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Obdachlosenhilfe: Armut duftet nicht!

Von Sarah Rolle – Ein Haus von vielen in Wiesbaden, dem wunderschönen grünen, reich anmutenden Kurort – Landeshauptstadt inklusive. Doch in diesem speziellen Haus in der Dotzheimerstraße 9 agiert die Diakonie Wiesbaden mit einem Zufluchtsort und Treffpunkt voller Fürsorge und Mithilfe für diejenigen, denen es in im Leben nicht gut geht.

„Jetzt geh erstmal duschen, danach bekommst du auch deine frische Wäsche“, ruft ein Ehrenamtlicher dem in der Schlange stehenden Obdachlosen entgegen. Ein süß-säuerlicher Geruch kommt einem entgegen. Der Mund ist fest geschlossen und die Nase gerümpft. Ja, Armut duftet nicht. Vielmehr zeigt sie sich von ihrer unschönen Seite. Einer Realität ohne Puder, Seife und Duftwässerchen. Es ist schon ein kleiner Kampf, den Gast mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen zu überreden, das Angebot anzunehmen. Nicht aufzuzwingen, sondern ihm die Entscheidung zur eigentlich gut tuenden Pflege zu überlassen. Doch schließlich schlurft er die Treppen hoch Richtung Duschraum. Ein erster Schritt zur Veränderung?

Derweil freut sich schon der nächste über seine frischen Unterhosen und Socken. „Ein schööönes Hemd ich hätte gerne, um eine schöne Frau auszuführen, bitte!“bittet dieser freundlich, mit einem charmant-italienischen Akzent . Klar, das ist hier kein Wunschkonzert,doch wenn man nett gefragt wird, sucht man doch gerne in den Regalen der Altkleidersammlung nach dem Erbetenen.Der Wunsch, „anständig“ auszusehen, wie doch eigentlich jeder Bewohner in diesem so attraktiven Städtchen ihn hat, ist groß.

Vielleicht ist es sogar ein erster Schritt in dieNormalität. Denn Kleider machen Leute. Das ist nun mal so und man möchte hinsichtlichseines Anspruchs gehört und – verdammt nochmal – akzeptiert werden: „Ich will doch nicht wie ein Lump rumlaufen, haben Sie nicht vielleicht noch eine nette Bluse, die nicht so ausgeleiert ist wie mein T-Shirt hier?“.Beliebt sind auch bequeme Turnschuhe, meistens Schuhgröße 43 bis 44. Doch die Regale sind leergeräumt. Vereinzelt vorrätig hingegen sind Winter-Fellschuhe in großen Größen. „Wenn es nichts gibt, dann gibt’s halt nichts und sie müssen in der nächsten Woche wiederkommen. Allerdings können sie sich immer noch etwas für ein paar Euros, die sie alsStütze bekommen, kaufen“, meint ein ebenfalls ehrenamtlicher Kollege.

In der Tagesaufenthaltstelle ist jeder herzlich willkommen. Überwiegend folgen dieser Einladung Männer – so erschien es bisweilen, doch der Frauenanteil nimmt immer mehr zu.Ob Obdachlose, sozial Schwache oder Ex-Inhaftierte, sie kennen alle ihre Teestube derDiakonie Wiesbaden in der Dotzheimer Straße. Hier dürfen sie sein, wie sie sind, haben die Möglichkeit zu duschen, etwas zu frühstücken und auch ein Mittagessen einzunehmen. IhreSchicksalsschläge sind so banal wie alltäglich, aber für den Einzelnen waren sie tragisch und es hat sie aus der Bahn geworfen: Trennung von geliebten Menschen durch Scheidung oder Tod, Misshandlung, Inhaftierung, psychische Krankheiten in Verbindung mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Dazu kommt der Verlust der sozial en Kontakte, denn die Vorurteile der Mitmenschen, auch innerhalb der Familie, falls nochvorhanden, sind groß. Auch Menschen mit Migrationshintergrund, die auf Arbeitssuche nach Deutschland kamen und kläglich scheiterten und keinen sozialen Anschluss fanden, stranden hier.

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