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Wiesbadens Freibäder im Selbstversuch

Der Sommer läuft auf Hochtouren, das Hemd klebt auf der Haut, das Meer ist weit weg. Den hitzegeplagten Wiesbadenern bleibt nur stillzuhalten oder die Abkühlung im Freibad zu suchen. In einem Selbstversuch haben wir erkundet, welcher Badetyp in welchem Bad am besten aufgehoben ist.

Erinnert sich noch jemand an den Sommer 2003? Er war heiß, sehr, sehr heiß. Ich war damals in der Mittelstufe und wirklich jeden Tag im Freibad. Es war einer dieser Sommer, die in der Erinnerung nicht mehr aus spezifischen Ereignissen, sondern nur aus einem einzigen, nie enden wollenden Nachmittag zu bestehen scheinen. Denn erst nach den im Dämmerzustand verbrachten Schulstunden fing das eigentliche Leben an: Im Schwimmbad konnten wir ungestört reden, lesen, Musik hören, jeden Tag Pommes essen und beim „tunken“ und Beachvolleyball spielen mit den sonst unerreichbaren älteren Jungs in Kontakt kommen. unser ehrgeizigstes Ziel war es nicht, gute Noten zu schreiben oder später einen tollen Job zu bekommen, nein: knackig braun werden hieß die Maxime.

Diese Zeiten sind vorbei. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder in der Lage sein werde, wochen- ja monatelang jeden Tag das Gleiche zu tun, ohne mich mindestens faul und unproduktiv zu fühlen. außerdem gehe ich eigentlich nicht mehr in Freibäder, genauso wie viele andere Menschen, die jenseits der 20 und kinderlos sind. Warum? Irgendwie kommt es mir einfach nicht mehr in den Sinn. Ein Grund ist aber auch, dass Freibäder in meiner Vorstellung voll, laut und anstrengend sind. Und dass es doch viel schicker ist, an den See zu fahren. Aber schneiden wir uns mit dieser versnobten Haltung nicht ins eigene Fleisch? Wie oft fahre ich an einem heißen Tag wirklich spontan an den See? Und wie viele schwüle Nachmittage habe ich wohl schon schwitzend und nach kühlem Wasser lechzend im Park oder auf jemandes Terrasse verbracht?

Was die Wiesbadener Freibäder so alles können und bieten – möglicherweise auch für Freibad-Muffel wie mich, das wollen wir in einem groß angelegten Selbstversuch unter Extrembedingungen testen: Zwei tage, drei Menschen, vier Bäder – und das am heißesten Pfingstwochenende seit 1734.

Erste Station soll das Kallebad sein. Dort scheinen sich zunächst alle Vorurteile zu bestätigen: Rund hundert Meter lang ist die Schlange vor dem Kassenhäuschen und veranlasst meinen Begleiter zu der Bemerkung, das letzte Mal habe er eine solche vor dem Tempelberg in Jerusalem erlebt. Er sei dann nicht hineingegangen. Wir halten es in diesem Fall genauso, planen später wiederzukommen und fahren weiter zum Freibad Maaraue. Auf dem Weg bekommen wir eine Ahnung von den Umständen, unter denen das Kallebad 1970 gebaut wurde: Es geht durch Arbeitersiedlungen, vorbei an alten Industrieanlagen und am Sponsor und Namensgeber des 1970 eröffneten Bades: dem Wursthüllenhersteller Kalle, der mit dieser Spende seine Verbundenheit zum Standort demonstrieren wollte.

Das Setting auf der Maaraue, wo das Freibad liegt, ist ein ganz anderes: Die Halbinsel, die vor Jahrhunderten den Flößern der Gegend als wichtiger Hafen diente, ist heute Landschaftsschutzgebiet und liegt idyllisch am Kostheimer Rheinufer – genau da, wo der Main einmündet. Durch die Büsche, die die Liegewiese begrenzen, erhascht man immer wieder hübsche Aussichten auf die Mainzer Altstadtkulisse. Dem Vernehmen nach ist das Bad bei Mainzern wie Wiesbadenern gleichermaßen beliebt. Die Schlange hier ist um einiges kürzer und schnell überwunden. Innen angekommen dann die Überraschung: Trotz erwartet vieler Besucher wirkt das Bad beinahe leer. Vor allem auf der riesigen Liegewiese verlieren sie sich und es wäre eigentlich kein Problem, in diesem größten Freibad Wiesbadens ein einsames Plätzchen zu finden. Allerdings wachsen hohe Bäume nur an den Rändern, weshalb die meisten Menschen in der Mittagshitze lieber in ihrem Schatten zusammenrücken, als den weitläufigen leeren Rasen auszunutzen, der unter der prallen Sonne dörrt. Das Freibad Maaraue ist nicht voll, laut und anstrengend – im Gegenteil: An manchen Orten scheint die Zeit stehengeblieben. Dazu trägt auch die Architektur bei. Der Flachbau aus den 1960er-Jahren birgt menschenleere Säulengänge, einsame Winkel und zwei spartanisch eingerichtete, angenehm kühle Hallen mit Tischtennisplatten und einem Badmintonfeld. Bei jedem Ballwechsel der einzigen beiden Spieler verstärkt der Hall das Gefühl der Leere.

Einige Worte noch zum Schwimmerlebnis im Freibad Maaraue, denn das ist bemerkenswert: Im ungewöhnlich breiten Schwimmerbecken kommt sich niemand beim Bahnen ziehen ins Gehege. Das Wasser ist kühl und klar, beim versehentlichen Wasserschlucken fällt auf, dass es kaum nach Chlor schmeckt. Wie ich später erfahre, kommt es aus dem Rhein, wird in der hauseigenen Aufbereitungsanlage gefiltert und mit Solarenergie beheizt. Dadurch ist das Bad abhängig vom Wasserstand des Flusses. Wenn der im Sommer zu niedrig ist, eröffnet das Freibad Maaraue später als die anderen Bäder. Bei Hochwasser dagegen, so erzählen mir Einheimische mit hochgezogenen Brauen, sei schon mal das gesamte Gelände überschwemmt worden.

Das absolute Kontrastprogramm zur Maaraue bietet noch am selben Nachmittag das Kleinfeldchen. (…) Möchten Sie weiterlesen?

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