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Scrooge oder: Weihnachten vergisst man nicht

Von Friederike Scholing-Kamps – Ebenezer Scrooge – wer kennt ihn nicht. Der Geizhals und später geläuterte Protagonist aus Charles Dickens’ Weihnachtserzählung „A Christmas Carol“ aus dem Jahre 1843. Eine sozialkritische Geschichte, die die gesellschaftlichen Unterschiede und die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten im viktorianischen England aufzeigen sollte. 170 Jahre alt und immer noch aktuell. Von 1901 bis heute oft verfilmt mit vielen berühmten Darstellern – auch Mickey Mouse wurde verpflichtet und hat zur internationalen Bekanntheit des Märchens beigetragen. Gedacht als eine Geistergeschichte, eine Gruselstory würde man heute sagen, hat sie mit einer romantischen Weihnachtsgeschichte erst mal nicht viel zu tun. Deshalb blieb bei mir zu Hause selbst die Mickey Mouse im DVD-Regal, solange unsere Tochter klein war, so entzückend Walt Disney die Geschichte auch umgesetzt hat.

Und nun als Weihnachtsmärchen in unserem Wiesbadener Theater?

Nicht ungeschickt ausgewählt, reiht sich diese an Heiligabend spielende Erzählung doch in die Folge klassischer Weihnachtsmärchen der letzten Jahre ein. Nach Peterchens Mondfahrt und der Schneekönigin z.B. nun also Scrooge. Dieses Gruselding mit Geistern, Tod und Friedhof für kleine Mäuse ab sechs Jahren? Ich war skeptisch.

Und habe mich für einen Nachmittag verzaubern lassen!

Martin Baltscheit, seines Zeichens Kinderbuchautor, Illustrator und Schauspieler, also ein bühnenerprobtes Allroundgenie, hat mit seiner Adaption der Geschichte von Dickens ein Kinderstück geschaffen, das trotz aller Gruselei immer die Grenze des Erträglichen einhält. Man spürt die Erfahrung mit den Ängsten der Kinder und was man ihnen zumuten kann. Elisabeth Gabriel hat das in ihrer Regiearbeit wundervoll umgesetzt.

Und so sind die drei Geister auch eher liebenswerte als Angst einflößende Gestalten:
Der Geist der vergangenen Weihnacht wird dargestellt als ein Lichtlein, das vorlaut einige Faxen macht. Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht erscheint als Riese, der aussieht, wie ein Weihnachtsmann mit dickem Bauch. Auch er albert herum und knüpft einen direkten Draht zu den Kindern, indem er sie hier und da zum Mitsingen ermuntert. Und der Geist der zukünftigen Weihnacht, der Tod (mein Favorit und Liebling), lang und dünn, in einem fantastischen schwarzen Samtmantel, gruselig und durch sein Spiel sympathisch zugleich.

Ebenezer Scrooge, die eigentliche Hauptfigur, souverän verkörpert von Gastschauspieler Wolfgang Packhäuser (unter uns: Er sah dem kiffenden, Taxi fahrenden Vater aus dem Münster-Tatort verblüffend ähnlich) hatte seine Zuschauer fest im Griff. Zu Beginn verachtet, zum Schluss geliebt, wie es die Geschichte will.

Und so führen ihn die Geister im Traum durch sein kleines Leben:

Am Heiligen Abend wirft Scrooge seinen Neffen, der ihm Geschenke bringen und zum Weihnachtsessen einladen will, hochkantig aus dem Haus. Seinen einzigen Angestellten im Kontor, Mr. Crachit, lässt er endlich nach einem unerbittlich langen Arbeitstag nach Hause gehen. Scrooge, der mit Weihnachten nichts im Sinn hat, geht zu Bett. Im Traum erscheint ihm der Geist von Marley, mit rasselnden Ketten um den Hals, seinem verstorbenen Kompagnon und Freund, der, ebenso aufs Geld versessen, als Einziger Scrooge’s Sympathie hatte. Er warnt Scrooge und fordert ihn auf, seinen Leben zu ändern, von Geiz und Habgier zu lassen und sich den Menschen wieder zuzuwenden. Er selbst schmort in der Hölle und wird für seinen selbstsüchtigen Lebenswandel bitter bestraft.

Und schon zeigen die drei Geister dem träumenden Scrooge auf, was war, was ist und was sein wird.

Bei der ersten Station im Versuch, den alten Geizhals und Leuteschinder zur Umkehr zubewegen, lässt der Geist der vergangenen Weihnacht, das Lichtlein, Scrooge’s freudlose Kindheit Revue passieren: Unter der Knute eines erbarmungslos strengen Vaters, vereinsamt im Internat, bleibt ihm nichts, als den Vater mit Leistung zu erfreuen. Nicht einmal an Weihnachten darf das Kind nach Hause zur Familie. So wird es mit den Jahren zu einem Streber, der an den Freuden des Alltags keinen Anteil mehr nimmt. Auch die Tochter seines späteren Lehrherren, in die er sich doch tatsächlich verliebt hat, vernachlässigt er so lange über seinen Rechnungsbüchern, bis sie einen anderen heiratet.

Dank der Bühnenbildner wandelt sich Scrooge’s spartanisch eingerichtetes, dunkles Büro im Handumdrehen in eine verschneite Winternacht, in ein warmes, gemütliches Esszimmer, in eine festlich beleuchtete Partyszene und in die Straße vor Scrooge’s Haus. Auch das lässt die kleinen Zuschauer immer wieder staunen.

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Der zweite Geist – wir erinnern uns – der mit dem dicken Bauch unterm roten Weihnachtsmannmantel – zeigt, wie der Heilige Abend, den Scrooge gerade eben verschläft, verläuft. Er führt ihn in die Wohnung seines Angestellten, Mr. Crachit, der im Kreise von Frau (sie babbelt hessisch!) und Söhnchen Timi fröhlich Weihnachten feiert, und im Trinkspruch großherzig auch seinen Chef hochleben lässt. Timi ist krank und bräuchte dringend ärztliche Behandlung, aber dafür reichen die spärlichen Münzen nicht, die Crachit bei Scrooge verdient.

Plötzlich wird der bis dahin erstarrte Scrooge lebendig. Das Schicksal des Kindes rührt ihn. Erinnert der Junge ihn doch an vielleicht an sich selbst und seine freudlosen Kinderjahre. Er fühlt zum ersten Mal Mitleid und kann doch – in seiner Traumwelt gefangen – nicht helfen.

Und schon schlägt es Mitternacht und der Geist der zukünftigen Weihnacht hat seinen Auftritt.

Eine beeindruckende Gestalt, verhüllt in dunklen Samt, kein Antlitz erkennbar unter der üppigen Kapuze. Er hechelt dunkler als Darth Vader, es seufzt und ächzt, begleitet vom Nebel des Grauens. Die Gestalt bewegt sich langsam, tritt zum Bühnenrand, holt bedeutsam ein großes Buch hervor und öffnet es schicksalsschwanger. Zu lesen ist: „GUTEN TAG!“. Alles lacht. So nimmt die kluge Regisseurin der Aufregung die Spitze.

Scrooge lacht nicht. Denn der Geist der zukünftigen Weihnacht zeigt ihm, wie die Zukunft aussehen wird, wenn er sich nicht doch noch besinnt. Scrooge begegnet Crachit und seiner Familie, in tiefer Trauer um Timi, der starb, weil er keine medizinische Hilfe bekam. Der Tod lässt einen Grabstein aus der Erde wachsen, den Scrooge für das Grab von Marley hält. Er sinkt auf die Knie und schreit seine Reue laut heraus. Doch entsetzt muss er erkennen, das das sein eigener Grabstein ist. Das gibt ihm den Rest. Er erkennt, wie falsch er gelebt hat und wie vielen Menschen er Unrecht getan und Leid zugefügt hat, schämt sich und bereut zutiefst.

Und siehe da, das Wunder geschieht: Es wird hell, Scrooge erwacht aus seinem Traum und ist quicklebendig! Fort sind die Geister, der Tod – und auch das alte Leben. Denn Scrooge ist tatsächlich wie verwandelt. Er holt alles Geld aus seinem Tresor, läuft auf die Straße – es ist noch immer Heilig Abend – besorgt einen großen Truthahn und allerlei gute Sachen für Crachit’s Familie, er verschenkt sein Geld an alle, die ihm begegnen, macht Jedem eine Freude und wird mit jedem Geschenk, das er macht, glücklicher.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Alle sind glücklich. Scrooge, Chrachit, Timi, der Botenjunge, der Christbaumverkäufer, der Metzger, die Kinder auf der Straße, der Neffe und natürlich die drei Geister der Weihnacht, die an Scrooge ganze Arbeit geleistet haben.

Sogar der düstere Tod ist glücklich. Jemand hat ihm eine Blume geschenkt. die er anstaunt und zärtlich hütet. Er öffnet wieder sein Buch und man liest: „FINALE“. Das Theaterpublikum lacht und ist ebenfalls glücklich.

Jetzt wird endlich Weihnachten gefeiert, wie es sich gehört. Mit Truthahn, Kaminfeuer, mit „Morgen, Kinder, wirds was geben“ und einem riesigen, aufs Schönste geschmückten Christbaum, der im Schneeflockenglitzergestöber vom Himmel herabsinkt und vor allem einem verwandelten und sehr, sehr glücklichen Ebenezer Scrooge.

Und die Kinder im Parkett und auf den Rängen haben eins mit Sicherheit gelernt: Es ist nie zu spät zur Umkehr auf den rechten Weg, und: Wer Gutes tut, wird Gutes ernten.

JUST in time

Das erste Weihnachtsmärchen unter der Ägide des neuen Leiters JUST (Junges Staatstheater) ist ein Erfolg. Und es steht noch viel Neues, Schönes und vor allem Unterhaltsames für alle Altersgruppen auf dem Plan.

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Carsten Kochan, ein Neuzugang, vom ebenfalls neuen Intendanten Uwe Eric Laufenberg mitgebrachter erfahrener Theatermensch, ist ein Glücksgriff für unser Wiesbadener Theater. Er leitet nun die neu konzipierte Abteilung JUST, will heißen Junges Staatstheater, mit den Abteilungen „Junges Staatsmusical“, unter der Leitung von Iris Limbarth, und „Theaterwerkstatt“ mit Priska Janssens an der Spitze, die man in Wiesbaden schon lange kennt und deren Arbeiten weit über Wiesbadens Grenzen hinaus viel Anerkennung finden. Kochan, 1973 in Essen geboren, studierte am Salzburger Mozarteum Schauspiel und in Bochum Theaterwissenschaften. Er auf eine „weitgereiste“ Karriere zurückblicken, die ihn als Regieassistenten und Schauspieler von Bielefeld nach Potsdam führte, wo er als Assistent von Uwe Eric Laufenberg an Mozartproduktionen fungierte, bis zu den Bregenzer Festspielen.

Ab der Spielzeit 2009/10 war Kochan als freiberuflicher Regisseur und Schauspieler in der Theaterlandschaft unterwegs: Meinigen, Köln (als Co-Regisseur bei „Don Giovanni“ ,Regie: Uwe Eric Laufenberg), Bad Wildbad (Rossini-Festival) und Karlsruhe (Inszenierung „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer) und Liederabende in Freiburg waren weitere Stationen.

Am Landestheater Eisenach wird Carsten Kochan 2012 als Chefdramaturg eingestellt und ist ab der Spielzeit 2012/13 auch stellvertretender Intendant und Leiter des Jungen Schauspiels Eisenach.

Nun ist er im Frühjahr 2014 mit seiner Familie in Wiesbaden angekommen, hat sich eingewöhnt und scheint sich recht wohl zu fühlen. Unser schönes Wiesbaden hat es ihm angetan und auch der Rheingau, die Wälder es Taunus und die Nähe zu Mainz, Frankfurt und Darmstadt sind Pluspunkte, die er zu schätzen weiß.

Ich wünsche Carsten Kochan noch viele erfolgreiche Spielzeiten bei uns in Wiesbaden und dass er unseren Kindern und Jugendlichen noch viele Stücke bescheren wird, die sie beeindrucken werden und zu langjährigen Theaterfans machen.

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