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Neue Plätze für Wiesbaden: Frischekur fürs Westend

Der Neubau am Platz der Deutschen Einheit polarisiert. Für mehr als 50 Millionen Euro entstand dort ein Komplex für Büros, Läden, Gastronomie und nicht zuletzt eine Großsporthalle für Schulen und Vereine, vor allem den Volleyball Club Wiesbaden (VCW) – maßgeschneidert für bundesligataugliche Spiele mit entsprechenden Deckenhöhen. Doch während der Planung und der Entstehung des überdimensioniert erscheinenden Baukörpers, wo vorher nur Parkplätze und die alte Jugendverkehrsschule zu finden waren, gingen auch manche Wiesbadener an die Decke.

Dieser Bau, seine Auslastung und Sinnhaftigkeit werden vermutlich noch an anderer Stelle Thema des lilienjournals. Er geht gerade erst in die Nutzungsphase über. Aber er steht bereits, und die Wiesbadener werden sich an ihn gewöhnen müssen. Wir haben uns bei der Wiesbadener Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) informiert, warum er so platziert wurde und was um ihn herum entstehen soll.

In der Öffentlichkeit wurde zuletzt kaum wahrgenommen, dass es nicht nur um diesen Neubau ging, sondern auch eine grundlegende Umgestaltung der umgebenden Bereiche geht. Bereits 2007 wurde mit der „Rahmenplanung westliche Innenstadt“ begonnen, deren Ziel es war, Innenstadt und Westend miteinander zu verbinden. 2008 folgte ein Ideen- und Architekturwettbewerb, bei dem nicht nur Entwürfe von Architekturbüros, sondern auch von Stadtplanern und Landschaftsarchitekten gefragt waren. Der parallel aufgestellte neue Bebauungsplan brauchte noch bis 2011, um Rechtskraft zu erlangen. Mit dem Hochbau wurde im Juni 2012 begonnen, nach dem Abriss der Jugendverkehrsschule zwei Jahre zuvor und dem Abschluss umfangreicher Gründungsarbeiten sowie der Verlegung zahlreicher Leitungen, Kanäle und Rohre. Denn seit der Nachkriegszeit hatte sich der alte Platz der Deutschen Einheit (früher Boseplatz genannt) geradezu dafür angeboten, alles, was der Ver- und Entsorgung des Viertels diente, widerstandslos in der Erde verschwinden zu lassen. Weitgehend unbebaut, wie er war, gab es ja kaum Hindernisse für Erdarbeiten. Auch, da früher eine Tankstelle dort stand, wartete noch so manche Überraschung auf die Planer. Letztlich aber fand man Lösungen, wenn auch nicht ohne Zeitverzögerung und deutliche Mehrkosten, vor allem für die notwendige Verlegung einer Gasregelstation an die Schwalbacher Straße.

Baufluchten und neue Sichtachse

Je höher der Rohbau wuchs, umso mehr nahmen viele Wiesbadener verwundert zur Kenntnis, dass er sehr nahe an die Straße reichte. Vor allem aus Richtung der oberen Schwalbacher Straße wirkt er isoliert und stark nach vorne gezogen. Warum das so ist, wird erst klar, wenn man die Bauflucht über die Dotzheimer Straße hinaus bis zum Luisenforum weiter verfolgt und den geplanten Nachfolgebau für das alte Arbeitsamt mit einbezieht. Auf Blockrandbebauung ausgerichtet, soll sich nach Abschluss aller Arbeiten etwa um 2016 wieder eine einheitliche Sichtachse gen Süden ergeben.

Der Abriss des Arbeitsamtes an der Schwalbacher Straße, in weiten Teilen marode, aber notgedrungen von der Elly-Heuss-Schule weitergenutzt, ist seit Sommer 2013 beschlossene Sache. Ein Ergänzungsbau für die Schule wird weiter südlich in den nächsten zwei Jahren neu entstehen und die Bauflucht des Neubaus am Platz der Deutschen Einheit weiterführen. Erst dann werden auch die Parkplätze vor der Elly-Heuss-Schule verschwinden und zwischen Schwalbacher Straße, Elly-Heuss-Schule und Sporthalle einem neuen, großen (Stadt-)Platz für vielfältige Nutzungen Raum geben.

Neue Feste, die auch die Halle nutzen könnten, Open-Air-Veranstaltungen, sogar ein eigener Markt für das Westend sind an dieser Stelle denkbar. Bereits jetzt entsteht hinter den Hallen bis zur Bertramstraße der so bezeichnete „Quartiersplatz“. Er soll schon bald ganz neue Aufenthaltsqualitäten für die Menschen des Viertels und darüber hinaus bieten.

Ein autofreies Quartier entsteht – Namensfindung offen

Die Namensfindung für diese beiden neu entstehenden Plätze, mit jeweils rund 4.000 qm Fläche fast doppelt so groß wie der Mauritiusplatz, ist noch im Gange und dient somit eher als Arbeitstitel. Es bleibt ein Vorrecht der Ortsbeiräte, hier des Westends, in dieser Frage mitzubestimmen. Ob der Name Platz der Deutschen Einheit noch passend ist, steht dahin, wurde der Platz doch vollflächig bebaut. Auch die Sporthalle wartet noch auf eine griffige Bezeichnung.

Es hatte seinen Grund, dass als Erstes die gesamte Verkehrsführung geändert wurde. Denn zwischen Elly-Heuss-Schule und Platz der Deutschen Einheit, wo vorher der Verkehr floss, soll – als finales Ziel der Umgestaltung – besagter neuer „Stadtplatz“ als Verbindungselement zwischen Innenstadt und innerem Westend entstehen. Im Westen wird er in den „Quartiersplatz“ übergehen, der vom neuen Polizeirevier bis zur Bleichstraße neuen Erholungsraum schaffen soll und als erster Bauabschnitt fertig gestellt wird. Vermutlich noch zum Frühjahr 2015 kommt hier erstmals wieder ein fließendes Gewässer in der Innenstadt ans Licht.

Ein alter Bachlauf erblickt das Licht

Der Wellritzbach wird dann zwischen Bleichstraße und Stadtplatz teilweise oberirdisch geführt und sich über den neubepflanzten Quartiersplatz schlängeln. Die große Platane an der Bleichstraße konnte erhalten werden und wird neben einer neuen Einfassung integrierte Sitzbänke erhalten. Auch die drei vorhandenen Pappeln im Süden des Areals sollen erhalten bleiben. Das fließende Gewässer mit umgebendem Grün soll nicht nur schön anmuten, sondern auch für ein neues Mikroklima sorgen. In den Sommermonaten kann der mäandernde Wellritzbach die Umgebung um 1-2 Grad abkühlen, bevor er ab dem Stadtplatz wieder unterirdisch verläuft – abgesehen von einer in Richtung Schwalbacher Straße verlaufenden schmalen Rinne, ähnlich denen, die z. B. die Fußgängerzone in Freiburg durchziehen.

Zusammen mit dem Faulbrunnenplatz, der endlich wieder seinen namengebenden Brunnen – wenn auch nur in Form einer zierlichen Stele – zurückerhalten soll, werden in naher Zukunft also drei Plätze mit insgesamt deutlich über 10.000 qm Fläche den früheren Platz der Deutschen Einheit umgeben. Alles in allem kann man sich dies durchaus als harmonisches Gesamtbild vorstellen, sofern diese Plätze auch mit Leben erfüllt werden.

KOMMENTAR

Nichts ist beständiger als der Wandel

Geht man davon aus, dass die seit 2007 geplanten Arbeiten nicht vor 2016 abgeschlossen sein werden, wird offensichtlich, was Stadtplanung ausmachen sollte. Sie denkt nicht in Legislaturperioden sondern in Dekaden. Sie schafft keine Denkmäler für Politiker, sondern beweist Weitsicht für Stadtbild und Bevölkerung. Ob Veränderungen letztlich in ihrer Gesamtheit als gelungen angenommen werden, wird man wiederum erst Jahre später wissen.

Der Autor erinnert sich noch genau an die Jugendverkehrsschule auf dem Platz der Deutschen Einheit. Zehntausenden Kindern wurde auf deren Dach über Jahrzehnte von geschulten Polizisten beigebracht, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen. Bei mir war das Mitte der 1970er-Jahre. Es gab sehr viel weniger Autos als heute, mehr als eines pro Familie war reiner Luxus. So veränderte sich mit zunehmendem Wohlstand auch der Platz, wurde Verkehrsknotenpunkt und hochfrequentierte Parkmöglichkeit, lange dazu noch kostenfrei. Dass sich an dieser Nutzung etwas ändern sollte, war ein lang gehegter politischer Wunsch.

Jahrelang, die Überlegungen reichen noch in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, sollte hier ein Multiplex-Kino entstehen, mit einem Platz davor. Letztlich endeten diese Planungen in einem Fiasko, alles wurde auf Null zurückgesetzt. Nun haben wir ein überdimensioniert wirkendes Gebäude direkt an der Straße, neue Plätze entstehen dahinter und zwischen Neubau und Schule. Ob allerdings gerade dort, bei dem angedachten und nackt wirkenden Stadtplatz, große Lust aufs Verweilen eintritt, wage ich zu bezweifeln. Aber ein bunter Markt, antizyklisch zum städtischen veranstaltet und mit moderaten Gebühren, die auch Einzelkämpfern und Künstlern eine Chance zum Verkauf lassen, ist ein schöner Gedanke. Orientiert – wenn auch im Kleinformat – am Londoner Camden Lock Market, der aus vielen verschiedenen Einzelmärkten besteht, würde er perfekt zum bunten Westend passen.

Bleibt der Faulbrunnenplatz als Stiefkind, das nur noch im Sommer aus dem Schatten des hoch aufragenden Neubaus zu treten vermag. Nach wie vor sucht die Stadt einen Investor, der dort ein Café und öffentliche, aber kostenpflichtige Toiletten betreiben soll. Angesichts des nicht allerbesten Rufs, trotz weiterhin ausgesprochenen Alkoholverbots am Platze, fand sich bisher jedoch kein ernsthafter Interessent, der bei den städtischen Vorgaben mit Gewinn rechnete. So bleiben noch einige Fragen offen. Eventuell wird doch die Stadt als Betreiber auftreten müssen, will sie nicht weiterhin heftiger Kritik der Stadtteilgruppe „Lebenswertes Westend“ ausgesetzt sein, die schon lange zumindest provisorische kostenlose, Tag und Nacht zugängliche öffentliche Toiletten fordert. Für die Passanten, die zahlreichen Umsteiger an den Haltestellen und die Busfahrer, aber letztlich auch für die Ausgegrenzten der Gesellschaft, deren Quartier der Faulbrunnenplatz einstweilen bleiben wird.

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