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Vom Rheinbahnhof zu den Rhein-Main-Hallen 2.0

Der Neubau der Rhein-Main-Hallen bis 2018 ist das größte städtische Infrastrukturprojekt seit Jahrzehnten. Das lilienjournal möchte sich nicht darauf beschränken, nur die aktuellen Planungen, politischen und wirtschaftlichen Hintergründe zu beleuchten. Die Stadtentwicklung des umgebenden Areals hat eine tiefere Würdigung verdient, um auch die denkmalschützerischen Aspekte besser zu verstehen.

Betrachtet man die gegenwärtig voranschreitende Neubebauung der für Wiesbaden so bedeutenden grünen Sichtachse vom Hauptbahnhof über die Reisinger- und Herbertanlagen bis zur Wilhelmstraße, so sollte man die historischen Entwicklungen nicht vergessen, die den Standort der Rhein-Main-Hallen erst ermöglichten.

Es zeugt von weiser Voraussicht früherer Stadtplaner und großer Mäzene, ein Industrie- und Bahnhofsgelände am damaligen Rande der Wiesbadener Kernstadt in Grünanlagen zu verwandeln, die heute denkmalgeschützt sind. Das Areal selbst erlebte im 20. Jahrhundert eine beeindruckende Wandlung. Dank historischen Bildmaterials, das dem lilienjournal freundlicherweise vom Wiesbadener Stadtarchiv zur Verfügung gestellt wurde, lässt sich dieser Wandel nachvollziehen.

Die Reisinger-Brunnen- und Herbert-Anlagen mit Wandelhalle gibt es erst seit rund 80 Jahren. Sie waren Geschenke an die Bevölkerung, die höchsten Schutz genießen sollten. Ursprüngliche Planungen für den Neubau der Rhein-Main-Hallen zeigten nicht sonderlich viel Erfurcht vor dieser Leistung, somit sei dieser historische Vorspann auch den Stadtpolitikern gewidmet, die immer mal wieder Eingriffe in Wiesbadens kulturelles Erbe planen, ohne sich zuvor mit dem Denkmalschutz abzustimmen. Dazu später mehr.

Als die Reichen zu den Kuren fuhren

Drei Bahnhöfe umgaben das Gebiet der heutigen Rhein-Main-Hallen:

Der Rhein-Bahnhof als Endpunkt der Nassauischen Rheinbahn verband Wiesbaden nicht nur mit dem Rheingau, sondern über Rüdesheim auch mit Oberlahnstein und Koblenz und war das schönste Wiesbadener Bahngebäude. Er befand sich seitlich der heute noch so benannten Rheinbahnstraße. 1857 wurde er in Betrieb genommen, 1868 wurde das dreigeschossige Empfangsgebäude im klassizistischen Stil errichtet und überdauerte immerhin gut 100 Jahre. Von hier fuhr auch ab 1889 die Aartalbahn (damals Langenschwalbacher Bahn) nach Bad Schwalbach. Sein prächtiges Empfangsgebäude wurde als Letztes abgerissen, als 1969 die alten Rhein-Main-Hallen ereitert wurden. Stillgelegt war er bereits seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts, wie auch die anderen beiden Bahnhöfe in unmittelbarer Nähe.

Der Ludwigsbahnhof als jüngster der drei befand sich gegenüber der Rhein-Main-Hallen auf dem Gelände des heutigen Landesmuseums, das 1915 an seiner Stelle errichtet wurde. Er war Ausgangsbahnhof der heutigen Ländchesbahn nach Niedernhausen und wurde 1879 eröffnet.

Der 1840 errichtete Taunusbahnhof war der erste Bahnhof der damaligen nassauischen Hauptstadt Wiesbaden. Er befand sich exakt auf dem heutigen Hallengrundstück Ecke Rheinstraße/Wilhelmstraße und war Start- und Endpunkt der damaligen Taunus-Eisenbahn, die Wiesbaden mit Frankfurt verband. Mit seinem umgebenden Gewerbegebiet galt er als der hässlichste aller Wiesbadener Bahnhöfe und schien einer Kurstadt mehr und mehr unangemessen. Einen standesgemäßen Empfang hoher Häupter ermöglichte er kaum, nicht zuletzt, da ein Fürstenzimmer fehlte, um den Durchlauchten nach anstrengender Fahrt oder vor deren Antritt Erholung zu bieten.

Aus heutiger Sicht mag es erstaunen, dass man die ersten drei Wiesbadener Bahnhöfe möglichst nah am Kurviertel baute und nicht am anderen Ende der Stadt zu verstecken suchte. Doch im ausgehenden Kutschen-Zeitalter mit seinen höchst unbequemen Beförderungsmitteln und holprigen Straßen war es für die begüterten Kreise und Kurgäste ein unerhörter Luxus, mit der Bahn direkt bis ins Zentrum des Kurgeschehens vorfahren zu können. Imposante Bahnhöfe in Zentrumslage galten als echte Attraktion. Das erklärt auch die Empörung über fehlenden Luxus im und um den Taunusbahnhof. Wenn schon ein Premium-Service, dann bitte mit allen Schikanen. Erst, als der Bahnbetrieb qualmend über sich selbst hinauswuchs, mit seinem Rumpeln, Kreischen, Quietschen und den dunklen Bahnarbeiter-Gestalten zum Störfaktor für das unmittelbar benachbarte Glamour-Quartier wurde, musste er weg an einen entfernteren Ort.

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