einzelhandel

Handel im Wandel:
Streitschriften gegen den Einheitsbrei

Inhabergeführte Geschäfte wissen sich zu helfen!

Ein Rundgang von Mario Bohrmann  

Schon lange trage ich mich mit dem Gedanken, etwas über den Einzelhandel zu schreiben. Mit offenen Augen und Ohren durch die Ladenlandschaft zu wandern, und doch subjektiv zu berichten, denn ich ärgere mich über manche Entwicklung, und über mich selbst. Wir reden über die Uniformität der Städte und Gleichförmigkeit der Fußgängerzonen und tragen doch selbst dazu bei, dass sie so geworden sind. Ich habe das auch getan, denn auch ich bin oft zu bequem, glaube die Zeit nicht zu finden, in die Läden zu gehen. Vor dem Rechner sitzend und der Versuchung erliegend, alles Wissen der Welt stecke im Internet, hoffe auch ich gelegentlich den besten Preis in undurchschaubaren Datenbanken zu finden. Viele geißeln „Geiz ist geil“ als den unsympathischsten Slogan, doch mehr und mehr Menschen handeln danach. Nicht alle unter dem Zwang, wirklich sparen zu müssen. Immer mehr geht so auch die Wertschätzung verloren. Die Achtung vor dem Handwerk und dem Spezialwissen in den Fachgeschäften.

So suche ich das Gespräch mit Inhabern die ich kenne und werde auf einen Händlerstammtisch aufmerksam gemacht. Alle vier bis sechs Wochen zeigen sich an wechselnden Orten ein gutes Dutzend Einzelhändler gegenseitig ihre Geschäfte und erklären ihre Arbeit. Darunter Sabine Schäfer (Schuh-Schäfer), Andreas Voigtländer (Hut-Mühlenbeck), Walter Lüderssen von der Buchhandlung Angermann und andere mehr. Anfang Juni trafen sie sich bei Michaela Klamp-Kellapan und ich durfte Gast sein. Die Inhaberin von Leder Hahn in der Wagemannstraße übernahm das Geschäft nach dem Tod ihrer Mutter im letzten Jahr wohl aus einer Vielzahl von Erwägungen, die ein inhabergeführtes Geschäft auszeichnen. Es lebt die Tradition und übernimmt auch die Verantwortung für seine Mitarbeiter. Michaela Klamp-Kellapan steigt nun sogar ganz aus ihrem vorherigen Beruf aus und wieder in den alten Familienbetrieb ein. Es ist das letzte Lederwarenfachgeschäft im weiten Umfeld. Sie freut sich, wenn sie einem Kunden eine liebgewonnene Schnalle an verschlissenem Gürtel wieder mit einem neuem Lederriemen ausstatten kann. Statt ihm einen neuen zu verkaufen. Und sie führt die Runde an diesem Abend auch in ihren Keller. 500 gefüllte Schubladen mit allerlei Metallbeschlägen, Nieten und Zubehör finden sich sauber sortiert und meterlange Lederhäute liegen in den Regalen. Alle Schuhmacher der Umgebung kaufen bei ihr. Viele sind es nicht mehr. Wir kommen gemeinsam ins Plaudern.

Man tauscht sich aus über einen Webshop und Alternativen und bittet mich zu schreiben, dass die Stadt mehr tun müsse, um die Attraktivität der Innenstädte zu stärken. Nur wie genau das gehen soll, können sie auch nicht sagen. Ein Händler beklagt die „REWEsierung“ der Stadt. Zu wenig Ordnung und unregelmäßige Straßenreinigung bemängeln fast alle Händler, mit denen ich in den ersten Juniwochen spreche. Das werden gut zwei Dutzend gewesen sein. Aber sie wollen nicht meckern, sondern bewusst nach vorne schauen. Und treffen sich Ende Juli wieder, dann vermutlich bei dem Fair Trade Shop Contigo.

Eine Woche später verabrede ich mich mit einigen Händlern aus der Wagemannstraße bei Heiko Jourdan. Heiko hat noch einen Kunden im „Herrenzimmer“, so nennt er sein Geschäft für Maßkonfektion, und veranstaltet auch mal Lesungen und Modevorführungen in seinem Laden über zwei kleine Etagen. Zum Beispiel den „Damentag im Herrenzimmer“. Und sie kamen, die Damen.

Auch bei unserer Tour durch das Schiffchen waren die Frauen unter den Händlern in der Überzahl. Ein halbes Dutzend GeschäftsinhaberInnen brachte alleine Carola vom „Liebreiz“ mit, einem kleinen Antiquitätenladen inmitten der Wagemannstraße. Wir schlendern gemeinsam durchs Schiffchen, in erster Linie interessieren mich aber die Probleme der Wagemannstraße, denn hier hat die Altstadt erkennbare Schlagseite gegenüber der Grabenstraße. Ich möchte ihre Sicht kennenlernen und verstehen, warum die Wagemannstraße, doch vielfach verbunden mit der angeblich viertattraktivsten Fußgängerzone Deutschlands, kaum etwas von dem dort regen Durchfluss abbekommt. Dabei war die Wagemannstraße immer eine Einkaufsstraße. Krämergasse, Judengasse, Metzgergasse hieß sie und immer ging es dort quirlig zu, wurde auch auf den Straßen gelebt. Wie heute. Wir gehen um den Bug des „Schiffchens“ in die Grabenstraße, die sich von der Markstraße her viel offener präsentiert als die Wagemannstraße. Hier werden auch Hinweisschilder zum Schiffchen vermisst. Früher gab es die, mit dem Logo der Altstadt. Ich erinnere mich noch genau. Neue Wegtafeln weisen nicht mehr darauf hin. Wir denken zurück an das Schiffchenfest, im Grunde der Vorläufer des Stadtfestes. Am meisten stört die Leute aus der vorderen Wagemannstraße der Anblick der Sportarena, deren massiver Baukörper aus Beton viel zu weit nach hinten gesetzt wurde. Zur Problemlösung werden Lösungsansätze diskutiert, die von „Abriss“ über Efeu und Begrünung bis zu einem Anstrich in dezenten Erdtönen reichen. Wie die umgebenden Bauten. Alles ist besser als der jetzige Zustand, da die schattige Überdachung der Sportarena Kneipengänger der Nacht ermutigt, sich vor Ort zu erleichtern.

Daneben, zur kleinen Langgasse hin, gibt es einen namenlosen Platz. Früher hatte hier der Fernsehkoch Max Inzinger ein gut besuchtes Restaurant, heute ist es eine Shisha-Bar. Ein schöner großer Baum steht da, aber es ist sehr schattig durch die umgebenden Gebäude. Seit mehr als einem Jahr schirmen zudem unansehnliche Bauzäune eine nicht mehr genutzte Materiallagerstelle einer Baufirma ab. Wenig attraktiv, vor allem für Beate Junghans mit ihrem Laden für klassische Musik auf gleicher Höhe. Die Händler und Gastronomen der unteren Wagemannstraße sehnen das Ende der Sanierung des Pressehauses herbei. Durch das Gerüst wird die ohnehin schon schmale Straße erst richtig eng. Aber es soll ja bald ein Ende haben. Schön war zu spüren, dass es kein Konkurrenzdenken unter den Läden und Gastronomen gab, auch nicht unter mehreren Second-Hand-Läden aus dem Schiffchen. Dies beweisen auch „die 6 Richtigen“. Ein Zusammenschluss von Buchhändlern, die sich austauschen und gegenseitig in ihren Spezialgebieten empfehlen. Die Literaturwanderungen, Weinproben und eine Beratung anbieten, die kein Amazon je simulieren kann. Ihnen widmen wir uns ein andermal ausführlicher. Die inhabergeführten Läden, die ja fast nur noch in 1B- oder Randlagen zu finden sind, wenn ihnen das Haus nicht selbst gehört, müssen sich als gemeinsames Einkaufszentrum begreifen, sagt schließlich jemand in die Runde. Ja genau, da war doch noch was.

Das Kiezkaufhaus

Initiiert durch Michael Volkmer von der Agentur Scholz und Volkmer und Michael Gediga wird genau das versucht und mit einem ökologischen Aspekt verbunden. Über den Internetshop vom Kiezkaufhaus kann man seit März diesen Jahres in den Regalen der angeschlossenen Wiesbadener Händler stöbern und online einkaufen. Wer das bis 14 Uhr tut, egal bei wie vielen unterschiedlichen Geschäften, bekommt noch am gleichen Abend mit dem Lastenrad seine Bestellung in einem gebracht. Bis zu 65 % innerstädtischer Lieferverkehr könnte mit diesem besonderen Kurierdienst bewältigt werden, sagen die Macher vom Kiezkaufhaus. Gedacht ist diese Plattform für die kleinen Einzelhändler vor Ort. Nach dreimonatiger Testphase ist man zufrieden. Es wird angenommen und es kommen mehr Händler dazu. Das Kiezkaufhaus ist auf jeden Fall eine Bereicherung, fährt aber leider noch nicht jeden Ortsteil an.

www.kiezkaufhaus.de


Der Fotograf Ulrich Bingel und der Journalist Peter Kerz haben uns einen Gastartikel zur Verfügung gestellt. Ihre reichlich bebilderte Ausstellung "Handel und Wandel - Zur Lebensqualität Wiesbadens und anderer Städte" im Stadtarchiv wurde am 25. Juni eröffnet und findet bis zum 27. August 2015 statt.  Die Ausstellung ist montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Um auch Berufstätigen und Familien einen Besuch der Ausstellung zu ermöglichen, treffen die Veranstalter des Stadtarchivs im Rahmen ihrer Möglichkeiten gerne Sondervereinbarungen zum Ausstellungsbesuch.

Städte im Wandel

Vom Verlust des Charakters und der Seele

Von Ulrich Bingel und Peter Kerz

Einkaufen und bummeln in der Stadt ist für viele noch immer ein Erlebnis und durch nichts zu ersetzen. Nirgendwo sonst ist das Angebot größer, die Auswahl vielfältiger und das Treiben bunter. Sehen und gesehen werden ist denn meist auch der Grund für den Be-such und das Verweilen dort.

Doch die Attraktivität der Städte schwindet. Immer häufiger schließen vertraute Ge-schäfte, und immer öfter finden sich dort, wo über Generationen ein Handwerk oder Han-del betrieben wurde, Ableger großer Mode-, Parfümerie- oder Drogerieketten sowie Fast-Food-Restaurants, Mobilfunk- oder Ein-Euro-Läden. Nicht selten mit Produkten fragwür-diger Herkunft, Begriffen und Redewendungen in den Schaufenstern, die keine Sprache kennt und einem Warenangebot, das kaum ein Mensch wirklich braucht.

Fortschritt nennen viele das, auch wenn sie sich des Widerspruchs zum eigenen Kon-sumverhalten und ihren Vorstellungen von einer lebenswerten Stadt bewusst sind. Kul-turell und städtebaulich ist die schöne neue Welt jedoch meist ein Rückschritt, der das Leben verarmen lässt. Viele Städte verlieren damit einen Teil ihres Charakters und ihrer Identität – und manche sogar ihre Seele.

Fragwürdige Entwicklungstendenzen

Die Geschäfte von Hennes & Mauritz, Douglas oder Vodafone zum Beispiel, die meist mehrere Filialen in einer Stadt haben, wirken wie geklont. In Form und Ausstattung sind sie beliebig und austauschbar, egal wo. Nicht viel anders die Einkaufszentren großer Investoren, mit denen sich die Stadtväter so gerne schmücken und die den Städten ihre Schönheit raubt. Fragwürdige Zweckbauten einer Überflussgesellschaft mit einer künst-lichen Welt ohne Tageslicht und frischer Luft. Uniform, einfallslos und mit allem, was es ohnehin schon gibt, nur in anderer Verpackung.

Um sie herum häufig Häuserschluchten und enge, triste Gassen, denen die beauftragten Architekten und Städteplaner das Leben genommen haben, weil ihnen das Gespür für harmonische Proportionen sowie die Wirkung von Licht und Schatten fehlt. Bisweilen ent-steht der Eindruck, als würden die Entwürfe dazu nicht von Menschen, sondern von drögen Algorithmen gemacht, die der kalten Logik des Funktionalen folgen. Wenn es stimmt, dass sich eine Stadt wie ein Buch lesen lässt, dann sind viele der neu hinzuge-kommenen Kapitel in den meisten Städten nicht mehr lesenswert.

Das alte Spiel mit Giebeln und Dächern zum Beispiel, das Häusern und Städten etwas Gemütvolles und Behütetes verleiht, scheint die meisten Städteplaner kaum mehr zu inte-ressieren. Vorherrschend ist eine Architektur aus dem Geiste des Containers mit fantasie-loser karger Stapelware – genormte Langeweile. Was Wunder, dass solche Bauten oft nur geringen Zuspruch finden und teilweise leerstehen wie der Fort Malakoff Park am Mainzer Rheinufer – dereinst von dem früheren Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und anderen Politikern vollmundig beworben.

Auch in Wiesbaden sind solche Entwicklungen zu beobachten. Zum Beispiel am Haupt-bahnhof mit dem Lilien-Carré, dessen mangelnde Akzeptanz bereits vor dem ersten Spa-tenstich in einem Gutachten des Geographischen Instituts der Universität Mainz nach-gewiesen wurde. Doch noch immer gibt es Geschäfte, die diesem Wandel trotzen oder gar einen Neuanfang wagen wie das Schallplatten-Antiquariat von Manfred Eisele in der Mauergasse, das Lederfachgeschäft von Doris Klamp im Schiffchen, die Kunsthandlung von Hermann Reichard in der Taunusstraße oder das Buch-Cafè von Antje Probst in der Nerostraße, das man auch mieten kann.

Einzelhandel schafft Lebensqualität

Die meisten Geschäfte, die zur Lebensqualität einer Stadt beitragen, verkörpern ein Stück Einzelhandelsgeschichte mit Tradition. Häufig in zweiter oder dritter Generation geführt, stets mit sachkundigem Personal und dem Inhaber als Gesprächspartner. In den Läden liebevoll bewahrt hat sich der Charme längst vergangener Zeiten. Das prägt die Atmos-phäre und stärkt das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Doch wie lange noch? Denn mit dem Sterben dieser Läden stirbt immer auch ein Teil der Stadt, und diese Lücke wird selten geschlossen.

Eisele zum Beispiel ist mittlerweile über siebzig und sein Antiquariat gibt es immer noch. Andere Geschäfte jedoch schon nicht mehr. Sie haben ihr Leben bereits ausgehaucht, sind Geschichte, existieren nur noch auf Bildern oder in Erinnerungen. Doch auch die verblassen mit der Zeit und gehen unwiederbringlich verloren. Gründe für den Niedergang gibt es viele. Geschäfte schließen, weil es keinen Nachfolger gibt, der Umsatz die Kosten nicht mehr deckt oder das Anwesen verkauft und künftig anders genutzt wird. In der Regel sind es mehrere, die zur Aufgabe zwingen. Auch das Kaufverhalten der Menschen gehört dazu. Und wie so oft sind auch sie ein Teil des Problems.

Zum Beispiel im Buchhandel, der durch den Versandhandel im Internet Umsatzeinbußen hat, obgleich ein wirtschaftlicher Vorteil aufgrund der Preisbindung in Deutschland gar nicht gegeben ist. Im Gegenteil. Die Kunden verzichten dabei sogar auf etwas: das sinn-liche Erlebnis beim Einkaufen und die Begegnung mit Menschen. Der vielfach geprie-sene Fortschritt wird hier zum kulturellen Rückschritt, das Leben verarmt. Bei vielen an-deren Dingen ist das ähnlich. Hält dieser Trend an, dürfte es auch für Geschäfte anderer Branchen schwierig werden, sich zu behaupten.

Tradition allein ist keine Garantie

Häufig scheitern alteingesessene Geschäfte allerdings auch an der mangelnden Verände-rungsbereitschaft ihrer Inhaber und der Belegschaft, um sich den Bedürfnissen der Zeit anzupassen. Sie scheitern an der Erstarrung ihrer Besitzer wie Wolfgang und Steffen Sigg im Gespräch mit der Zeit berichten. Die beiden haben sich auf die Schließung von Ein-zelhandelsgeschäften spezialisiert und inszenieren Räumungsverkäufe – den letzten traurigen Akt eines traditionsreichen und langen Auftritts. Drei bis sechs Monate vorher beginnen sie, das Drehbuch zu schreiben.

Sie sorgen sie dafür, dass mit der letzten Vorstellung noch einmal so viel Umsatz und Ge-winn wie möglich gemacht wird, damit der Inhaber seine Gläubiger bedienen kann – und die Gattin, weil dabei häufig auch die Ehe zu Bruch geht, berufliche und private Existen-zen zerbrechen. Über 400 Warenhäuser, Drogeriemärkte und Fachgeschäfte haben Vater und Sohn seit der Jahrtausendwende bereits abgewickelt. Darunter auch der Haufler am Markt in Stuttgart. Das größte Schreibwarengeschäft Baden-Württembergs. In bester Lage, mit vier Stockwerken und 120 Jahre Firmentradition.

Die Branche der Siggs ist eine namenlose und eine öffentlichkeitsscheue. Sie besteht aus Unternehmen, die kaum jemand kennt und die nicht für sich werben. Die meist auf Em-pfehlung kommen und im Verborgenen agieren. In den Zeitungen steht daher auch nie, was den beiden bei ihrer täglichen Arbeit auffällt, wie Wolfgang Sigg erzählt: „Die meisten Läden, die wir schließen, werden in der dritten oder vierten Generation geführt. Die erste Generation baut das Geschäft auf, die zweite stabilisiert es, die dritte lebt davon – und spätestens in der vierten ist die Substanz weg.“ Diese Erstarrung und der immer raschere Wandel im Handel führen häufig zum Geschäftstod.

„Ein Ladenbesitzer in vierter Generation“, meint Sohn Steffen, „müsste heute eigentlich mehr können als seine Vorfahren. Er muss Generalist sein. Er muss seine betriebswirt-schaftlichen Zahlen im Griff haben. Er muss ein perfekter Einkäufer sein, ein prima Per-sonalmanager, ein wacher Merchandiser. Und wenn morgens ein Hund vors Geschäft gemacht hat, muss er den Haufen auch noch wegmachen.“ Die meisten sind damit über-fordert und müssen aufgeben. Hinzu kommt ein Mangel an Kreativität, um neue Impulse zu setzen – und die Bequemlichkeit der Mitarbeiter, neue Wege zu gehen. Auch viele Geschäftsinhaber haben Angst vor Veränderung, scheuen das Risiko, trauen sich nichts mehr zu. Beim letzten Akt sind sie dann häufig wie gelähmt.

Nach den Erfahrungen von Steffen Sigg denken viele zu wenig an ihre Zukunft und ver-lassen sich zu sehr auf ihre Tradition und Fachhandelskompetenz. Doch das reicht heute nicht mehr, um zu überleben, wie der Fall Haufler zeigt. Das Unternehmen bot keinen Onlinehandel und kein Bestellwesen für Großkunden, um Ordner, Papier, Büroklammern oder Tonerkartuschen zu kaufen. Das ging nur schriftlich, telefonisch oder im Gespräch vor Ort – mitten in Stuttgart. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik und Komik, dass während des Räumungsverkaufs ein Kondolenzbuch auslag, in dem viele Stammkunden einen letzten Gruß eintrugen – wie bei einer Beerdigung.

Für Wolfgang und Steffen Sigg ist es mittlerweile normal, dass die letzte Vorstellung eines traditionseichen Geschäftslebens tragisch-komisch verläuft. Dass ihre Kunden den Um-satz nicht kennen, keine Stammkundendatei haben und von der Kaufkraft ihrer Region nichts wissen. Sich wichtige Fragen zur Organisation des Räumungsverkaufs nicht stellen und auf viele andere keine Antwort haben, weil sie eine Figur in einem Spiel sind, dessen Regeln sie nicht kennen. Zu diesem Spiel gehören ein straffer Zeitplan, Ausverkaufsware und Aktionen, die es in dem Geschäft zuvor noch nie gegeben hat!

Garanten eines langen Lebens

Die Georg Fischer AG in der Schweiz ist mittlerweile über 200 Jahre alt. Was 1802 in Schaffhausen mit dem Aufbau einer Gießerei für Feuerspritzen und Glocken begonnen hatte entwickelte sich zu einem international tätigen Konzern mit drei erfolgreichen Unter-nehmensgruppen. Es gibt nicht viele Unternehmen, die ein so hohes Alter erreicht haben. Egal wie groß sie wurden und wie klangvoll ihr Name war. Spektakuläre Insolvenzfälle wie der des Elektrokonzerns AEG, des Bauunternehmens Phillip Holzmann oder der Flug-gesellschaft Swissair zeigen das. Von vielen großen Namen bleiben häufig nur Hülsen, Marken und verwehte Erinnerungen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Unternehmen ist erschreckend gering. Eine Studie des britisch-niederländischen Mineralöl-Konzern Shell errechnete 1983 das Höchstalter multinationaler Gesellschaften auf 40 bis 50 Jahre. Aus der Liste der 500 weltweit größten Unternehmen, wie sie das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune regelmäßig erstellt, fehlten 1983 beispielsweise ein Drittel der Firmen, die 1970 noch gelistet waren. Es gab sie nicht mehr. Sie wurden zerlegt, fusioniert oder waren zahlungs-unfähig geworden und gingen in Konkurs.

Alte Unternehmen sind jedoch keine Ausnahmen oder gar Exoten. Sie stehen mitten im Wirtschaftleben, verteilen sich über viele Branchen und erfreuen sich oft bester Gesund-heit. Doch was garantiert ein hohes Unternehmensalter? Ist es pures Glück oder eine Nische? Sind es Besonderheiten der Branche, günstige politische oder wirtschaftliche Umstände oder nur ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein? Wenn Unternehmen wie Georg Fischer ein so hohes Alter erreichen, hat das vor allem mit Sparsamkeit, langfris-tigem Denken, Flexibilität und der Fähigkeit zu tun, aus der Vergangenheit zu lernen. Das gilt grundsätzlich auch für den Einzelhandel.

Vergangenheit und Zukunft sind wichtig

Der niederländische Manager und Wirtschaftstheoretiker Arie de Geus hat sich intensiv mit den Gründen für das Überleben von Unternehmen beschäftigt. Alte Unternehmen, schreibt Geus, reagieren sensibel auf ihre Umwelt, strecken rechtzeitig ihre Fühler aus und verstehen es, sich rasch auf neue Situationen einzustellen. Sie haben ein ausge-prägtes Identitätsgefühl, sind tolerant, zeigen sich gegenüber unkonventionellen Ideen aufgeschlossen und erweitern ständig ihr Wissen. Zudem sind sie sparsam und bilden Reserven, um in Notzeiten zu überleben. Sie tun also viel für ihre Gesundheit.

Die Ursachen eines lang andauernden unternehmerischen Erfolgs sind allerdings oft jen-seits betriebswirtschaftlicher Berechnungen zu suchen. Einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, eine hohe Kapitalrendite zu erwirtschaften und der Langlebigkeit von Unter-nehmen besteht nicht. Alte Unternehmen beschäftigen sich jedoch mehr als andere mit der Frage: Wozu sind wir da und was ist unsere Aufgabe? Sie verstehen es, ihrem Tun einen Sinn zu geben und haben ihre Lektionen aus der Vergangenheit gelernt. Nur allzu oft lenken Unternehmen den Blick ausschließlich in die Zukunft und blenden ihre Ver-gangenheit aus. Mit der Folge, dass diese sie eines Tages einholt. So wie bei der AEG, deren Aufstieg und Niedergang das besonders deutlich machen.

Der Historiker Peter Strunk, der als ehemaliger Mitarbeiter des Firmenarchivs dazu ein Buch schrieb, meint: „Selbst mit größtem Wohlwollen kann sich eine Analyse der AEG-Geschichte nicht der Erkenntnis verschließen, dass es sich bei dem quälend langen Niedergang des Konzern um einen klassischen Fall unternehmerischen Versagens han-delte. Die AEG hätte eine Chance gehabt, wenn die Konzernführung unmittelbar nach Bewältigung des Vergleichs genau das verkündet hätte, was sie immer vermeiden wollte: die radikale Reduzierung der Geschäftsfelder und damit die Zerschlagung des Konzerns.“

Viele Firmen sterben früh

Amerikanische und kanadische Wissenschaftler von der Arizona State University in Tempe haben die Lebensdauer börsennotierter Unternehmen statistisch untersucht und festgestellt, das viele Firmen früh sterben. Von den 25 000 amerikanischen Firmen aus der Zeit von 1950 bis 2009, die in einer Datenbank der Ratingagentur Standard & Poor’s gelistet waren, existierte nach jeweils zehn Jahren nur noch die Hälfte. Die mit 45 Prozent häufigste Ursache für das Aus waren Fusionen und Übernahmen. Pleite gingen lediglich 3,5 Prozent. 15 Prozent verschwanden aus der Datenbank, weil sie von der Börse ge-nommen wurden, und in einem Drittel der Fälle konnten die Forscher keine Gründe für den Exitus finden.

Über das Sterben von Firmen gibt es unterschiedliche Theorien. Der Theorie der Bürde des Neuen (Liability of Newness) zufolge verschwinden junge Unternehmen häufiger vom Markt als alte, weil sie noch nicht über genug Kontakte zu Kunden, Lieferanten und Inves-toren verfügen. Die Theorie der Bürde der Vergreisung (Liability of Senescence) zufolge trifft es ältere Unternehmen, weil sie unflexibel und bürokratisch werden und daran zu-grunde gehen. Die 1990 von Josef Brüderl und Rudolf Schüssler entwickelte Theorie der Bürde des Erwachsenwerdens (Liability of Adolescence) zeigt, das deutsche Unterneh-men nach einer gesicherten Finanzierung zunächst eine längere, stabile Phase durch-laufen und erst wenn das Kapital zur Neige geht, in Schwierigkeiten geraten. Brüderl hält die Ergebnisse seiner amerikanischen und kanadischen Kollegen für plausibel. Andere Wissenschaftler dagegen sind skeptischer, unter anderem weil eine Fusion, eine Über-nahme oder die Pleite nicht unbedingt das Ende eines Unternehmens bedeuten.

Gefragter Experte und Gutachter

Manfred Eisele hat das Glück, auch heute noch ein gefragter Fachmann für Schallplatten zu sein, und sein Ruf als Experte für analoge Tonträger reicht weit über Wiesbaden hin-aus. Ist eine Plattensammlung zu taxieren wird er häufig als Gutachter hinzugezogen. Dazu reist er manchmal quer durch Deutschland. Früher einmal betrieb er das Schall-plattenhaus in der Langgasse, das neben dem Phonohaus und Marions Schallplatten-Boutique in Frankfurt am Main eine der ersten Adressen im Rhein-Main-Gebiet war. Doch dann stiegen die Mieten, zuletzt auf über 12 000 Mark – im Monat!

Das ließ sich mit dem Verkauf von Schallplatten nicht mehr verdienen. 1982 schloss er den Laden. Im benachbarten Mainz versuchte er es erneut. Diesmal mit Schallplatten und CDs. Doch auch das hatte keine Zukunft. Einen vergleichbaren Laden hat es seither in Mainz nicht mehr gegeben. 1993 kehrte Eisele zur Schallplatte und nach Wiesbaden zurück. Mit dem Antiquariat, das er heute noch betreibt. Fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche verbringt er dort und meist auch den halben Sonntag, um in Ruhe große Samm-lungen bearbeiten zu können.

Wer werktags durch die Mauergasse schlendert, hört, ob sein Geschäft geöffnet hat, lange bevor er es sieht. Ist Eisele da, kann man auch das hören: Dann singen Edith Piaf, die Callas oder die Beatles. Zur Freude der benachbarten Ladenbesitzer und der Passan-ten. Auch der Jazz in kleiner oder großer Besetzung ist öfters vertreten – und Wagner, sein Lieblingskomponist. Viele seiner bevorzugten Solisten und Gruppen hat er noch selbst erlebt, und über manche von ihnen kann er wunderbare Geschichten erzählen.

Konsum allein ist keine Lösung

Eiseles Schallplatten-Antiquariat, Reichards Kunsthandlung und das Buch-Cafè von Antje Probst zeigen, was Lebensqualität und Urbanität im Sinne von Lebendigkeit einer Stadt ausmacht: Abwechslung, Ungewohntes, Unerwartetes. Die Konsumwelten von Einkaufs-zentren dagegen gehören nicht dazu, sie beeinflussen die Städte meist sogar negativ. Der an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg lehrende Stadt-planer Johannes Novy bestätigt das.

„Urbanität erschöpft sich nicht im Konsum. Urbanität entsteht durch Mischung, durch Möglichkeiten der Aneignung, durch kulturelle, räumliche und soziale Kollision“, schreibt er auf Zeit Online. „Zu diesen Eigenschaften städtischen Lebens wissen großflächige Einkaufszentren fast nie etwas beizutragen. Im Gegenteil: Sie nehmen ihnen nicht nur den Raum, sich zu entfalten, sondern verzerren und pervertieren sie.“ Sozialwissen-schaftliche Studien zeigen, wie Städte durch Einkaufszentren beschädigt werden und dass die Monotonie standardisierter Konsum- und Erlebniswelten den Städten ihre Beson-derheiten nimmt.

Ein typisches Beispiel dazu ist The Mall of Berlin am Leipziger Platz. Eine Einkaufs-passage der Superlative mit 270 Geschäften auf mehreren Etagen. Entworfen von dem Architekturbüro Pechthold und dem Berliner Architekten Sergei Tchoban, der unter an-derem in Russland für seine Luxusarchitektur gefeiert wird. Vergleichbares gibt es selbst im Stadtzentrum Londons nicht. Doch architektonisch und städtebaulich ist das neue Einkaufswelt höchst umstritten, zumal es in Berlin bereits 65 großflächige Einkaufszentren gibt.

Architektonisches Nicht-Ereignis

Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung hält die neue Einkaufswelt trotz aller Pracht für ein „architektonisches Nicht-Ereignis“, das aus dem vielfältigen Leipziger Platz eine „steil umbaute Achteck-Schachtel“ macht. Und die taz stellt nüchtern fest: „Wo nun die Mall steht, war einst das Wertheim. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht.“ Das nach Plänen von Alfred Messel gebaute legendäre Warenhaus schrieb Architekturgeschichte und galt im frühen 20. Jahrhundert als eines der schönsten Warenhäuser Deutschlands. Die neue Einkaufspassage am Leipziger Platz dagegen ist „architektonische Ödnis.“

Johannes Novy hat sie sich angesehen, und auch sein Urteil darüber ist vernichtend: „Der erste Eindruck, den The Mall of Berlin hinterlässt ist so enttäuschend wie erwartet. Nur schlimmer. Vom Potsdamer Platz kommend lässt schon der äußere Anblick des mehr als eine Milliarde Euro teuren Mammutkomplexes alle Hoffnung weichen, der neuen Mall viel-leicht etwas Positives abgewinnen zu können. Weitgehend belanglose, durch penetrante Werbung verunstaltete Gebäudefassaden sollen Maßstäblichkeit und Kleinteiligkeit ver-mitteln, wo keine ist. Fenster werden durch Ladeneinbauten im Innern ihrer Funktion be-raubt, nichts will hier zusammenpassen.“

Die neue Passage ist zwar Teil eines größeren Neubauvorhabens, zu dem auch über 250 Wohnungen, Büros und ein Hotel gehören, doch unter den 270 Geschäften findet sich nicht viel anderes als in anderen Einkaufspassagen. Einzelhandelsvielfalt bedeutet hier das von Aldi bis Zara reichende Spektrum nationaler und internationaler Filialunterneh-men unter einem Dach zu vereinen. Altbekanntes also wie man es zuhauf aus zahlreichen anderen Städten im In- und Ausland kennt.

Meilenstein der Bau-Unkultur

Für Novy sind das Konzept und die Architektur der neuen Einkaufsmeile ein Armutszeug-nis und ein Tiefpunkt in dem um sich greifenden Einkaufszentren-Investoren-Stumpfsinn: „Während Messel Architekturgeschichte schrieb, zeigt The Mall das Unvermögen und den Unwillen heutiger Immobilienentwickler, an die bemerkenswerte Geschichte europäischer Geschäfts- und Warenhausarchitektur anzuknüpfen.“

Doch die „Bau-Unkultur“ in den Fußgängerzonen und Geschäftsstraßen Deutschlands hat für ihn noch andere Ursachen: „Verantwortung trägt auch die kommunale Politik. Statt ihre Planungshoheit geltend zu machen, um auf mehr architektonische und städtebauliche Qualität hinzuwirken, nimmt sie seelenlose Belanglosigkeiten und Scheußlichkeiten in Kauf oder heißt sie sogar gut.“

Gut vorstellen könnte sich Novy die Passage in einer modernen Inszenierung von Dantes Göttlicher Komödie. Als Vorhof der Hölle mit der Inschrift am Eingang: „Ihr, die ihr eingeht, lasst hier jedes Hoffen.“ Und als eigentlicher Höllenschauplatz das Alexa am Alexander-platz, dem er bei all seiner Scheußlichkeit zubilligt, noch eine Haltung zu vertreten, wenn auch keine schmeichelhafte: „Fuck Architecture.“

All jenen, die es besser machen wollen, empfiehlt Novy, sich die für Rotterdam in Form eines Triumphbogens konzipierte Markthalle anzusehen. Denn „die fortschreitende Trans-formation städtischer Räume in pseudo-öffentliche Konsumhöllen ist weder gottgegeben noch folgt sie einem Naturgesetz. Sie ist folglich auch nicht unumgänglich.“

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