Die Nilgans

Exoten im Kurpark

Alle Vögel sind schon da – alle?

Die Narzissen blühen schon lange. Weitere pflanzliche Frühlingsboten, zahllose Tulpen, die Frühblüher unter den Stauden und hellgrün aufleuchtende Blätter sowie neu austreibende Knospen und Blüten an Bäumen und Sträuchern tauchen in den nächsten Wochen Stadt und Landschaft wieder in satte Farben. Akustisch wird der Frühling über die Vogelscharen angekündigt, die nun vor allem in den frühen Morgen- und den Abendstunden ihr Konzert anstimmen, meist um den Partner fürs Leben zu finden – oder für die diesjährige Brutsaison. Mit Bernd Petri, Ornithologe des NABU, begeben wir uns auf Spurensuche.

Vor allem rund um den Teich des Wiesbadener Kurparks, aber auch am Warmen Damm oder im Schlosspark Biebrich kann man gut Wasservögel beobachten. Dort haben sie sich an den Menschen gewöhnt, während sie ihn in freier Wildbahn kaum so nahe an sich heranlassen würden. Einer der sonst besonders scheuen Vertreter ist das Teichhuhn, ein Rallenvogel, etwas kleiner als ein Rebhuhn, der mit den Kranichen verwandt und in Teichlandschaften oder an kleineren Bachläufen beheimatet ist. Normalerweise braucht es zu seiner Beobachtung ein Tarnzelt; am Weiher des Kurparks ist dies nicht nötig, und man wird nun verfolgen können, wie sich wieder einige Paare zusammenfinden und einen Brutplatz besetzen. In der olivgrünen Färbung der Körperoberseite bei grau-schwarzem Hals und Rumpf sticht nur der orange-rote Schnabel mit gelber Schnabelspitze hervor. Deutlich bunter kommt die Mandarinente daher, die sich im Kurpark einen gewissen Kultstatus erarbeitet hat, aber in Parks von Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und an Flussläufen durchaus keine Seltenheit mehr ist. Das relativ milde Klima im Rhein-Main-Gebiet kommt auch den Exoten aus der Mandschurei gelegen. Sind die Teiche in den Parks zugefroren, lassen sie sich am Main nieder. Die allseits bekannte Stockente dagegen ist ein Weltbürger und auf nahezu allen Kontinenten zuhause.

Neubürger und Neozoen

Die heimische Vogelwelt verändert sich, aber das tat sie schon immer. Neue Arten kamen durch Klimaveränderungen hinzu und wanderten von sich aus ein, einige Neubürger wurden jedoch erst in den letzten 200 Jahren durch den Menschen nach Westeuropa und Deutschland gebracht. Exotische Pflanzen und Tiere, in der Fachsprache Neophyten (neue Pflanzen) und Neozoen (neue Lebewesen) genannt, im eigenen Park oder Garten anzusiedeln, war für reiche Bürger und Adelige eine Frage des Status, aber auch des wissenschaftlichen Interesses. So ging die Ornithologie oder Vogelkunde vor allem von Geistlichen, Adeligen oder aus anderen Gründen besser gestellten Menschen aus, die nicht um ihr tägliches Überleben kämpfen mussten und sich dieses Hobby leisten konnten. Insbesondere in England wurde die Vogelkunde früh und intensiv betrieben. Ein besonders interessantes Studienobjekt dort war der Baumfalke – der im Englischen den Namen „Hobby“ (lat. Falco subbuteo) trägt. Es gibt deshalb Vermutungen, dass der Begriff für Freizeitbeschäftigung davon abgeleitet wurde, und nicht vom „hobby horse“, dem Steckenpferd.

Auch die Nilgans ist eine Neubürgerin, sie wurde aus dem nordafrikanischen Raum mitgebracht. Das Klima hier bekommt ihr so gut, dass sie nicht wie die Wildgänse zur Überwinterung in den Süden fliegt. Was sie von Haus aus auch nie musste. Als sogenannte Halbgans ist sie größenmäßig zwischen Ente und Wildgans angesiedelt.

Nilgänse sind sehr wehrhaft, in Afrika vertreiben sie durchaus auch mal Elefanten von den Wasserlöchern. Die Dickhäuter haben zwar nichts zu befürchten, wenden sich aber durchaus genervt ab und suchen sich eine andere Stelle, wenn die reviertreuen Nilgänse ihr Gebiet hartnäckig und mit aller Kraft verteidigen.

Gerade das kann man jetzt im Frühjahr gut beobachten, denn im Zweifel werden sie sich auch einem Menschen in den Weg stellen oder mit deutlichem Geschnatter klarmachen, dass sein Picknick in ihrem Revier unerwünscht ist. Im Kurpark bewegen sie sich teils auf sichtbaren Trampelpfaden, die gleichzeitig Grenzen sind. Die Nilgänse haben sich seit den 1980er Jahren ebenfalls entlang des Mains und Rheins, aber nicht nur dort, stark vermehrt und ausgebreitet, stellen aber für die heimische Vogelwelt keine ernsthafte Bedrohung dar, wie gelegentlich behauptet wird. Für den Kurpark bedeutet dies zwar, dass in ihren Revieren andere Bodenbrüter weniger Brutgelegenheiten finden, doch führt dies insgesamt, trotz dutzender Nilganspaare, zu einem moderaten Besatz des Teiches. Die Gefahr einer Überdüngung durch Vogelkot besteht nicht.

Revierbildung und „Hackordnung“

Nilgänse brüten mitunter sehr früh. Junggänse aus dem vergangenen Jahr, die keinen Partner finden, werden nun aus dem Kurpark ausziehen, während die verbleibenden Pärchen das Gelände in Parzellen aufteilen, die sie mit robustem Mandat verteidigen. Kommt ein Artgenosse oder auch eine Entenfamilie einem solchen Revier zu nahe, kann das aus Sicht des Beobachters recht brutale Folgen haben. Denn mit allen Mitteln wird der Eindringling, ohne Rücksicht auf dessen Jungtiere, angegriffen, bis alle das Revier geräumt haben. Da können durchaus die Federn fliegen, und auch Verletzungen der angegriffenen Tiere sind nicht selten. Aber so ist die Natur. Und meist ist für den Menschen angebracht, sich zurückzuhalten anstatt sich einzumischen, gerade in der jetzt beginnenden Brut- und Setzzeit, in der aus gutem Grunde generell größere Eingriffe in die Natur, wie starke Rückschnitte und Fällungen, nur unter strengen Auflagen erlaubt sind. Ausnahmen von dieser Regel werden von Umwelt- und Grünflächenamt eigentlich nur aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht und bei Gefahr im Verzug zugelassen. Bei einer solchen Gelegenheit lernte die Redaktion des lilienjournals vergangenen Sommer auch den Ornithologen Bernd Petri kennen, der im Auftrag der Parkverwaltung des Kurhauses Baumarbeiten begleitete. Er beobachtete die entsprechenden Bäume tagelang und überwachte sie auch mit Richtmikrofonen, so stellte er sicher, dass zur Zeit der Baumschnitte kein Vogel im Nest war.

Stadtsittiche und Landflucht

Entgegen mancher Annahmen verschwinden die Vögel nicht aus den Städten, wenngleich manche Arten, etwa Mehlschwalben und Mauersegler, tatsächlich seltener zu sehen sind. Vogelgezwitscher nimmt man aber deshalb im urbanen Raum vermeintlich seltener wahr, weil in den letzten Jahrzehnten der Umgebungslärm stark zugenommen hat und unsere Sinne auch anderweitig mehr Ablenkung finden. Wer aufpasst und die Ohren spitzt, hört die Stimmen, die singen, krächzen oder schreien, wie beispielsweise die in den Morgen- und Abendstunden in großen Schwärmen über Wiesbaden ziehenden Halsband- und etwas kleineren Alexandersittiche. Sie sind echte Städter und begannen ihren Siegeszug entweder im Biebricher Schlosspark, wo sie mindestens seit den 1970er Jahren Baumhöhlen bewohnen, oder im Kölner Raum, wo sie ebenso lang beobachtet werden. Auffällig ist, dass sie sich nur entlang des Rheins verbreiten, einen Abstecher über den Main in Frankfurter Parks haben sie höchstens vereinzelt gewagt.

Die kleinen Papageien mit ihrem bunten Gefieder sind ein erst 40 Jahre alter Farbtupfer in der heimischen Natur, sicher auch durch den Menschen verursacht, aber ebenso bislang nicht sonderlich auffällig hinsichtlich der Bedrohung für andere Arten. Sie nutzen vom Specht und durch Baumkrankheiten geschaffenen Hohlraum alter Bäume. Ärgern darüber wird sich vermutlich nur mancher Autofahrer, der unter einem ihrer Schlafbäume parkt.

Im Kurpark und in der gesamten Stadt, in Hinterhof und Schrebergarten, auf dem Schottergrundstück und im Industriegebiet findet sich neben den Exoten auch nahezu die gesamte heimische Vogelwelt. Gemessen an der Artenvielfalt ist der städtische Raum deutlich höher besiedelt als manches Naturschutzgebiet. Viele Vögel finden auf dem weitgehend industriell bewirtschafteten Land immer weniger Lebensraum, in den Städten dagegen ihre Nischen. Ein englischer Rasen oder golfplatzähnlicher Park ist für die Natur aufgrund der Artenarmut der Gräser, die nie zum Halm heranwachsen können, insgesamt fatal. Doch glücklicherweise sind gerade Parkrandlagen und naturbelassene Gärten mit vielen Wildkräutern gesegnet, und die sind dem Spatz in der Hand genauso lieb wie der Taube auf dem Dach.

Was für manche Menschen ein verwilderter Garten, ist für Vögel das Paradies.

 

Stadtvögel: Erkennen Sie die Melodie?

Haussperling

Vorbei ist die Zeit, als Spatzen in Scharen aus Hecken tschilpten. Als der klassische Bauernhof sich zu einem Agrarbetrieb wandelte, verlor der Spatz Kost und Logis. Gut, dass es noch wohlmeinende Städter gibt, die Futter spenden und die Natur in Gärten und Parks pflegen. Wilde Ecken mit Insekten und Sämereien, Essensreste unter Bistrotischen, Altbauwohnungen mit Höhlen und Nischen – all das liebt der verstädterte Spatz. Sein geselliges Wesen und geschwätziges Tschilpen bereichern im Gegenzug Auge und Ohr des verstädterten Menschen.

Amsel

Kein Vogel unserer Heimat komponiert so klassisch und schön wie die Amsel. Mozart und Messiaen und viele andere berühmte Komponisten haben sich von ihrer Musik inspirieren lassen. Manch einer hat geklaut. Das aber macht auch die Amsel in der Stadt. Das häufige „Tatütata“ des Martinshorns wird von Amseln ebenso abgekupfert wie gängige Klingeltöne von Handys und penetrantes Piepsen von Weckern. Stadtamseln singen verrückter und länger als Land- und Waldamseln. In der Stadt amselt es sich gut. Vor 150 Jahren etwa entschieden sich die ersten Amseln für den Umzug in die Stadt: Die Naturoasen der Städter, Friedhöfe, Gärten und Parks mit ihren gepflegten Rasenflächen und ihrem Reichtum an Würmern stopften nämlich die Schnäbel der Schwarzdrossel reichlich. Während Landamseln heute noch im Winter gen Süden ziehen, musizieren Stadtamseln im beheizten und beleuchteten ewigen urbanen Frühling ganzjährig.

Kohlmeise

Über das Leben der putzigen gelb-schwarzen Kohlmeise wissen die Vogelkundler viel, denn sie ist in Europa und Asien weit verbreitet und beliebt. Überdies sucht sie die Nähe der Menschen und pfeift dabei sehr eingängige Lieder. In ihrem Rhythmus erklingt unser Frühling. „Ti ti tüt – ti ti tüt- ti ti tüt“ wurde auf dem Land gerne als Arbeitsauftrag für den Bauern interpretiert: „Spitz die Schar.“ Andererseits wusste schon Wilhelm Busch, dass sich diese Meise gern an Schinken labt, weshalb ihr „Zi zi bäh“ auch als warnendes „Schinkendieb“ gedeutet wurde. Weil ihre Strophen so metallisch klingen, nannte man sie im Volksmund auch Schlossermeise.

Rotkehlchen

Einstmals, so die Legende, zog ein kleiner grauer Vogel mutig einen Stachel aus der Stirn eines Gekreuzigten. Dabei tränkte ein Tropfen Blut die Brust des Vögleins. Bis heute leuchtet die rote Farbe auf der Brust jedes Rotkehlchens. Zuvor menschenscheu und unscheinbar, suchen die barmherzigen Sänger inzwischen die Nähe des Menschen. Früh am Morgen, in der Abenddämmerung und in der erleuchteten Stadt auch in der Nacht, singen die Rotkehlchen ihre feierlichen „Kirchenlieder“. Hält man inne und lauscht ihrer Messe, kann man inmitten von Motorendröhnen Ruhe und Frieden finden. Nicht umsonst ist das Rotkehlchen weltweit so bekannt und beliebt.

Was singt denn da noch im Kurpark?

Der weit verbreitete Buchfink schmettert hessisch: „Diss Jahr gibt‘s widder guude Quetsche.“ Und oft hört man seinen berühmten Regenruf: „Trüb! Trüb!“ – auch mal bei strahlender Sonne. Eingewandert ist der mediterrane Fink als Kulturfolger vor mehr als 100 Jahren, auch er fühlte sich in den städtischen Gärten wohler als auf dem Land. Im tirilierenden Singflug schwebt er von Baum zu Baum. Die Mönchsgrasmücke ist ebenfalls in der Stadt angekommen. Ihre Lieder klingen eher nach Wirtshaus, leise zwitschernd beginnend, steigert sie ihren Gesang zu einem etwas polternden und kreischenden Finale. Stare hingegen geben beim Singen alles: Brust raus, Schnabel in die Höhe und mit den Flügeln schlagen, was das Zeug hält. Dabei ahmen sie die Laute anderer Vögel nach, und zwar so perfekt, dass sie auch einen ausgesprochenen Vogelkenner zum Narren halten. Vogelforscher beobachten, dass all diese Vögel, die eigentlich Zugvögel sind, aufgrund der Klimaerwärmung immer häufiger hier überwintern. So gestaltet sich ein Vogeltag im Kurpark schon im Frühjahr voller Überraschungen. Die Musik der Vögel erklingt hier alltäglich „Open Air“.

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