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Fluchtpunkt Wiesbaden

Mehr als eintausend Flüchtlinge werden im kommenden Jahr 2015 in Wiesbaden erwartet. Sie scheinen bei vielen willkommen zu sein, denn überall in der Stadt regt es sich, um ihnen mit Hilfe zu begegnen. Hier beschreiben wir den aktuellen Status Quo. In den folgenden Ausgaben wollen wir die Menschen, die es in die neue Flüchtlingsunterkunft nach Biebrich verschlagen wird, sowie deren Helfer eine Zeit lang begleiten.

Die Zuweisungen von der zentralen Erstaufnahmestelle in Gießen folgen einer Quote aus Bund und Ländern und werden gemäß dem „Königsteiner Schlüssel“ den Kommunen zugewiesen, die sich mehr oder weniger gut vorbereitet haben. 7,3 % der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge werden Hessen zugewiesen, davon rund 4 % Wiesbaden, oft nur mit einer Ankündigung von wenigen Tagen und Wochen bis zur Ankunft.

Verglichen mit den 1990er Jahren, in denen durch Balkankriege und Zerfall der Sowjetunion wöchentlich zeitweise mehr als einhundert Flüchtlinge im Stadtgebiet ankamen, gab es im ganzen Jahr 2010 gerade einmal 39 Zuweisungen. 2011 waren es 161, bis 2013 stiegen die Zahlen auf 288 p.a. an. Seit diesem Jahr nimmt die Anzahl derer, die in Deutschland Asyl beantragen, dramatisch zu. Mehr als 700 werden es bis Jahresende sein und niemand kann vorhersehen, ob es in 2015 nicht erneut eine Verdoppelung gibt – mit Eintausend rechnet man schon jetzt.

Alle Flüchtlinge, die in Hessen ankommen, werden in der zentralen Erstunterkunft in Gießen aufgenommen und registriert, wo sie meist nicht mehr als vier Wochen verbleiben. Bei den Zuweisungen in die einzelnen Gebietskörperschaften innerhalb Hessens werden familiäre Bindungen – wenn möglich – berücksichtigt. Viele der bislang angekommenen Syrer fanden so Anschluss an ihre hier lebende Familien und assyrische Gemeinden. Doch es werden mehr, und die Flüchtlinge kommen auch aus Eritrea, Irak, Libyen, Somalia und Afghanistan, um nur einige zu nennen. In Gießen bitten derzeit Menschen aus mehr als 25 Nationen um Asyl.

Das Amt für Soziale Arbeit bereitet sich darauf vor und verdoppelt sein Personal auf 20 Mitarbeiter. Im Sozialdienst Asyl waren in den 1990er Jahren sogar bis zu 40 Mitarbeiter damit beschäftigt, die ankommenden Asylbewerber auf die Unterkünfte zu verteilen, zu betreuen und mit einer Erstausstattung zu versorgen. In Spitzenzeiten gab es bis zu 140 Wohnungen und Gruppenunterkünfte verteilt im Stadtgebiet, nur wenige davon waren Massenunterkünfte mit mehr als 50 Plätzen.

Es war vor 20 Jahren auch noch bedeutend leichter, eine kleine bezahlbare Wohnung zu finden, die durch den Sozialhilfesatz getragen wird. Heute mangelt es ohnehin an bezahlbarem Wohnraum und den Kommunen bleibt nichts anderes übrig, als verzweifelt nach Möglichkeiten zu suchen, all diese Menschen wenigstens vorübergehend und menschenwürdig unterzubringen, und nicht wie manche unvorbereiteten Städte in Zelten oder Turnhallen.

Es wurde zwar stark kritisiert, aber in seiner Not legalisierte die Bundesregierung gerade, vorübergehend auch Gewerbe- und Büroräume als Flüchtlingsunterkünfte heranziehen zu können. Die Vorstellung, die Menschen in ein Gewerbegebiet abzuschieben, klingt allerdings nicht sonderlich integrierend. Wiesbaden wollte sich nicht überraschen lassen und hat bereits im Sommer damit begonnen, in Biebrich eine Containerunterkunft für bis zu 260 Menschen zu planen und zu errichten. Zusätzlich wurden und werden weitere Gemeinschaftsunterkünfte zur Unterbringung der Flüchtlinge angemietet. Gelungen im Rahmen der Möglichkeiten scheint uns das im alten Polizeirevier in Mainz-Kastel, in dem 12 Familien aus sechs Ländern leben von denen sich einige für diesen Bericht gerne fotografieren ließen. Sie stammen aus Albanien, Serbien, Rumänien, Äthiopien, Syrien und dem Iran.

Mitte Oktober wurde das Haus bezogen, in jeder Etage befinden sich vier bis fünf Zimmer, eine Küche und Sanitärräume. Die früheren Amtsstuben dienen nun als Wohn- und Schlafraum in einem. Kein Luxus, aber sauber und warm und im Ortskern von Kastel gelegen. Die Menschen wurden dort gleich willkommen geheißen, ein Runder Tisch von katholischer und evangelischer Gemeinde vor Ort lud sie sofort ein und organisiert bereits Sprachkurse. Kinder und Erwachsene bastelten Anfang November gemeinsam Laternen für den St. Martinsumzug, zu dem sie abgeholt wurden und bei dem man Kinderaugen leuchten sehen konnte. Die ersten Asylbewerber aus dieser Gemeinschaftsunterkunft konnten zwischenzeitlich schon in eine eigene Wohnung ziehen. Soweit möglich oder durch den Bewerber selbst organisiert versucht man, insbesondere die Familien dezentral in Wohnungen unterzubringen. Doch die Sammelunterkünfte werden angesichts des angespannten Wohnungsmarktes in Wiesbaden für viele Flüchtlinge eine Dauerunterkunft werden. Hier können sich Wiesbadener Vermieter durchaus mehr von der sozialen Seite zeigen und günstigeren Wohnraum bereitstellen bzw. Asylbewerber als Mieter akzeptieren, denn häufig scheitert es auch daran.

Das Containerdorf, welches zwischen dem Gewerbegebiet an der Äppelallee und der angrenzenden Wohnsiedlung „Selbsthilfe“ entsteht, wird nach der Sammelunterkunft an der Mainzer Straße die zweitgrößte werden. Eine Ausnahmegenehmigung vom Bebauungsplan erlaubt nur eine vorübergehende Ansiedlung, genehmigt für zunächst sieben Jahre. Solche Gemeinschaftsunterkünfte werden als problematisch angesehen. Insbesondere der Wiesbadener Flüchtlingsrat, Linke und Piraten kritisieren die Unterbringung in großen Sammelunterkünften.

Das Beste daraus machen – Containerunterkunft Otto-Wallach-Straße

Es werden noch viel mehr Menschen aus verschiedenen Ländern zu uns kommen. Insbesondere aus Syrien wird Wiesbaden viele Gäste erhalten, die nun zunächst in diesen Wohncontainern eine Zuflucht finden werden. Wobei der Begriff Container irreführend ist und nur von außen zutrifft. Der Aufbau der Wohn- und Sanitärmodule ist durchdacht und funktional und bietet einen gewissen Komfort, den nicht jede Gemeinschaftsunterkunft vorweisen kann. Die speziellen Wohncontainer sind mit Aussparungen versehen für Abläufe und Kabelkanäle. Sie sind innen voll isoliert und wie eine Wohnung ausgebaut. Durch die Doppelglasfenster zum noch zu gestaltenden Innenhof dringt kein Geräusch. Im Frühling wird es dort Schaukeln, einen Sandkasten, hügelig angelegte Rasen- und Spielflächen geben. Die Stadt scheint sich sehr zu bemühen, die Unterkunft im Rahmen des zeitlich Möglichen angemessen herzurichten. Die Wiesbadener Landschaftsarchitektin Ulrike Stryck-Hartmann und ihr Büro für Freiraumplanung gestalteten im Auftrag der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) die Außenanlagen und die Bepflanzung. Um die Wohnblöcke werden breite, befestigte Wege angelegt. Die WIBau führt den eigentlichen Bauauftrag für die SEG aus. Rund 6,9 Millionen Euro sind dafür insgesamt vorgesehen. 96 große Überseecontainer werden in rund 190 Einheiten aufgeteilt und sind ausgelegt für bis zu 260 Personen.

Durch alle Container verläuft ein mittiger Flur, der je zwei Räume abteilt. 11,5 qm stehen zwei Personen zur Verfügung. Mit einem Spind, Tisch und zwei Stühlen, Bettzeug, Essgeschirr und Kochtöpfen wird jeder Bewohner ausgestattet. Auch mit einem kleinen Kühlschrank pro Zimmer. Je Etage entstehen so bis zu 18 Wohnräume; die sanitären Einrichtungen sind, nach Geschlecht getrennt, an den jeweiligen Stirnseiten der Containerblöcke angeordnet. Je zwölf Container werden über zwei Etagen gestellt und bilden einen der Wohnblöcke. Der vierte von ihnen erhält Gemeinschaftsräume und solche für Waschmaschinen und Trockner, sowie ein Hausmeisterbüro.

Wir haben den Aufbau dieser Sammelunterkunft begleitet und wollen Sie damit ein wenig vertraut machen. Erst im Laufe des Jahres 2015 ziehen dort die ersten Asylbewerber ein. Dann ist es deren kleines Reich, dessen Privatsphäre wir zu respektieren haben. In einer Serie werden wir diese Unterkunft und seine Bewohner begleiten.

Wiesbadener Praxis und Hilfe, die ankommt

Es ist dem Wiesbadener Sozialdienst Asyl wichtig, dass nicht unkoordiniert Spenden in die Sammelunterkünfte gebracht werden. Flüchtlinge, die in Wiesbaden ankommen, erhalten mit ihrer Unterkunft eine Erstausstattung, auch eigenes Kochgeschirr. Was sie benötigen, können sie sich an vielen Stellen selbst beschaffen. Im Sinne einer schnellen Integration ist es sinnvoll, die Asylsuchenden zur selbstständigen Aktion zu animieren, damit sie die Stadt kennenlernen. Dabei kann man sie unterstützen, z. B. indemm man sie bei Behördengängen begleitwet oder gemeinsame Kochkurse veranstaltet, bei denen alle miteinander Spaß haben und voneinander lernen.

Gleichwohl freuen sich viele von ihnen über ein zusätzliches Angebot, und die Spendenbereitschaft bei Kleidung, Spielzeug und Hausrat ist hoch. Doch eine Aufbereitung, Reinigung, Sortierung und faire Verteilung der vielen potenziellen Sachspenden können die Sozialdienste selbst nicht organisieren.

Das macht die Kleiderkammer des DRK in der Flachstraße, die Kleiderkammer der Kirchengemeinde Schelmengraben, es gibt auch den SKF AnziehTreff für Mütter und Familien am Schulberg – Baby- und Kinderkleidung ist dort willkommen. Das Kaufhaus im Bauhaus in der Otto-Wallach-Straße in Biebrich nimmt vor allem Hausrat und Möbel an und gibt sie weiter. Viele Kirchengemeinden sammeln ebenso vor Ort. Wer etwas spenden möchte findet Möglichkeiten dazu, sollte sich aber immer auch fragen, ob es wirklich etwas ist, was gebraucht wird, funktioniert und auch sauber ist.

Du gehörst dazu – einladen statt besuchen

Bei den Recherchen zu diesem Artikel sind wir auf eine Fülle von engagierten Menschen und Initiativen gestoßen, die sich allesamt einbringen und eine großartige Willkommenskultur pflegen, die Wiesbaden gut zu Gesicht steht. Im Asylverfahren dürfen die Neuankömmlinge neun Monate nicht arbeiten, vor einer Anerkennung werden jedoch keine Integrationskurse bewilligt. Es gibt vermehrt Stadtteilkonferenzen in denen man versucht Einrichtungen wie Sozialdienste, Jugendzentren, Schulen, Kirchen und die Polizei zusammenzubringen. Frei getragene Sprachkurse stehen derzeit besonders im Fokus der Engagierten, um Flüchtlingen eine erste Orientierung zu ermöglichen. Der Flüchtlingsrat veranstaltet bereits erfolgreich Kurse vor allem für junge Flüchtlinge.

Eine erste Expertenrunde, koordiniert durch die Volkshochschule, hat sich bereits des Themas angenommen. Neben zahlreichen Angeboten Ehrenamtlicher, welche zurzeit durch den Sozialdienst Asyl koordiniert werden, sind hier für die Zukunft auch das Nachbarschaftshaus und Tandem sowie Migra Mundi zu nennen. Diese und andere Helfer werden meist lokal aktiv, getragen von Stadtteilgruppen, christlichen oder islamischen Gemeinden und vielen hundert Einzelpersonen, die, über die Stadt verteilt, oft gar nichts voneinander wissen. Sie teilen ein positives Menschenbild – die Nächstenliebe ist ja keine christliche Erfindung, sondern ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Diese Menschen möchten wir in den Vordergrund stellen und vernetzen helfen.

Liliendialog mit Leib & Seele

„Du gehörst dazu“

Am Sonntag, den 22. Februar 2015 laden wir von 13 bis 17 Uhr ein zum ersten liliendialog im Restaurantbereich der Volkshochschule Wiesbaden.
Im Bistro „Leib & Seele“ und dem vorgelagerten Wintergarten finden sich Menschen und Initiativen ein, die nicht nur Asylsuchende willkommen heißen, sondern auch der Kinder- und Altersarmut in Wiesbaden begegnen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben organisieren wollen. Es wird einen „Speakers Corner“ geben und Sie erhalten Raum, sich und Ihre Ideen vorzustellen, die dem Miteinander und Füreinander dienen. „Du gehörst dazu“ ist Motto des Tages.

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