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Stadt unter Wasser: Wo rohe Kräfte sinnlos walten

Im Juli demonstrierte die Natur ihre unbändige Kraft im Wiesbadener Osten und der Innenstadt. Binnen einer Woche entstanden durch eine Verkettung ungünstiger Umstände zweistellige Millionenschäden in Privathaushalten, bei Gewerbetreibenden und im städtischen Betrieb. Aber auch ungewohnte Tatkraft und Zusammenhalt bei der Bevölkerung wurden so mobilisiert.

Die Sturmböen der Gewitter am 6. Juli und die gewaltigen Regenmassen am darauffolgenden Freitag, die binnen weniger Stunden alle östlichen Stadtteile entlang des Taunushangs regelrecht überfluteten, forderten nur durch ein Wunder keine Menschenleben. Wiesbaden hat Wetterereignisse mit solch gravierenden Folgen in modernen Zeiten noch nicht erlebt. Wir zeichnen ein Jahrhundertereignis nach.

Der Frühling war der eigentliche Sommer

In Deutschland sind wir wechselhaftes Wetter gewohnt, kein Jahr ist wie das andere. Vor allem in den Wintermonaten kann man wahrnehmen, wie sich die Wettergegebenheiten verändert haben. Gewöhnten wir uns in den letzten Jahrzehnten immer mehr an schneefreie und eher wärmere Jahreswechsel, brachen zuletzt wieder deutlich kältere und schneereiche Perioden, teils über Wochen, über unsere Stadt herein.

Zunehmend beobachten wir auch in den Sommern Klimaveränderungen und periodisch wie lokal begrenzte Extreme. Statt flächendeckenden Landregens häufen sich punktuelle Wolkenbrüche. Tropische Nächte mit über 20 Grad werden seltener, große Hitze und Temperaturabstürze um bis zu 20 Grad binnen weniger Tage – manchmal sogar Stunden – nehmen zu.

Eine Debatte über die grundsätzlichen Ursachen des Klimawandels zu führen ist nicht Sache des lilienjournals. Ob und wie wir in Wiesbaden der zunehmenden Unberechenbarkeit der Natur begegnen können, praktisch wie prophylaktisch, dagegen schon. Dieser Sommer 2014, der kaum einer war, hat uns unsere Verletzlichkeit wieder eindrucksvoll vor Augen geführt. Sicher, die Ereignisse in Wiesbaden verliefen relativ glimpflich im Vergleich mit tagelang anhaltenden Fluten von Rhein, Elbe oder anderen großen Gewässern. Dennoch stellt sich die Frage, ob wir Menschen insgesamt nicht zu selbstsicher geworden sind und uns zu sehr auf technische Beherrschbarkeit verlassen.

Sturmböen legten die Lunte…

Gewitter, nach Hitzetagen, sind natürlicher Ausgleich des Auf und Ab von Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Doch am ersten Sonntag im Juli schickten Regenwolken eine Sturmfront voraus, die kräftig in der Stadt wütete. Die Hinterlassenschaften aufzuräumen, dauerte Wochen.

Nicht nur Tausende von Ästen wurden im Stadtgebiet und den Kuranlagen binnen Minuten abgerissen, ganze Bäume stürzten um. Tonnenweise Äste und Blätter der in vollem Saft stehenden Natur riss die Urgewalt des Windes von ihren Bestimmungsorten und verteilte sie über Parks und Straßen. Die Sicherung der Wege und Grünanlagen war eine Woche darauf noch lange nicht abgeschlossen. Parks und Grünanlagen mussten über Tage, teils über Wochen gesperrt werden. Die bis zur Erschöpfung tätigen Mitarbeiter des Grünflächenamts und die zusätzlich beauftragten Landschaftsgärtner waren vor allem damit beschäftigt, die in den Bäumen hängenden, abgebrochenen Äste zu entfernen und sonstige Gefahrenstellen zu beseitigen. Sie hatten Dringlicheres zu tun, als sich mit Blättern und Gehölzen aus Wäldern und Bachbetten zu beschäftigen, was noch Folgen haben sollte.

… und Starkregen zündete sie an

In den Tagen darauf regnete es immer wieder. Die Böden waren bereits vollgesogen, als der Himmel am Freitagmittag des 11. Juli schließlich alle Schleusen öffnete, mit Niederschlagsmengen, die denen ganzer Monate entsprachen. In Naurod hagelte hernieder, was sich wenige Höhenmeter tiefer von Auringen über Rambach und Sonnenberg bis ins Nerotal mit dichten, dicken Tropfen anhaltend ergoss.

Der Autor dieses Artikels erlebte das live, als er mit einer Helferin die Erstausgabe des lilienjournals gerade in Sonnenberg, Naurod und Rambach verteilte. In der Demetergärtnerei oberhalb von Sonnenberg etwa strömte das Wasser durch sämtliche Gewächshäuser und lief fingerhoch über die Wege.

Die 750-Jahr Feier in Rambach begann in Gummistiefeln

Über Rambach führte der Weg entlang der Ausläufer des Kellerskopfs, als wir um 16:15 Uhr sahen, wie das namengebende Gewässer über die Ufer trat und begann, die Kitzelbergstraße zu überfluten. Nicht mehr unter der Straße in seinem Kanal, nein, in großer Breite oberirdisch suchte es sich neue Wege. Nicht etwa als Rinnsal, sondern als 20 cm hoher Strom in Gärten und Höfe und mitten hinein ins Zentrum von Rambach. Ausgerechnet an diesem Tag sollte die 750-Jahr-Feier des Vororts beginnen. Nur durch tatkräftige Nachbarschaftshilfe gelang es den Rambachern, ihr Fest noch zu retten. Alle packten dabei mit an, die bald nachlassenden Wassermassen und den angespülten Schlamm und Unrat aus der Ortsmitte zu fegen. Bis auch die zahlreichen Keller und der am schlimmsten betroffene Betrieb, Elektro-Hohl, wieder geräumt und gesäubert waren, dauerte es noch mehrere Tage. Aber das Feiern ließen sich die Rambacher das Wochenende über dennoch nicht nehmen.

Das Hochwasser kam für Sonnenberg ein Jahr zu früh

Auch am Hofgartenplatz in Sonnenberg konnte der Rambach die Wassermassen eine halbe Stunde nach der Ausuferung im Nachbarstadtteil nicht mehr fassen. Und das, obwohl sein Bett hier durch erste Baumaßnahmen bereits einen deutlich vergrößerten Durchfluss ermöglichte, ausgelegt allerdings nur für ein 50-jähriges Hochwasserereignis, wie es etwa 1999 durch Tief „Frauke“ verursacht wurde (siehe Infokasten).

Viele Sonnenberger fluchten über die unzureichenden Hochwasserschutzmaßnahmen, die für monatelange Umleitungen und eingeschränkte Erreichbarkeit gesorgt hatten. Doch die Jahrhundertflut kam 2014 schlichtweg ein Jahr zu früh: Erst 2015 wird nach Aussagen des Umweltamtes der noch im Bau befindliche Entlastungskanal als zweiter Bauabschnitt fertiggestellt sein und Wasserabflüsse von 10 bis 11 Kubikmetern pro Sekunde ermöglichen. Das sind Mengen, die ein kleines Schwimmbecken füllen könnten – in Sonnenberg wurden sie gegen 17 Uhr erreicht. Auch hier packten Feuerwehren und Anwohner bis weit in die Nacht und an den folgenden Tagen mit an.

Kulmination im Kureck

Ähnlich unglaubliche Szenen spielten sich in der Folge auch im Wiesbadener Zentrum ab. Denn eine weitere halbe Stunde später entwickelte sich der Rambach auch im Kurpark zum reißenden Strom. Der Regen hatte längst aufgehört, doch die gesättigten Böden gaben die bis zu 50 Liter pro Quadratmeter – das sind 50.000 Kubikmeter pro Quadratkilometer – weiter in die Niederungen ab. Nichts vermochte die Fluten aufzuhalten. Doch sie waren nur ein Teil des Problems.

Nicht allein dutzende Keller in Rambach und Sonnenberg liefen voll – noch größeres Unheil bahnte sich an. Die Bäche, und damit sind wir wieder bei der fünf Tage zuvor entzündeten Lunte, füllten sich mit Wasser und angeschwemmtem Blattwerk, mit Ästen, ganzen Wurzelstöcken und Unrat, die schnell die Rechen und Gitter der teils kanalisierten Bachläufe verstopften. Auch über dem Nerotal ergossen sich die Wassermassen. Gegen 17 Uhr war der sonst gemächlich plätschernde Schwarzbach bereits zum Fluss geworden und strömte über die Wiesen und Straßen dem tiefsten Punkt zu. Bis 18 Uhr standen die komplette Taunusstraße, der Kranzplatz und schließlich der Kurpark knöcheltief unter Wasser.

Von allen Seiten

Nach Erkenntnissen des Umweltamtes war es jedoch vor allem der Rambach und die über den Kurpark und diesen umgebende Seitenstraßen hereindrückende Wasser, das Tiefgarage und Keller des Kurhauses schneller volllaufen ließen, als menschliche Kräfte dies noch hätten verhindern können. Vor den Eingängen der Tiefgarage – die Feuerwehren hatten bereits begonnen diese auszupumpen – spielten sich kleine Tragödien ab. Besucher wollten ihre Autos noch aus der Falle befreien, wurden aber nicht mehr in die Zugänge gelassen. Grund für die Sperrung war weniger die Gefahr zu ertrinken, als vielmehr die, durch die Abgase der Generatoren zu ersticken, bevor man die Fahrzeuge hätten erreichen können. Nicht nur die Pkw-Besitzer mussten tatenlos zusehen, wie ihr Besitz beschädigt oder zerstört wurde, auch die Mitarbeiter und Verantwortlichen des Kurhauses. Geschäftsführer Markus Ebel-Waldmann veranlasste gegen 18 Uhr die Evakuierung.

Schon beim letzten Hochwasser in Sonnenberg 1999 drang Wasser in die Kurhauskeller ein. Damals lagen die Schäden bei 2 Millionen D-Mark. Dieses Mal war nicht nur die Wassergewalt deutlich brachialer – sie drückte sogar Stahltüren aus ihrer Verankerung – auch das Ausmaß der Zerstörung ist viel größer. Einschließlich der Folgeschäden durch Ausfall von Veranstaltungen über mehrere Wochen werden die Schäden alleine am und im Kurhaus auf 8 Millionen Euro geschätzt – rund achtmal so viel wie 1999. Die hohe Summe kommt unter anderem deshalb zustande, weil das Wasser diesmal stellenweise mannshoch in den Kellern stand, in denen nicht nur die gesamte Kurhaustechnik untergebracht war, sondern auch Mobiliar, Instrumente und Büros. Allein der vollständig unter schlammigem Wasser versunkene Steinway-Flügel schlägt mit gut 150.000 Euro zu Buche; dessen Instandsetzung ist fraglich.

Theoretisch hätte das Kanalnetz alles geschafft

Der Salzbachkanal, vor mehr als hundert Jahren in weiser Voraussicht angelegt, war vermutlich nicht das Problem. Die in seinem Verlauf zufließenden Bachläufe und salzhaltige Quellen, geben ihm ab der Frankfurter Straße seinen Namen Salzbach. Der Kanal ist gewaltig dimensioniert. Mit seinen 4,5 x 5 Metern Höhe und Breite kann er bis zu 85 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufnehmen und ableiten, die achtfache Menge dessen, was der Rambach in Sonnenberg während der Hauptflut mit sich brachte.

Doch auf Höhe des Kurhauses, wo der Rambach in sein unterirdisches, künstliches Bett geleitet wird, versagte die Technik. Eine nach 1999 installierte Steuerung hätte elektronisch den Rechen öffnen sollen, der im Normalfall als Sieb vor Verstopfungen schützt. Zu schnell legten sich die angeschwemmten Äste über die Gitter, der Wasserdruck trug sein Übriges bei. So konnte nur noch ein Teil des Wassers in den Salzbachkanal geleitet werden – der überwiegende Rest suchte sich oberirdisch andere Wege, mit dem zuvor beschriebenen Resultat.

Ein Jahrhunderthochwasser dieser Größenordnung weist die Menschen in ihre Schranken und zeigt die Grenzen der Beherrschbarkeit von Naturphänomenen. Wiesbaden ist durch seine Kessellage in besonderer Gefahr. Diese kann verringert, aber niemals ganz verhindert werden, „wenn rohe Kräfte sinnlos walten“.

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