ziegeleien

Ziegel für die Weltkurstadt

Denkmalschutz – Es kann anstrengend sein, sich Eigentümer eines Kulturdenkmals zu rühmen. Mit der Ehre kommt die Pflicht. Freilich erst seit den späten 1960er und 1970er Jahren wurde dieses vermehrt erkannt, sonst wären uns manche architektonischen Kleinode im Stadtbild erhalten geblieben, die Nachkriegsbauten weichen mussten. Das lilienjournal wird sich in Zukunft einige dieser erhaltenswerten Baudenkmäler näher ansehen. Den Beginn machen wir mit den Stätten, von denen der Stoff, aus dem Wiesbaden gemacht ist, stammt.

Ziegel – einer der ältesten Naturbaustoffe der Menschheitsgeschichte

Der Backstein spielt auch in der Historie Wiesbadens eine besondere Rolle. Meist aus Lehm, Ton und/oder Sand und sonstigen Zuschlägen natürlichen Ursprungs gerührt, getrocknet und anschließend in Form gebracht und gebrannt, ermöglichte er erst massivere Bauten und mit wachsendem Wohlstand auch in immer prächtigerer Form.

In Wiesbaden und gerade auch im heutigen Stadtzentrum gab es in der Blütezeit der Stadtentwicklung bis zu 26 Ziegeleien, die weitgehend in Handarbeit Unmengen an Ziegeln produzierten. Ohne diese Ziegeleien wäre der Bauboom zwischen 1870 und 1910, der Wiesbadens Gebäudesubstanz so auszeichnet, überhaupt nicht zu erklären. Kundige Bauhistoriker haben berechnet, dass in diesen 40 Jahren rund 4 Milliarden Ziegel im Stadtgebiet produziert worden sein müssen. Salopp gesagt – eine Menge Holz, pardon: Bausteine.

Eine Menge Holz oder Kohle war auch nötig, um diese zu brennen. Wie auch in anderen Regionen, in denen in historischer Zeit in großem Ausmaße Ziegel produziert wurden, so kann man sich vorstellen, dass bei dieser Gelegenheit eine ganze Menge Wald aus dem näherem Stadtgebiet in den Brennöfen verschwand.

Das sonstige Material war vergleichsweise leicht zu beschaffen. Grundsätzlich siedelte man verarbeitende Betriebe noch da an, wo es das gewünschte Rohmaterial gab, bei Ton und Lehmvorkommen mit möglichst viel Wald in der Nähe. Auch an Wasser mangelte es in Wiesbaden bekanntlich nicht. Kurz vor Redaktionsschluss besuchten wir einen der letzten Protagonisten der Wiesbadener Ziegeleigeschichte. Die Ziegelei Edmund Speichers wurde 1884 zwischen Dotzheim und Biebrich gegründet und stellte erst 1968 ihren Betrieb ein. Nur ein Pfosten der Toreinfahrt erinnert noch heute an die alte Fabrik in der Erich-Ollenhauer-Straße, die mehr als 5 Millionen Backsteine pro Jahr produzieren konnte.

Der 83-jährige Edmund Speicher vermochte bei diesem Besuch, zu dem sich auch der Stadtkonservator Martin Horsten einfand, viele Zusammenhänge aufzuklären und hat noch Ziegel, Formen und Werkzeuge der Zeit aufgehoben, die er gerne der Stadt übergibt, sofern sie an dieser Erinnerung Interesse hat. Die Bodelschwinghschule in Biebrich steht heute auf dem Gelände, wo zuvor der Lehm für die „Ziegelei Nikolaus Speicher“ abgebaut wurde. In einer Bierstadter Grube wiederum wurde das Material für die Ziegel der Ringkirche gefördert. Die Tongrube mit hohem Eisenanteil sorgte für die tiefrote Farbe, wie Edmund Speicher zu erzählen weiß.

Eduard Speichers Film „Der Backstein hinter den Fassaden“ zeigt, wie viele Ziegeleien es in Wiesbaden gab und wie wichtig sie für die Wiesbadener Baugeschichte waren und sind. 1997 und 1998 entstanden im Rahmen des Projekts „Ältere Menschen filmen“ der Initiative Wiesbadener Medienzentrum e.V. in der Nerostraße interessante Dokumentationen rund um Berufe und Handwerk. Unter fachkundiger Anleitung von Harald Kuntze und Stefan Hartstang konnten Wiesbadener Senioren eigene Filme produzieren. Sie besuchten einen Glasaugenmacher, eine Sektkellerei, einen Harfenbauer, einen Schuhmacher und begleiteten einen Briefträger durch das Bergkirchenviertel.

„Backstein hinter den Fassaden“ schildert auf der Basis von Super-8-Material die Geschichte des letzten Backsteinmachers in Wiesbaden, der Ziegelei Speicher auf dem heutigen Gräselberg. Der Film von Eduard Speicher sowie weitere Filme aus dem Projekt wurden Preisträger beim Bundeswettbewerb „Video der Generationen“. Auch in den Folgejahren entstanden bei ähnlichen Projekten interessante Filme von Senioren zu Wiesbadener Themen, so zum Beispiel zum Thema „Zwischen den Kulturen“.

Es gibt viele unterschiedliche Techniken und Formen, um Ziegel herzustellen. Doch die Grundzüge haben sich weder bei dem Formen von Ziegeln noch der Weiterverarbeitung verändert. Betrachtet man ein wenig aufmerksamer die unverputzten Gebäude in Wiesbaden, etwa die Kirchenbauten, so sind neben dem häufigen Sandstein in erster Linie Ziegel in allerlei Gelb-, Ocker-, Rot- und Brauntönen zu finden. Sie unterscheiden sich durch ihre Machart, die Farbe und Struktur und durch den Mörtel, der sie umgibt. Sicher könnte man, mit ein wenig Fleiß und Spürsinn, wohl noch die Herkunft mancher Gebäudesubstanz einer der Ziegeleien in und um Wiesbaden zuordnen.

Durch die rasante Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert vergrößerte sich vor allem ihr Zentrum. Ziegeleien wurden mehr und mehr in Außenbereiche verdrängt und mussten schließlich nahezu alle weichen. Heute erinnern meist nur Straßennamen wie „An Peters Ziegelei“ in Schierstein oder die „Zieglerstraße“ in Bierstadt an frühere Standorte.

Die drei noch sichtbar erhaltenen, wenngleich nicht mehr produktionsfähigen Ziegeleien, sind über das Stadtgebiet verteilt: Eine befindet sich in der Nähe des Hessischen Staatsarchivs am Zweiten Ring. Eine weitere, saniert und zu Wohnungen, Büros und gewerblicher Nutzung ausgebaut steht in Igstadt. Schließlich gibt es noch jene Ziegelei, die als technisches Kulturdenkmal für Wiesbaden und sogar darüber hinaus besondere Bedeutung hat. Gerade sie fristet aber ein sehr kümmerliches Dasein und verdient daher unsere besondere Aufmerksamkeit.

Die Alte Ziegelei

Die Alte Ziegelei zwischen Bierstadt und Naurod stellte in den 1950ern Jahren ihren Betrieb ein. Der Betrieb von „Nath und Oeder“ zeichnet sich durch einen der letzten erhaltenen sogenannten Hoffmanschen Ringofen aus. In diesen in Reihe geschalteten und über Rauch- und Luftabzüge miteinander verbundenen Kammern um eine große Schornsteinanlage herum konnten Ziegel kontinuierlich produziert werden. Es war ein kleines Stück industrielle Revolution in Wiesbaden. Das gesamte Ensemble der Alten Ziegelei mit ihren Nebengebäuden und einem an der B455 zwischen Bierstadt und Naurod befindlichen Wohnhaus steht schon seit den 1970er Jahren als so genannte Sachgesamtheit unter Denkmalschutz. Die Ringofenanlage mit dem Schornstein als Kernstück der Bautengruppe bezeichnet das Landesamt für Denkmalpflege als „industriegeschichtliches wie stadtbaugeschichtliches Kulturdenkmal“. Mit dem Grad seiner Vollständigkeit sei es für Wiesbaden einmalig und auch in Hessen eine Besonderheit, stellte das Landesamt bereits im Jahr 2000 fest.

Die Alte Ziegelei gehört seit vielen Jahren des Stadt Wiesbaden. Das ganze Gelände ist hochgradig vernachlässigt und nahezu alle den Ringofen umgebenden Dachbestandteile und viele Nebengebäude sind stark einsturzgefährdet, stellenweise bereits eingefallen. Die wenigen noch betretbaren Gebäudebereiche aus Lagern und früherer Verwaltung dienten zuletzt Graffitisprayern als “Leinwand“. Keine Scheibe ist mehr ganz, Putz und Steinwolle fallen von Decken und Wänden.

Auf mehr als drei Hektar Fläche finden sich weitere eingewachsene Gebäude aus alten Zeiten der Ziegelproduktion, die Natur holt sich Stück für Stück davon zurück. Ein morbider Charme umgibt das Ensemble. Die gigantischen, um den Ringofen flach abfallenden Dächer mit ihren in allerlei Grün- und Brauntönen bemosten Ziegeln sehen fast wie ein natürliches Zelt aus. Doch die Balken darunter sind reihum verfault, weite Teile neigen sich bedrohlich gebogen dem Boden zu. In vielen Bereichen klaffen kleine und große Lücken.

Es ist offensichtlich und wird auch nicht bestritten: Hier hat man jahrzehntelang nichts gemacht. Die Alte Ziegelei, deren Schutz von vielen Stellen, unter anderem vom Bierstadter Ortsbeirat, immer wieder angemahnt wurde, ist mittlerweile eine Ruine. Auf Anfrage äußerte das Liegenschaftsamt, dass Sicherungsmaßnahmen mit erheblichen Kosten in Höhe von ca. 1.000.000 Euro verbunden wären. Woher man diese runde Summe nimmt, darüber gibt die schriftliche Antwort keine Auskunft. Bei der Begehung mit dem Liegenschaftsamt wiederum konnte der Vermutung des lilienjournals, dass einige wenige kostengünstige, aber bauerhaltende Maßnahmen in den letzten 15 Jahren diesen Zustand hätten verhindern können, nicht widersprochen werden. Jetzt wird es richtig teuer.

Widerstreitende Interessen verschiedener Behörden

Die Denkmalbehörden von Stadt und Land mahnen seit Jahren Erhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen für das Denkmal an.

Das Liegenschaftsamt bemüht sich um bestmögliche Vermarktung bei möglichst geringen Kosten, will aber offenbar selbst kein Geld für Bestandssicherungsmaßnahmen in die Hand nehmen.

Das Umweltamt pocht auf wenig Verkehr im Außenbereich und mindert damit die Nutzungsmöglichkeiten und Investitionsbereitschaft

Vorbildwirkung?

Das Hessische Denkmalschutzgesetz regelt klar die Verpflichtung des jeweiligen Denkmaleigentümers, sein Denkmal zu erhalten. Dahinter steckt nichts anderes als die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, der wir laut Verfassung alle unterliegen. Jeder Denkmaleigentümer ist daher verpflichtet, ein solches Kulturgut im Rahmen des Zumutbaren zu erhalten. Der Staat kann formal mit einer Instandsetzungsanordnung aktiv werden, um das Denkmal zu schützen. Notfalls ist dies auch verbunden mit Zwangsgeldern oder einer so genannten „Ersatzvornahme“. Einige Beispiele in Wiesbaden sind in den letzten Jahren durch die Presseberichterstattung bekanntgeworden. Da ist das Gebäude an der Geisbergstraße, das gesichert werden musste und in Teilen einsturzgefährdet ist. Da sind die ungenehmigt in Autostellplätze umgewandelten Vorgärten in der Adolfsallee, die nun wieder hergestellt werden sollen. Hier gehen die Behörden, auch unter dem Druck der Öffentlichkeit und auf Anordnung der Politik, konsequent vor.

Ämter und Behörden betonen gerne, wie sehr sie an Recht und Gesetz gebunden sind. Am Beispiel der Alten Ziegelei in Bierstadt fragt man sich, warum hier der Denkmalschutz nicht in gleicher Weise Maßnahmen zur Sicherung des bedeutenden Denkmals anordnet, wie dies offenbar privaten Denkmaleigentümern gegenüber erfolgt, wenn sie ihr Baudenkmal nicht ordentlich behandeln. Die städtische Denkmalschutzbehörde ist dem Magistrat unterstellt. Der Magistrat selbst ist laut Gesetz die Denkmalschutzbehörde, zu deren Kernaufgaben der Schutz der Denkmäler vor Verunstaltung oder gar Zerstörung gehört, wie auf der Internetseite der Stadt nachzulesen ist. Warum aber kann die Denkmalschutzbehörde nicht gegen das Liegenschaftsamt aktiv werden, das offensichtlich für den schlechten Zustand der Alten Ziegelei verantwortlich ist?

Als Teil der gleichen Verwaltung kann der Denkmalschutz offenbar keine Anordnung gegen diese Verwaltung als Denkmaleigentümerin erlassen. Man stellt sich selbst keinen Knollen aus, und solange kein öffentlicher oder politischer Druck da ist, scheint eine Kommune, die zugleich Denkmaleigentümerin und Denkmalschutzbehörde ist, das Denkmalschutzgesetz aushebeln und sich Sonderrechte verschaffen zu können. Wie steht es da mit der Vorbildwirkung öffentlicher Denkmaleigentümer?

Bereits 1972 wurde die Schutzwürdigkeit des historischen Komplexes in einer Bausatzung der Stadt verankert, und zwar durch die Stadt selbst! Dass der Bereich des alten Ringofens, mitsamt seiner Dachkonstruktion, „hohe Schutzwürdigkeit“ genießt, bestätigt auch das Liegenschaftsamt. Doch seit Jahrzehnten geschieht diesbezüglich nichts. Wir konnten bei der Begehung keinerlei Stützen, neuere Balken oder sonstige Absicherungsbemühungen entdecken. Entsprechende Anstrengungen wurden zwar in den Raum gestellt, konnten uns auf Nachfrage jedoch weder benannt noch gezeigt werden.

Das Liegenschaftsamt sagt, es stehe in Verhandlungen mit Investoren. Doch dies scheint ein schon seit vielen Jahren immer wieder gebrauchtes Argument zu sein, ohne das etwas zum Erhalt getan worden wäre. In der Zwischenzeit wurden keinerlei Maßnahmen getroffen, um das Dach oder Gebäudeteile vor Einsturz zu sichern. Lediglich ein Bauzaun soll vor dem Betreten des Areals schützen. Dieser ist jedoch keinerlei Hindernis für Betretungswillige. Und es ist auch kein Hinweis zu erkennen, dass Einsturzgefahr besteht, die zweifelsohne gegeben ist. An dieser Stelle möchten wir eindringlich warnen, diesen Bericht als Anlass für einen Besuch zu nehmen – das Betreten des Geländes ist tatsächlich lebensgefährlich. Weiterem Schaden für den sicher noch zu rettenden Ringofen mit dem landschaftsprägenden Schornstein sowie der Gefahr der Verletzung von Menschen müsste unverzüglich entgegengewirkt werden.

Es muss jetzt schnell gehen

Wenn es tatsächlich einen Investor mit passender Nutzung für das Grundstück gibt, so sollte schnell verhandelt und entschieden werden. Das Dach des Ringofens wird keine weiteren Winter überstehen. Das Dezernat für Wirtschaft von Herrn Bendel muss sich die Frage gefallen lassen, warum sein Amt für Wirtschaft und Liegenschaften bis heute nicht gehandelt hat und welche Prioritäten dort gesetzt werden. Der ganze Magistrat muss sich fragen lassen, wie man einen Blankoscheck für den Neubau und die Millionenmiete eines Stadtmuseums über 30 Jahre ausstellen kann, aber ein wichtiges Kulturdenkmal, das Stadtgeschichte erst ermöglichte, sehenden Auges verfallen lässt. Eine Stadt, die von ihrem historischen Baubestand lebt, die sogar von der Weltengemeinschaft als Kulturerbe der Menschheit anerkannt werden will, sollte sich an die eigene Nase packen und mit gutem Beispiel vorangehen. Wie beim Kaiser-Wilhelm-Turm auf dem Schläferskopf, der nun endlich instand gesetzt wird. Aber erst, nachdem Bürgerinnen und Bürger sich intensiv für die Rettung ihres Kulturerbes eingesetzt haben.

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