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Tatorte Kunst – Sehen, wo die Kunst entsteht

Ende Oktober zieht wieder eine Karawane von Kunstinteressierten zwischen den Werkstätten und Ateliers in Rheingauviertel und Wiesbaden-Mitte zu den Tatorten der Kunst. Überall links und rechts des Kaiser-Friedrich-Rings finden sich geöffnete Werkstätten, Hinterhöfe mit gemeinsamen Ausstellungen, Künstlergalerien und Ateliers aller Art. Bei diesem von ihnen selbst organisierten Rundgang ziehen die Künstler an einem Strang, und auch ihr Austausch steht im Vordergrund. Von Mario Bohrmann

Es wäre eher ungewöhnlich, wenn ein Atelier einem aufgeräumten Wohnzimmer gleichen würde. Es ist ja schließlich Werkstätte, Denkstätte und Kulturstätte zugleich. So suchen wir in der großen Atelier-WG der Wörthstraße 5 neben dem Gespräch mit dem Künstlerquintett und Organisationskomitee von „Tatorte Kunst“ das geeignete Motiv und schwanken zwischen Scheune und Ente, innen und außen. Eva-Raabe Lindenblatt, die mit ihrer Kollegin Katja Rosenberg im oberen Teil der Wörthstraße die „Kunsterwerkstatt“ führt und dort auch Malerei unterrichtet, fährt mit 26 PS und Schwimmflossen an der Front statt Heckflosse vor. Der vielfarbige 2CV, längst zum Liebhaberfahrzeug und Oldtimer geworden und nur noch selten zu sehen, passt in das bunte Bild, das 39 Künstler in 27 Ateliers am 30. Oktober zeichnen wollen.

Dieser kreativen Frauenpower begegnen wir passenderweise im Hof des Frauenmuseums. Auch dort, um diese städtischen Gebäude, deren Räume im Erdgeschoss des Hinterhauses und Seitenbaus vom Kulturamt zu moderaten Preisen an Kunstschaffende vermietet werden, finden sich schon mehr als ein halbes Dutzend Künstler. Auch in einer großen Scheune, die sich gleich mehrere teilen und die vor rund 20 Jahren sogar mal als Ersatz für die Kleinkunstbühne in der Karlstraße, das frühere Hinterhaus-Theater (heute Thalhaus), im Raume stand, haben sich welche eingerichtet.

Kulmination
spunkt Wörthstraße

So liegen die Kunst, deren Schöpfung und deren Ausstellung an diesem Ort in der Wörthstraße in unglaublicher Dichte beieinander. Nicht nur wegen der zahlreichen Ateliers und des Frauenmuseums. Auch das Höppli-Haus befindet sich unmittelbar gegenüber, und schaut man sich die Nachbarhäuser an, so sind Höpplis Werke auch an ihnen, erst Jahre nach seiner „Thonwaarenfabrik“ erbaut, zu erkennen. Es ist kein Verein, der die „Tatorte“ von Feder und Farbe, Pinseln und Pigmenten organisiert, es ist eher eine Solidargemeinschaft von Künstlern, die den Hobbystatus längst verlassen haben und ihre Wiesbadener Kollegen nicht als Konkurrenz begreifen, sondern den Austausch mit ihnen als Bereicherung und Befruchtung.

Neben Eva Raabe-Lindenblatt, Mitgründerin und Motivatorin, kümmert sich Petra von Breitenbach (Zeichnungen, Collagen und Objekte) um die Öffentlichkeitsarbeit. Gisela Grosshaus (Plastik, Installation und Malerei) betreut und sucht die Sponsoren die wieder in Form der Naspa und des Kulturamtes gewonnen werden konnten. Erstmals unterstützt auch die SV-SparkassenVersicherung den Kunstrundgang finanziell. Auch die Ortsbeiräte Rheingauviertel/Hollerborn und Mitte tragen dazu bei, dass Organisation, Plakat- und Flyerdruck gestemmt werden können. Iris Kaczmarczyk (Fotografie LebensART) kümmert sich seit Jahren um die grafische Aufbereitung und die aufwändige Ausstellungsbroschüre sowie die Fotos, während Sylvia von Bernstorff die Finanzen verwaltet und im Griff behält.

Auch von allen teilnehmenden Künstlern wird ein Obolus erwartet, der nicht nur verbleibende Kosten decken soll, sondern auch die gemeinsame Künstlerparty zum Abschluss ermöglicht, die wieder in der Kunstwerkstatt, Wörthstraße 15 stattfindet. Und so wuselt es an einem Sonntagnachmittag an mehr als zwei dutzend Orten in pulsierenden Vierteln, bei denen die Kunst oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegt. Dazwischen aber werden aber mal auch kleinere Spaziergänge nötig, wenn man alle Ausstellungsorte erreichen möchte. In der Herderstraße 22, zuvor Fotogalerie-Lichtbild, eröffnete zudem erst kürzlich die neue Produzentengalerie „H22“ – hier stellen Künstler sich selbst aus. Nicht an allen Ausstellungsorten geht es barrierefrei zu, aber die Wiesbadener Kunstschaffenden stehen sich nicht im Weg, wenn es mal darum geht, Kollegen Asyl zu gewähren. Sie vernetzen sich, verweisen aufeinander und sind untereinander zu Gast. Wir haben augenscheinlich eine sehr solidarische Kunstszene in Wiesbadens Mitte und dem ohnehin kreativen Rheingauviertel.

EIN MALER IST EIN MENSCH, DER MALT, WAS ER VERKAUFT. EIN KÜNSTLER DAGEGEN IST EIN MENSCH, DER DAS VERKAUFT, WAS ER MALT

Pablo Picasso

Von ihrer Kunst auskömmlich leben können in Wiesbaden die wenigsten. Meist machen sie es aus eigenem Interesse, können gar nicht anders, auch wenn es das doch eher ältere Wiesbadener Publikum schwermacht, neue Impulse zu setzen. Viele Kreative hat es bereits in die Kunstmetropolen Hamburg, München oder Berlin gezogen, doch der stets wachsende Zulauf bei diesem Rundgang und seinen teilnehmenden Ateliers zeigt: Da geht noch einiges. Und die Aussteller freuen sich bereits auf den Vorabend, wenn sie, quasi als Einstimmung und Generalprobe, gemeinsam durch die teilnehmenden Ateliers und vollendeten Tatorte wandern.

So öffnen nun zum achten Mal mehr als zwei dutzend Künstler ihre kreativen Zentren rund um die Viertel des Kaiser-Friedrich-Rings: zur Ausstellung, gern auch zum Verkauf, vor allem aber auch zur Begegnung mit Kunstinteressierten, Passanten und Kollegen.

http://www.tatorte-kunst.de/

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