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Stile aller Länder vereinigt euch – Bauboom im Kaiserglanz

Stile aller Länder vereinigt euch – Bauboom im Kaiserglanz

Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, baute in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Villa oder wenigstens ein Stadthaus in Wiesbaden. Zunächst noch, um in der nassauischen Hauptstadt präsent zu sein, ab 1866, nach der Annexion von Nassau durch Preußen, um angesichts häufiger Kaiserbesuche, etwa zu den jährlichen Maifestspielen, etwas vom Glanz und Gloria von dessen Entourage abzubekommen. Stadtkonservator Martin Horsten unterstützte uns fachlich bei diesem Exkurs.

Nachdem Herzog Adolf seine Residenz in Wiesbaden verlassen hatte, besuchte Kaiser Wilhelm I. ab 1867 allein 18 Mal das immer mondäner werdende Weltbad, was stets willkommener Anlass zu einem glanzvollen Ball im Kurhaus und prunkvollen Theateraufführungen war. Seitdem entwickelte sich die Kurstadt rasant, ein wahrer Bauboom setzte ein, denn nicht nur hohe Regierungsbeamte oder Industrielle aus ganz Deutschland ließen sich nun in Wiesbaden nieder. Auch die europäische Aristokratie und Diplomatie wollte hier vertreten sein. 1896 etablierten sich die Internationalen Maifestspiele, die auch Kaiser Wilhelm II. häufig nach Wiesbaden zogen, so dass er sich vorwiegend im Mai in der Weltkurstadt aufzuhalten pflegte. Für ihn baute man bis 1906 den Hauptbahnhof neu und ersetzte damit die drei alten Bahnhöfe entlang der heutigen Rheinstraße, wo heute das Landesmuseum steht und das neue Rhein-Main Congress Center heranwächst. Der Hauptbahnhof wurde 1904 bis 1906 in aufwändigen neobarocken Formen errichtet, um dem Repräsentationsbedürfnis der Weltkurstadt zu entsprechen. Fortan fuhr Kaiser Wilhelm II. auf dem Gleis 1 ein, dem Kaisergleis. Nach dem Ersten Weltkrieg war jedoch der Zug schon wieder abgefahren. Die Weltkurstadt begann an Bedeutung zu verlieren.

Durch diese Entwicklung entstanden zwischen 1840 und 1910 in den Villengebieten rund um die Wiesbadener Kernstadt etwa 1.300 Villen, von denen heute noch rund 900 erhalten sind. Sie spiegeln die gesamte Breite der „Stil“-Diskussionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wider, vom späten Klassizismus über die verschiedenen Ausprägungen des sogenannten Historismus bis zum Jugendstil und ersten Ansätzen des Neuen Bauens, das bei dem eher konservativen Wiesbadener Publikum allerdings nicht auf große Gegenliebe stieß. Da große Teile Wiesbadens im Zweiten Weltkrieg weitgehend vom Bombenhagel auf deutsche Städte verschont blieben, hat die Landeshauptstadt heute die ausgedehntesten erhaltenen Villengebiete in Deutschland mit zahlreichen besonders hochwertigen Beispielen dieses die Stadt und das 19. Jahrhundert prägenden Bautyps.

Klassizismus versus Historismus

Der Klassizismus basiert im Wesentlichen auf den gestaltungstheoretischen Grundlagen der klassischen Antike, insbesondere auf die klare geometrisierte Formensprache der Griechen und Römer, strengen Linien und Proportionen. Er stemmte sich infolge der Aufklärung bewusst gegen die überbordende Formenvielfalt des Barock und des Rokoko, den bevorzugten Formprogrammen fürstlicher Repräsentationsarchitektur. Damit war die Architektur des Klassizismus quasi eine Art Gegenprogramm. Man kann den Klassizismus vom späten 18. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auch als eine politisch und gesellschaftlich relevante Entwicklung in der europäischen Kultur interpretieren. Auch das sogenannte Biedermeier ist streng genommen eine Sonderform des Klassizismus, die sich allerdings nicht so sehr in der Architektur, dafür in der Innenraumgestaltung und vor allem in der Möbelkunst ausprägte. In Malerei und Literatur von der Romantik begleitet, löste der Historismus, dessen Beginn man um 1840 ansetzt, den Klassizismus als vorherrschende „Stil“-Richtung in der Architektur ab.

Der Historismus griff auf verschiedenste Stilrichtungen der Vergangenheit zurück und kombinierte sie teilweise neu. So entstanden Unterarten, die sogenannten Neo-Stile, wie Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance und der Neobarock. Aber auch der Klassizismus der Antike wurde weitergeführt. In seiner Spätphase entstand parallel der Jugendstil, vom Historismus teilweise noch beeinflusst.

Die französische Revolution und der Rückgang des Einflusses des Adels in Verbindung mit der beginnenden Industrialisierung kann man als eigentlichen Beginn des Historismus ansehen. Die gesellschaftlichen Umwälzungen brachten auch neue Bauaufgaben mit sich, für die es bislang keine Vorbilder gab, etwa Bahnhöfe, Weltausstellungshallen, Museen, Universitäten, Banken, Justizpaläste, Ministerien, Gaswerke, Schlachthöfe, Volksschwimmbäder. Dafür war eine neue Architektursprache nötig, die sich alter „Bilder“ bediente, um an kulturelle Vorbilder anzuknüpfen, wie zum Beispiel die Philosophenschulen der griechischen Antike, den Ewigkeitsanspruch ägyptischer Pharaonengräber, geistesgeschichtlich herausragende Momente der Renaissance mit ihren großen italienischen Denkern und Künstlern. Das erstarkende Bürgertum vollendete als Zeugnis nationaler Größe begonnene, unfertige Monumentalprojekte des Mittelalters, allen voran den Dom zu Köln, restaurierte historische Bauten und griff zur Lösung ganz neuer Bauaufgaben gerne auf Bauformen der Vergangenheit zurück.

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