Pfingstturnier

Vom Tattersall zum Pfingstturnier

Der WRFC feiert seinen 90. Geburtstag

Das Pfingstturnier im Biebricher Schlosspark ist eines der größten Reitsportevents in Deutschland und auch international bekannt und beliebt. Bis es im Schlosspark seine Heimstatt fand, dauerte es jedoch seine Zeit. Die Anfänge waren noch eher beschaulich, und die Entwicklung von einem kleinen Verein ohne eigenes Gelände hin zum professionellen Ausrichter eines der größten internationalen Turniere hat seine Wurzeln auch im Tattersall im Bergkirchenviertel. Von Friedericke Stritter-Arnds

 

Im ausgehenden 19. Jahrhundert mauserte sich Wiesbaden zur Weltkurstadt. Besonders beliebt war es bei Kaiser Wilhelm II, der Wiesbaden als kaiserlichen Kurort auserkoren hatte. Ihm zu Ehren wurden im Mai Blumenkorsos ausgerichtet, die zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens gehörten, an dem auch die Bevölkerung regen Anteil nahm. So wuchs in der Bürgerschaft der Wunsch, das Reiten zu erlernen, auch ohne selbst Pferde zu besitzen. Mit der Gründung des Tattersall Weiß ging dieser Wunsch 1895 in Erfüllung. Er blieb bis 1972 die Heimat vieler Reitsportfreunde.

In den östlichen Vororten, die erst lange nach dem Krieg eingemeindet wurden und von Landwirtschaft geprägt waren, gründeten sich die ersten Vereine bereits 1925 in Erbenheim und 1926 in Kloppenheim. Aus der Gruppe um Heinrich Weiß vom Tattersall Weiß kam 1925 die „Reitergruppe Wiesbaden e. V.“ dazu.

Im Dezember 1927 wurde der Wiesbadener Reit- und Fahr-Club e. V. (WRFC) ins Leben gerufen. Da er im Gegensatz zu den Vorortvereinen und der Reitergruppe kein eigenes Gelände besaß, verstand er sich von Beginn an als Förderer des Reit- und Fahrsports und Ausrichter von Turnieren und gesellschaftlichen Ereignissen. So wurden im Herbst Jagden geritten, deren Krönung die Hubertusjagd war. Anschließend, nachdem sich Reiter und Pferd von den Strapazen erholt hatten, ging es zum Hubertusball.

Bereits zu Pfingsten 1929 fand das erste Turnier auf dem Sportplatz Kleinfeldchen statt. Die Vorprüfungen verlegte man in den Tattersall Weiß. Das starke Interesse an diesem Turnier zeigte den Verantwortlichen schnell, dass der Turnierplatz am Kleinfeldchen für weitere Turniere zu klein werden würde.

Das zweite Turnier wurde bereits auf der ehemaligen Rennbahn in Wiesbaden-Erbenheim ausgetragen. Hier fanden sich beste Voraussetzungen zur Durchführung des Turniers. Doch die Anbindung an Wiesbaden war zur damaligen Zeit noch sehr schlecht, so dass der Verein einen stadtnahen Reitplatz suchte und mit Hilfe der Stadtverwaltung den Turnierplatz „Unter den Eichen“ fand. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden alle folgenden Turniere dort ausgetragen.

Glückliche Umstände führten zum Neubeginn

Nach Ausbruch des Krieges gab es keine Reitturniere mehr. Für den WRFC besonders bitter: Der Turnierplatz „Unter den Eichen“ stand dem Verein nun nicht mehr zur Verfügung. Es musste ein neues Terrain gefunden werden. Wilhelm Dyckerhoff, der in Biebrich lebte, kam auf die Idee, im Schlosspark ein Pfingstturnier zu veranstalten. Das war nicht ganz einfach, denn Wiesbaden war amerikanisch besetzt, und bei den Amerikanern musste der Verein um Erlaubnis bitten. Der WRFC hatte jedoch großes Glück, denn der verantwortliche Offizier war selbst Reiter. Und nicht nur das: Colonel Earl Tommy Forster Thompson war sowohl 1932 als auch 1936 bei den olympischen Spielen geritten und konnte sehr schnell von dem Plan begeistert werden. Eine neue Ära – die Epoche der Internationalen Wiesbadener Pfingstturniere in Wiesbaden-Biebrich – war angebrochen.

1949 fand das erste Turnier nach dem Krieg statt. Die Pferde wurden mit dem Zug nach Biebrich transportiert und dort in den noch vorhandenen Bauernhöfen untergebracht. Ab 1950 leitete Wilhelm Dyckerhoff die Geschicke des Vereins. Seitdem waren alle Größen des Springsports in Wiesbaden zu Gast: Hans-Günter Winkler, Fritz Thiedemann, Alwin Schockemöhle, Nelson Pessoa, Hartwig Steenken, Gerd Wildfang, um nur einige zu nennen. Auch die Dressur kam nicht zu kurz. Hier waren die bekannten Namen Dr. Reiner Klimke, Willi Schultheis und Liselott Linsenhoff. Da alle Disziplinen bei diesen Turnieren vertreten waren – Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Fahren und Voltigieren – wurde der Platz direkt hinter dem Schloss schnell zu eng, und so wurde der bis heute bestehende Springplatz gebaut, der mit seinen wunderschönen alten Bäumen die besondere Atmosphäre des Pfingstturniers ausmacht. Auch der gesellschaftliche Teil kam nicht zu kurz: eine Dampferfahrt auf dem Rhein, ein Ball im Kurhaus, Empfänge der hiesigen Industriellen, ein Richterfrühstück, eine persönliche Einladung der Familie Dyckerhoff für die ausländischen Reiter und zum Abschluss des Turniers ein Feuerwerk auf der Rettbergsau.

Schwierige Sponsorensuche und internationaler Durchbruch

Sportlich und gesellschaftlich war das Pfingstturnier ein voller Erfolg. Doch in den 1960er Jahren konnte dies von der finanziellen Seite leider nicht behauptet werden. Durch den starken Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe in Biebrich war es nicht mehr möglich, Stallungen für das Pfingstturnier bereitzustellen. So kamen unvorhergesehene Kosten für die zusätzliche Aufstellung von Stallzelten auf den Verein zu.

Immer wieder haben Starkregen während der Turniertage und damit verbundene Einbußen an Eintrittsgeldern die Turnierverantwortlichen herausgefordert. Daher stellte sich für den Verein mehrmals die Frage nach einer weiteren Ausrichtung des Pfingstturnieres. Doch durch den Glauben an dieses Event und unermüdliches Bemühen um Sponsoren gelang es dem Präsidenten und den Verantwortlichen bis heute, dieses Turnier am Leben zu erhalten. Dafür mussten die Zuschauer erstmalig auch Bandenwerbung in Kauf nehmen. Andere namhafte Turniere, wie Kassel und Ludwigsburg, mussten derweil aufgegeben werden. In Wiesbaden verzichtete man dagegen nur auf die Wagenprüfungen. Um mehr Planungssicherheit zu erlangen, erging ein Spendenaufruf an die Mitglieder, der glücklicherweise erhört wurde.

Das Pfingstturnier 1984 war ein Turnier der Superlative. Das Wetter stimmte, und auch über den neuen Hauptsponsor des Turniers war der Verein sehr glücklich. Großzügig löste Visa in diesem Jahr die Spielbank Wiesbaden als Sponsor für den Großen Preis ab und ermöglichte eine Verdopplung der Preisgelder im Vergleich zum Vorjahr. Teilnehmer aus 16 Ländern starteten mit Mannschaften, die sich in Wiesbaden für die olympischen Spiele in Los Angeles zu qualifizieren hatten.

1985 wurden die Stallungen verändert: Statt der bis dahin üblichen Ständer für die Pferde wurden Boxen und zusätzlich Stallzelte mit 400 Boxen gebaut.

Immer schwieriger war der Weg durch die Instanzen: Alljährlich musste die Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten ihr „Jawort“ zur Durchführung des Turniers geben. Hinzu kamen die Genehmigungen durch Grünflächenamt, Umweltbehörde, Ordnungsamt und Polizei.

Rückschläge und Neuausrichtung

Im Jahre 1987 verstarb der langjährige Präsident Wilhelm Dyckerhoff, und niemand hatte noch zu Beginn des Folgejahres geglaubt, dass das Pfingstturnier weiterhin stattfinden könnte. Der Tod des Präsidenten hatte eine große Lücke in den Vorstand des WRFC gerissen. Auch Sponsoren fielen aus, die Wilhelm Dyckerhoff seit Jahren immer wieder durch seine Ausstrahlung und Persönlichkeit hatte gewinnen können.

Im Wahljahr 1992 gründete sich ein neuer Vorstand. Präsidentin wurde die Tochter von Wilhelm Dyckerhoff, Kristina Dyckerhoff, die dem alten Vorstand bereits als Beisitzerin angehört hatte. Die neue Ausrichtung zielte auf „Qualität statt Quantität“, verbunden mit sportlicher Attraktivität, Unterhaltung und Kultur. Das erforderte die Reduzierung der Starterfelder sowie ein unterhaltsames Beiprogramm. So entstand die Wiesbadener Pferdenacht, die seit inzwischen über 20 Jahren mehr als 400.000 Gäste angelockt hat. Am Sonntag wurde der Familientag eingerichtet. Und auch dies gehörte zum neuen Werbekonzept: Am Dienstag vor Pfingsten bildete ein Reiter- und Kutschenkorso durch die Stadt den Auftakt für das Turnier. Der Clou des Familiensonntags war eine Weltpremiere mit Bombenstimmung und vollbesetzten Zuschauerrängen: das „Ride & Drive“. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde auf Rasen gesprungen, zwei neue Tribünen kamen dazu.

Im Norden entstand die sogenannte weiße Stadt mit edlen Pagodenzelten, im Süden gab es die „bunte Stadt“ mit dem Kinderland, das mit einer Dampfeisenbahn, Rollenrutschbahn, Hüpfburg und Ponyreiten den Kleinen etwas bieten sollen. Abgerundet wurde das Pfingstturnier wieder durch die zahlreichen gesellschaftlichen Ereignisse rund um den großen Sport. Höhepunkte bildeten zweifellos der traditionelle Empfang der Reiter auf Henkellsfeld und der Empfang im Biebricher Schloss.

Zu den Schwierigkeiten, mit denen der Wiesbadener Reit- und Fahr-Club immer wieder zu kämpfen hatte, gehörten Anwohner, die sich über die Lautstärke und vor allem über die chaotischen Verkehrsverhältnisse beschwerten. Was den Lärm betraf, so haben die Veranstalter bereits Konsequenzen gezogen, indem sie die Musik kurz nach Mitternacht abstellten. Die Stadt verlegte die Dieselaggregate in den Schlosspark, um den Anwohnern mehr Ruhe zu gönnen und das Verkehrskonzept. wurde überarbeitet.

Seit 2001 macht die von Paul Schockemöhle gegründete „Riders Tour“ in Wiesbaden Station. Diese Zusammenarbeit hat sich für beide Seiten gelohnt. Anfangs gab es neben der Einzelwertung auch einen Teamwettbewerb. Dieser wurde jedoch nach einigen Jahren wieder eingestellt.

Um neue Sponsoren und neue Einnahmen zu erschließen, erweiterte der Club 2005 die Haupttribüne um ein ganzes Stockwerk. Etwa 700 VIP-Plätze, auch an Tischen, bot der Bereich im Erdgeschoss der neuen Haupttribüne, 46 Tische standen direkt am Parcours. Viele davon wurden verkauft, und so ging die Rechnung für den Club bereits im ersten Jahr auf. Im ersten Stock befand sich die normale Haupttribüne.

Zwischen 2001 und 2008 gab es keinen Vielseitigkeitswettbewerb. Umso größer war die Freude, diese beliebte Prüfung nach sieben Jahren wieder ins Programm aufnehmen zu können.

Zwischen 2014 und 2016 konnte sich Wiesbaden über einen neuen Hauptsponsor freuen: Die Qataris stiegen mit einem sechsstelligen Betrag ein, wodurch das Preisgeld erhöht werden konnte. Dies blieb jedoch nicht ohne Kritik, war Qatar doch zuletzt mit Menschenrechtsverletzungen und Kriegsbeteiligungen in die Schlagzeilen geraten. Auch wenn es nicht der Staat war, sondern die reiterliche Vereinigung des Emirats, die als Sponsor auftrat, stieß die Verbindung vor allem bei Außenstehenden dennoch auf Ablehnung. Mit Auslaufen des Dreijahrsvertrages gehört die Kooperation der Vergangenheit an.

Die Überlebensängste sind inzwischen nicht mehr so groß wie in den 1970er bis 1990er Jahren. Das Pfingstturnier hat sich international einen sehr guten Ruf erarbeitet, die Dressurreiter lieben die Atmosphäre vor dem Schloss, und die Springreiter begeistern sich für den wunderschönen Parcours. Die Voltigierer haben in Wiesbaden ein einmaliges Outdoor-Event entdeckt, und die Vielseitigkeitsreiter schätzen die Geländestrecke sehr. Der WRFC konnte mit dieser Veranstaltung viele Sponsoren gewinnen, denn es wird großer Sport vor einer traumhaften Kulisse geboten. Die Sektkellerei Henkell unterstützt das Turnier gar seit seinen Anfängen. Natürlich fällt immer mal wieder ein Sponsor aus, doch bislang haben die Verantwortlichen stets einen Weg gefunden, solche Lücken wieder zu schließen. Und freuen sich auf das 81. Pfingstturnier!

 

Die Highlights des Pfingstturniers:

 

Der Kutschenkorso am Dienstag vor Pfingsten abends auf dem Schlossplatz

Die Pferdenacht am Freitagabend

Vielseitigkeit und Voltigieren unter Flutlicht am Samstagabend

„Ride & Drive“ und Dressur-Kür unter Flutlicht am Sonntagabend

Großer Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden am Pfingstmontag

 

Das vollständige Programm und die Zeiteinteilung finden Sie auf der Homepage der WRFC

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