Der Neroberg heute – und morgen?

Um den Gesamtkomplex zu erfassen, ist die Hintergrundgeschichte genauso wichtig wie der Status quo auf dem Neroberg, der sich so ja erst nach dem Vollbrand entwickelte. Wir trafen oder befragten für diesen Artikel alle derzeitigen und einige damaligen Akteure auf dem Neroberg sowie Denkmalschützer und Historiker; viele von ihnen sehen den Umgang der Stadt mit ihrem historischen Erbe kritisch.

Das lilienjournal verabredete sich Mitte Juni bei „Wagner im Turm“. Berthold Bubner, Hauptkonservator a. D., Architekt, Diplomingenieur und Regierungsbaumeister ist mittlerweile 80 Jahre alt; von 1976 bis 2003 war er Leiter der städtischen Denkmalschutzbehörde. Er wie auch der Bauhistoriker Dr. Martino La Torre kommen schnell zur Sache, wenn sie sich umblicken. Denn der einige Jahre nach dem Abriss des Hotels in die heutige Form gebrachte Neroberg hat nur noch wenig von seinen historischen Bezügen behalten. Insbesondere die Erhöhung des Plateaus rund um den Monopteros widerspricht ihrer Meinung nach nicht der historischen Bautradition. Aber auch die Erlebnismulde am eigentlich besten Aussichtspunkt der Stadt wird von ihnen als ungelöst betrachtet, so Dr. Martino La Torre:

„Der Neroberg scheint seit Jahrzehnten immer mal wieder ein ergebnisoffener Workshop der Stadt Wiesbaden zu sein. Für die weitere Nutzung des Hotels fanden die Verantwortlichen seinerzeit keine Lösung. So hat das Hotel zweimal brennen müssen, bis es „endlich weg“ konnte. An der prominentesten Aussichtsstelle der Stadt, an deren höchsten Punkt, entstand, anstelle des Hotels, ein monumentales Loch (die sog. Erlebnismulde), das der Funktion als Aussichtspunkt des Wiesbadener Hausberges diametral entgegensteht. Neben dem Turmfragment erinnern lediglich die Kanalanschlüsse ganz unten im Loch und die wegen der früheren Keller teils abgesackten Quader am oberen Rand der Mulde an den Hotelbau.“

Kastrierter Monopteros und Genius loci ohne Geist

Berthold Bubner erinnert sich, dass gewisse Herren nach den Bränden relativ schnell die Reste entsorgen ließen. Um sich dann wenige Jahre später, auch unwissentlich, über jeden Denkmalschutz hinwegzusetzen. Die Stadt zeigte schon nach dem Ende des Hotelbetriebes kein wirkliches Interesse daran und warf Wiesbadener Kultur- und Bädertradition teils über Bord, weil kein Sinn dafür da war, so Bubner. Man versuchte sich von allem zu lösen, was Geld kostete, verkaufte oder vernachlässigte Kulturgut. Er sieht das Ergebnis mit der Mulde ähnlich wie Dr. La Torre, ihn ärgert aber vor allem die Erhöhung des Niveaus rund um den Monopteros, die vor rund 25 Jahren unter Stadtentwicklungsdezernent Thomas Dilger (FDP) umgesetzt wurde und den kleinen Tempel seiner eigentlichen Bestimmung beraubte. Letztlich ein unbeabsichtigter Planungsfehler, der erst hinterher bemerkt wurde.

Bubner: „Er stand immer erhaben, musste über mehrere Stufen erklommen werden. In der Gartenbaugeschichte sind solche Monopteroi immer ein wenig erhöht. Ziel war stets, eine erhabene Situation zu erschaffen, man musste eine Lebenssituation verlassen, um sich in eine andere zu begeben. Mit dem Plateauumbau 1993/94 hatte er fast seinen gesamten Stufenbau verloren und wurde damit seiner wahren Bestimmung beraubt.“

Diese Kritik ist nicht neu, und die Planer mussten ihre Fehler eingestehen. Geld zur Beseitigung dessen erbat Dilger dann aber vom zuvor kaum angehörten Amt für Denkmalpflege, was nun wirklich nicht deren Problem war. Es blieb, wie es ist. Bis heute. Konsequenzen hatte es keine, außer den immer weiter fortschreitenden Verlust des „genius loci“.

Der „Geist des Ortes“ war ja schon durch den Verlust des Hotels kaum noch erkennbar. In Architektur und Stadtplanung sollte der Genius loci entwurfsbestimmend sein. Die Definition der Lage eines Grundstücks und seiner Einbettung in ihrer Umgebung gewinnt seinen Wert nicht alleine daraus und aus seinen Nutzungsmöglichkeiten. Auch die Atmosphäre und Aura eines Platzes und im Kontext des Nerobergs auch dessen historische Bebauung und Bedeutung sind Teil des Gesamtkonstrukts, das den Geist eines Ortes formt. Beim Neroberg wollte man nach dem Abriss der Hotelreste eine schnelle, kleine Lösung. Die Stadt schrieb einen Wettbewerb aus für eine gastronomische Nutzung des Turms und verfolgte selbst die Neugestaltung des umgebenden Areals. Dies führt zu bis heute komplexen Zuständigkeiten und Besitzverhältnissen. Eine historische Gesamtbetrachtung nebst Vision blieb aus. Dr. Martino La Torre fand den schönen Begriff der „kontextlosen Geländemodellierung“ für diese Notlösung mit hohen Kollateralschäden.

Die Erlebnismulde als Provisorium

Hildebert de la Chevallerie war von 1970 bis 1998 Leiter des Wiesbadener Grünflächenamtes und langjähriger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Auf Anfrage des lilienjournals erläutert er, wie es zum Status quo kam und wie er es heute sieht:

„Der Hausberg verdient nicht nur eine Erörterung, sondern eine Wiedererweckung. Ein schickes Restaurant wäre hier vorstellbar, mit den alten historischen Blickbeziehungen und weitläufigen Außenterrassen für eine Außenbewirtschaftung. Doch sollte man hier nicht im historischen Stil bauen, auch nicht mit dem Versuch einer Rekonstruktion des alten Neroberghotels. Die damalige Wiederbelebung des Cafés in den 1970er bis 1980er Jahren war ja auch deswegen schwierig, weil die alten Funktionsbauten, Küche zum Beispiel, nicht dem Ablauf eines modernen Cafés entsprachen. Also: ein tolles Cafe wäre der historischen Bedeutung des Hausbergs und dem auch heutigen Besucherstrom angemessen und wünschenswert. Man sollte modern gestalten, hierfür einen Wettbewerb ausschreiben.

Zur Situation nach dem Abbruch: Nur der Turm blieb erhalten, er müsste wieder als Aussichtsturm dienen. Das Hochbauamt entwarf damals den kleinen, bescheidenen Café-Anbau. Ein städtebauliches Provisorium, aber nur das war mit den damaligen Geldmitteln machbar. Es war damals sehr schwer, einen Gastronomen zur Bewirtschaftung zu finden, der Neroberg war ein ,krimineller Ort‘ mit ständigen Zerstörungen. Nur Herr Wagner vom Opelbad-Restaurant hatte den Mut, hier zu starten.

Die Mulde wurde, im Auftrag des Gartenamtes, von den Wiesbadener Landschaftsarchitekten Gero Marten und Porlein gestaltet. Es gab eine lange Diskussion, mit dem Ortsbeirat, mit dem Naturschutz. Ursprünglich sollte es keine Mulde werden, sondern ein Amphitheater mit dem Monopteros als Blick- und Mittelpunkt, der gleichzeitig als Bühne fungieren sollte. Das wäre sehr sinnvoll und von der Funktion überzeugender als heute gewesen. Aber es kam anders. Im Ortsbeirat hatte man die Befürchtung, dass der Lärmkegel bei Veranstaltungen hangabwärts die Talbebauung stören würde. Das wäre auch so, bei entsprechender Windrichtung hört man auch heute zum Beispiel die Lautsprecherdurchsagen des Opelbades.

So musste umgeplant werden. Statt eines Amphitheaters entstand die Erlebnismulde in Form einer Spirale. Sie ist zwar ein ,Loch‘, da hat Dr. La Torre recht, und entspricht in keiner Weise dem historischen Anspruch des Hausbergs. Doch damals war nicht mehr drin, und in sich funktionierte die Spirale, sie wird automatisch von Kindern gut angenommen, die hier den Verlauf erkunden, und auch Erwachsene nehmen hier gerne ihr Picknick ein. Man sitzt hier schön, und es kostet nichts. Doch, um es noch einmal zu sagen, auch die sogenannte Erlebnismulde ist ein Provisorium, und es ist gut vorstellbar, im Rahmen einer Neuorientierung entsprechende Sitzterrassen im Monopterosbereich anzubieten.

Wagner im Turm und Erlebnismulde

Stephan Wagner, Juniorchef der Wagnergastronomie im Opelbad, der das Café im Turm verantwortet und damals nach den Entwürfen der Stadt baute, kommt in unsere Runde hinzu. Und weiß als Gastronom in Doppelfunktion einiges zu erzählen. Einen internen Architekturwettbewerb der Stadt gewann 1991 ein Entwurf des Hochbauamtes, wie er jetzt, zumindest äußerlich, auch steht. An seiner Ausschreibung beteiligten sich nach Wagners Erinnerung nur drei oder vier Betriebe. Es bestand ein hohes Risiko angesichts des abgelegenen Orts, der zu dieser Zeit gerade nachts alles andere als sicher war. Wagner beteiligte sich auch nur deshalb, weil die Anbindung zum Opelbad bereits vorhanden war. Vorteile beim Personaleinsatz seiner nahegelegenen Betriebe bringt das aber nicht, denn die Wetterlage macht den Neroberg entweder proppenvoll oder gleichmäßig leer. Kalkulierbar ist das kaum. Wagner beteiligte sich zusammen mit seiner Brauerei, Binding, heute Radeberger, an der Ausschreibung. Und erhielt sogar die einstimmige Bewilligung im Stadtparlament.

Schon damals stand der Neroberg in politischer Verantwortung verschiedener Parteien. Grünflächen, Stadtwald, Bauaufsicht wie Denkmalschutz, Zuwegungen und Verkehrswege wurden in verschiedenen Dezernaten geführt. Wenn auch in neu gemischten politischen Karten ist dies unverändert der Fall. 1992 fing Wagner an, zu bauen, und es dauerte letztlich gut zwei Jahre, bis er 1994 eröffnen konnte. Der Grundentwurf war von Anfang an zu klein dimensioniert, und eine Erweiterung wenigstens um Keller erforderlich. Die wurden zwar bewilligt, doch während des Bauens stellte sich heraus, dass hier Bunker waren. Diese Luftschutzbunker mussten teilweise erst gesprengt werden. Auch die Wasser-, Strom- und Gasleitungen waren komplett marode und mussten erst vom Opelbad neu verlegt werden. Letztlich verdoppelten sich die Kosten auf zwei Millionen D-Mark, von denen sich die Stadt lediglich mit 80.000 D-Mark beteiligte, so Stephan Wagner. In dieser Zeit entstand auch die Erlebnismulde. Auf städtische Kosten.

Schwierige Bedingungen und dunkles Pflaster

Ein großes Problem war gerade in der Anfangszeit, dass manche Gäste des Turms abends von Halbstarken auf dem Neroberg angepöbelt wurden. Auch auf dem Fußweg talabwärts. Wagner junior erinnert sich an eine legendäre Aktion des damaligen OBs Achim Exner, der mit Wagen am Tempel vorfuhr, sich mitten in die Menge der Feiernden stellte, aufs Autodach stieg und sagte: „Macht mal den Kofferraum auf“. Darin fanden sich zwei Kästen Bier, die er ausgab, und er fragte: „Was ist euer Problem? Wir finden einen Platz für euch.“ Nach Wagners Erinnerung hat das auch kurz funktioniert, dann wurde es doch immer schlimmer. Es war die Zeit der Hausbesetzer in Frankfurt, die Stadt hatte die Nase voll von „Sodom und Gomorra“ auf dem Neroberg und ließ überörtliche Amtshilfe organisieren. Mehrfach kamen Sondereinheiten aus Frankfurt, die aus dem Wald stürmten, um zwei Monate lang die harmlos Feiernden wie auch Dealer zu überraschen. Verdächtige wurden mitgenommen, Kabelbinder, Feststellung der Personalien in der Stadt, das volle Programm. Danach war Ruhe, zumindest das Drogenproblem wurde an dieser Stelle gelöst.

Attraktiver gestalten und doch wieder bremsen

„Einerseits sollte alles attraktiver werden, um mehr Gäste anzuziehen. Ein paar Jahre später hieß es dann wieder, wir sollten bremsen, der Neroberg sei überbevölkert“, erinnert sich Wagner an widersprüchliche Signale aus Politik und Verwaltung. 2006 kam der Kletterwald hinzu, der kürzlich deutlich erweitert wurde. Das Hauptproblem ist der Parkraum in den Stoßzeiten oder bei Veranstaltungen wie dem Impro-Sommer oder Opelbadfesten. Es reicht vor allem im Sommer hinten und vorne nicht mehr. Bei gutem Wetter ist der Neroberg brechend voll, und wenn das Opelbad, der Turm und der Kletterwald zeitgleich boomen, hat kein größeres Rettungsfahrzeug oder die Feuerwehr eine Chance, durchzukommen.

Frederik Malsy, Chef des Impro-Theaters „Für Garderobe keine Haftung“ und des Impro-Sommers auf dem Neroberg:

„Die Mulde auf dem Neroberg ist eine einzigartige Spielstätte, sie besitzt einen unvergleichlichen Charme und hat ein Flair, das seinesgleichen sucht. Natürlich ist eine Veranstaltungsreihe dieser Größenordnung immer mit Herausforderungen verbunden, und gerade die Situation auf dem Neroberg erfordert kreative Lösungen. Die An- und Abfahrtssituation sowie die Parkmöglichkeiten sind unbefriedigend, die fehlenden sanitären Anlagen erhöhen die Kosten für jeden Veranstalter. Die Infrastruktur insgesamt ist völlig unzureichend. Dennoch: Das Wiesbadener Publikum hat die Mulde für den Impro-Sommer in sein Herz geschlossen. In nunmehr 15 Jahren gab es keine einzige Beschwerde aufgrund der Lautstärke, keinen einzigen Vorfall von Verschmutzung und keine Beeinträchtigungen der Anwohner. Das macht uns umso stolzer, als dass seit 2004 mittlerweile rund 150.000 Menschen zu Gast beim Impro-Sommer waren. Eine Verbesserung der Infrastruktur auf dem Neroberg begrüßen wir sehr, eine Verschlechterung, zum Beispiel durch den Wegfall von Platzkapazitäten oder weiter verschärften Auflagen der Nutzung würden wir und sicher auch unser treues Publikum sehr bedauern.“

Fehlende Infrastruktur und Anbindung

Der starke Zulauf von Gästen in diesen Stoßzeiten führt neben der verkehrlichen Erschließung zum zweiten großen Problem für alle Akteure. Es gibt kaum öffentliche Toiletten. An der Talstation der Nerobergbahn wurde zwar etwas Abhilfe geschaffen. Doch der Kletterwald behilft sich nach wie vor mit mobilen Toiletten, das Opelbad ist nur gegen Eintritt erreichbar. Thorsten Held als Geschäftsführer des Kletterparks am Neroberg beklagt ebenfalls die Engpässe an gut frequentierten Tagen: „Ein Dauerthema sind die mangelnden öffentlichen Toiletten. Seit zehn Jahren sind wir hier um eine bessere Lösung mit der Stadt und den zuständigen Ämtern bemüht.“

Thorsten Held, Geschäftsführer der Weitblick Naturerlebnis GmbH als Betreiber des Kletterwaldes:

„2005 haben wir nach einem guten Standort für einen Kletterwald im Rhein-Main-Gebiet gesucht. Auf dem Neroberg haben wir diesen Platz gefunden. Mit der bestehenden Infrastruktur, den anderen Ausflugszielen und dem außergewöhnlichen Baumbestand ist es für uns ein perfekter Ort. Wir sehen auf dem Neroberg die unterschiedlichsten Besuchergruppen – Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker, Familien, Kindergärten, Schulklassen. Ebenso unterschiedlich sind die Anlässe – Familienausflug, Wandertag, der tägliche Spaziergang (mit und ohne Hund), Training, Erholung, Kultur, et cetera. Da wir auch eine sehr breite Zielgruppe haben, passt das prima. Der Neroberg ist mit seinen Attraktivitäten einfach ein einzigartiges Ausflugsziel im Rhein-Main-Gebiet. Das spiegelt sich auch in unseren Erhebungen zur Herkunft unserer Besucher, die aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, Rheinhessen und auch aus dem Frankfurter Raum kommen. Seit 2006 wurde der Kletterwald ständig weiterentwickelt und ausgebaut. Im Jahr besuchen uns circa 60.000 Gäste. Der Neroberg zeigt sich aber auch mit sehr unterschiedlichen Gesichtern. Manchmal sehr ruhig, wochentags und in der kalten Jahreszeit, und manchmal auch trubelig, wenn das Wetter passt oder Veranstaltungen stattfinden.“


Schwierigkeiten macht auch die Beleuchtung. Vor einigen Jahren wollte die Stadt Strom sparen und schaltete den größten Teil der Straßenbeleuchtung ab 22 Uhr ab, obwohl Wagner nach eigener Aussage angeboten hatte, die Mehrkosten von circa 1.200 Euro im Jahr zu übernehmen. Im Bereich des Opelbades behilft man sich seitdem mit der Ausrichtung von Strahlern weit in die Parkplätze hinein. Doch die bereits ab 22 Uhr reduzierte Straßenbeleuchtung wird um 24 Uhr ganz abgeschaltet. Wagner zur Grundproblematik:

„Ideen sind viele da, aber die Infrastruktur fehlt. Sie wurde in allem vernachlässigt. Es gibt keine Busanbindung. Im Winter ist der Neroberg abgeschnitten. Es wird nicht gestreut, es wird nicht gekehrt, es wird sich nicht darum gekümmert. Das heißt, wenn die Nerobergbahn zumacht, wenn Opelbad und Kletterwald schließen, ist er nicht erreichbar, und wir müssen die Gastronomie am Turm von November bis März dichtmachen. Was wir anfänglich nicht wollten. Im Winter lohnt sich eine Bewirtung des Turms nicht, und im Sommer erstickt der Neroberg im Verkehr, während es für ältere Besucher ohne eigenes Auto kaum möglich ist, überhaupt zum Opelbad zu gelangen.“

Die ebenfalls zu unserer Runde am Turm hinzugestoßene Betriebsleiterin der Nerobergbahn, Sabine Füll, kennt die Problematik gut. Die Nerobergbahn wird zu 80 Prozent von Touristen genutzt, ähnlich wie auch der Turm selbst. Wiesbaden Marketing und Eswe Verkehr präsentieren „Wiesbadens schrägstes Wahrzeichen“ wieder vermehrt auch auf Touristikmessen, was auch dem Einsatz von Sabine Füll zu verdanken ist. Die Nerobergbahn als Transportmittel wird jedoch seit einigen Jahren nicht mehr als Teil des öffentlichen Personennahverkehrs gesehen. Seitdem gibt es keine oder nur noch stark reduzierte Vergünstigungen für Tickets für Behinderte oder Schulklassen. Das verärgerte viele Menschen und trifft auch einige Stammgäste im Turm. Es war letztlich eine politische Entscheidung des Aufsichtsrates, im Grunde könnte die Nerobergbahn durchaus häufiger und länger fahren. Aber die Betriebskosten sind hoch, und auch wenn der Verschleiß der Bahn gering ist: Ersatzsteile müssen nach Maß und individuell angefertigt werden.

Auf Nachfrage bestätigt Sabine Füll, dass bei den immer milderen Wintern auch ein längerer Betrieb vorstellbar wäre. Theoretisch könnte man mit einer nachgerüsteten Heizung an den Ventilen auch bei leichten Minusgraden fahren. Stephan Wagner würde sich schon freuen, wenn die Buslinie 8 wenigstens gelegentlich bis zum Opelbad oder gar Turm weiterfahren würde. So könnte sich die Situation entspannen, sind es vom Tränkweg doch nur noch ein paar hundert Meter, meint Wagner. Einen Parallelbetrieb zur Nerobergbahn sieht wiederum Sabine Füll kritisch. Eswe Verkehr würde sich ja selbst das Geschäft wegnehmen. Man sieht schon hieran, dass die Akteure des Neroberges zwar weitgehend das gleiche Ziel haben – ein attraktives Tourismusziel und einen gut angebundenen Hausberg – jedoch auf dem Weg dahin mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert werden. Und eigenen Interessen. Ein Zwiespalt im Verhältnis Nerobergbahn-Turm-Opelbad wird offensichtlich: Stephan Wagner wäre schon froh, wenn nahe dem Turm und am Opelbad wirkliche Behindertenparkplätze errichtet würden. Wenn alles zugeparkt ist, wird es schwierig, ältere Gäste zu empfangen. Von der Nerobergbahn zum Opelbad ist der Weg für diese zu beschwerlich. Und wenn sie aximal bis acht Uhr abends fährt, nötigt dies auch andere zur Nutzung eines eigenen Autos oder Taxis.

Stadtwald und Verkehrssicherheit

Die Verkehrssicherheit mitten im Wald bringt uns zu weiteren Teilhabern am Gesamtgeschehen: Die Erlebnismulde steht im Besitz des Grünflächenamtes, betreut wird sie auch vom Kulturamt. Für den umliegenden Stadtwald, eingebettet in den Naturpark Rhein-Taunus, ist das Wiesbadener Forstamt zuständig. Die zuständige Abteilungsleiterin im Grünflächenamt, Sabine Rippelbeck, sieht den Neroberg derzeit ebenfalls an seinen Kapazitätsgrenzen und jede Erweiterung kritisch. Wegen seiner Besonderheit in Lage wie Kulturgut wird er auch nicht als Wirtschaftswald gepflegt, sondern in besonderer Verantwortung gehegt. Dies ermöglichte auch die Etablierung eines Kletterwaldes in gewachsenem Eichen- und Buchenbestand. Im gesamten Bereich des Nerobergs, auch entlang des Naturerlebnispfades, wird wirklich nur geschnitten oder gefällt, wenn es unumgänglich ist. Das ist zwar im Sinne des Naturschutzes sinnvoll und richtig, bereitet aber auch gelegentlich der Nerobergbahn Probleme, wenn zum Beispiel ein außerhalb der Strecke stehender Baum droht, auf die Gleise zu fallen. Hier dürfen die Mitarbeiter nicht selbst Hand anlegen.

Dass die Natur sich jeden freien Raum sehr schnell zurückerobert, sieht man auch an den erst vor zwei Jahren per Rückschnitt geschaffenen Sichtbeziehungen zur Russischen Kapelle. Sabine Füll merkt an: „Es wächst schneller zu, als man schauen kann.“ Und Dr. Martino La Torre bringt das ganze Drama auf den Punkt: „Wenn man sie (die Sichtbeziehungen) nicht unterhält, kommt irgendwann der große Knall. Es muss einen Wartungsplan geben für den Neroberg, wie auch jede bedeutende Grünfläche längst ein Parkpflegewerk hat. Hier wäre es einer, der sagt: Alle fünf Jahre muss die Schneise freigeschnitten werden. Es müssen regelmäßig die Sichtbezüge geprüft werden. Wie auch jedes hessische Forstamt jährlich die Verkehrssicherheit der Bäume entlang der Wege prüfen muss.“ Unisono stellt man unter Denkmalschützern auch fest, das hinter der Griechischen Kapelle einst dunkle Tannen gepflanzt wurden, um einen besonders starken Kontrast zu den goldenen Kuppeln der russischen Kirche zu setzen. Hier hätte längst nachgepflanzt werden müssen. Doch dieser Teil des Waldes gehört der russisch-orthodoxen Gemeinde, einem weiteren Akteur.

Berthold Bubner: „Mit großem Schmerz und großer Trauer nehme ich wahr, dass die Stadt an sich selbst kein Interesse hat. Höchstens ein Merkantiles. Sie hat letztlich kein inneres Interesse an ihrer Vergangenheit. Es gibt zwar viele freundliche Geister, die sich darum bemühen, aber die Präsentation eigenen historischen Erbes scheitert ja bereits bei der Planung eines Stadtmuseums.“


Hildebert de la Chevallerie merkt hierzu ein altes Problem an: „Das Freischneiden der Sichtachse auf die Kirche hat damals schon lange Kämpfe mit Forst und Naturschutz gekostet. Ein regelmäßiger Freischnitt ist erforderlich. Es gibt aber noch eine andere Sichtachse, den Blick vom Monopteros über die Opelbadwiesen auf die Stadt. Dieser Blick war zugewachsen. Durch eine Vertiefung der Umzäunung, der Zaun wurde in einen Graben verlegt, entstand wieder eine „grüner Blickachse“ über die Rasenflächen des Hanges am Monopteros und des Opelbades.  Man nannte dieses Verfahren in der Gartenkunst das Anlegen eines „Aha Grabens“. In englischen Landschaftsgärten sehr üblich, um das weidende Vieh am Betreten des Parks zu hindern und um einen weiten Blick in die Landschaft zu ermöglichen (hier auf die Stadt). „Aha“ deswegen, weil der Besucher, stand er plötzlich vor solch einem Graben, erstaunt „Aha“ ausrief. Dies Blickachse muss also auch regelmäßig gestutzt werden“

Perspektive Neuausrichtung und -bebauung

Bereits 2012 wurde dem Magistrat vom Planungsausschuss der Auftrag erteilt, sich der Neuordnung des Areals zu widmen. Ein Entwicklungskonzept wurde von der WIM (Wiesbadener Immobilienmanagement GmbH) in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wurde nicht bekannt, wohl auch, weil es dem Oberbürgermeister nicht gefiel, wie es in einem Artikel von Jürgen Hauzel im Wiesbadener Kurier 2015 öffentlich wurde. Der WIM Liegenschaftsfonds (als Tochter der WIM unter der Mutter der „Wiesbaden Holding“ WVV) wurde beauftragt, nun zunächst die Flächen zusammenzuführen. Denn dem stadteigenen Fonds gehören vor allem besonders historisch wertvolle Immobilien wie die Walkmühle, die Lohmühle, das Pariser Hoftheater und eben auch der verbliebene Turm auf dem Neroberg. Wie Erik Schaab als Geschäftsführer bestätigt, sind die langjährigen Verhandlungen zum Rückerwerb der Erlebnismulde vom Grünflächenamt so gut wie abgeschlossen. Doch wie es weitergeht, was daraus einmal werden soll, ob Erlebnis-Areal oder großflächige Gastronomiebebauung, wie es damals hieß, scheint noch völlig offen.

Die WIM präferierte offensichtlich eine Variante, nach der die Erlebnismulde zugeschüttet wird, um darüber einen modernen Neubau zu errichten. Gewollt und auch durchaus von Denkmalschützern gewünscht wäre eine große Terrasse in Ahnlehnung an jene des Neroberghotels, von der aus wieder ein Blick über den Monopterus auf die Stadt möglich würde. Ob und wie der Turm in eine Neubebauung eingebunden wird und ob er wieder als Aussichtturm genutzt werden kann, alles „eine Frage der technischen Möglichkeiten und der Finanzierbarkeit“.

Oberbürgermeister Sven Gerich konstatierte schon damals: „Meine Billigung findet eine weitgehende Einschränkung des Nerobergs für die öffentliche Nutzung jedenfalls nicht. Und deswegen hat der WIM-Aufsichtsrat das vorgelegte Konzept auch hinterfragt und darum gebeten, einen Stehgreif-Wettbewerb auszuschreiben, um eventuell noch andere Nutzungsideen zu erhalten.“ Davon hört man jedoch seitdem nichts öffentlich. Es scheint eher so, als würde das sensible Thema Neroberg bis wenigstens nach den Direktwahlen zum Oberbürgermeister Anfang 2019 zurückgestellt. Aber dass sich dort oben etwas tut, scheint allseits gewünscht, und es bleibt zu hoffen, dass aus den vielfältigen Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Bevor sich der Himmel über dem Neroberg wieder verfinstert …

Oberbürgermeister Sven Gerich: 

„Für den Neroberg wünsche ich mir eine attraktive Neugestaltung, in der vor allem Familien mit Kindern und Erholungssuchende auf ihre Kosten kommen. Dazu gehört für mich eine moderne und für Familien bezahlbare Gastronomie, ausreichend Toiletten (auch für den Kletterwald), eine Neuordnung des Parkplatzchaos und der Erhalt der Liegewiese.“

KOMMENTAR
Von Mario Bohrmann

Es ist derzeit für alle Beteiligten ein Teufelskreis. Bevor nicht klarer ist was hier draus wird, will die Stadt kein Geld in die Infrastruktur stecken und als Pächter des Turms fühlt man sich alleine gelassen. Unternimmt vielleicht auch selbst zu wenig, was bei unsicherer Zukunft verständlich ist. Dabei ist das Potenzial des Nerobergs so gewaltig. Wenn die Leute nur wieder mehr laufen oder Rad fahren würden und nicht mit dem eigenen Auto kommen müssten. Oder wenn es eine verlängerte Buslinie 8 geben würde, oder die Nerobergbahn öfter fahren würde.

Unser Hausberg muss auch für uns wieder eine Reise wert werden. Nicht nur für Touristen, die auch gerne den Besuch der Rheingauer Weinwoche damit kombinieren. Eine gut befreundete Mitarbeiterin im Service von „Wagner im Turm“ trifft beruflich wie privat auf viele amerikanische Gäste. Hier oder in der „Ur´s Sports Bar“ neben dem Caligari. Ein Standardsatz vieler Begegnungen könnte lauten: „The wine-thing, the festival of wine – this ist the week, to come back for vacation“ Zugleich sagt sie: „An Touristen mangelt es nicht, aber wo sind die Wiesbadener? Wir haben 80 Prozent Feriengäste, 20 Prozent Wiesbadener, davon 5 Prozent Stammgäste. Die Wiesbadener picknicken eher in der Mulde oder auf der Wiese, machen Heiratsanträge im Monopterus, und das wars. Es ist für sie allgemein zu unattraktiv, um regelmäßiger zu kommen. Touristen sind da noch leichter zu begeistern. Mit Lage und Blick und der Nerobergbahn.“

Fakt ist, es tut sich was.

Wohlwollend geplant könnte man die extra aus dem Schwarzwald herangekarrten Steinblöcke aus der Mulde zunächst an ihren neuen Platz versetzen, um dem Improtheater unterbrechnungsfreies Spieldasein jeden Sommer zu ermöglichen, während zugleich dahinter etwas Neues entsteht. Etwas, womit die Wiesbadener weitgehend d´accord gehen. Es sollte etwas „Großes“ werden, aber nichts Großes sein. Fasst man die gesammelten Hintergründe und Erfahrungen zusammen, sollten elegante Bezüge zum Turm hergestellt werden und das oder die Gebäude sollten als Restaurant und Café ganzjährig nutzbar sein. Zugleich muss der Landschaftscharakter und öffentliche Zugang erhalten bleiben, für den Wanderer wie den kindlichen Erkunder des Naturpfades oder Besucher des Waldseilgartens. Denkmalschutz, Naturschutz, Umweltschutz, wirtschaftliche Interessen städtischer Gesellschaften und der Verkehrsbetriebe müssen unter einen Hut gebracht werden. Eine Quadratur des Kreises, die aber lösbar erscheint. Denn wohin ich auch kam, mit wem ich auch sprach, und es waren ein paar dutzend Menschen in den letzten Monaten – sie alle lieben ihren Neroberg und scheinen dem richtigen Konzept nicht im Wege stehen zu wollen. Wenn es sich zeigt. Im Gegenteil …