteste noch in Betrieb befindliche „Riggenbach-Zahnstangen-Standseilbahn“ Deutschlands mit Wasserballastantrieb ein technisches Denkmal ersten Ranges. Ihre Antriebsform ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Der an der Bergstation befindliche Wagen wird mit bis zu 7.000 Litern Wasser „betankt“ und dadurch schwerer als sein Pendant an der Talstation. Wird die Bremse gelöst, bewirken die Gesetze der Schwerkraft, dass er talwärts rollt und dabei den leichteren Wagen mittels eines 451 Meter langen Stahlseils bergwärts zieht. Mit einer Fahrgeschwindigkeit von knapp acht Stundenkilometern benötigt die Bahn dreieinhalb Minuten zur Bewältigung der 438,5 Meter langen Strecke. Das an der Talstation abgelassene Wasser wird in einem Reservoir gesammelt und von Zeit zu Zeit auf den Berg gepumpt – dies seit 1925 mittels einer Elektropumpe. Damit konnte der störende Schornstein entfallen.

Der bergab fahrende Zugführer reguliert die Geschwindigkeit. Deshalb haben beide Bahnen immer nur talabwärts einen Tachometer, der ihnen anzeigt, wann sie im grünen Bereich sind. Gebremst wird mit mechanischem Druck über ein Zahnradsystem, das als ältestes und sicherstes Bremssystem seiner Art gelten kann und unverändert gut funktioniert. Auch die Nerobergbahn fährt völlig unfallfrei. Lediglich ein Achsbruch musste vor langer Zeit mal auf offener Strecke geflickt werden. Auch das ging binnen kurzer Zeit. Der Verschleiß ist zwar gering, aber Ersatzteile müssen immer individuell angefertigt werden, da die Bahn zum Großteil noch im Originalzustand ist.

Durch Landfrauen die Grenzen aufgezeigt

Einmal blieb die Nerobergbahn tatsächlich trotz normalen Betriebs auf halber Strecke stehen: Der Ballasttank der talabwärts fahrenden Bahn war zwar, entsprechend der nach oben gemeldeten Fahrgastzahl, ausreichend befüllt. Deren Durchschnittsgewicht wurde jedoch durch einen talaufwärts mitfahrenden schwergewichtigen Landfrauenverein erheblich übertroffen. So reichte das übertragene Zuggewicht in den Tanks nicht aus. Die Bahn fuhr zwar über die Steilstrecke noch an, konnte aber nicht genug Fahrt aufnehmen, um das flache Begegnungsstück zu überwinden. Das einzige überlieferte Versagen der Bahn lag also nicht an der Technik, sondern eher dem nicht ausreichend aus der Frühzeit mitgewachsenen Umrechnungsfaktor für die beförderten Gäste.

130 Jahre Nerobergbahn

Zu Beginn der Osterferien, spätestens am 1. April, eröffnet die Nerobergbahn die Saison und fährt generell bis zum 1. November. 300.000 Menschen schafft sie in den sieben Monaten auf den Berg. Am 25. September 1888 wurde sie eröffnet und wird nun 130 Jahre alt.

Die offizielle Geburtstagsparty fand am 26. August 2018 mit einem großen Nerobergbahn-Fest auf dem Plateau des Berges statt.

Details und weitere Information auf www.eswe-verkehr.de/nerobergbahn


Während zahlreiche Investoren und Eisenbahnunternehmer ab 1773 erste Vorschläge machten, eine Bergbahn vom Nerotal zum Bergpark zu errichten, die aus verschiedenen Gründen, unter anderem überzogenen Erwartungen, immer wieder scheiterten, konnten die Stadtväter nicht mehr länger warten, um die dringend notwendige Neugestaltung der Gastronomie auf dem Hausberg in Angriff zu nehmen. Zunächst wurde 1879 eine Zuleitung zur Bergkuppe gelegt und vom Wasserwerk 1881 ein 100 Kubikmeter großer Sammelbehälter erbaut – auch, um die Versorgung im Brandfall sicherzustellen.

Im gleichen Jahr vollendete der Stadtbaumeister Johannes Lemcke dann den Bau des „Hotelrestaurant“ auf dem Neroberg, das ziemlich genau im Bereich der heutigen Erlebnismulde lag. Dabei blieb es nicht, in den nächsten zwei Jahrzehnten folgten zahlreiche Anbauten und Erweiterungen. Erste Pächter waren die Gebrüder Balder. Schon 1887, die Nerobergbahn war nun auch im Bau, errichtete die Stadt den 15 Meter hohen Aussichtsturm und von dort eine flache Wandelhalle in Nord-Süd-Richtung. Auf der anderen Seite wurde der Turm mittels großzügiger Überdachung der Terrasse mit dem Altbau verbunden.

1897 wurde der Wiesbadener Stadtbaumeister Felix Genzmer mit der Erweiterung beauftragt. Bis 1899 überbaute er im Stil des Späthistorismus die Wandelhalle mit einem zusätzlichen Geschoss für großzügige Gästezimmer mit dazugehörenden Terrassen. Die Pächter hatten kurz zuvor gewechselt, was durch die zahlreichen erhaltenen Postkarten aus jener Zeit ersichtlich wird. Ab nun finden sich dort die Gebrüder Krell als Wirte eines Hotels nebst Weinhandels. Der Altbau wurde durch einen zweistöckigen Zwischenbau mit dem Turm verbunden und erhielt neben weiteren Gästezimmern auch Speise- und Lesesäle sowie den Haupteingang des Hotels. Die Wandelhalle wurde zum Veranstaltungssaal und durch umlaufende Veranden für das Ausflugscafé erweitert. Ein Musikpavillon und ein Wintergarten für die Hotelgäste kamen hinzu. Der eigentliche Clou aber war es, den steinernen Turm mit einer schieferverkleideten Holzkonstruktion in der Höhe fast zu verdoppeln. Erst von diesen oberen Ebenen war ein Rundumblick über alle Baumkronen hinweg auf die ganze Stadt möglich. Das Luxushotel am Neroberg hatte seinen endgültigen Zustand erlangt, der sich bis zu seiner Zerstörung 1989 kaum veränderte. Gleichzeitig wurden die Nerotal-Anlagen als englischer Landschaftspark entlang des Schwarzbachs angelegt, sie endeten am Viadukt der Nerobergbahn.

Glanzzeiten, Kriegswirren und Sperrgebiet

Im Hotel am Neroberg gingen fortan an manchen Tagen 2.000 Stück Kuchen über den Tresen. Als Ausflugsort beliebt und mit der Nerobergbahn nun vergleichsweise komfortabel erreichbar, konnte es lange Zeit von seiner Toplage profitieren. Es wurde später auch gelegentlich als Zarenhotel bezeichnet, und nicht nur der übernachtete dort als Gast der Stadt oder hoher Besucher in den Glanzzeiten der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Mit der Übernahme der Bewirtschaftung durch Wilhelm Cruciger ab 1905 betreute dessen Familie, mit kriegsbedingter Unterbrechung, über 60 Jahre das Neroberghotel, bevor der Betrieb 1965 endgültig eingestellt wurde.

Dazwischen lagen die Wirren des Ersten Weltkrieges, die das Hotel aber unbeschadet überstand. Die Betreiber und die Stadt investierten weiterhin durch regelmäßige Umbauten und Modernisierungen. Doch die Einschläge kamen näher. Internationale Kurgäste blieben nach dem Krieg weitgehend aus. Die Inflation forderte ihren Tribut. Der Hotelbetreiber zahlte 1923 eine Pacht von mehr als 34 Milliarden Mark an die Stadt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges quartierte sich eine Einheit der Wehrmacht ins Hotel ein, und der Turm diente zur Luftbeobachtung durch Flak-Soldaten. Wieder überstand das Neroberghotel den Krieg ohne einen einzigen Treffer. Aber andere Folgeschäden zeitigte die anschließende Beschlagnahme durch das US-Militär – der Bergpark wurde für die deutsche Bevölkerung zehn Jahre lang zum Sperrgebiet. Wie andere Luxushotels der Stadt diente es seit 1945 als Offizierskasino und zur Unterkunft für höhere Dienstgrade der amerikanischen Truppen. Frank Sinatra und andere internationale Künstler traten hier auf der Bühne des Hauses auf. Wiesbadener durften zwar nicht hinein, aber das Hotel war äußerlich noch so gut in Schuss, dass es als Kulisse der „Filmstadt Wiesbaden“ allemal taugte, so auch in Szenen des 1952 gedrehten Films „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ mit Magda und Romy Schneider.

Das Neroberghotel

Nachdem sich ein erstes Projekt 1865 zerschlagen hatte und ein Wettbewerb 1876 kein brauchbares Ergebnis brachte, entwarf Stadtbaurat Lemcke einen alpenländisch inspirierten Berggasthof, der 1881 eröffnet wurde. Diesen Ursprungsbau ergänzte Stadtbaumeister Israel in Erwartung steigender Besucherzahlen um den Turm und einen Saalbau. In Abstimmung mit den Pächtern Krell aus Berlin erfolgte ab 1897 der endgültige Ausbau durch Stadtbaumeister Felix Genzmer, der die Lücke zwischen Ursprungsbau und Turm schloss, den Saalbau umbaute und aufstockte und den nun umbauten Turm mit einem Aufbau mit Helm und zwei Umgängen versah. Seine große Zeit erlebte der „Luftkurort Neroberg“ unter dem Pächter Wilhelm Cruciger.

Der Hotelbetrieb wurde 1940 zunächst reduziert, 1944 völlig eingestellt. 1945 beschlagnahmten die Amerikaner den Bau und richteten ein Offizierskasino ein. Um den Betrieb 1957 wieder aufnahmen zu können, nahm die Stadt Wiesbaden Instandsetzungen vor und investierte bis 1964 1,5 Millionen D-Mark. 1965 verkaufte sie das Hotel, um es nach dem Konkurs des Käufers 1967 wieder zurückzukaufen. Nachdem 1965 bereits der Hotelbetrieb eingestellt worden war, endete 1971 auch der sommerliche Restaurationsbetrieb. Für vier Jahre wurde das Hotel an das Bundeskriminalamt vermietet. Ab 1975 nutzte das Musiklokal „Nero“ den Festsaal, in den Räumen probten Wiesbadener Musikgruppen. Angebliche Verstöße gegen die Auflagen führten zur Kündigung. Japaner, die eine fernöstliche Hotel- und Freizeitwelt schaffen wollten, gingen aus einem 1978 veranstalteten Investorenwettbewerb zunächst als Sieger hervor, danach plante ein Bauunternehmer die Umwandlung in ein Kongress- und Tagungshotel mit erheblichen Eingriffen in die Anlage und ihre Umgebung. Trotz Baugenehmigung kam der Umbau nicht in Gang; Vandalismus setzte ein. Während erste kleinere Brände noch gelöscht werden konnten, zerstörte ein Großbrand am 25. Mai 1996 den Ursprungsbau und ein weiterer Großbrand exakt drei Jahre später auch den Genzmerbau einschließlich des Turmaufsatzes. Die Überreste einschließlich der unbeschädigten Teile wurden zügig „entsorgt“ und das Plateau neu gestaltet.


Neuanfang und Ende des Hotelbetriebs

1956 gaben die Amerikaner das Hotel in äußerst schlechtem Zustand zurück. Sämtliches Mobiliar war beschädigt oder abhandengekommen. Von den 42.000 Stück Porzellangeschirr waren nur 28 Teller übriggeblieben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Besteck. Bis heute tauchen gelegentlich Stücke aus dem Neroberghotel in amerikanischen Erblässen auf und werden reuig von Angehörigen zurückgeschickt. Doch mit der Rückübertragung an die Stadt begann der endgültige Abstieg des Neroberghotels, denn des besonderen Erbes war man sich nicht mehr bewusst und unterstützte den neuen/alten Hotelier, den Sohn des ersten Pächters, kaum. Denkmalschutz war noch ein Fremdwort, so fiel den Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten einiger Fassaden- und Gebäudeteile der Fachwerkcharakter des Hotels weitgehend zum Opfer. Die Autarkie mit eigener Wäscherei und Metzgerei bei lediglich 120 Zimmern war lange vorbei. Der Hotelbetrieb wurde unrentabel und im Spätsommer 1965 eingestellt. In den nächsten fünf Jahren und nur während der Sommermonate war noch das Café-Restaurant in Betrieb. Wie Dietrich Oedekoven als damaliger Stadtkämmerer und Liegenschaftsdezernent noch erinnert, pachtete zunächst Carol Nachmann das Neroberghotel. Er hatte bereits nach dem Krieg als Konzessionär das Casino wieder aufgebaut. Musste aber hier nach kurzer Zeit passen. Von nun an gab es jährlich Wechsel der Betreiber, alle warfen nach einer Saison das Handtuch. Oedekoven, mittlerweile 90 Jahre alt, beklagt sich, „dass die Stadt es bis heute nicht geschafft hat, an einem der schönsten Aussichtspunkte des vorderen Taunus vor der eigenen Haustür etwas Gescheites hinzubekommen.

Zwischennutzungen von BKA bis „Nero“

Die Stadt fand noch immer keine Nutzungsidee, aber das stark im Ausbau befindliche Bundeskriminalamt (BKA) suchte dringend Räume zur Überbrückung während der Errichtung seines Neubaus und übernahm von 1970 bis 1974 das Neroberghotel. Riesige Funkantennen am Turm zeugten weithin sichtbar von dieser einzigen Nutzung durch eine deutsche Behörde. Dann begann das erste, aber nicht letzte Aufbäumen der Bürgerschaft und der Versuch, den Berg kulturell zurückzuerobern. Die legendäre Nutzung für Proberäume und Veranstaltungen als „Nero-Musikpalast“ begann 1975 und endete 1983. Diese Zeit verdient noch einen eigenen Artikel in einer Folgeausgabe und wir suchen noch Bildmaterial dazu (bitte an redaktion@lilienjournal.de)

Sämtliche Pläne, das Neroberghotel kulturell zu nutzen und weiterzuentwickeln, scheiterten in diesen Jahren an Desinteresse, Geld und in der Causa Neroberg stets uneinigen Stadtpolitik. So hatten sich über zehn Jahre hinweg bis zum Brand und Abbruch 1989 auch alle zwischenzeitlichen Überlegungen und Investorenangebote zerschlagen.

Nie schienen die Pläne überzeugend oder finanzierbar. Wie schon zu Beginn, nach einer internationalen Ausschreibung 1978: von 30 Bewerbungen blieben letztlich nur zwei Vorschläge übrig. Deren Ablehnung steht exemplarisch für das sensible Gesamtgebilde Neroberg und unterschiedliche Interessen in Politik und Bürgerschaft, was denn mit ihrem Hausberg zu geschehen habe.

Das „Japan-Projekt“

Besonderes Augenmerk verdient hierbei das politisch lange Zeit bevorzugte Konzept eines japanischen Investors, hier ein japanisches Kulturzentrum mit bis zu 300 Betten zu errichten. Das Hotel sollte um- und daran angebaut werden, vor allem aber wären entlang des Hanges zahlreiche kleinere Wohn- und Konferenzräume im japanischen Stil errichtet worden. Im Gegensatz dazu sah der zweite Gewinnerentwurf der Firma Berger und Partner einen moderaten Anbau Richtung Wald und die Nutzung als kleines Hotel mit 84 Betten vor, dafür aber mit vier Gastronomiebetrieben und groß angelegter Außenbewirtschaftung.

Im Archiv des Wiesbadener Kurier finden sich zahlreiche Artikel über den seit Ende 1978 erstarkenden Widerstand aus der Bevölkerung gegen den japanischen Entwurf, da er einen erheblichen Eingriff in den Baumbestand zur Folge gehabt hätte. Eine Bürgerinitiative „Rettet den Neroberg“ drohte mit der Ausschöpfung aller juristischen Mittel, um das Japan-Projekt zu verhindern, und übergab Ende März 1979 1.684 Unterschriften an die Verantwortlichen im Rathaus. Auszüge der damaligen Gutachten stehen exemplarisch für die Sensibilität des Nerobergs in naturschutzrechtlichen Belangen und sorgten schließlich für die Ablehnung des Entwurfs im Magistrat.

Maßvolle Bebauung angemahnt

Ein Artikel des Wiesbadener Kurier vom 7. März 1979 titelt:

Magistrat: „Wir lehnen das Japan-Projekt auf dem Neroberg ab“ – Knappe Mehrheit durch Oberbürgermeisterstimme / Das Gutachten der Landesanstalt für Umwelt gab den Ausschlag.

Oberbürgermeister damals war Rudi Schmitt, und auch Achim Exner, seinerzeit noch SPD-Fraktionschef, signalisierte die Bereitschaft, beide Entwürfe abzulehnen und das Hotel am Neroberg doch noch in städtischer Hand zu entwickeln. Das Japan-Projekt war damit im Grunde vom Tisch. So heißt es in Auszügen aus dem Umweltgutachten unter anderem: „Das Projekt stellt eine Veränderung der Gestalt und der Nutzung dieser Fläche von rund sechs Hektar dar. Dadurch wird möglicherweise die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts nachhaltig beeinträchtigt.“ (…) „Einig sind sich die Gutachter aber schon heute darin, dass der landschaftliche Wert der ökologischen Baumeinheiten als besonders hoch einzustufen ist. Aus der Sicht der Landschaftsplanung muß daher eine Zerstörung oder Beeinträchtigung dieser Räume durch landschaftsbeanspruchende Maßnahmen negativ beurteilt werden.“

Auch zur Verkehrserschließung, ein Dauerthema bis heute, äußern sich die Gutachter zurückhaltend bis ablehnend: „Es muß davon ausgegangen werden, dass durch zwangsläufig notwendige Folgemaßnahmen zusätzlich zu dem Flächenbedarf von sechs Hektar weitere Flächen im unmittelbaren und weiteren Neroberg-Bereich in Anspruch genommen werden.“ (…) „Bei Würdigung der Belange erheben sich berechtigte fachplanerische Zweifel, ob das Japan-Projekt mit den Vorgaben in Einklang zu bringen ist.“

Letztlich sorgte die Magistratsentscheidung für vollendete Tatsachen, auch wenn das Stadtparlament eine Entscheidung noch einige Zeit hinauszögerte und die Japaner im Mai 1979 eine Ultimatum stellten. Angebotene Alternativflächen im Aukammtal lehnten die Japaner ab. Nur für das „Nero“ als Musikclub war es ein Glücksfall. War doch zumindest dessen Betrieb vorläufig gerettet. Erst ab 1983 stand das Hotel dann völlig leer.


Das Planetarium und das Urproblem der Anbindung


In der Zwischenzeit kamen vor allem stadteigene Vorschläge – doch nie zum Tragen. Mal sollte es ein Schulungszentrum für Computerfachleute werden, mal eine Altenwohnanlage; Jörg Bourgett (SPD) setzte sich damals stark für ein Planetarium auf dem Neroberg ein und hilft uns ebenfalls die Erinnerung aufzufrischen. Er stellt gleich klar: Die Stadt muss mehr Mut für Investitionen haben und an dieser Stelle muss unbedingt das Opelbad mit einbezogen werden.

Jörg Bourgett folgte zu Beginn der 1980er Jahre auf Dietrich Oedekoven als Wirtschaftsdezernent. Für das Planetarium mit Besucherzentrum, nebst angeschlossenem Hotelbetrieb, nun als Neubau an Stelle des alten Neroberghotels geplant, gab es sogar einen Investor. Doch auch dieser Plan scheiterte. Vor allem an den wenigen möglichen Anbindungen über Kapellenstraße und Nerotal. Bourgett beklagt noch heute die Veränderungsangst der Wiesbadener, bekennt aber zugleich den Dreh- und Angelpunkt jeder Ausweitung der Attraktivität des Nerobergs:

„Ohne Lösung des Verkehrsproblems wird jedes noch so gute Konzept zum Scheitern verurteilt sein. Zusätzlicher Verkehr über die Kapellenstraße oder die russische Kirche ist weder sinnvoll noch durchsetzbar. Wenn man dort oben mehr Nutzung will, wäre es das Beste, man würde die Nerobergbahn in der Frequenz steigern und als wichtiges Mittel des Nahverkehrs begreifen.

Siechtum und mehrere Brände

Das gesamte Areal war nicht eingezäunt. Der Neroberg war auch abends und nachts wie eh und je Treffpunkt für harmlos feiernde Menschen und händchenhaltende Pärchen, mehr und mehr aber auch Treffpunkt der Drogenszene. Das Neroberghotel wurde weitgehend sich selbst überlassen. Am 25. Mai 1986 brannte es zum ersten Mal. Der älteste Flügel musste komplett abgerissen werden. Eine weitere Nutzung war unmöglich geworden. Weite Teile des Gebäudekomplexes standen unter Denkmalschutz, ein Wiederaufbau wäre nur als kaum finanzierbare Rekonstruktion möglich gewesen.

Genau drei Jahre später, am Fronleichnamstag 1989, leuchtete dann der ganze Neroberg hell auf. Der gesamte Komplex stand lichterloh in Flammen. Sogar auf den hölzernen Aussichtsturm griffen sie über und zerstörten ihn vollständig. Das gesamte Becken des Opelbades wurde von den Löschzügen leergepumpt, die Feuerwehr konnte aber nichts mehr retten. Nun waren die Schäden so stark, dass nur der Abriss blieb. Einzig der Turm blieb erhalten.

An Zufall glaubte keiner

Nach dem Großbrand mischten sich Fassungslosigkeit und Wut der Bürger mit der Verzweiflung vieler Musiker über den endgültigen Verlust wichtiger Proberäume und Spielstätten, die sie bis dahin in Teilen noch hatten. An einen Wiederaufbau oder eine Restaurierung war ja schon nach dem ersten Brand kaum zu denken. Nun aber waren Fakten geschaffen. Das von der Stadt lange Zeit ungeliebte Kind Neroberghotel war endgültig Geschichte, 108 Jahre nach Errichtung des ersten Flügels.

Dass die Bevölkerung über die wiederholte Brandstiftung „not amused“ war, griff Kurier-Redakteur Manfred Knispel 20 Jahre später, im Mai 2009, in einem Artikel mit dem Titel „An Zufall glaubte keiner“ auf. Darin hält er die unrühmlichen Versuche einer Wiederbelebung über Jahrzehnte fest und auch die in der Bevölkerung gefühlte Ohnmacht. Knispel schreibt:

Deshalb schien es so, als wäre für Wiesbadens Politik der Brand die beste aller Lösungen. Oberbürgermeister Achim Exner hatte bereits einen Tag nach dem ersten Brand „nur noch die Möglichkeit eines Abrisses“ gesehen. Mit dem zweiten Feuer waren zumindest die Bedenken der Denkmalschützer im wahrsten Sinne des Wortes gegenstandslos geworden.

Deswegen waren die Wiesbadener nicht nur traurig, sie waren auch zornig. Ein Tagblatt-Redakteur schrieb sich damals die eigene Wut von der Seele: „Diesmal allerdings ist die Frage nach der Verantwortung ,brand-heiß‘. Die Wiesbadener sind empört und wollen wissen: Wer ist an dem Neroberg-Desaster schuld? Die Antwort sollte Oberbürgermeister Achim Exner nicht lang hinauszögern.“

Doch diese Antwort steht bis heute aus. Brandstiftung sei es gewesen, heißt es, doch Täter gibt es keine. Und auch für den Neroberg gab es keine Lösung. Dort, wo einst das alte Restaurationsgebäude stand, ist heute eine öde „Erlebnismulde“. Und am Fuß des Turms ein kleines Café. Nichts erinnert auch nur ansatzweise an die einstige Pracht.“


Teil II auch unter eigenem Link mit Bild

Der Neroberg heute – und morgen?

Um den Gesamtkomplex zu erfassen, ist die Hintergrundgeschichte genauso wichtig wie der Status quo auf dem Neroberg, der sich so ja erst nach dem Vollbrand entwickelte. Wir trafen oder befragten für diesen Artikel alle derzeitigen und einige damaligen Akteure auf dem Neroberg sowie Denkmalschützer und Historiker; viele von ihnen sehen den Umgang der Stadt mit ihrem historischen Erbe kritisch.

Das lilienjournal verabredete sich Mitte Juni bei „Wagner im Turm“. Berthold Bubner, Hauptkonservator a. D., Architekt, Diplomingenieur und Regierungsbaumeister ist mittlerweile 80 Jahre alt; von 1976 bis 2003 war er Leiter der städtischen Denkmalschutzbehörde. Er wie auch der Bauhistoriker Dr. Martino La Torre kommen schnell zur Sache, wenn sie sich umblicken. Denn der einige Jahre nach dem Abriss des Hotels in die heutige Form gebrachte Neroberg hat nur noch wenig von seinen historischen Bezügen behalten. Insbesondere die Erhöhung des Plateaus rund um den Monopteros widerspricht ihrer Meinung nach nicht der historischen Bautradition. Aber auch die Erlebnismulde am eigentlich besten Aussichtspunkt der Stadt wird von ihnen als ungelöst betrachtet, so Dr. Martino La Torre:

„Der Neroberg scheint seit Jahrzehnten immer mal wieder ein ergebnisoffener Workshop der Stadt Wiesbaden zu sein. Für die weitere Nutzung des Hotels fanden die Verantwortlichen seinerzeit keine Lösung. So hat das Hotel zweimal brennen müssen, bis es „endlich weg“ konnte. An der prominentesten Aussichtsstelle der Stadt, an deren höchsten Punkt, entstand, anstelle des Hotels, ein monumentales Loch (die sog. Erlebnismulde), das der Funktion als Aussichtspunkt des Wiesbadener Hausberges diametral entgegensteht. Neben dem Turmfragment erinnern lediglich die Kanalanschlüsse ganz unten im Loch und die wegen der früheren Keller teils abgesackten Quader am oberen Rand der Mulde an den Hotelbau.“

Kastrierter Monopteros und Genius loci ohne Geist

Berthold Bubner erinnert sich, dass gewisse Herren nach den Bränden relativ schnell die Reste entsorgen ließen. Um sich dann wenige Jahre später, auch unwissentlich, über jeden Denkmalschutz hinwegzusetzen. Die Stadt zeigte schon nach dem Ende des Hotelbetriebes kein wirkliches Interesse daran und warf Wiesbadener Kultur- und Bädertradition teils über Bord, weil kein Sinn dafür da war, so Bubner. Man versuchte sich von allem zu lösen, was Geld kostete, verkaufte oder vernachlässigte Kulturgut. Er sieht das Ergebnis mit der Mulde ähnlich wie Dr. La Torre, ihn ärgert aber vor allem die Erhöhung des Niveaus rund um den Monopteros, die vor rund 25 Jahren unter Stadtentwicklungsdezernent Thomas Dilger (FDP) umgesetzt wurde und den kleinen Tempel seiner eigentlichen Bestimmung beraubte. Letztlich ein unbeabsichtigter Planungsfehler, der erst hinterher bemerkt wurde.

Bubner: „Er stand immer erhaben, musste über mehrere Stufen erklommen werden. In der Gartenbaugeschichte sind solche Monopteroi immer ein wenig erhöht. Ziel war stets, eine erhabene Situation zu erschaffen, man musste eine Lebenssituation verlassen, um sich in eine andere zu begeben. Mit dem Plateauumbau 1993/94 hatte er fast seinen gesamten Stufenbau verloren und wurde damit seiner wahren Bestimmung beraubt.“

Diese Kritik ist nicht neu, und die Planer mussten ihre Fehler eingestehen. Geld zur Beseitigung dessen erbat Dilger dann aber vom zuvor kaum angehörten Amt für Denkmalpflege, was nun wirklich nicht deren Problem war. Es blieb, wie es ist. Bis heute. Konsequenzen hatte es keine, außer den immer weiter fortschreitenden Verlust des „genius loci“.

Der „Geist des Ortes“ war ja schon durch den Verlust des Hotels kaum noch erkennbar. In Architektur und Stadtplanung sollte der Genius loci entwurfsbestimmend sein. Die Definition der Lage eines Grundstücks und seiner Einbettung in ihrer Umgebung gewinnt seinen Wert nicht alleine daraus und aus seinen Nutzungsmöglichkeiten. Auch die Atmosphäre und Aura eines Platzes und im Kontext des Nerobergs auch dessen historische Bebauung und Bedeutung sind Teil des Gesamtkonstrukts, das den Geist eines Ortes formt. Beim Neroberg wollte man nach dem Abriss der Hotelreste eine schnelle, kleine Lösung. Die Stadt schrieb einen Wettbewerb aus für eine gastronomische Nutzung des Turms und verfolgte selbst die Neugestaltung des umgebenden Areals. Dies führt zu bis heute komplexen Zuständigkeiten und Besitzverhältnissen. Eine historische Gesamtbetrachtung nebst Vision blieb aus. Dr. Martino La Torre fand den schönen Begriff der „kontextlosen Geländemodellierung“ für diese Notlösung mit hohen Kollateralschäden.

Die Erlebnismulde als Provisorium

Hildebert de la Chevallerie war von 1970 bis 1998 Leiter des Wiesbadener Grünflächenamtes und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Auf Anfrage des lilienjournals erläutert er, wie es zum Status quo kam und wie er es heute sieht:

„Der Hausberg verdient nicht nur eine Erörterung, sondern eine Wiedererweckung. Ein schickes Restaurant wäre hier vorstellbar, mit den alten historischen Blickbeziehungen und weitläufigen Außenterrassen für eine Außenbewirtschaftung. Doch sollte man hier nicht im historischen Stil bauen, auch nicht mit dem Versuch einer Rekonstruktion des alten Neroberghotels. Die damalige Wiederbelebung des Cafés in den 1970er bis 1980er Jahren war ja auch deswegen schwierig, weil die alten Funktionsbauten, Küche zum Beispiel, nicht dem Ablauf eines modernen Cafés entsprachen. Also: ein tolles Cafe wäre der historischen Bedeutung des Hausbergs und dem auch heutigen Besucherstrom angemessen und wünschenswert. Man sollte modern gestalten, hierfür einen Wettbewerb ausschreiben.

Zur Situation nach dem Abbruch: Nur der Turm blieb erhalten, er müsste wieder als Aussichtsturm dienen. Das Hochbauamt entwarf damals den kleinen, bescheidenen Café-Anbau. Ein städtebauliches Provisorium, aber nur das war mit den damaligen Geldmitteln machbar. Es war damals sehr schwer, einen Gastronomen zur Bewirtschaftung zu finden, der Neroberg war ein ,krimineller Ort‘ mit ständigen Zerstörungen. Nur Herr Wagner vom Opelbad-Restaurant hatte den Mut, hier zu starten.

Die Mulde wurde, im Auftrag des Gartenamtes, von den Wiesbadener Landschaftsarchitekten Gero Marten und Porlein gestaltet. Es gab eine lange Diskussion, mit dem Ortsbeirat, mit dem Naturschutz. Ursprünglich sollte es keine Mulde werden, sondern ein Amphitheater mit dem Monopteros als Blick- und Mittelpunkt, der gleichzeitig als Bühne fungieren sollte. Das wäre sehr sinnvoll und von der Funktion überzeugender als heute gewesen. Aber es kam anders. Im Ortsbeirat hatte man die Befürchtung, dass der Lärmkegel bei Veranstaltungen hangabwärts die Talbebauung stören würde. Das wäre auch so, bei entsprechender Windrichtung hört man auch heute zum Beispiel die Lautsprecherdurchsagen des Opelbades.

So musste umgeplant werden. Statt eines Amphitheaters entstand die Erlebnismulde in Form einer Spirale. Sie ist zwar ein ,Loch‘, da hat Dr. La Torre recht, und entspricht in keiner Weise dem historischen Anspruch des Hausbergs. Doch damals war nicht mehr drin, und in sich funktionierte die Spirale, sie wird automatisch von Kindern gut angenommen, die hier den Verlauf erkunden, und auch Erwachsene nehmen hier gerne ihr Picknick ein. Man sitzt hier schön, und es kostet nichts. Doch, um es noch einmal zu sagen, auch die sogenannte Erlebnismulde ist ein Provisorium, und es ist gut vorstellbar, im Rahmen einer Neuorientierung entsprechende Sitzterrassen im Monopterosbereich anzubieten.

Wagner im Turm und Erlebnismulde

Stephan Wagner, Juniorchef der Wagnergastronomie im Opelbad, der das Café im Turm verantwortet und damals nach den Entwürfen der Stadt baute, kommt in unsere Runde hinzu. Und weiß als Gastronom in Doppelfunktion einiges zu erzählen. Einen internen Architekturwettbewerb der Stadt gewann 1991 ein Entwurf des Hochbauamtes, wie er jetzt, zumindest äußerlich, auch steht. An seiner Ausschreibung beteiligten sich nach Wagners Erinnerung nur drei oder vier Betriebe. Es bestand ein hohes Risiko angesichts des abgelegenen Orts, der zu dieser Zeit gerade nachts alles andere als sicher war. Wagner beteiligte sich auch nur deshalb, weil die Anbindung zum Opelbad bereits vorhanden war. Vorteile beim Personaleinsatz seiner nahegelegenen Betriebe bringt das aber nicht, denn die Wetterlage macht den Neroberg entweder proppenvoll oder gleichmäßig leer. Kalkulierbar ist das kaum. Wagner beteiligte sich zusammen mit seiner Brauerei, Binding, heute Radeberger, an der Ausschreibung. Und erhielt sogar die einstimmige Bewilligung im Stadtparlament.

Schon damals stand der Neroberg in politischer Verantwortung verschiedener Parteien. Grünflächen, Stadtwald, Bauaufsicht wie Denkmalschutz, Zuwegungen und Verkehrswege wurden in verschiedenen Dezernaten geführt. Wenn auch in neu gemischten politischen Karten ist dies unverändert der Fall. 1992 fing Wagner an, zu bauen, und es dauerte letztlich gut zwei Jahre, bis er 1994 eröffnen konnte. Der Grundentwurf war von Anfang an zu klein dimensioniert, und eine Erweiterung wenigstens um Keller erforderlich. Die wurden zwar bewilligt, doch während des Bauens stellte sich heraus, dass hier Bunker waren. Diese Luftschutzbunker mussten teilweise erst gesprengt werden. Auch die Wasser-, Strom- und Gasleitungen waren komplett marode und mussten erst vom Opelbad neu verlegt werden. Letztlich verdoppelten sich die Kosten auf zwei Millionen D-Mark, von denen sich die Stadt lediglich mit 80.000 D-Mark beteiligte, so Stephan Wagner. In dieser Zeit entstand auch die Erlebnismulde. Auf städtische Kosten.

Schwierige Bedingungen und dunkles Pflaster

Ein großes Problem war gerade in der Anfangszeit, dass manche Gäste des Turms abends von Halbstarken auf dem Neroberg angepöbelt wurden. Auch auf dem Fußweg talabwärts. Wagner junior erinnert sich an eine legendäre Aktion des damaligen OBs Achim Exner, der mit Wagen am Tempel vorfuhr, sich mitten in die Menge der Feiernden stellte, aufs Autodach stieg und sagte: „Macht mal den Kofferraum auf“. Darin fanden sich zwei Kästen Bier, die er ausgab, und er fragte: „Was ist euer Problem? Wir finden einen Platz für euch.“ Nach Wagners Erinnerung hat das auch kurz funktioniert, dann wurde es doch immer schlimmer. Es war die Zeit der Hausbesetzer in Frankfurt, die Stadt hatte die Nase voll von „Sodom und Gomorra“ auf dem Neroberg und ließ überörtliche Amtshilfe organisieren. Mehrfach kamen Sondereinheiten aus Frankfurt, die aus dem Wald stürmten, um zwei Monate lang die harmlos Feiernden wie auch Dealer zu überraschen. Verdächtige wurden mitgenommen, Kabelbinder, Feststellung der Personalien in der Stadt, das volle Programm. Danach war Ruhe, zumindest das Drogenproblem wurde an dieser Stelle gelöst.

Attraktiver gestalten und doch wieder bremsen

„Einerseits sollte alles attraktiver werden, um mehr Gäste anzuziehen. Ein paar Jahre später hieß es dann wieder, wir sollten bremsen, der Neroberg sei überbevölkert“, erinnert sich Wagner an widersprüchliche Signale aus Politik und Verwaltung. 2006 kam der Kletterwald hinzu, der kürzlich deutlich erweitert wurde. Das Hauptproblem ist der Parkraum in den Stoßzeiten oder bei Veranstaltungen wie dem Impro-Sommer oder Opelbadfesten. Es reicht vor allem im Sommer hinten und vorne nicht mehr. Bei gutem Wetter ist der Neroberg brechend voll, und wenn das Opelbad, der Turm und der Kletterwald zeitgleich boomen, hat kein größeres Rettungsfahrzeug oder die Feuerwehr eine Chance, durchzukommen.

Frederik Malsy, Chef des Impro-Theaters „Für Garderobe keine Haftung“ und des Impro-Sommers auf dem Neroberg:

„Die Mulde auf dem Neroberg ist eine einzigartige Spielstätte, sie besitzt einen unvergleichlichen Charme und hat ein Flair, das seinesgleichen sucht. Natürlich ist eine Veranstaltungsreihe dieser Größenordnung immer mit Herausforderungen verbunden, und gerade die Situation auf dem Neroberg erfordert kreative Lösungen. Die An- und Abfahrtssituation sowie die Parkmöglichkeiten sind unbefriedigend, die fehlenden sanitären Anlagen erhöhen die Kosten für jeden Veranstalter. Die Infrastruktur insgesamt ist völlig unzureichend. Dennoch: Das Wiesbadener Publikum hat die Mulde für den Impro-Sommer in sein Herz geschlossen. In nunmehr 15 Jahren gab es keine einzige Beschwerde aufgrund der Lautstärke, keinen einzigen Vorfall von Verschmutzung und keine Beeinträchtigungen der Anwohner. Das macht uns umso stolzer, als dass seit 2004 mittlerweile rund 150.000 Menschen zu Gast beim Impro-Sommer waren. Eine Verbesserung der Infrastruktur auf dem Neroberg begrüßen wir sehr, eine Verschlechterung, zum Beispiel durch den Wegfall von Platzkapazitäten oder weiter verschärften Auflagen der Nutzung würden wir und sicher auch unser treues Publikum sehr bedauern.“

Fehlende Infrastruktur und Anbindung

Der starke Zulauf von Gästen in diesen Stoßzeiten führt neben der verkehrlichen Erschließung zum zweiten großen Problem für alle Akteure. Es gibt kaum öffentliche Toiletten. An der Talstation der Nerobergbahn wurde zwar etwas Abhilfe geschaffen. Doch der Kletterwald behilft sich nach wie vor mit mobilen Toiletten, das Opelbad ist nur gegen Eintritt erreichbar. Thorsten Held als Geschäftsführer des Kletterparks am Neroberg beklagt ebenfalls die Engpässe an gut frequentierten Tagen: „Ein Dauerthema sind die mangelnden öffentlichen Toiletten. Seit zehn Jahren sind wir hier um eine bessere Lösung mit der Stadt und den zuständigen Ämtern bemüht.“

Thorsten Held, Geschäftsführer der Weitblick Naturerlebnis GmbH als Betreiber des Kletterwaldes:

„2005 haben wir nach einem guten Standort für einen Kletterwald im Rhein-Main-Gebiet gesucht. Auf dem Neroberg haben wir diesen Platz gefunden. Mit der bestehenden Infrastruktur, den anderen Ausflugszielen und dem außergewöhnlichen Baumbestand ist es für uns ein perfekter Ort. Wir sehen auf dem Neroberg die unterschiedlichsten Besuchergruppen – Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker, Familien, Kindergärten, Schulklassen. Ebenso unterschiedlich sind die Anlässe – Familienausflug, Wandertag, der tägliche Spaziergang (mit und ohne Hund), Training, Erholung, Kultur, et cetera. Da wir auch eine sehr breite Zielgruppe haben, passt das prima. Der Neroberg ist mit seinen Attraktivitäten einfach ein einzigartiges Ausflugsziel im Rhein-Main-Gebiet. Das spiegelt sich auch in unseren Erhebungen zur Herkunft unserer Besucher, die aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, Rheinhessen und auch aus dem Frankfurter Raum kommen. Seit 2006 wurde der Kletterwald ständig weiterentwickelt und ausgebaut. Im Jahr besuchen uns circa 60.000 Gäste. Der Neroberg zeigt sich aber auch mit sehr unterschiedlichen Gesichtern. Manchmal sehr ruhig, wochentags und in der kalten Jahreszeit, und manchmal auch trubelig, wenn das Wetter passt oder Veranstaltungen stattfinden.“


Schwierigkeiten macht auch die Beleuchtung. Vor einigen Jahren wollte die Stadt Strom sparen und schaltete den größten Teil der Straßenbeleuchtung ab 22 Uhr ab, obwohl Wagner nach eigener Aussage angeboten hatte, die Mehrkosten von circa 1.200 Euro im Jahr zu übernehmen. Im Bereich des Opelbades behilft man sich seitdem mit der Ausrichtung von Strahlern weit in die Parkplätze hinein. Doch die bereits ab 22 Uhr reduzierte Straßenbeleuchtung wird um 24 Uhr ganz abgeschaltet. Wagner zur Grundproblematik:

„Ideen sind viele da, aber die Infrastruktur fehlt. Sie wurde in allem vernachlässigt. Es gibt keine Busanbindung. Im Winter ist der Neroberg abgeschnitten. Es wird nicht gestreut, es wird nicht gekehrt, es wird sich nicht darum gekümmert. Das heißt, wenn die Nerobergbahn zumacht, wenn Opelbad und Kletterwald schließen, ist er nicht erreichbar, und wir müssen die Gastronomie am Turm von November bis März dichtmachen. Was wir anfänglich nicht wollten. Im Winter lohnt sich eine Bewirtung des Turms nicht, und im Sommer erstickt der Neroberg im Verkehr, während es für ältere Besucher ohne eigenes Auto kaum möglich ist, überhaupt zum Opelbad zu gelangen.“

Die ebenfalls zu unserer Runde am Turm hinzugestoßene Betriebsleiterin der Nerobergbahn, Sabine Füll, kennt die Problematik gut. Die Nerobergbahn wird zu 80 Prozent von Touristen genutzt, ähnlich wie auch der Turm selbst. Wiesbaden Marketing und Eswe Verkehr präsentieren „Wiesbadens schrägstes Wahrzeichen“ wieder vermehrt auch auf Touristikmessen, was auch dem Einsatz von Sabine Füll zu verdanken ist. Die Nerobergbahn als Transportmittel wird jedoch seit einigen Jahren nicht mehr als Teil des öffentlichen Personennahverkehrs gesehen. Seitdem gibt es keine oder nur noch stark reduzierte Vergünstigungen für Tickets für Behinderte oder Schulklassen. Das verärgerte viele Menschen und trifft auch einige Stammgäste im Turm. Es war letztlich eine politische Entscheidung des Aufsichtsrates, im Grunde könnte die Nerobergbahn durchaus häufiger und länger fahren. Aber die Betriebskosten sind hoch, und auch wenn der Verschleiß der Bahn gering ist: Ersatzsteile müssen nach Maß und individuell angefertigt werden.

Auf Nachfrage bestätigt Sabine Füll, dass bei den immer milderen Wintern auch ein längerer Betrieb vorstellbar wäre. Theoretisch könnte man mit einer nachgerüsteten Heizung an den Ventilen auch bei leichten Minusgraden fahren. Stephan Wagner würde sich schon freuen, wenn die Buslinie 8 wenigstens gelegentlich bis zum Opelbad oder gar Turm weiterfahren würde. So könnte sich die Situation entspannen, sind es vom Tränkweg doch nur noch ein paar hundert Meter, meint Wagner. Einen Parallelbetrieb zur Nerobergbahn sieht wiederum Sabine Füll kritisch. Eswe Verkehr würde sich ja selbst das Geschäft wegnehmen. Man sieht schon hieran, dass die Akteure des Neroberges zwar weitgehend das gleiche Ziel haben – ein attraktives Tourismusziel und einen gut angebundenen Hausberg – jedoch auf dem Weg dahin mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert werden. Und eigenen Interessen. Ein Zwiespalt im Verhältnis Nerobergbahn-Turm-Opelbad wird offensichtlich: Stephan Wagner wäre schon froh, wenn nahe dem Turm und am Opelbad wirkliche Behindertenparkplätze errichtet würden. Wenn alles zugeparkt ist, wird es schwierig, ältere Gäste zu empfangen. Von der Nerobergbahn zum Opelbad ist der Weg für diese zu beschwerlich. Und wenn sie aximal bis acht Uhr abends fährt, nötigt dies auch andere zur Nutzung eines eigenen Autos oder Taxis.

Stadtwald und Verkehrssicherheit

Die Verkehrssicherheit mitten im Wald bringt uns zu weiteren Teilhabern am Gesamtgeschehen: Die Erlebnismulde steht im Besitz des Grünflächenamtes, betreut wird sie auch vom Kulturamt. Für den umliegenden Stadtwald, eingebettet in den Naturpark Rhein-Taunus, ist das Wiesbadener Forstamt zuständig. Die zuständige Abteilungsleiterin im Grünflächenamt, Sabine Rippelbeck, sieht den Neroberg derzeit ebenfalls an seinen Kapazitätsgrenzen und jede Erweiterung kritisch. Wegen seiner Besonderheit in Lage wie Kulturgut wird er auch nicht als Wirtschaftswald gepflegt, sondern in besonderer Verantwortung gehegt. Dies ermöglichte auch die Etablierung eines Kletterwaldes in gewachsenem Eichen- und Buchenbestand. Im gesamten Bereich des Nerobergs, auch entlang des Naturerlebnispfades, wird wirklich nur geschnitten oder gefällt, wenn es unumgänglich ist. Das ist zwar im Sinne des Naturschutzes sinnvoll und richtig, bereitet aber auch gelegentlich der Nerobergbahn Probleme, wenn zum Beispiel ein außerhalb der Strecke stehender Baum droht, auf die Gleise zu fallen. Hier dürfen die Mitarbeiter nicht selbst Hand anlegen.

Dass die Natur sich jeden freien Raum sehr schnell zurückerobert, sieht man auch an den erst vor zwei Jahren per Rückschnitt geschaffenen Sichtbeziehungen zur Russischen Kapelle. Sabine Füll merkt an: „Es wächst schneller zu, als man schauen kann.“ Und Dr. Martino La Torre bringt das ganze Drama auf den Punkt: „Wenn man sie (die Sichtbeziehungen) nicht unterhält, kommt irgendwann der große Knall. Es muss einen Wartungsplan geben für den Neroberg, wie auch jede bedeutende Grünfläche längst ein Parkpflegewerk hat. Hier wäre es einer, der sagt: Alle fünf Jahre muss die Schneise freigeschnitten werden. Es müssen regelmäßig die Sichtbezüge geprüft werden. Wie auch jedes hessische Forstamt jährlich die Verkehrssicherheit der Bäume entlang der Wege prüfen muss.“ Unisono stellt man unter Denkmalschützern auch fest, das hinter der Griechischen Kapelle einst dunkle Tannen gepflanzt wurden, um einen besonders starken Kontrast zu den goldenen Kuppeln der russischen Kirche zu setzen. Hier hätte längst nachgepflanzt werden müssen. Doch dieser Teil des Waldes gehört der russisch-orthodoxen Gemeinde, einem weiteren Akteur.

Berthold Bubner: „Mit großem Schmerz und großer Trauer nehme ich wahr, dass die Stadt an sich selbst kein Interesse hat. Höchstens ein Merkantiles. Sie hat letztlich kein inneres Interesse an ihrer Vergangenheit. Es gibt zwar viele freundliche Geister, die sich darum bemühen, aber die Präsentation eigenen historischen Erbes scheitert ja bereits bei der Planung eines Stadtmuseums.“


Hildebert de la Chevallerie merkt hierzu ein altes Problem an: „Das Freischneiden der Sichtachse auf die Kirche hat damals schon lange Kämpfe mit Forst und Naturschutz gekostet. Ein regelmäßiger Freischnitt ist erforderlich. Es gibt aber noch eine andere Sichtachse, den Blick vom Monopteros über die Opelbadwiesen auf die Stadt. Dieser Blick war zugewachsen. Durch eine Vertiefung der Umzäunung, der Zaun wurde in einen Graben verlegt, entstand wieder eine „grüner Blickachse“ über die Rasenflächen des Hanges am Monopteros und des Opelbades. Man nannte dieses Verfahren in der Gartenkunst das Anlegen eines „Aha Grabens“. In englischen Landschaftsgärten sehr üblich, um das weidende Vieh am Betreten des Parks zu hindern und um einen weiten Blick in die Landschaft zu ermöglichen (hier auf die Stadt). „Aha“ deswegen, weil der Besucher, stand er plötzlich vor solch einem Graben, erstaunt „Aha“ ausrief. Dies Blickachse muss also auch regelmäßig gestutzt werden“

Perspektive Neuausrichtung und -bebauung

Bereits 2012 wurde dem Magistrat vom Planungsausschuss der Auftrag erteilt, sich der Neuordnung des Areals zu widmen. Ein Entwicklungskonzept wurde von der WIM (Wiesbadener Immobilienmanagement GmbH) in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wurde nicht bekannt, wohl auch, weil es dem Oberbürgermeister nicht gefiel, wie es in einem Artikel von Jürgen Hauzel im Wiesbadener Kurier 2015 öffentlich wurde. Der WIM Liegenschaftsfonds (als Tochter der WIM unter der Mutter der „Wiesbaden Holding“ WVV) wurde beauftragt, nun zunächst die Flächen zusammenzuführen. Denn dem stadteigenen Fonds gehören vor allem besonders historisch wertvolle Immobilien wie die Walkmühle, die Lohmühle, das Pariser Hoftheater und eben auch der verbliebene Turm auf dem Neroberg. Wie Erik Schaab als Geschäftsführer bestätigt, sind die langjährigen Verhandlungen zum Rückerwerb der Erlebnismulde vom Grünflächenamt so gut wie abgeschlossen. Doch wie es weitergeht, was daraus einmal werden soll, ob Erlebnis-Areal oder großflächige Gastronomiebebauung, wie es damals hieß, scheint noch völlig offen.

Die WIM präferierte offensichtlich eine Variante, nach der die Erlebnismulde zugeschüttet wird, um darüber einen modernen Neubau zu errichten. Gewollt und auch durchaus von Denkmalschützern gewünscht wäre eine große Terrasse in Ahnlehnung an jene des Neroberghotels, von der aus wieder ein Blick über den Monopterus auf die Stadt möglich würde. Ob und wie der Turm in eine Neubebauung eingebunden wird und ob er wieder als Aussichtturm genutzt werden kann, alles „eine Frage der technischen Möglichkeiten und der Finanzierbarkeit“.

Oberbürgermeister Sven Gerich konstatierte schon damals: „Meine Billigung findet eine weitgehende Einschränkung des Nerobergs für die öffentliche Nutzung jedenfalls nicht. Und deswegen hat der WIM-Aufsichtsrat das vorgelegte Konzept auch hinterfragt und darum gebeten, einen Stehgreif-Wettbewerb auszuschreiben, um eventuell noch andere Nutzungsideen zu erhalten.“ Davon hört man jedoch seitdem nichts öffentlich. Es scheint eher so, als würde das sensible Thema Neroberg bis wenigstens nach den Direktwahlen zum Oberbürgermeister Anfang 2019 zurückgestellt. Aber dass sich dort oben etwas tut, scheint allseits gewünscht, und es bleibt zu hoffen, dass aus den vielfältigen Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Bevor sich der Himmel über dem Neroberg wieder verfinstert …

Oberbürgermeister Sven Gerich:

„Für den Neroberg wünsche ich mir eine attraktive Neugestaltung, in der vor allem Familien mit Kindern und Erholungssuchende auf ihre Kosten kommen. Dazu gehört für mich eine moderne und für Familien bezahlbare Gastronomie, ausreichend Toiletten (auch für den Kletterwald), eine Neuordnung des Parkplatzchaos und der Erhalt der Liegewiese.“


KOMMENTAR
Von Mario Bohrmann

Es ist derzeit für alle Beteiligten ein Teufelskreis. Bevor nicht klarer ist was hier draus wird, will die Stadt kein Geld in die Infrastruktur stecken und als Pächter des Turms fühlt man sich alleine gelassen. Unternimmt vielleicht auch selbst zu wenig, was bei unsicherer Zukunft verständlich ist. Dabei ist das Potenzial des Nerobergs so gewaltig. Wenn die Leute nur wieder mehr laufen oder Rad fahren würden und nicht mit dem eigenen Auto kommen müssten. Oder wenn es eine verlängerte Buslinie 8 geben würde, oder die Nerobergbahn öfter fahren würde.

Unser Hausberg muss auch für uns wieder eine Reise wert werden. Nicht nur für Touristen, die auch gerne den Besuch der Rheingauer Weinwoche damit kombinieren. Eine gut befreundete Mitarbeiterin im Service von „Wagner im Turm“ trifft beruflich wie privat auf viele amerikanische Gäste. Hier oder in der „Ur´s Sports Bar“ neben dem Caligari. Ein Standardsatz vieler Begegnungen könnte lauten: „The wine-thing, the festival of wine – this ist the week, to come back for vacation“ Zugleich sagt sie: „An Touristen mangelt es nicht, aber wo sind die Wiesbadener? Wir haben 80 Prozent Feriengäste, 20 Prozent Wiesbadener, davon 5 Prozent Stammgäste. Die Wiesbadener picknicken eher in der Mulde oder auf der Wiese, machen Heiratsanträge im Monopterus, und das wars. Es ist für sie allgemein zu unattraktiv, um regelmäßiger zu kommen. Touristen sind da noch leichter zu begeistern. Mit Lage und Blick und der Nerobergbahn.“

Fakt ist, es tut sich was.

Wohlwollend geplant könnte man die extra aus dem Schwarzwald herangekarrten Steinblöcke aus der Mulde zunächst an ihren neuen Platz versetzen, um dem Improtheater unterbrechnungsfreies Spieldasein jeden Sommer zu ermöglichen, während zugleich dahinter etwas Neues entsteht. Etwas, womit die Wiesbadener weitgehend d´accord gehen. Es sollte etwas „Großes“ werden, aber nichts Großes sein. Fasst man die gesammelten Hintergründe und Erfahrungen zusammen, sollten elegante Bezüge zum Turm hergestellt werden und das oder die Gebäude sollten als Restaurant und Café ganzjährig nutzbar sein. Zugleich muss der Landschaftscharakter und öffentliche Zugang erhalten bleiben, für den Wanderer wie den kindlichen Erkunder des Naturpfades oder Besucher des Waldseilgartens. Denkmalschutz, Naturschutz, Umweltschutz, wirtschaftliche Interessen städtischer Gesellschaften und der Verkehrsbetriebe müssen unter einen Hut gebracht werden. Eine Quadratur des Kreises, die aber lösbar erscheint. Denn wohin ich auch kam, mit wem ich auch sprach, und es waren ein paar dutzend Menschen in den letzten Monaten – sie alle lieben ihren Neroberg und scheinen dem richtigen Konzept nicht im Wege stehen zu wollen. Wenn es sich zeigt. Im Gegenteil …