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Zirkusliebe

Orient trifft Okzident – China was in town

 

Nach vier Jahren gastierte André Sarrasani erstmals wieder mit seinem roten Chapiteau auf dem Dern‘schen Gelände und bringt Gäste mit. Über Ostern präsentiert er gemeinsam mit Raoul Schoregges Chinesischem Nationalcircus das Programm „Chintaown – vom fremden Zauber zweier Welten“. Wir hatten Gelegenheit, nicht nur Premierengäste zu sein, sondern auch hinter die Kulissen zu blicken und die Stars und Chefs der beiden Zirkusunternehmen ein wenig kennenzulernen. Wir fanden so viel Liebe vor, nicht nur zur Zirkuskunst, dass wir den Druck des lilienjournals dafür sogar um zwei Tage verschoben haben. Da die meisten unserer Leser diesen Artikel erst sehen werden, wenn das Zelt bereits wieder abgebaut ist, möchten wir besondere Geschichten erzählen, die bleiben. Auch in Bildern.

Von Mario Bohrmann

Das gab es so noch nie. Der Chinesische Nationalcircus mit seinen Akrobaten aus dem Reich der Mitte verbindet zum Saisonabschluss sein Programm „Chinatown“ mit der Bühnenshow von André Sarrasani zu einem Event voller Magie und Mystik. Asiatische Akrobatik, die schier gegen alle Gesetze der Physik verstößt, und absolute Körperbeherrschung treffen auf Großillusionen und Tanzeinlagen im Stile von Las Vegas, und das in einem gemütlich beheizten Zelt. „Wenn die Damen warme Füße haben, ist die halbe Miete gewonnen“, war ein früher Rat von Ingrid Sarrasani, Andrés Mutter und 82-jährige Grande Dame des Zirkusbetriebes, die auch dieser Premiere beiwohnte. Zu Beginn jeder Show wird durch Toneinspieler im abgedunkelten Zelt an die lange Tradition des Circus Sarrasani erinnert, auch an dessen ersten festen Zirkusbau Europas für rund 4.000 Zuschauer, der 1912 in Anwesenheit der königlichen Familie eingeweiht wurde und 1945 den Bombennächten von Dresden zum Opfer fiel. Auferstanden aus Ruinen ist der Zirkus 1956 durch die Neugründung von Fritz Mey, den Vater von André Sarrasani.

Die Macher

Vor 16 Jahren übernahm André in fünfter Generation die Geschäfte des 115 Jahre zuvor gegründeten Traditionsunternehmens und führte den Zirkus nach jahrelangem Zwischenstopp in Wiesbaden wieder an seine alte Wirkungsstätte nach Dresden zurück. In dieser Zeit baute er den Zirkus zur Marke aus und verbindet seitdem Gastronomie und Varieté im großen Chapiteau des Trocadero zum Dinner-Variétheater. Auch mit Eventmanagement und Entertainement aus der eigenen Zauberkiste konnte das Unternehmen unabhängiger werden vom Wanderzirkusdasein und dennoch weiter mit Tourneeproduktionen auf Reisen gehen. Im Rahmen eines Gastspiels – der Chinesische Nationalcircus war bereits häufiger mit seinen Produktionen im Trocadero in Dresden – wurde dann bei einem Absacker der Zirkuschefs an der Bar die Idee zu dieser außergewöhnlichen Koproduktion geboren. Kurzfristig, wie es nur die guten Beziehungen zur Stadt Wiesbaden möglich machen und weil der Platz frei war, buchte Sarrasani das Dern‘sche Gelände über die Osterwoche. André Sarrasani freut sich auf jedes Gastspiel in Wiesbaden, das ihm auch nur deshalb im Zentrum der Stadt erlaubt wird, weil er im Gegenzug alle zwei Jahre kostenlos sein Chapiteau für den European Youth Circus zur Verfügung stellt. „Der Zirkus muss in die City kommen, um die Herzen zu erobern“, ist Sarrasanis Credo.

Der Chinesische Nationalcircus wurde 1989 von André Heller gegründet, seit 2000 leitet ihn Direktor, Clown und Produzent Raoul Schoregge multifunktional. Schoregge ist bereits seit 1994 mit an Bord, er hatte sich über mehr als zehn Jahre intensiv mit fernöstlicher Ästhetik beschäftigt und sich umfangreiches Wissen über die Geschichte, die Religionen und die Mythen Chinas angeeignet. Dass er für die Artisten auch ein wenig Vaterfigur ist und außerhalb der Tournee Engagements für sie vermittelt, hängt auch mit seiner Einstellung zusammen: Er will keine Akrobatik-Soldaten rekrutieren, von denen die Zirkusschulen Chinas jährlich zehntausende ausbilden, sondern Persönlichkeiten entwickeln. „Man bemühe sich um die Menschen selbst, gehe auf die jungen Artisten zu, motiviere sie, baue sie mental und physisch auf.“

Im 27. Jahr tourt der Chinesische Nationalcircus nun schon durch Deutschland und Europa, hat mehr als zehn Millionen Zuschauer begeistert und vermittelt den Besuchern mit Originalproduktionen aus dem Reich der Mitte einmalige Einblicke in die fernöstliche Kunst. Für Raoul Schoregge ist das, war er tut, gelebter Kulturaustausch. Die chinesische Akrobatik blickt auf eine mehr als 2000-jährige Tradition zurück, von diesem Erfahrungsvorsprung im technischen, mentalen und sogar spirituellen Bereich profitiert sie immer noch. Die Identifikation mit dem, was man tut, ist eine der wesentlichen Grundlagen, die in den über 1.000 Zirkusschulen der Volksrepublik China gelehrt werden. Ein chinesischer Akrobat macht niemals einen Handstand, er ist der Handstand. Erst nach zehnjähriger Ausbildung in diesen Leistungszentren, wenn er das durchhält, erlangt der Artist seine Bühnenreife.

 

Die Show

Raoul Schoregge eröffnet als Clown mit klassischer Pantomime die Show. Sogleich macht er dabei Bekanntschaft mit den hinreißenden Tänzerinnen, die Sarrasanis magisches Programm begleiten und beide Shows verbinden. So treffen dann auch die Zirkusmacher in der ersten Nummer schon aufeinander und dann immer wieder, sie spielen sich die Bälle zu und haben sichtlich Spaß an diesem gemeinsamen Experiment – Orient trifft Okzident.

Wenn Sarrasani ein ums andere Mal sich oder eine junge Frau verschwinden oder schrumpfen lässt können einem gelegentlich Zweifel kommen. Sind die hübschen und knapp bekleideten Showgirls nur Illusion oder Teil der Ablenkung zum Gelingen der Illusionskunst? Clown Schoregge und Magier Sarrasani binden das Publikum gerne ein, so fühlen sich die Zuschauer immer wieder als Teil der Show. Die chinesischen Artisten lenken mit ihren schlichten Kostümen die Aufmerksamkeit eher auf Farbeffekte der Beleuchtung und ihrer Jonglagen. Man sieht meist nur fließende Bewegungen und trotz Anspannung gelassene Gesichter des chinesischen Teams, doch kurze dynamische Ausbrüche bringen die absolute Körperbeherrschung zum Vorschein, die sich auch in vermeintlich ruhigen Nummern verbirgt. Alle fühlen sich dem Gesamtkunstwerk verpflichtet: die als Duo auftretenden Hutjongleure, die Künstlerin am Vertikaltuch, der Vasenjongleur Liu Wen Long, der locker mit dem Nacken einen fast zehn Kilogramm schweren Tontopf auffängt, oder die tellerwirbelnden Akrobatinnen. Die vollendete Einheit von Körper, Geist und Seele erschafft ein Gesamtbild voller Poesie.

 

Die Liebe

Das „Schlangenmädchen“ Dou Dou (zu deutsch: „kleines Böhnchen“) nimmt, wie eigentlich alle Künstler, mehrere Rollen ein und ist im besten Sinne ein „Mädchen für alles“. Die zierliche Kontorsionistin scheint eine Wirbelsäule aus jungem Bambus zu besitzen oder ausschließlich aus Muskeln zu bestehen. Egal ob in sich selbst verknotet oder auf acht nacheinander aufgestapelten Stühlen, die ihr die Zirkusfreundinnen und -freunde zuwerfen, Dou Dou schafft ihre Kunststücke scheinbar spielend. Vermutlich bräuchte sie die Seilsicherung kurz unter dem Zirkushimmel gar nicht, so sicher und in sich selbst ruhend wirkt sie.

Sicher ist sie auch in ihrer Liebe zu ihrem Freund Roberto, dem einzigen nichtchinesischen Mitglied im Ensemble außer Raoul Schoregge selbst. Die beiden sympathischen jungen Menschen haben sich außerhalb von Dou Dous Zirkussaison vor drei Jahren im Europapark Rust kennengelernt. Dort arbeitet sie in den Spielpausen des Zirkus als Artistin, Roberto als Stuntman. Der immer lächelnde Italiener und Dou Dou wollten nun möglichst alle Wege gemeinsam gehen. Zum Glück zeigte Roberto komödiantisches Talent, so dass auch er im Zirkus unterkam und Dou Dou nah sein kann. Er fungiert inzwischen als Assistent bei zahlreichen Nummern, auch bei denen des Clowns, seines Chefs.

Dieser erzählt uns noch eine Geschichte zu diesem Traumpaar des Chinesischen Nationalcircus, der nicht zu verwechseln ist mit dem Chinesischen Staatszirkus. Als Dou Dou noch in der Zirkusschule war, war sie immer das „Obermädchen“, musste also meist die Spitze der menschlichen Pyramiden bilden, weil sie so talentiert war und so leicht. Sie wurde angehalten, wenig zu essen, damit sie so zierlich bleibt, und oft hatte sie Hunger. Auf die Frage, was ihr wichtig sei, antwortete sie Raoul einmal: „Always enough to eat.“ Und später berichtete sie ihm dann, dass sie Roberto auch so liebe, weil er so fantastische Pasta machen kann. Liebe geht eben durch den Magen.

Es wäre schön, wenn Sarrasani und der Chinesische Nationalcircus öfter solche Experimente wagen würden, gerne immer wieder in Wiesbaden. Wer noch die Gelegenheit hat, dem sei geraten, die Vorstellung zu besuchen. Nicht zuletzt, um die Zirkusliebe zu unterstützen.

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