Colours and voices of Wiesbaden

The Colours and Voices of Wiesbaden

Mehr als ein Dutzend Musiker aus acht Ländern von vier Kontinenten macht auf zwei Dutzend Instrumenten Weltmusik. Einige Musiker sind zugleich kreative Instrumentenbauer.
Von Mario Bohrmann und Ullrich Knapp

Anfang Februar spielten „The Colours and Voices of Wiesbaden“ im vollbesetzten Kulturforum. Musiker aus acht Ländern, exotische Instrumente, unterschiedliche Stimmen und Klangfarben kennzeichnen das Ensemble, gleichzeitig ist es die Wiederauflage eines Musikprojekts aus den 1990er Jahren. Mit traditioneller Musik, aber auch eigenen Kompositionen setzen die Künstler wieder ein Zeichen.

Zwischen 1993 und 1998 trat das „Earthmusic Orchestra“ als Projekt der Initiative “World Music Wiesbaden” gegen Fremdenfeindlichkeit an und auf. Nach den Brandanschlägen auf Asylbewerberheime, unter anderem in Mölln, wollten die Musiker mit ihren Mitteln Stellung gegen Rassismus und Engstirnigkeit beziehen. Der Wiesbadener Eberhard Emmel und drei der damaligen Gründungsmitglieder (Erik Klingenberg, Wolfgang Holthues und Bassam Ayoub) bilden auch jetzt den Kern der neuen Gruppe, erweitert durch jüngere Musiker und wechselnde Gäste. Sein Interesse bekundet hat beispielsweise  der junge und in Wiesbaden lebende Aeham Ahmad, der mit seinem ergreifenden Youtube-Auftritt Internetberühmtheit erlangte, als er an seinem Klavier in einer völlig ausgebombten Straße seiner syrischen Heimatstadt gegen die Hoffnungslosigkeit des Kriegs ansang.

Eberhard Emmel, 1953 in Wiesbaden geboren, ist ein Urgestein der Wiesbadener Jazz-Szene, zuhause auf allen Saxophonarten und maßgeblich beteiligt an unzähligen Projekten, Gruppen und Initiativen. Er tritt gerne und regelmäßig im Dialog mit tanzenden, performenden und rezitierenden Künstlern auf, begleitet Vernissagen und spezielle Themenabende. Hauptberuflich Lektor, spielt er neben Saxophon, Klarinette und Flöte auch Gongs, Kalimbas und „seltene Klangerzeuger”. Seit den 1970er Jahren mit ersten eigenen Auftritten im „Jazz House“ und im „Nero“, wirkte er auch bei der „Aktionsgruppe Wiesbaden“ mit und war später Mitgründer der „Kooperative New Jazz“ (ARTist).

Im Bergkirchenviertel lebend liegt ihm auch sein „Kiez“ am Herzen, den er bislang mit zahlreichen Open Airs an dortigen Plätzen und mit Bergkirchenkonzerten sowie 2001 mit der Lesung „Vom Leben im Viertel“ bereicherte. Mitwirkung im Lyrikcafé Hinterhaus und Auftritte beim „Open Ohr“, bei Folklore im Garten, CD-Einspielungen, die Gründung von World Music Wiesbaden 1993 und der Gruppen „Earthmusic Orchestra“, „Nightpoets“, „The Urban Nomads“ sind nur einige seiner Stationen der letzten 40 Jahre. Seine Beschäftigung mit außereuropäischen Musikkulturen brachte ihn mit vielen Künstlern zusammen und bildet die Grundlage seiner breiten Musikkompetenz. 

Erik Klingenberg aus den USA gehört ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern von „World Music Wiesbaden“. Geprägt durch die Songs der 60er und 70er Jahre und seine Eindrücke beim Woodstock-Festival, bei dem er als Roadie mitwirkte, ist er ein großer Kenner der amerikanischen Musikwelt. Aber er ist auch ein ungewöhnlicher Dichter (und Fotograf), der bei den „Nightpoets“ zusammen mit Eberhard Emmel seine Gedichte vertonte. Nach vielen Reisen durch Europa „strandete“ er vor Jahrzehnten in Wiesbaden. Dabei gilt seine große Liebe der französischen Hauptstadt Paris, die er in seinem eigenen Blog mitunter lyrisch skizziert. Hören kann man ihn zum Beispiel in der Doors-Tribute-Band „The Changeling”. Erik arbeitete viele Jahre als Archäologe.

Mit Wolfgang Holthues lernen wir den dritten Musiker aus der Anfangszeit kennen. Holthues ist ein Chamäleon der Künstlerszene. Von seinen Reisen in asiatische und afrikanische Länder bringt er immer wieder interessante musikalische Impressionen und auch Instrumente mit. Seine afrikanische Bogenharfe, eine „Doussou N´goni“, ursprünglich das Instrument der Jäger in Westafrika, baut er selbst – wie auch andere archaisch wirkende Instrumente.

Auf einer Senegalreise traf er den Trommler Modou Seck, der schon seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Nach beider Rückkehr war Wolfgang einer der ersten Musiker, der außereuropäische Klänge in die Wiesbadener Szene durch die Gruppe „Naga Pelanggi” einbrachte. Nach ihm bereicherten mehr und mehr Musiker und Musikerinnen aus anderen Kulturen die Gruppen und Projekte von World Music Wiesbaden.

Weitere Beispiele von Holthues‘ Schaffen wurden in Gestalt seiner Sandbilder vor einigen Jahren in Wiesbadener Galerien ausgestellt. Auf die Idee, Bilder aus Sand zu gestalten, kam er bei einem Besuch bei seinem Freund und Trommellehrer Seydou Ssissokho auf einem Handwerkermarkt im Senegal. Mit Schablonen und Kleber bringt er verschiedenfarbigen Sand auf dünnen Holzplatten auf.

Schließlich das vierte Gründungsmitglied: Bassam Ayoub aus Syrien. Er spielt orientalische Musik in verschiedenen Gruppen und betreibt sein eigenes Tonstudio in Wiesbaden. Bassam lernte sehr früh das Gitarrespielen und hat immer nur als Musiker gearbeitet, wo immer er gerade lebte. Er ist zugleich Tonmeister, Arrangeur, Sänger und seit drei Jahren auch Sounddesigner für orientalische Musik.

1983 kam er nach Deutschland, nachdem er seine spätere deutsche Ehefrau auf Zypern kennengelernt hatte. Bassam wurde in Hwasch, einem kleinen Ort in der Nähe von Homs, geboren. Sehr bald siedelte die Familie nach Damaskus um. Dort lebte er bis zu seinem Weggang. Syrien war ein wunderbares und freies Land, jeder konnte leben und glauben, was er wollte, ob als Christ, Jude, Muslim schiitischer oder sunnitischer Prägung oder als Angehöriger einer der vielen Minderheiten. Bassam hat Syrien verlassen, um in anderen Ländern zu arbeiten und steht bis heute noch in Kontakt mit seiner Familie. Die momentane Situation in seiner Heimat ist für Bassam dramatisch, die Angst um die Angehörigen dort begleitet ihn ständig.

Vicky (Victoria) Andonova bringt bulgarische Volksmusik in die Gruppe ein. Die bulgarische Sängerin ist seit drei Jahren dabei und kam über ihr Studium 2009 nach Deutschland. Vicky wechselte in ihrem noch jungen Leben schon einige Male zwischen Bulgarien und Deutschland. In einem sehr musikalischen Elternhaus aufgewachsen, ist sie eine ausgezeichnete Improvisatorin. Bei den musikalischen Sessions in Wiesbaden steuert sie eigene Texte bei, zu denen sie spontan Melodien erfindet. Auch sie ist in mehreren musikalischen Welten beheimatet – man hört ihre Vorlieben für amerikanische Popmusik à la Beyoncé und Rihanna, aber auch ihre Erdung in bulgarischer Volksmusik (falls Sie das noch nicht kennen, hören Sie sich mal Musik von den „Bulgarischen Stimmen“ an!). 

Enkhtuya Jambaldorj stammt aus der Mongolei. Ihr Name bedeutet „Sonnenstrahl des Friedens“. In Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, studierte sie an der Universität für Kultur und Kunst und erwarb das Diplom als Orchester-Solistin. Neben ihrer Liebe zur eigenen Volkskunst und ihrer Mitgliedschaft im mongolischen Frauen-Ensemble „Hatan“ ist sie eine Virtuosin auf verschiedenen traditionellen Saiteninstrumenten und beherrscht auch den traditionellen Obertongesang. Sie spielt mongolische Zither, Langhalslaute und Pferdekopfgeige. Neben der Mitwirkung bei Textlesungen und Performances kann sie bei freien Sessions auch auf der E-Gitarre „abrocken“. Auf ihrer CD findet sich zudem ein Stück, das der Minimal-Music eines Steve Reich beziehungsweise der balinesischen Musik klanglich nahesteht. In Wiesbaden lebt und arbeitet sie als Musikpädagogin, leitet seit sieben Jahren die Musik AG der Kleist-Schule und unterrichtet seit drei Jahren Musik an der Anne-Sophie und Hans Scholl Schule.

Die Liebe verschlug auch den 60-jährigen Trommler und Sänger Ibrahim Doucouré aus dem Senegal hierher. Seine Frau lernte er in den Reisinger-Anlagen kennen. Im „Haus der Jugend“ fand er seinen ersten Veranstaltungsraum. Spätere Auftritte im Tattersall und in der Kreativfabrik brachten ihn 2004 mit Eberhard Emmel zusammen. Er ist Krankentransporteur und für die gute Laune bei „World Music Wiesbaden“ zuständig. Zudem trifft er berufsmäßig immer wieder auf Menschen und Musiker aus fernen Ländern. So will er jetzt einige syrische Flüchtlinge zur nächsten „offenen“ Session mitbringen.

Alveth Chandok, in Wiesbaden geborener Sohn afghanischer Eltern, nahm Keyboardunterricht an der Musik- und Kunstschule und spielte bereits mit einer frühen Jugendband im Kulturforum. In kriegerischen Zeiten flohen seine Eltern 1989 aus Afghanistan über Pakistan nach Indien und kamen dann 1990 per Flugzeug nach Deutschland. Durch Zufall kam er in die Musikergruppe um Eberhard Emmel. Durch Kontakte an der Musikschule erreichte ihn eines Tages der Anruf von Eberhards Musikkollegen Armin Reuss.

Zum größten Teil ist Alveth Chandok durch indische und afghanische Musiker beeinflusst, aber auch durch seinen ehemaligen Keyboardlehrer Peter Antony. Afghanische Musik basiert auf den Regeln der nordindischen Raga- und Tala-Musik. Deshalb fing Alveth vor zehn Jahren an, die Tablas zu spielen, ein indisches Perkussionsinstrument. 

Said Azarlee stammt aus dem Iran und ist seit 1989 hier. Er verweigerte im Iran zur Zeit des Irak-Iran-Kriegs den Wehrdienst, musste dafür ins Gefängnis und floh nach einer Odyssee durch verschiedene Länder nach Deutschland, das seine neue Heimat wurde – gleichwohl ist er ein Weltbürger. Er versucht jedes Jahr nach Indien zu reisen, um spirituell neue Energien zu schöpfen. In seine ursprüngliche, geliebte Heimat darf er seit seiner Wehrdienstverweigerung nicht zurückkehren, so konnte er auch nicht bei seinen Eltern sein, als diese vor ein paar Jahren im Iran verstarben.

Said kennt man durch seine Stände bei verschiedenen Wiesbadener „Festivitäten“, etwa dem Kranzplatzfest. Er ist der immer freundliche „Hippie“, dem man seine Vorstellungen von kulturübergreifender Freundschaft, ja „Liebe“, absolut abnimmt. Er spielt zahlreiche Instrumente, baut diese auch selbst, zum Beispiel Flöten, Kalimbas, Tankdrums (kleine Steeldrums), Floobs (selbst erfundene Perkussionsflöten). Besonders liegen ihm Texte des persischen Mystikers und Dichters Rumi am Herzen, die er vertont und auch singt.

Armin Reuss spielt Querflöte, Saxophon und Hang, ein exotisches Instrument aus der Schweiz, eine Art Steeldrum, die mit den Händen gespielt wird. Er ist Toningenieur und seit 25 Jahren bei ZDF/3sat tätig. Er hat dort mit Herbie Hancock, Jan Garbarek und anderen arbeiten können, außerdem mit dem Dalai Lama. Sein Traum ist es, eine Querflöten-Solo-CD im Kloster Eberbach und in den Tropfsteinhöhlen Cuevas de Drago auf Mallorca aufzunehmen.

Markus Kieslichs Großvater mütterlicherseits war Erster Geiger am Staatstheater Wiesbaden, sein Großvater väterlicherseits spielte als Jazzpianist in amerikanischen Clubs nach dem Krieg. Mit 14 bekam er von seiner Mutter ein altes Piano und seine musikalische Laufbahn begann mit klassischem Klavierunterricht am Wiesbadener Konservatorium. Es folgten Synthesizer, Saxophon (sein Lehrer: Eberhardt Emmel), Marimba, Percussion, Bass und schließlich Gitarre.

In zahlreichen Bands spielte er mit und folgte quer durch etliche Genres seiner Leidenschaft, die ihn 2013 wieder zur Weltmusik in Gestalt der Urban Nomads und zu Eberhard Emmel führte. „Faszinierend finde ich, wenn zum Beispiel persische Musik-Mentalität westliche Jazz-Einflüsse zulässt (und umgekehrt) und dies zu einer nie gehörten Musik-Kreation verschmilzt“, so beschreibt er seine Begeisterung für die Begegnung mit der Musik von Colours and Voices of Wiesbaden.

Mit dabei beim Auftritt im Kulturforum waren zudem Kambiz Yaghmaei (Vibraphon, Santur), Amir Nasiri (Perkussion) und Thomas Wilhelm (Bassgitarre, Didgeridoo). 

Die zukünftige Zusammensetzung der Gruppe ist noch nicht bekannt. Vielleicht wird Aeham Ahmed mit dabei sein, vielleicht auch mit Elke Aurora ein weiteres Gründungsmitglied. Die Tochter indischer Eltern singt und spielt Percussion. Eberhard Emmel, der gern allmählich in die zweite Reihe (zurück)treten würde, hat einen großen Wunsch für sich und die Gruppe: Die Musiker möchten ihre besten Stücke auf einer CD veröffentlichen. Vielleicht findet sich ja über unsere Leserschaft ein Weg.

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