rhein-main-hallen

Rhein-Main-Hallen: Über Umwege zur Rentabilität?

Die Hallen fallen: Nach 57 Jahren der Nutzung werden in den nächsten Monaten die 1957 eröffneten Rhein-Main-Hallen abgerissen. Mit der „Nacht der Hallen“ und großem Feuerwerk läutete die Stadt Wiesbaden Ende Juni das Ende ein. Mehrere hundert Menschen fanden sich ein, um dem symbolischen Abrissbeginn beizuwohnen. Manche mit Wehmut, andere voller Vorfreude.

Seltene Gelegenheit zur Übung

Positiv anzumerken ist, dass die Stadt die Umstände nutzte, um dem Technischen Hilfswerk (THW) gemeinsam mit freiwilligen Feuerwehren und Rettungsdiensten eine Katastrophenschutzübung in den Räumen zu ermöglichen. Ein Flugzeugabsturz wurde simuliert. Sofern keine tragenden Wände betroffen waren, durften die Retter Holz zersägen und Beton aufbrechen, ob mit Vorschlaghammer oder Bohrer. Sie durften ohne Rücksicht auf Verluste den Ernstfall proben. Eine seltene Gelegenheit, am echten Objekt zu üben.

Abbruchverfahren „systematischer, verwertungsorientierter Rückbau“

Zunächst begann man damit, Halleneinbauten und Mobiliar zu entfernen und, soweit möglich, Schulen und Behörden anzubieten oder weiterzuverkaufen. In den darauf folgenden Sommermonaten wurden die Hallen in den Rohbauzustand zurückversetzt. Öle und Kühlmittel mussten abgelassen und gesondert entsorgt werden. Materialien wie Holz, Kunststoffe, Aluminium und technische Elemente, kilometerweise Kabel, die durch den hohen Kupferanteil besonders wertvoll sind, waren in teils aufwendiger Handarbeit zu entnehmen, um sie getrennt zu sammeln. Mehr als 90 % der Stoffe können aufbereitet werden und zu neuem Einsatz kommen. Der Rest – Glaswolle z. B. gehört dazu – ist nicht recyclebar. Als „systematischer, verwertungsorientierter Rückbau“ wird das gesamte Abbruchverfahren bezeichnet.

Eine Anekdote, die sich während der Rückbauarbeiten abspielte, zeugt von menschlicher Wärme im kalten Abrissgeschehen. Anfang September brannte die Küche einer Wohnung in der benachbarten Rheinbahnstraße. Zwei türkische Mitarbeiter des Abbruchunternehmens hörten die verzweifelten Hilferufe der türkischen Mutter und halfen, die Wohnung zu evakuieren, noch bevor die Feuerwehr eintraf. Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel würdigte sie bei der Pressekonferenz zum Abbruchverfahren Mitte September ausdrücklich.

Schonender Abriss während des Aufbaus

Von Raum zu Raum arbeitete man sich vor, und von Halle zu Halle wird nun auch der Abriss von außen mit schwerem Gerät erfolgen. Dabei wird eine die Umgebung schonende Technik eingesetzt. Moderne Abrissbagger arbeiten mit Wasserdüsen direkt an den Zangen, um Staub zu binden. Wasserkanonen benetzen größere Abbruchstücke vor und während der Niederlegung. Staub- und lärmreduziert sollen auch die Aufbereitungsanlagen arbeiten. Aufgestellte Schallschutzwände aus Containern dienen dem Schutz der Anwohner, insbesondere der erst Ende des Jahres umziehenden KITA Geschwister-Stock-Platz in unmittelbarer Nachbarschaft. Aus Sicht der Stadt bemüht man sich, die Anwohner nicht über Gebühr zu strapazieren. Eine Belastung bleiben die mindestens 3 Jahre andauernden Arbeiten allemal. Denn erst Anfang Dezember wird die Halle vom Foyer aus abwärts Richtung in Süden abgetragen und das erste Baufeld freigeben sein. Während man hier bereits in die Erde geht – parallel wird nach etwaig verbliebenen Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht – werden im Norden zur Rheinstraße hin Verwaltungstrakt und Halle 4 abgerissen.

Neustart 2018?

Bis Anfang 2018 wird es dauern, Tiefgarage und neue Rhein-Main-Hallen zu errichten. Das größte Bauvorhaben, welches Wiesbaden je in Auftrag gab, schlägt mit kalkulierten Baukosten von derzeit 194 Millionen Euro zu Buche. Wie Oberbürgermeister Sven Gerich bei der beschließenden Stadtverordnetenversammlung am 11.9. bemerkte, werden die Stadtverordneten in ihrer Amtszeit vermutlich über kein weiteres Projekt dieser Größenordnung abzustimmen haben. Um nachvollziehen zu können, wie es dazu kam, welche Chancen und Risiken damit verbunden sind, fasst das lilienjournal nachfolgend die Entwicklung zusammen.

DIE VORGESCHICHTE

Eine Reihe von teuren Irrtümern

Noch im Jahr 2006 ließ die Stadt einen neuen Haupteingang mit darüber liegendem Kongresssaal für rund 8 Millionen Euro bauen. Hintergrund war vor allem, den Ball des Sports nach Wiesbaden zu ziehen und zu halten. Dieser Trakt wird nun mit den angrenzenden Hallen 2 und 5 als erstes abgerissen. Warum seinerzeit diese Entscheidung getroffen wurde und die Weitsicht fehlte, darauf zu verzichten – kaum 5 Jahre danach entbrannte die Diskussion über einen notwendigen Neubau – ist kaum mehr nachvollziehbar.

Am Anfang stand die Standortsuche

Da Wiesbaden sich im Wettbewerb um Kongresse und Messen mehr und mehr im Hintertreffen sah, wurden die Rufe nach Veränderung aus Wirtschaft, Politik und von Nutzern der Rhein-Main-Hallen immer lauter. Die Zahl der jährlichen Veranstaltungen ging auf rund 100 zurück bei unter 350.000 Besuchern. Einige Jahre zuvor waren es noch 110 mit bis zu 400.000 Besuchern gewesen. Die Attraktivität nahm angesichts der Konkurrenz in Frankfurt, Mainz oder Mannheim, um nur einige zu nennen, deutlich ab. Die älteren Bestandteile der Hallen wurden immer sichtbarer marode. Spätestens ab 2015 hätte nach Einschätzung verschiedener Studien erheblicher Modernisierungsbedarf bestanden. Der Neubau eines Kongresszentrums wurde ins Spiel gebracht. Um die Ausfälle für die lokale Wirtschaft, Gastronomie und Hotellerie gering zu halten, plante man zunächst seit der zweiten Jahreshälfte 2011, an einem Alternativstandort zu bauen. Der Betrieb der Rhein-Main-Hallen sollte derweil aufrechterhalten werden.

Politikverständnis versus Denkmalschutz

Warum das lilienjournal diesen Artikel mit einem historischen Abriss begonnen hat, wird erst verständlich, wenn die mittlerweile veralteten Überlegungen der damals noch jungen Großen Koalition in Erinnerung gerufen werden. Die Wilhelmstraße – an der Stelle, wo nun das Stadtmuseum entstehen soll – war einer der ins Spiel gebrachten Standorte, Grundstück und Gebäude der benachbarten Commerzbank (geschätzter Kaufpreis dafür alleine rund 30 Millionen Euro) nebst Parkhaus „Giraffenkäfig“ inklusive.

Der andere war ein Neubau in die denkmalgeschützten Herbert-Anlagen hinein. Breiter Widerstand von vielen Seiten brandete auf. Eine Bürgerinitiative, angeführt von einer Enkelin des Stifters der Herbert-Anlagen, der Bürgerliste Wiesbaden und den Grünen, brachte im Sommer 2012 die notwendigen Unterschriften für ein Bürgerbegehren zusammen. Zuvor hatte schon das Landesamt für Denkmalpflege dem Standort an der Wilhelmstraße eine klare Absage erteilt. Das Bauvorhaben an den Knotenpunkten zwischen Frankfurter Straße, Rheinstraße und Bierstadter Straße wäre schon verkehrstechnisch bei Großveranstaltungen eine völlig absurde Idee gewesen. Interessant ist, dass damals mit einem Investitionsvolumen von nur rund 120 Millionen Euro gerechnet wurde. Allerdings war die dort geplante Nutzfläche kleiner als die, die nun durch die neuen Hallen entstehen soll.

Beschluss des Neubaus und Architekturwettbewerb

Nach langem Hin und Her zur Standortsuche und Alternativbebauung beschloss die Stadtverordnetenversammlung im September 2012 nun doch den Neubau am alten Standort. Viel Zeit und Geld hätte wohl gespart werden können, wären frühzeitig warnende Stimmen von Denkmalschutz und kritischen Bürgern ernst genommen worden. Warum andere Standorte, z. B. direkt am Bahnhof, überhaupt nicht in Erwägung gezogen wurden, lag daran, dass die Stadtregierung sich darauf festgelegt hatte, jenseits des 1. Rings in Zentrumsnähe zu bauen.

Ende 2012 wurde durch die TriWiCon ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, an dem 24 Architektenbüros aus dem In- und Ausland teilnahmen. Es gab bemerkenswerte Konzeptionen darunter, die äußerlich der historischen Umgebung besser entsprachen als die vier ausgewählten Siegerentwürfe. Jedoch ging es nicht nur um Ästhetik, sondern in erster Linie um eine für Wiesbadener Verhältnisse möglichst praktikable Nutzung als Messe- und Kongresshalle. Schwierigkeiten bereitete vielen Teilnehmern des Wettbewerbs auch, eine KITA zu integrieren, was anfangs gefordert, letztlich aber verworfen wurde. Im März 2013 wurden die Siegerentwürfe der Öffentlichkeit präsentiert. Einer davon, der Drittplatzierte, zog seine weitere Bewerbung unmittelbar zurück – obgleich alle vier Architektenbüros durch Nachbesserungen noch die Chance gehabt hätten, letztlich den Zuschlag zu bekommen.

Public Relations im Sinne der Stadt?

Bereits Monate zuvor suchte die Stadt eine spezialisierte PR-Agentur. Noch heute findet sich die städtische Ausschreibung der TriWiCon vom Juni 2012 im Internet. Die TriWiCon ist als städtischer Eigenbetrieb die Wiesbadener Messe-, Kongress- und Tourismus-Holding, die Kurhaus und Rhein-Main-Hallen sowie Wiesbaden Marketing als eigenständige GmbHs führt. Sie tritt als Bauherr der Rhein-Main-Hallen auf.

„Die TriWiCon plant nach Vorgabe der Landeshauptstadt Wiesbaden den Neubau eines Verwaltungs- und Kongresszentrums in Wiesbaden, welches die heutigen Rhein-Main-Hallen vollständig ersetzten wird. Während des Neubauprozesses besteht Bedarf an einer begleitenden Kommunikationsleistung, um umfassend die unterschiedlichen Zielgruppen über den Projektstatus zu informieren. Nach Vorgabe der Landeshauptstadt Wiesbaden soll eine lokale Bürgerbeteiligung während der Planungs- und Bauphase des Neubaus der Rhein-Main-Hallen mit den entsprechenden PR- und PA-Maßnahmen begleitet werden, im Besonderen der Umgang mit Bürgerbegehren und Bürgerinitiativen.“

Bürgerbefragung, die keine war?

Die zu den Entwürfen durchgeführte Bürgerbefragung erntete heftige Kritik, zumal von 1.000 telefonisch befragten Wiesbadenern nur wenige überhaupt soweit informiert waren, dass sie sich zu den vorgestellten Konzepten äußern konnten. Teils fand die Befragung auch vor Ort in den Rhein-Main-Hallen an Terminals statt; viele empfanden die Befragung jedoch als manipulativ. Exemplarisch gibt ein im April 2013 im Wiesbadener Kurier veröffentlichter anonymer Kommentar die Stimmung wieder:

„Herrn Cuntz stimme ich zu, wenn er die Durchführung der Bürgerbeteiligung semiprofessionell nennt. Nur 3 Entwürfe wurden ´freigeschaltet´, obwohl sich gerade unter den verworfenen Planungsvorschlägen die Highlights der Veranstaltung fanden (…) Die Kita in ein 3-Hallen-Konzept zu integrieren, freien Raum zu lassen, den Park anzubinden, das Landesmuseum gegenüber gestalterisch mitzunehmen – das ist manchen Architekten tatsächlich gelungen! Befremdlich scheint mir, dass Frau Dezernentin Möricke und Herr Bendel als Preisrichter den anderen Weg mitgegangen sind. Herr Wossidlo klärt die Wiesbadener heute auf, indem er seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass DIE Architektur gewählt werden wird, die ´WIR uns gewünscht haben!
Also: Eine wirkliche Auswahl unter den zum Wettbewerb eingereichten Vorschlägen war nicht gewünscht und nie beabsichtigt! Das ´Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid´ hat sich mit der Art und Weise der Befragung erneut bis auf die Knochen blamiert. Faktisch wurden gerade mal 115 Leute befragt. Eine Möglichkeit, die 3 Vorschläge abzulehnen, wurde nicht angeboten, auch nicht in der Umfrage während der Ausstellung im Foyer der RMH. Das Team einer Schülerzeitung hätte es besser machen können als diese hoch bezahlten Demoskopen.“

Umfrageergebnis ein „Muster ohne Wert“?

Um es abzukürzen: Der Gewinnerentwurf der Staab Architekten GmbH aus Berlin, der einen hoch aufragenden Baukörper an der Ecke Rheinstraße/Friedrich-Ebert-Allee vorsah, fiel nicht nur in der Befragung klar durch. Er wurde letztlich von der Betriebskommission der TriWiCon genauso abgelehnt wie der Favorit der Bürger, der zweitplatzierte Entwurf der KSP Jürgen Engel Architekten GmbH aus Frankfurt, der mehrere pavillonartige Bauten verschiedener Größen vorsah – im Kontext der Gartenarchitektur und der Grünanlagen eine dem Areal sicherlich angemessene Variante.

Zwei Monate später war die interne Vorentscheidung gefallen. In einem Artikel vom 1. Juni 2013 schreibt der Wiesbadener Kurier:

„Als kürzlich die Triwicon, Bauherrin der Rhein-Main-Hallen, den Entwurf des Architekten Ferdinand Heide zu ihrem Favoriten kürte, spielte zwar die Platzierung im Wettbewerb, die Analyse des Entwurfs, die Kostenschätzung, das Honorar und der mutmaßliche Personaleinsatz eine Rolle. Mitnichten aber das Votum der Bürger. Das dürfe nach dem Wortlaut des Vergaberechtes gar nicht berücksichtigt werden, so Henning Wossidlo, Chef der Triwicon, die ein Eigenbetrieb der Landeshauptstadt ist. Nach seinen Worten sind die Bürger nur aus Furcht vor einem Bürgerbegehren gefragt worden, und weil die Stadtverordnetenversammlung den Auftrag gegeben habe. Das Ergebnis der Demoskopie also ein Muster ohne Wert? „Das ist Ihre Interpretation“, antwortet Henning Wossidlo.“

Die Letzten werden die Ersten sein

Der zunächst auf dem vierten Platz gelandete Entwurf von Ferdinand Heide konnte durch einige Nachbesserungen die Verantwortlichen überzeugen. Planskizzen davon umrahmen diesen Artikel. Die neuen Rhein-Main-Hallen versprechen mit ihren umgebenden Kolonnaden, wenngleich die Säulen eher eckig als rund wie im gegenüberliegenden Landesmuseum gebaut werden, einerseits Schutz vor allzu viel Lichteinfall in die hohen Glasfronten, andererseits laden sie zum Flanieren ein.

Was diesen Entwurf vor allen anderen, auch den nicht gekürten, auszeichnet, ist ein neuer Durchgang für Fußgänger und Radfahrer, der eine Verlängerung der Adelheidstraße darstellt. Somit wird erstmal seit dem Rückbau der alten Bahnhöfe und vor dem Bau der alten Hallen eine direkte Verbindung von der Bahnhofstraße zur Friedrich-Ebert-Allee ermöglicht, ohne den Umweg über die Rheinstraße nehmen zu müssen. Anfängliche Schwachstellen – die geplante Treppe wäre für Rollstuhlfahrer unüberwindlich, für Radfahrer schwer zu bewältigen gewesen – wurden durch einen Tag und Nacht nutzbaren Aufzug gemeistert, der an Vorder- und Rückseite der Hallen für die Öffentlichkeit erreichbar ist.

Das Büro von Ferdinand Heide vermochte auch dadurch zu punkten, dass er Nachbesserungen bei den Zu- und Ausfahrten der Tiefgarage vornahm. Zwar mit Mehrkosten von über zwei Millionen Euro verbunden, wird so eine unterirdische Ausfahrt direkt auf den Mittelstreifen der Rheinstraße und von dort das Einfädeln in beide Richtungen ermöglicht. Bäume sollen dafür nicht geopfert werden müssen. Die Zufahrt zu den Rhein-Main-Hallen 2.0 wird von der Friedrich-Ebert-Allee aus erfolgen. Von Anfang an hat der Jury des Architekturwettbewerbs gefallen, dass der Neubau an dieser Stelle erheblich zurückweichen wird. Wo vorher ein eher breiter Bürgersteig war, entsteht nun ein weitläufiger Platz für die Bevölkerung und freundlicher Empfang für Messe- und Kongressbesucher.

Ganz neue Perspektiven

Dazu passt, dass im Frühjahr 2014 das Land Hessen beschlossen hat, den Vorplatz des gegenüberliegenden Landesmuseums deutlich aufzuwerten. Ein Architekturwettbewerb hat bereits stattgefunden. „Ziel des Wettbewerbs ist es, der historischen Gebäudefront ein Element gegenwärtiger Gestaltung hinzuzufügen, das von außen einen Hinweis auf das im Innern modern gestaltete Museum gibt“, sagte der hessische Kunst- und Kulturminister Boris Rhein (CDU). Es ist davon auszugehen, dass hierbei die längst bekannten Entwürfe von Ferdinand Heide aufgenommen wurden und in die Neugestaltung einfließen. In jedem Falle sollen auch die seit Ende der 1990er-Jahre mit einem Bretterverschlag abgesperrten baufälligen Kolonnaden saniert werden. Der gesamte Bereich Rheinstraße / Friedrich-Ebert-Allee erhält somit in den nächsten Jahren ein völlig neues Antlitz, welches verglichen mit dem gegenwärtigen Anblick Wiesbaden in jedem Falle gut zu Gesicht stehen wird.

FINANZIERUNG UND POLITISCHE ENTSCHEIDUNG

Kosten und Nutzen

Schon zuvor musste die Stadt jährliche Verluste durch den Messebetrieb hinnehmen. Zuletzt übernahm die Stadt 1,7 Millionen Euro Defizit der Rhein-Main-Hallen GmbH. Es lieg auf der Hand, dass der Neubau für die Stadt auf Jahrzehnte hinaus zunächst ein unmittelbares Zuschussgeschäft bleiben wird. Mindestens 6,7 Millionen Euro p.a. werden es nach Berechnungen von Kämmerer Axel Imholz über die nächsten 30 Jahre sein. In der Hoffnung, dass die Kongresshallen ab 2018 erfolgreich vermarktet werden können, wird eventuell schon zuvor mit einem leichten Überschuss gerechnet. Freilich können hierzu noch keinerlei Aussagen getroffen werden.

Über Umwege zur Rentabilität?

Nur die sogenannte Umwegrentabilität und der im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsfaktor Rhein-Main-Hallen stehende Umsatzeffekt für Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und Beförderungsgewerbe veranlassten die Stadt dazu, dieses Großprojekt voranzutreiben. Durch den Wegfall der Kongresshallen für mindestens 3 ½ Jahre entstehen zweifellos Umsatzausfälle in Millionenhöhe und Arbeitsplätze gehen verloren. Die Rhein-Main-Hallen GmbH konnte ihre 40 Beschäftigten anderweitig in städtischen Betrieben einsetzen, privaten Unternehmen ist dies nicht ohne weiteres möglich.

Eine Studie der Wirtschafts-, Standort- und Strategieberatung ECOSTRA GmbH von Ende 2009 beschreibt in einer von der Stadt beauftragten Auswirkungsanalyse einer umbaubedingten Schließung der Rhein-Main-Hallen die Auswirkungen. Somit zugleich auch den potentiellen Nutzen, wenn sie erfolgreich wiedereröffnet werden können. Diese Analyse wurde indessen kritisiert, da die Zahlen daraus schwer überprüfbar sind. So wurde darin durch Messe- und Kongressveranstaltungen mit jährlich ca. 93.200 Übernachtungen gerechnet, die eine regionale Wertschöpfung von ca. 9,7 Mio Euro generieren und von denen 126 Vollzeitarbeitsplätze abhängig sein sollen. Die Gastronomie soll durch Besucher rund 11,5 Millionen Euro und der Einzelhandel 8,7 Millionen Euro Umsatz erzielen. Rund 280 Arbeitsplätze würden diesen Zahlen entsprechen. Freizeit- und Tourismusangebote sowie das Beförderungsgewerbe verlieren nach Aussagen dieser Studie durch eine Schließung bis zu 3 Millionen Euro und 45 Arbeitsplätze. Rechnet man den Kongressbetrieb selbst, Lieferanten und Dienstleister hinzu, kommt die Studie auf Basis von Zahlen aus dem Jahr 2008 zu dem Ergebnis, dass ein regionalwirtschaftlicher Umsatzeffekt in Höhe von 32,7 Millionen Euro und 730 – 740 Vollzeitarbeitsplätze vom Bestehen der Rhein-Main-Hallen abhängig sind.

Grundsätzliche Bejahung des Kongressstandorts Wiesbaden

Zweifelsohne bringen erfolgreiche Kongresshallen der Stadt und den Wiesbadener Unternehmen vielfältige Effekte. Durch einen Ausfall entgehen nicht nur Steuereinnahmen, auch erhöhte Sozialleistungen durch wegfallende Arbeitsplätze sind die Folge. In welcher Höhe, lässt sich derzeit kaum seriös abschätzen. Abgesehen von Standortsuche, Architekturauswahl und Investitionshöhe waren politisch gleichwohl wenig Einwände gegen einen Neubau der Rhein-Main-Hallen zu vernehmen.

Entscheidung im Parlament

Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 11.9.2014 den Bebauungsplan sowie den Neubau der Rhein-Main-Hallen an deren bisherigen Standort. Vorangegangen war ein regelrechter Marathon an Sondersitzungen nach der Sommerpause.

Am 8.9. tagte der Ortsbeirat Wiesbaden-Mitte. Am 9.9. in gemeinsamer Sitzung der Umweltausschuss zusammen mit dem Ausschuss für Planung, Bau und Verkehr. Am 11.9. der Finanz- und Beteiligungsausschuss unmittelbar vor der entscheidenden Versammlung des Stadtparlaments. Mit dieser wurde der Startschuss für den Neubau gegeben. TriWiCon als Eigenbetrieb erhielt den Auftrag, die neuen Kongresshallen zu bauen, Finanzierungslösungen zu erarbeiten, sowie diese gegen Zinsschwankungen abzusichern. Die bereits im Haushalt eingeplanten 30 Millionen Euro Investitionszuschuss werden jedoch nicht genügen. Wie SPD-Fraktionschef Christoph Manjura sagte, werden vermutlich weitere 20 Millionen Euro Eigenkapital für die TriWiCon erforderlich sein, sie selbst wird 140 Millionen Euro aufnehmen müssen. Weitere Fremdmittel sollen gemäß Baufortschritt im Laufe der Jahre fremdfinanziert werden. Dies, noch unklare Finanzierungswege und mögliche Kostensteigerungen sind der Hauptkritikpunkt der Oppositionsparteien.

Der Neubau wurde mit den Stimmen der Großen Koalition, der FDP sowie den unabhängigen und freien Wählern (UFW) beschlossen. Grüne, Linke und Piraten stimmten dagegen, die Bürgerliste und die letzte im Stadtparlament verbliebene Republikanerin enthielten sich.

Lob, Kritik und letzte Worte

Die Große Koalition übte sich in den letzten Sitzungen und abschließenden Reden vor allem in Eigenlob, wobei einige Punkte daraus durchaus bemerkenswert sind. So gab es keinerlei Einwendungen bei der öffentlichen Auslegung des Bebauungsplanes, was bei einem Projekt dieser Größenordnung äußerst ungewöhnlich ist. Dazu mag beigetragen haben, dass nach Worten von Stadtentwicklungsdezernentin Sigrid Möricke die Anwohner der Rheinbahnstraße und Kronprinzenstraße von Beginn an in die Lösungssuche eingebunden worden sind. Sei es beim Lärm- und Staubschutz während der Bauarbeiten, als auch bei der Planung der Andienung des Lieferverkehrs, der auf der Rückseite der neuen Hallen weitgehend lärmgeschützt vonstatten gehen soll. Auch ein Be- und Entladeverbot zwischen 22 Uhr und 6 Uhr dient dem Schutz der Anwohner.

Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel lobte die „einmalige zentrale Lage in der Stadt“ und die lichtdurchflutete Architektur mit kleinteiligen Räumen. Die flexible Teleskop-Tribüne soll in kürzester Zeit die Haupthalle zu einer regelrechten Arena werden lassen. Der umweltschonende Rückbau und die Nachhaltigkeit des Neubaus sollen zudem über eine seit 9.9. aktive Webcam zu beobachten sein.

Christian Diers, Fraktionschef der FDP, kritisierte dagegen die missglückte „Halle-Hopp- Kampagne“ zur zunächst geplanten Bebauung der denkmalgeschützten Herbert-Anlagen und Fehlplanungen, die Zeit und Geld kosteten, ebenso, dass bei der Kalkulation Bauzeitzinsen von 5,5 Millionen Euro vergessen wurden und der TriWiCon weiteres Eigenkapital zugesetzt werden muss.

Sein Kollege Michael Schlemp kritisierte eine Alibi-Bürgerbefragung, die sich nicht mehr wiederholen darf.

Bürgerlistenchef Michael von Poser nannte die ganze Vorgeschichte eine Anreihung „von Fehleinschätzungen und Verirrungen, aber es hätte schlimmer kommen können“. Er sei glücklich, dass der Gewinnerentwurf, „der scheußlichste überhaupt“, nicht ausgewählt wurde und zeigte sich überzeugt, „dass die Rhein-Main-Hallen ein Erfolg werden“. Die Enthaltung seiner Fraktion begründete er damit, dass er „für das Projekt, aber gegen die abgründige Finanzierung“ sei.

Christoph Manjura, Fraktionsvorsitzender der SPD, lobte, dass das Großprojekt nicht an einen Generalunternehmer geht, sondern in sogenannten Einzellosen (einzelne Ausschreibung von Gewerken) vergeben wird, was von der Kreishandwerkerschaft ausdrücklich begrüßt werde.

Oberbürgermeister Sven Gerich zeigte sich zuversichtlich und begrüßte das Großprojekt. Er versprach eine große, bunte und angemessene Eröffnungsfeier für die Bürger der Stadt.

Ganzen Artikel als Dokument lesen (kein Viewer erforderlich):
Artikel wird nicht angezeigt?

Schreibe einen Kommentar