mainzelmaennchen

Gud’n Aamd!

Die Mainzelmännchen und ihr Vater
von Mario Bohrmann

Als der Kampf um den neuen Senderstandort und die künftigen Produktionsflächen des ZDF noch nicht ganz entschieden war, schrieb das Wiesbadener Tagblatt von den „Wiesbadener Wichteln“ und spielte darauf an, dass die Mainzelmännchen ohnehin eine Wiesbadener Erfindung seien und auch der Rest der Produktion doch ruhig hier ansässig werden könne. Das war sie dann auch 20 Jahre lang. Aber während das ZDF seit 1984 aus Mainz sendet, blieben die seit Senderstart erfolgreichen Mainzelmännchen und deren Produktionsfirma NFP Wiesbaden treu. Und das kam so …

Die Trennung von Programm und Werbung ist durch den Rundfunkstaatsvertrag vorgeschrieben und gilt quasi seit Beginn des Werbefernsehens für alle Sender. Dabei muss „der Beginn der Fernsehwerbung durch ein optisches Signal (Werbelogo) eindeutig gekennzeichnet und für den Zuschauer erkennbar sein“. Das Werbelogo muss den Bildschirm mindestens drei Sekunden lang vollständig ausfüllen und sich vom allgemeinen Senderlogo deutlich unterscheiden. Soweit die heutige Definition. „Werbetrenner“ werden, gerade bei den Privatsendern, meist nur vor und nach den Werbeblöcken gesendet. Werbezeit ist bares Geld. In den 1960er Jahren war dies noch anders, und die öffentlich-rechtlichen Programme führten Zeichentrickfiguren ein, die mit kleinen Geschichten von wenigen Sekunden vor und auch zwischen den Werbespots von Ariel nebst Clementine und dem qualmenden HB-Männchen die Zuschauer am Bildschirm halten sollten. Und das gelang vielen erstaunlich gut. Ob „Onkel Otto“ im Hessischen Rundfunk oder „Äffle und Pferdle“ bis heute im SWR. Keine Kunstfigur wurde jedoch so erfolgreich wie die von Wolf Gerlach gezeichneten Mainzelmännchen. Und das ist auch einer Reihe von Zufällen zu verdanken, die ihn nach Wiesbaden führten. In seiner Autobiographie hinterließ Gerlach seine Erinnerungen daran seiner Familie, und diese stellte uns Auszüge daraus zur Verfügung.

Der Mainzelmann – Wolf Gerlach

Wolf Gerlach arbeitete als gelernter Bühnen- und Kostümbildner bis 1961 am Theater in Braunschweig. Ein Intendantenwechsel, der den Austausch von weiten Teilen des Personals mit sich brachte, hätte Gerlach, bislang Ausstattungschef und Kostümbildner, nur noch zum Stellvertreter gemacht. Das kam für ihn nicht infrage, und er bewarb sich für verschiedene Stellen – unter anderem auf eine Anzeige in der FAZ, in der eine Werbeagentur einen Filmarchitekten suchte. Diese Stelle bekam er nicht, aber seine Mappe mit seinen Entwürfen lag noch in der Agentur, als der Art-Direktor einer Filmproduktion aus Wiesbaden vorbeikam und darauf aufmerksam wurde. So kam er zur Produktionsfirma NFP im Filmzentrum „Unter den Eichen“. Dort entwarf er zuerst Dekorationen für Werbefilme, später war er als Regisseur, Filmarchitekt und Gesamtleiter auch für komplette Filme verantwortlich.

Während der Vorbereitungen zu einem Werbefilm hörte er, dass in Berlin die Mitarbeiter des ZDF, das noch in Vorbereitung war, Mainzelmännchen genannt wurden, weil sie Tag und Nacht wie die Heinzelmännchen in sämtlichen Studios arbeiteten und aus Mainz kamen – dem zukünftigen Sitz des neuen Fernsehsenders.

Das Wort „Mainzelmännchen“ setzte in Wolf Gerlach Fantasien frei. Schon als kleiner Junge hatte er sich in der Schule kleine Männchen gewünscht, die unter seiner Bank sitzen und ihm vorsagen. Diese Erinnerung kam wieder hoch. Er erzählte zu Hause, dass er eine Wortneuschöpfung gehört hatte, und auch von seiner „Vision“.

Während der Feiertage Weihnachten 1962 begann er, die ersten Gnome zu zeichnen und ein Konzept zu entwickeln. Er kam darauf, dass, wenn er die zehn Zentimeter großen Figuren in die reale Welt setzten würde, sich daraus jede Menge lustiger Situationen ergeben würden. Zum Beispiel, wenn ein Mainzelmännchen Kaffee aus einer normalen Kaffeetasse trinkt, die natürlich viel zu groß ist. Das Mainzelmännchen findet jedoch schnell eine Lösung, holt einen Gummischlauch aus der Tasche, steckt das eine Ende in den Kaffee und saugt am anderen Ende. Das sah schon witzig aus, aber beim Trinken wurde das Mainzelmännchen auch noch kaffeebraun. So reihte sich in seinen Gedanken Gag an Gag. Der Schulranzen wurde zu einem TV-Gerät auf dem Rücken, und abstrakte Späße kamen hinzu. So konnte etwa ein kleiner Kerl von innen, vom Bildschirminneren, den Apparat ausschalten und sich damit ausblenden.

Die ganzen Feiertage arbeitete er an dem Konzept, um dann gleich in den ersten Januartagen mit seinen Entwürfen beim damaligen Gründungsintendanten Holzamer vorstellig zu werden. Nach kleinen Korrekturen erhielt Wolf Gerlach den Auftrag, 50 Filme zu je fünf Sekunden zu produzieren. Und es waren kaum noch drei Monate Zeit bis zum Sendestart des ZDF. Er bekam „kalte Füße“, weil er zwar gut zeichnen konnte, aber von Zeichentrickfilmen keine Ahnung hatte. Auch die NFP war zu dieser Zeit nur zur Produktion normaler Werbefilme eingerichtet. Deshalb wandte sich Gerlach zur Realisation an eine befreundete Firma in München, die versuchte, seine Mainzelmännchen so zu produzieren, wie er sie sich vorstellte.

Die Zeit war knapp – schon im April 1963 sollten die ersten Spots laufen. So wurden Tag und Nacht Ideen geboren und Gags geschrieben. Parallel baute er in Wiesbaden seine eigene Trickfilmabteilung auf und hielt Ausschau nach Zeichnern. Die fand er in der Berliner Trickakademie. Ende März waren 42 Filme fertig, und alle Zeichner und Macher fieberten der ersten Ausstrahlung am 2. April entgegen. Nur wenige Fernsehzuschauer konnten damals das ZDF empfangen, also fuhr das ganze Team von einem Bekannten zum nächsten, um die Mainzelmännchen das erste Mal im Fernsehen zu sehen. Als sie endlich einen Apparat gefunden hatten der das Programm des ZDF empfangen konnte, war es 20 Uhr und das Werbefernsehen zu Ende.

Eine nette Randanekdote aus dieser Zeit: Alfred Biolek, damals junger Jurist und Justiziar, arbeitete für das ZDF den Vertrag mit der Produktionsgesellschaft der Mainzelmännchen aus, bevor er Jahre später als intellektueller Entertainer in „Bios Bahnhof“ einfuhr und eine ähnlich erfolgreiche Karriere hinlegte wie die Mainzelmännchen.

Wolf Gerlach hat seine Mainzelmännchen nicht nur gezeichnet, gesprochen und ihre dreimalige Wandlung begleitet, er hat mit ihnen auch ein gewaltfreies Konzept hinterlassen, denn bei den Mainzelmännchen gibt es nur „heile Welt“. Mit Pleiten, Pech und Pannen zwar, aber ohne Missgunst, Sex, Gewalt und Geldthemen. Wolf Gerlach hat sie fast genau 50 Jahre lang begleitet und geprägt. Er starb im November 2012.

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