Quellsinter

Quellensammlung

Kochende Brunnen tanzen auf dem Vulkan 

Nein, unter Wiesbaden ruht kein bekannter, schlafender Riese, aber im engeren Sinne vulkanischen Ursprungs sind die besonderen geologischen Strukturen, die im Quellengebiet Wiesbadens auf engem Raum mehr als zwei Dutzend Thermalquellen zu Tage treten lassen.

Die hohen Temperaturen des Wassers, das tausende Jahre brauchte, um diese Erdschichten zu erreichen, erklären sich durch unterirdische Magma-Herde. Das Thermalwasser reichert sich auf seinem Weg durch die Spaltenzone des Oberrheingrabens mit zahlreichen Mineralien an, allen voran mit Kalzium, Magnesium, Eisen, Mangan und Kohlensäure. Vor allem aber haben diese Quellen einen sehr hohen Salzgehalt von vier bis sechs Prozent. Man bezeichnet sie daher auch als Natrium–Chlorid-Quellen. Diesem Umstand verdanken die Thermalbäder ihren guten Ruf bei Römern wie bei heutigen Kurgästen. Nicht nur weil sich das Wasser wegen seines hohen Kalziumgehalts für Trinkkuren eignet, so zum Beispiel zur Vorbeugung gegen Osteoporose, sondern vor allem zur „balneologischen“ (die Lehre von der therapeutischen Anwendung natürlicher Heilquellen) Nutzung, die im Vordergrund steht. Der hohe Salzgehalt im Thermalwasser gibt Auftrieb, entlastet Muskeln und Gelenke und unterstützt die Nachbehandlung von Knochenbrüchen, um nur einige Anwendungsgebiete zu nennen.

„Sunt et Mattiaci in Germania fontes calidi trans Rhenum“

berichtet der römische Schriftsteller Plinius der Ältere um das Jahr 50 nach Christus. Bei den Mattiakern jenseits des Rheins – er betrachtet die Dinge aus der Mainzer Perspektive – gibt es heiße Quellen, und die schätzten die römischen Soldaten, die im ersten Jahrhundert außer einem Militärlager auf dem Heidenberg auch eine Thermenanlage nahe der heutigen Schützenhofquelle errichteten. Fast 400 Jahre blühte der Badebetrieb im römischen Aquae Mattiacorum rund um das heutige Quellenviertel in der Altstadt. Die Überreste einer bedeutenden Thermenanlage wurde 1903 beim Bau des Palasthotels nahe des Kochbrunnens freigelegt und (leider) wieder zugeschüttet.

Nachdem der Badebetrieb über die Jahrhunderte in der Hand privater Badehausbesitzer gelegen hatte, knüpfte die Stadt um 1900 an die Tradition der großen öffentlichen Badehäuser an. 1898 erwarb sie das Gelände des früheren Nobel-Badehauses Adler mit den zugehörigen Quellrechten an der Adlerquelle, um das Kaiser-Friedrich-Bad zu errichten. Mit dem Durchbruch des Römertors 1910 verfügte man über die erforderlichen Grundstücksrechte. Nach langer Vorbereitungszeit, während der sicher gestellt werden musste, dass die Quellen durch den Neubau nicht in Mitleidenschaft gezogen würden und überhaupt manche Auseinandersetzung mit den Badwirten auch gerichtlich ausgetragen werden musste, begannen die Bauarbeiten nach den Plänen des Wiesbadener Stadtbaumeisters August Pauly. Die Einweihung des markanten Baus 1913 war die letzte große Amtshandlung des Oberbürgermeisters Carl von Ibell, ehe er sich in den Ruhestand verabschieden ließ. Hymnisch feierte die Presse das neu entstandene, nach außen strenge und innen reich ausgestattete Musterbadehaus, das überregional Maßstäbe setzte – für eine kurze Zeit allerdings nur. Bereits ein Jahr später setzte der Erste Weltkrieg der großen Zeit des Wiesbadener Kurbetriebs ein Ende.

Leitungslabyrinth unter der Kaiser-Friedrich-Therme

Die Dimensionen der damaligen Bau- und vor allem Kanalarbeiten rund um das Quellenviertel kann man am ehesten ermessen, wenn man in den Katakomben der Therme, durch Kriechkeller miteinander verbunden, teils gebückt Technik und Leitungssysteme besichtigt. Zehn Kilometer Leitungen verteilen hier die fünf Primärquellen je nach gewünschter Nutzung zur Aufbereitung, oder leiten sie direkt unaufbereitet über weitere 500 Meter zur Nahwärmeinsel Kleine Schwalbacherstraße und weitere 4,5 Kilometer mit aufbereitetem Thermalwasser ins Aukammbad durch.

All das wird gesteuert auf 3.000 Quadratmetern Kellerfläche, die sich bis unter den Gastronomiebetrieb Alex an der Langgasse erstreckt. Dort entspringt die kleine und große Adlerquelle. Mit dem großen Umbau ab 1999, seit den 1950er Jahren war die Kaiser-Friedrich-Residenz Rheumaklinik, veränderten sich auch die Eigentumsverhältnisse. Zur Gegenfinanzierung der aufwendigen Sanierung des Gebäudes und der Erneuerung vieler Leitungen und der Technik wurde die Residenz über der Therme in 63 Wohnungen beziehungsweise Gewerbeeinheiten aufgeteilt und verkauft, die Stadt blieb noch Miteigentümerin von rund 20 Prozent der Fläche für das Kaiser-Friedrich-Bad selbst und die Keller darunter. Leider wurde so auch das überaus reich ausgestattete Kurfürstenbad der öffentlichen Nutzungsmöglichkeit entzogen. Es wurde zu einer Wohnung umgebaut und ist heute im Besitz eines nur selten anwesenden US-Amerikaners. Die Kaiser-Friedrich-Therme selbst ist jedoch immer noch das eigentliche Schmuckstück der verbliebenen Thermalbäder in öffentlicher Hand.

Thermalwasser und Primärquellen

Der technische Mitarbeiter der Kaiser-Friedrich-Therme, Hakan Incekas, kennt jeden Meter Leitungen, jeden Tank und Druckregeler in diesem Labyrinth und hat wohl den wärmsten Arbeitsplatz Wiesbadens. Manche Stellen sind gut belüftet, im Hauptbereich herrschen jedoch im Sommer durchgängig über 50 Grad Celsius. Auch bei unserer Begehung im November kommen wir schnell ins Schwitzen, verstehen nun aber die ausgeklügelte Technik und den Sinn dahinter, der die Kaiser-Friedrich-Therme zur komplexen Fernwärmeinsel werden lässt. Hier laufen alle fünf Primärquellen zusammen. Diese sind die höchsttemperierten Thermalquellen in Wiesbaden. Kochbrunnen, Salmquelle, Schützenhofquelle, kleine und große Adlerquelle befinden sich alle im inneren Kreis des Heilquellenschutzgebietes zwischen Langasse, Kranzplatz, Webergasse und Coulinstraße. Entlang einer 3.000 Meter tiefen Spalte steigt hier, wie an einer Perlenschnur, das bis zu 67 Grad heiße Wasser auf. Es wurde mit bergmännischen Bohrverfahren in einer Tiefe von bis zu 123 Metern (Kochbrunnen) erschlossen.

Der Kochbrunnen ist die bekannteste, ergiebigste und zugleich heißeste Primärquelle neben der Salmquelle. Beide sind direkt benachbart zwischen beziehungsweise seitlich der Kochbrunnentrinkstelle und dem Springer, mitten auf dem Kranzplatz. Der muschelförmige Brunnen erzeugt nebenbei ein ganz besonderes Nebenprodukt, den Wiesbadener Quellsinter.

Die Kugeln der Mattiaker und eitle Römer

Der römische Dichter Martial empfahl den Quellsinter bereits in zwei Epigrammen als Haarfärbemittel, als „Mattiakische Kugeln“. Sie wurden, zu Pulver vermahlen, von den Römerinnen wohl auch als Make-up verwendet:

Chattica Teutonicos ascendit spuma capillos.

Captivos poteris cultior esse comis.

„Chattischer Sinter macht teutonische Haare glänzender.

Benutzt du ihn, wirst du den Glanz der Haare der Gefangenen noch übertreffen.“

 

Si mutare paras longaevos cana capillos,

Accipe Mattiacas – quo tibi calva – pilas.

„Willst du die Farbe deiner altersgrauen Haare ändern,

nimm mattiakische Kugeln – was soll dir ein Kahlkopf.“

 

Eitel waren sie, die Römer. Ältere Männer ließen sich lieber den Kopf scheren, als graue Haare zu zeigen. Sinter ist im wahrsten Sinne ein Naturprodukt aus den mineralischen Ablagerungen, die täglich den Kochbrunnen-Springer umströmen und zu einem rötlich-ockerfarbenen, changierenden Belag „verbacken“. Dieser Quellsinter wird ein bis zweimal im Jahr abgeschlagen, wächst er doch schnell auf eine zentimeterdicke Schicht an, die mit der Zeit unregelmäßige Beulen bilden würde. Mehrere Tonnen kommen so jedes Jahr zusammen, einen kleinen Teil heben die Mitarbeiter der Kaiser-Friedrich-Therme auf, ausgewählte Stücke werden in Plexiglas gegossen und dienen dem Rathaus als besonderes Präsent, wie Hakan Incekas zu erzählen weiß.

Schwierige thermische Nutzung

60.000 Kubikmeter Thermalwasser pro Jahr durchströmen allein den Brunnenpavillon und Springer am Kochbrunnen, nur ein Bruchteil des insgesamt geförderten Thermalwassers. Doch das Thermalwasser der Trinkstelle am Kochbrunnen wie auch des Springers läuft danach ungenutzt in das Kanalnetz, weshalb in diesem Bereich die dampfenden Gullis oft besonders prägnant die Sicht vernebeln. Der Kranzplatz und untere Teile der Langgasse sind im Grunde eine einzige große Fußbodenheizung, über die Thermalwasser direkt an Nutzer wie die Staatskanzlei (Hotel Rose), vor allem aber zur Kaiser-Friedrich-Therme geleitet wird, um dort aufbereitet zu werden. Von dort aus gelangt es dann in das weit verzweigte Thermalwassernetz der Stadt. Als Thermalwasserheizung und Wärmelieferant für die Residenz selbst wird es genauso genutzt wie für einzelne Ensembles an der Webergasse und Langgasse. Die Schützenhofquelle dient als Reservequelle mit der niedrigsten Temperatur (51 Grad). Eine Nahwärmeinsel neben dem im Bau befindlichen neuen Coulinparkhaus wird von Kochbrunnen und Salmquelle gespeist. Von hier werden Teile der Mauritiusgalerie und der Kleinen Schwalbacher Straße mit Thermalwärme versorgt.

Gebührenpflichtig und stark alkalisch

Nur wo die richtigen Leitungen verbaut sind, kann unaufbereitetes Thermalwasser lange fließen, selbst Edelstahl wird schnell angegriffen. Spezielle Kunststoffrohre mit hoher Gleitfähigkeit werden auf längeren Strecken verwendet, jedoch sind die thermische Nutzung und der nötige Tiefbau für Leitungen in der Innenstadt sehr aufwendig und teuer. Seit 2008 wird zudem für thermisch genutztes Abwasser eine recht hohe Gebühr fällig, 58 Cent je Kubikmeter machen es immer unwirtschaftlicher, weitere Potenziale zu erschließen. So bewegt sich der effektive Wirkungsgrad der Thermalquellen in Wiesbaden doch in engen Grenzen. Große Teile der Wärme gehen einfach verloren. Immerhin können auf dem Weg durch die verschiedenen Thermalbäder auch in den verbliebenen privaten im Schwarzen Bock und Nassauer Hof tausende Menschen deren wohltuende Wärme und Wirkung ganz persönlich nutzen und spüren. Auch Thermalbadegäste sind so gesehen nichts anderes als (organische) Wärmetauscher.

Wärmetauscher und Aufbereitung

Vom „Umschlagsplatz Kaiser-Friedrich-Therme“ wird auch das gesamte Thermalwasser für das Thermalbad im Aukammtal über die längste Leitung quer durch den Kurpark zum Empfänger geleitet. Um die Leitungen zu entlasten, ist dieses Wasser bereits aufbereitet, Eisen und Mangan werden herausgefiltert beziehungsweise entzogen, um insbesondere das Reinigen der Becken zu erleichtern. Zugleich wird zur Keimabtötung mit speziellen Generatoren Ozon hinzugefügt und Chlor nach Bedarf und unter ständigen Kontrollen im Badewasser ergänzt.

In dem komplexen Aufbereitungsprozess in der Kaiser-Friedrich-Therme werden vor allem aus Kochbrunnen und Salmquelle, durch Zuschaltung zur Entlastung auch immer wieder über die Schützenhofquelle 20 Kubikmeter große Tanks gefüllt und erhitzen über Plattenwärmetauscher Leitungswasser auf bis zu 51 Grad für die Residenz und angeschlossene Nutzer. Während der folgenden Filterprozesse, immer wieder wird das Wasser in Zwischentanks aufgefangen, werden dem Wasser bis zu 13 Grad Wärme entzogen. Bis zu 36 Kubikmeter Thermalwasser können so pro Stunde aufbereitet werden. Große Stickstoffbehälter sorgen für Druck und Bewegung im Wasser, um Ablagerungen zu reduzieren, bevor es schließlich mit etwa 50 Grad in die Fernwärmeleitung zum Thermalbad eingespeist wird und dort mit kuscheligen 39 bis 42 Grad ankommt.

 

Quellenschutz

Wiesbaden hat die sogenannten Quellrechte für bis zu 600.000 Kubikmeter Thermalwasser. Das Schaubild zeigt die Lage der Quellen, Leitungen und Nutzer. In diesem besonders geschützten Gebiet darf nur wenige Meter tief gebohrt werden, es gibt mehrere Zapfstellen für Wasserproben und Messpunkte für Oberflächenwasser, um den sensiblen Ausgleich zwischen Grundwasser und abgenommenem Thermalwasser auf die Geologie von Grund und Boden nicht zu gefährden. Man hat errechnet, dass bei einer Förderung von mehr als 300 Kubikmetern Thermalwasser pro Tag das Altstattschiffchen absinken könnte.

Die Stadt Wiesbaden ist im Besitz der meisten der insgesamt 26 heißen Quellen, von denen nur noch wenige in Betrieb sind. Die 27. Quelle, der Faulbrunnen, vermischt sich mit Grundwasser und hat daher nur nach 14 Grad an der Entnahmestelle, er stellt eine Ausnahme dar, ist aber auch eine der öffentlichen Trinkstellen. Auf dem Faulbrunnenplatz derzeit als Quelle versiegelt, sollte eigentlich schon lange eine Stele den Brunnen neu fassen.

Der Bäckerbrunnen wiederum erhält sein Wasser abwechselnd von großer und kleiner Adlerquelle, ebenfalls über die Kaiser-Friedrich-Therme geregelt, während das Wasser des früheren Bäckerbrunnens heute direkt in den Kanal fließt. Dies aus Gründen zentraler und erleichterter Probenentnahme und Analyse der Thermalwässer für die Trinkstellen, denn streng genommen sind Thermalwässer Arzneimittel. Das Kaiser-Friedrich-Bad wurde im März 2015 als Heilbad anerkannt.

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