Bildquelle: Klaus Koschwitz

Volker Kriegel – Mehr als Jazz

Im Dezember 2015 hatte der Ortsbeirat Nordost beschlossen, den bis dahin namenlosen Platz unterhalb der Nerobergbahn Volker-Kriegel-Platz zu nennen. Bei der Einweihung trafen wir seine Frau Evelyn Kriegel, die seinen Nachlass verwaltet. Sie zeigte uns einige Objekte und Dokumente aus einem kreativen Leben. Anlass genug, an einen der bedeutendsten Wiesbadener Künstler zu erinnern.
Von Holger Schwedler

In Volker Kriegels Gitarrenspiel bündelt sich, was die Gitarre im Jazz zu bieten hat: Die hochvirtuosen Single-note-Läufe, die Wandlungsfähigkeit im Atmosphärischen von der Melancholie des Blues bis zum Feuer des Jazzrock, aber auch die Kraft, das rhythmische Fundament des Swing bis zum Fusion Jazz. Man kann auch sagen: Er war Zeichner, Verleger und Übersetzer auf Abwegen, der als zugezogener Bub aus Darmstadt in Wiesbaden die Musikwelt ein wenig revolutionierte.

Die Anfänge in Wiesbaden

Volker Kriegel, 1943 in Darmstadt geboren, wuchs in Wiesbaden auf. Er brachte sich das Zeichnen und Gitarrenspiel selbst bei. Am Lagerfeuer bei den Pfadfindern schaute er sich die ersten Griffe ab. Die Pfadfinder waren bald vergessen – die Gitarre nicht. Er trat als Teenager in Wiesbadener (Jazzhaus) und Mainzer Clubs (Katakombe) mit eigener Band auf – und im Jazzkeller Frankfurt, wo Albert Mangelsdorff ihn ansprach: “Komm, spiel bissje mit“. Später wurde gesagt, dass er einige Male den Jazzkeller geschwänzt habe, um in die Schule zu gehen. Erschwerend kam hinzu, dass er um Punkt 22 Uhr zu Hause sein musste, weshalb er den zweiten Teil der Konzerte nie miterlebte. Gerne hat er später darüber geredet: „Ich war 17 Jahre alt und gehörte für ein paar Stunden dazu, genieße sogar ein gewisses Ansehen.“

Anfang der 1960er Jahre gastieren richtige Berufsjazzer im Wiesbadener Jazzhaus in der Nerostraße. Klaus Doldinger und bald darauf Albert Mangelsdorff hauen ihn „um“. Nach dem Abitur schwankt Kriegel, was er machen soll. Schließlich studiert er in Frankfurt Soziologie und Psychologie. Während seiner Studienzeit spielt er im Frankfurter Jazzkeller in Jamsessions mit Albert und Emil Mangelsdorff, Fritz Hartschuh, Gustl Mayer und Rolf Lüttgens sowie in Düsseldorf mit Doldinger.

Nach dem Vordiplom 1964 beendete Kriegel sein Studium. Später bezeichnete er es als „Seminar-Langeweile, dazwischen Splitter von Interesse & Erkenntnis“ und tauschte dafür ein Leben ein mit „Männchen malen, Jazz spielen, und sogar davon leben können – wer hätte das gedacht?! Wow“.

1962 lernte er seine spätere Frau Evelyn kennen, 1966 kam ihre Tochter Anja zur Welt und Volker Kriegel war auf dem Weg, Berufsmusiker zu werden. Ab 1967 war er Mitglied der am Mainstream Jazz orientierten Swinging Oil Drops von Emil Mangelsdorff und der Sound Constellation von Gustl Mayer, wirkte aber auch am Album Doldinger Goes On des Jazz-Saxofonisten Klaus Doldinger mit.

Jazz und Rock

Von 1968 bis 1973 spielte Kriegel in der Band Dave Pike Set, deren wachsender Erfolg ihn Ende der 1960er Jahre in die erste Reihe der Jazz-Gitarristen Europas katapultierte. Er aber wollte seine Musik weiterentwickeln: In Europa gab es früh und zum Teil unabhängig von der Entwicklung in den USA eine Bewegung, die Jazz- und Rockmusik miteinander verband. Diese Verbindung trieb Kriegel mit voran. John McLaughlin und Jack Bruce brachten die Fusion später in die USA – der Jazzrock war geboren. Kriegel begründete die Verbindung später so: „Mit rückwärts gerichteter Jazz-Romantik und weinerlicher Attitüde ist keinem geholfen. Denn das Gerede der Ideologen, Jazz sei automatisch mehr wert als Unterhaltung, hat uns bloß alle in die Ecke gedrängt.“

Kriegel war Deutschlands Jazz-Gitarrist Nummer eins geworden, ohne dass er das geplant hatte. Dabei war Kriegel mit seiner Leadgitarre nicht auf die elektrisch verstärkte Jazzgitarre festgelegt, sondern spielte gelegentlich auch auf der akustischen Gitarre, ausnahmsweise auf Banjo oder sogar auf einer Sitar.

Die 1970er Jahre waren davon geprägt, dass er mit allen wichtigen Protagonisten der deutschen Jazz-, Jazzrock- und Fusionszene Musik machte. 1975 gründete er die Formation Mild Maniac Orchestra unter anderem mit Eberhard Weber, mit dem er bis in die 1980er Jahre international Bedeutung erlangte. Anders als in vorherigen Ensembles arbeitete er in dieser Formation nicht nur mit reinen Jazz-Musikern zusammen.

Seit 1977 spielte er im United Jazz und Rock Ensemble (UJRE) mit, zu dessen Gründungsmitgliedern er zählte und für das er auch komponierte. Mit dieser Formation trat er immer wieder auf, wenn auch zuletzt in größeren Abständen, über fast 25 Jahre. Über das UJRE sagte Kriegel später: „Im Nachhinein wusste natürlich jeder, da kann doch gar nichts schief gehen, wenn sich zehn Musiker, die zu den Stars auf ihren Instrumenten zählen, zusammentun.“ Ebenfalls 1977 gründete Kriegel mit weiteren Musikern das Musiklabel Mood Records. Im selben Jahr entstanden auch zwei Dokumentarfilme für das ZDF: „25 Jahre Jazzkeller Frankfurt“ und „Montreux 77 – Portrait eines Festivals“.

Zeichner und Schriftsteller

Mitte der 1990er Jahre erhielt Kriegel die Möglichkeit, beim Schweizer Haffmans Verlag Zeichnungen zu veröffentlichen. Seine zweite Karriere als Erzähler, Übersetzer, Cartoonist und Illustrator war ebenfalls sehr erfolgreich. Sein Buch „Der Rock’n’Roll-König“ wurde Anfang der 1980er Jahre zum Klassiker des Genres. Zu den von ihm aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Büchern gehören die Miles Davis-Biographie seines Kollegen Ian Carr sowie Charles Dickens „A Christmas Carol“, das er neu übersetzte und illustrierte. 1979 schuf er in London außerdem den Zeichentrickfilm „Der Falschspieler“. Des weiteren arbeitete er für die Hörfunk-Jazzredaktion des NDR und schrieb Texte für Jazzsendungen.

Ende der 1990er Jahre hatte er allmählich genug vom anstrengenden Leben als Berufsmusiker. Zeichnen und Schreiben wurden neben musikalischen Auftragsarbeiten für Film und Fernsehen nun zu seinem Hauptberuf. 2002, kurz vor seinem Tod, kehrte er auf Bitten der anderen Musiker für die Abschiedstournee zum United Jazz und Rock Ensemble zurück.

Abschied

Kennengelernt habe ich Volker Kriegel in seiner Lieblingskneipe, dem Rheingold in der Saalgasse, an der Theke bei einem Bier. Ruhig und zufrieden mit sich. Für die jungen Leute nur der Mann mit dem Stift in der Hand, der Bierdeckel oder Sonstiges bemalte. Legendär seine Geburtstagsfeier zum Vierzigsten mit einigen Jazz-Größen wie Eberhard Weber, Wolfgang Dauner und einem spontan in der Nerostraße geenterten Klavier.

In den 1990er Jahren erkrankte er wiederholt an Krebs. Am 14. Juni 2003 starb Volker Kriegel im spanischen San Sebastián an einem Herzinfarkt während eines Besuchs bei seiner Tochter und Enkeltochter. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Nordfriedhof in Wiesbaden.

Der ebenfalls krebskranke und 2006 verstorbene Dichter Robert Gernhardt widmete seinem Freund Kriegel seinen 2004 erschienenen Band „Die K Gedichte“, in denen er sich mit der gemeinsamen Krankheitserfahrung auseinandersetzt.

2005 erwarb das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover den zeichnerischen Nachlass Kriegels, rund 730 Zeichnungen, mit Unterstützung Evelyn Kriegels, des Bundes und einer privaten Spende.

Zu seinem 75. Geburtstag 2018 wird es im Schöffling-Verlag eine Edition seines Gesamtwerkes geben und das Caricatura Museum für Komische Kunst Frankfurt wird zu diesem Anlass eine Ausstellung zeigen.

Homepage Volker Kriegel

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