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Posse am Kureck: Ein Investor führt die Stadt vor

Wenn man sich die Zeichnungen der Architekten zur Umgestaltung des Kurecks anschaut, könnte man fast geneigt sein, sie abzunicken. Zu lange haben die Stadt und die Bürger darauf gewartet, dass sich dort endlich etwas tut. Trostlos sieht es aus am Ende unserer prächtigen Wilhelmstraße. Verlassen, verkommen und durch mehrfache Brandstiftungen hat die Ecke Banlieu-Charakter, und das mitten im Kurviertel. Von Friederike Scholing-Kamps.

Die Stadt hat lange Geduld bewiesen mit den Investoren, ist ihnen verschiedentlich entgegen gekommen und hat sich mit Entwürfen einverstanden erklärt, die dem „alten Wiesbadener“ Bauchgrummeln bescherte. Mehrere Vorschläge wurden unterbreitet, keiner wurde bislang verwirklicht. Was steckt dahinter? Ist der Investor doch nicht so liquide? Will er tatsächlich selbst investieren oder nur ein Projekt entwickeln und dann weiterverkaufen? Oder spielt man mit „unserer“ Geduld, nach dem Motto: Wenn wir sie lange genug hinhalten, stimmen sie allem zu? Man wartete. In der Zwischenzeit ist das alte Hochhaus in einem ziemlich maroden Zustand. Aufgrund mangelhafter Sicherungsvorrichtungen wurde immer wieder eingebrochen, Jugendliche feierten Parties, die oft buchstäblich in Rauch aufgingen. Viele Fenster wurden eingeschlagen, die Witterung besorgt den Rest.

Zurück in die Zukunft

2007 bereits hat die R + V Versicherung ihren einstigen Stammsitz an der Taunusstraße 1 nebst weiterer Gebäude an die IFM Immobilien AG verkauft. Dazu gehört ein Teil des Paulinenhangs, insgesamt 23.000 Quadratmeter unverbaubare Hanglage am Cansteinberg. Einer der letzten Leckerbissen in bester Wiesbadener Umgebung, eingerahmt von Komponistenviertel und schöner Aussicht, über dessen Kaufpreis bis heute nichts zu erfahren ist.

Zum Leidwesen der Stadt hat die IFM zunächst immer an einer Vitalisierung des Hochhauses gearbeitet. Es sollte entkernt und mit neuer Verkleidung versehen werden. Der bekannte Architekt Max Dudler präsentierte erste Entwürfe, die Stadt erarbeitete die passenden Bebauungspläne, bis die IFM ein ums andere Mal die Planungen änderte.

Die Rahmenplanung Kureck begann bereits 2009. Als im Sommer 2013 der neue Bebauungsplan endlich stand, sollte das Hochhaus plötzlich doch abgerissen und moderat neu in die Höhe gebaut werden. 11 Stockwerke sollten es werden, vermehrt nun auch für Wohnzwecke ausgewiesen. In einem Kerngebiet ist Wohnen jedoch nur ausnahmsweise zulässig. In diesem Herbst dann eine erneute Umplanung. Man will jetzt wieder 19 Etagen in die Höhe, mit einer „schmalen Kubatur“. Erneut ist ein immer größerer Teil der gesamten Bebauung für Wohnungen vorgesehen. Besser gesagt Stadtvillen, die sich an dieser Stelle besser vermarkten lassen. Mit Büroflächen im Hochhaus ist kaum noch ein Staat zu machen, so sagt die IFM selbst. Früher ein reines Bürogebäude, soll auch der Neubau nun hauptsächlich Wohnungen beherbergen, was die gesamte Anlage „beleben soll, besonders in den Abendstunden“. In den angrenzenden Gebäuden soll es Restaurants geben.

Nach all dem Hickhack ist man seitens der Stadt wohl mittlerweile froh, wenn überhaupt etwas geschieht. Ist sie doch auch verpflichtet, für die (mittlerweile fast monatlich vorkommenden) Feuerwehreinsätze finanziell aufzukommen. Vom immer lauter werdenden Unmut der Wiesbadener Bürger ganz zu schweigen.

Nun haben wir also neue Entwürfe, die gerade den letzten Schliff erhalten sollen. Die IFM hat uns das Bildmaterial zur Verfügung gestellt. Die städtischen Gremien werden sich im neuen Jahr konkret damit beschäftigen. Ganz egal, ob Wohnungen oder Büros. Warum sollte sich der Investor kräftigen Gewinn entgehen lassen? Gleich ob Miet- oder Eigentumswohnungen – sie werden sehr hochpreisig sein. Werden sich wirklich genug Mieter/Käufer finden, die – wenn auch an exponierter Stelle – in einem Hochhaus wohnen wollen? Gleiches gilt für die Häuser, die dem Areal hinter dem Hochhaus drohen. Es sind wieder die mittlerweile schon gewohnten fantasielosen Würfel, mal mit mehr, mal mit weniger Glas, dafür mit vergittert anmutenden Fensterfronten, die in keiner Weise mit den dort stehenden alten Villen korrespondieren. Die wundervollen, archtitektonisch noch hochwertigen Häuser werden geradezu von den Baukastenklötzchen erstickt. Dazu kommt, dass diese Klötzchen neu noch recht ansehnlich daherkommen, nach zwei, drei Jahren ihren Glanz jedoch schon verloren haben und oft nur noch schmuddelig aussehen. Es gibt im Stadtgebiet dafür genug unschöne Beispiele.

Von Seiten der Stadt sollte man ruhig etwas höher pokern, um das Beste für unser Historisches Fünfeck herauszuholen. Sollte der jetzige Entwurf wirklich ausgeführt werden, hat man ein historisch gewachsenes Areal nicht zu alter Schönheit zurückgeführt, sondern bis an die Grenzen des Erträglichen bebaut. Auch unter dem Aspekt der Wohnungsnot kann man es in dieser Dimension nicht befürworten, denn der so gewonnene Luxuswohnraum schafft der Wohnungsnot keine Abhilfe, nimmt aber die Chance nach Abriss des Hochhauses moderat neu zu bauen und grüne Sichtachsen zu erhalten oder wieder herzustellen. Ob neu angelegte Wege rechts und links vom neuen Hochhaus dazu ausreichen mag bezweifelt werden. Aber hoffen wir das die IFM nun Wort hält:

„IFM ist an einem zeitnahen Eintritt in die Realisierungsphase nach dem Abschluss der vertraglichen Vereinbarungen zur Änderung des Bebauungsplanes interessiert und möchte mit einem baldigen Beginn des Abrisses des Bürohochhauses nicht nur ein sichtbares Zeichen setzen, sondern auch die Sicherheit vor Ort verbessern.“

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