Sarkophag

Elisabeths Kapelle – Eine Liebesgeschichte

Sie ist längst zu einem Wahrzeichen Wiesbadens geworden und weit mehr als nur eine besondere Landmarke auf dem Neroberg. Sie war von allen Residenzen und Lieblingsorten ihres Bauherrn aus sichtbar. Im Volksmund gern als griechische Kapelle bezeichnet, heißt sie eigentlich „Russisch-Orthodoxe Kirche der heiligen Elisabeth in Wiesbaden“. Sie ist eine einzige Liebeserklärung des tief trauernden Gatten und letzten Herzogs in Wiesbaden, Adolph zu Nassau, an seine im Kindbett verstorbene junge Frau Elisabeth und zugleich eine Verneigung vor der russischen Kultur. Von Mario Bohrmann und Rainer Niebergall

Elisabeth Michailowna Romanova war Großfürstin von Russland und Lieblingsnichte des Zaren Nikolaus I. Die besondere Geschichte der Russischen Kirche und des Friedhofs lässt sich nur im Kontext dieser und weiterer Verbindungen des nassauischen Fürstenhauses zum russischen Zarenreich verstehen und erzählen.

Kuppelgeschäfte von nationalem Interesse

Die Beziehungen zwischen Russland und den in Deutschland regierenden evangelischen Fürstenhäusern sind vielfältig. Auch um ausreichend Prinzessinnen für seine Großfürsten finden zu können, hatte Zar Alexander I. 1813 den Fortbestand der deutschen Kleinstaaten für notwendig erklärt. Der alte Freiherr vom Stein soll erwidert haben, er habe freilich nicht gewusst, dass Deutschland ein russisches Gestüt sei.

Mehrere Zarinnen stammen aus Darmstadt, zwei württembergische Königinnen waren Zarentöchter. Auch Elisabeths Mutter Helena stammte aus Württemberg, deren Schwester Pauline war die zweite Frau Herzog Wilhelms, Adolphs Vater. Als 1840 fünf Großfürstinnen, darunter Elisabeth, im heiratsfähigen Alter waren, schlug die Stunde der Mütter.

Für Elisabeth, befanden sie, sei Herzog Adolph eine gute Partie. Der daraufhin für Sommer 1840 zwecks Eheanbahnung anberaumte Kuraufenthalt hatte den gewünschten Erfolg: Der Herzog sah seine zukünftige Frau zum ersten Mal, hielt um ihre Hand an und erhielt insgeheim eine Zusage der Mutter. Weil aber auch der Zar zustimmen musste und Adolph auch als Kandidat für dessen Tochter Olga in Frage kam, galt es, eine geplante Reise des Herzogs nach Russland zu verhindern – mit Erfolg.

Im Mai 1843 hielt sich Helena mit ihren Töchtern zur Kur in Baden-Baden auf; zunächst traf Pauline ein, dann der Herzog – die Heirat wurde beschlossen. Nun musste Adolph auf dem schnellsten Weg nach Russland, um beim Zaren offiziell um die Hand der Nichte anzuhalten; mit einer Zusage reiste er wieder ab. Im Dezember begannen die Verhandlungen über den Ehevertrag, Ende Dezember war man sich einig. Die Großfürstin, die ihren Glauben behalten durfte, erhielt eine Mitgift von einer Million Silberrubel, über deren Zinsertrag sie frei verfügen konnte. Somit konnte zunächst Verlobung und am 19. und 31. Januar 1844 die Hochzeit gefeiert werden, erst nach orthodoxem Ritus in der Kirche des Winterpalais, danach nach evangelischem Ritus in den Gemächern der kaiserlichen Familie. Anfang Februar brach das junge Paar zur Heimreise auf – im russischen Winter über Berlin und Weimar nach Wiesbaden, mit schlimmen Folgen für die Gesundheit der lungenkranken Frau.

Nur ein Jahr war ihr gegeben

Elisabeth engagierte sich in Wiesbaden sogleich sozial, wollte eine gute Herrin sein und setzte sich für die Gründung der ersten Poliklinik ein. Aber so recht glücklich wurde sie nicht in ihrer neuen Heimat. Zeitgenossen attestierten ihr schon früh eine gewisse Traurigkeit. Sie wirkte gedrückt, was zunächst nur aufs Heimweh nach Sankt Petersburg und ihrer Familie zurückgeführt wurde. Auch die Schwangerschaft und viele Besuche aus Russland munterten sie nicht auf. Was niemand ahnte: Elisabeth litt unter bereits weit fortgeschrittener Tuberkulose. Die Ärzte quälten sie mit falscher Behandlung, schröpften sie und verschrieben unnütze Medikamente. Letztlich war Elisabeth so geschwächt, dass sie die Geburt ihres ersten Kindes nicht überlebte. Am 16. Januar 1845 starb Großfürstin Elisabeth Michailowna im Kindbett, und auch ihre kleine Tochter überlebte sie nur um einen Tag.

Der Kirchenbau

Um die Herzogin würdig und ihrem Glauben gemäß bestatten zu können, wurde nach ihrem Tod in Abstimmung mit dem Zarenhof der Bau einer Grabkirche beschlossen, für den die verfügbaren Mittel aus der Mitgift verwendet werden sollten. Nachdem erste Entwürfe unbefriedigend waren, erhielt Hofbaumeister Philipp Hoffmann den Auftrag, die russische Kirchenbauweise vor Ort in Russland zu studieren. Viel mehr als altrussische Kirchen interessierte ihn die Verbindung spezifisch russischer Bauformen mit der italienischen Renaissance, eine Haltung, die auch Konstantin Thon, der Lieblingsarchitekt des Zaren, vertrat. Thon war der Architekt der Erlöserkirche in Moskau, mit deren Bau 1839 begonnen worden war. Ob sie Hoffmann als Vorbild für seine Kirche diente, ist fraglich, weil er sie vollendet noch gar nicht gesehen haben kann. Was beide Kirchen verbindet, ist die Bauform der Kreuzkuppelkirche mit einer großen Kuppel im Zentrum und vier begleitenden Kuppeln – eine gängige russische Kirchenbauform.

Der Bau nach Hoffmanns genehmigtem Plan setzte 1847 ein. Um das Baumaterial auf den Berg transportieren zu können, wurde der Steinhohlweg zur Straße ausgebaut und nach Fertigstellung der Kirche umbenannt in „Kapellenstraße“. 1849 war der Rohbau so weit fortgeschritten, dass Hoffmann darangehen konnte, die Innenausstattung zu planen und in Italien geeignetes Material auszusuchen und Kontakte zu Künstlern zu knüpfen.

Als Baumaterial wurde heller Pfälzer Sandstein gewählt. Die auf Fernwirkung konzipierte Kirche sollte im Sonnenschein leuchten, vor allem die Türme mit ihren Turmzwiebeln, die mit vergoldeten Kupferplatten gedeckt wurden. Die Wirkung wurde gesteigert, indem dunkle Tannen im Wäldchen hinter der Kirche gepflanzt wurden. Da eine 1959 unfachmännisch ausgeführte Vergoldung stumpf und dunkel geworden war, entschloss man sich 2007 anlässlich des Petersburger Dialogs und des deutsch-russischen Gipfels in Wiesbaden zu einer neuen Vergoldung. Michail Gorbatschow hatte sich gewünscht, die Kirche zu sehen; als er (und am Abend Vladimir Putin) den Neroberg besuchte, war sie allerding noch eingerüstet – lediglich die 57 Meter hohe zentrale Zwiebel ragte frisch vergoldet heraus.

Alle drei Hauptfassaden der streng nach Osten ausgerichteten Kirche sind vom Aufbau gleich; in den als Risalit ausgebildeten Mittelteil mit Doppelsäulen und Rundbögen ist ein ebenfalls säulengerahmtes und durch Rundbogen abgeschlossenes Portal eingestellt. Während das Südportal der herzoglichen Familie vorbehalten war und heute verschlossen ist, befindet sich der Eingang für Gläubige im Westen. Das Medaillon über dem Hauptportal zeigt die heilige Helena, das über dem Scheinportal im Osten den Erzengel Michael. Sie nehmen Bezug auf die Schutzheiligen der Eltern der Verstorbenen, deren Gesichtszüge Hofbildhauer Emil Alexander Hopfgarten der Darstellung der heiligen Elisabeth (Mutter Johannes des Täufers) über dem Südportal verliehen hat.

Innen alles andere als russisch

Während das Äußere russisch-byzantinisch daherkommt, meint man im Inneren in einem Zentralbau aus dem Geist der italienischen Renaissance zu stehen. Die in die Ecken eingestellten Türme verringern die mit 15 Metern Seitenlänge nicht allzu große Grundfläche der Kirche, bedingen aber den Grundriss eines griechischen Kreuzes und betonen die Höhen­tendenz. Für die Innenausstattung kam kostbarer Marmor zum Einsatz, neben weißem Carrara-Marmor schwarzer ägyptischer, grauer schwedischer und ockerfarbener aus Rho­dos. Der rot-braun gemaserte Marmorboden stammt von der Lahn und wurde von Sträflingen im Zuchthaus zu Diez bearbeitet. Die Ausstattung macht deutlich, dass die Finan­zierung des Baus gesichert war, weil die Erträge aus der Mitgift zur Finanzierung der Kirche herangezogen werden konnten. Die jährlichen Zinserträge von etwa 32.000 Gulden standen nach den Bestimmungen des Ehevertrags dem Herzog zeitlebens zur Verfügung. Bis 1855 wurden 463.137 Gulden ausgegeben und damit ein Vielfaches dessen, was Hoffmann für den Bau der katholischen Bonifatiuskirche zur Verfügung stand.

Deren Bau erfolgte fast gleichzeitig mit dem der russischen Kirche. Nachdem der erste Kirchenbau eines anderen Architekten noch vor der Fertigstellung 1831 eingestürzt war, dauerte es über zehn Jahre, ehe man Philipp Hoffmann mit einer neuen Planung beauftragen konnte. Der Bau wurde 1845 begonnen und 1849 im Wesentlichen abgeschlossen, wobei die Türme aus Geldmangel zunächst nicht ausgeführt und erst in den 1860er Jahren ergänzt wurden. Im Jahr darauf, am 27. Juli 1850, wurde die evangelische Gemeinde von einer Katastrophe heimgesucht. Bei Bauarbeiten an der Mauritiuskirche fing der Dachstuhl Feuer; die Kirche brannte binnen Stunden bis auf die Umfassungsmauern nieder. In letzter Minute wurde der in der Mauritiuskirche aufgebahrte Sarg der Herzogin durch beherzte Bürger gerettet und in die Bonifatiuskirche gebracht. Aufgestellt wurde er in einer kleinen Kapelle, zu der der Herzog einen Schlüssel besaß und jederzeit eintreten konnte.

Die Weihe der russischen Kirche nach „griechisch-orthodoxem Ritus“ am 25. Mai 1855 war für Nassau ein herausragendes Ereignis öffentlicher wie politischer Selbstdarstellung, vor allem mit Blick auf Russland und Württemberg. Zugleich markierte sie einen Abschluss: Der Herzog, seit 1851 neu verheiratet mit Adelheid von Anhalt-Dessau, hatte auf Fertigstellung gedrängt. In der Nacht nach der Kirchenweihe wurden die Särge der Herzogin und ihrer Tochter unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in einer nächtlichen Prozession auf den Neroberg überführt und in der Unterkirche beigesetzt, genau unterhalb ihres prachtvollen Sarkophags, mit dem Haupt nach Westen, den Blick in der Erwartung der Auferstehung nach Osten gerichtet. Einer fehlte bei der Beisetzung – Herzog Adolph.

Belebte Gemeinde

Wir müssen respektvoll mit diesem Erbe umgehen, es als Wiesbadener Schatz begreifen, der aber nicht unser Eigentum ist, sondern nicht nur zum Gebet und bei Gottesdiensten eine sehr religiöse Gemeinde beherbergt, die dort ihr geistiges Zuhause hat. Erzbischof Mark aus München gab uns über seinen Erzpriester Nikolai Artemof die Erlaubnis, auch in der Kirche zu fotografieren. Artemoff lebte selbst drei Jahre in Wiesbaden und wurde in der russischen Kirche zum Priester geweiht. Der neue Priester für Wiesbaden ist der sehr sympathische Alexander Kalinski und gerade erst von Köln nach Wiesbaden gezogen, um die Wiesbadener Gemeinde zu übernehmen. Die Kirche gehört zur Diözese von Deutschland der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland, eine durch zwei Weltkriege und Systemwechsel getriebene und vertriebene Gemeinschaft vor allem russisch- und deutschstämmiger Herkunft.

Zunächst waren es Angehörige der russischen Oberschicht und vor allem wohlhabende Personen aus dem aufstrebenden Bildungs- und Besitzbürgertum, die die Gemeinde bildeten. Sie hielten sich entweder zeitlich begrenzt zur Kur in Wiesbaden auf oder wählten die Stadt wegen ihres milden Klimas als Dauerresidenz im Alter. Die Kirche, die große Gemeinde und der Friedhof gaben den Ausschlag, Wiesbaden gegenüber anderen Kurorten zu bevorzugen.

Dem Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg folgte eine Massenemigration, die 1922/23 ihren Höhepunkt erreichte. 560.000 Menschen flüchteten aus Russland und den von der Roten Armee eroberten Staaten. Neben Frankreich war Deutschland das Hauptaufnehmerland, und hier neben Berlin vor allem Wiesbaden, dessen Ruf als Weltkurstadt unge­brochen war. Freilich war das nun wirtschaftlich notleidende Wiesbaden nicht mehr der mon­däne Kurort, den die Russen kannten, und viele verließen die Stadt wieder.

Nach 1945 erhielt die geschrumpfte Gemeinde wieder Zuwachs; mit etwa 3.000 orthodoxen Gläubigen (1946) war die Wiesbadener Gemeinde nach Berlin, Hamburg und München eine der größten in Deutschland. Wiederum waren es überwiegend Osteuropäer verschiedener Nationalitäten. Etwa eine halbe Million Menschen flohen aus der Sowjetunion und brachten sich in den Westzonen vor dem Zugriff Stalins in Sicherheit; zahlreiche Exilrussen, die sich nach der Revolution in den nun von der Sowjetunion kontrollierten Gebieten angesiedelt hatten, flohen ein zweites Mal vor der Roten Armee. Hinzu kamen gewaltsam verschleppte Ost-Ar­beiter oder zur Zwangsarbeit herangezogene Kriegsgefangene, sogenannte displaced Persons. Obwohl der überwiegende Teil binnen weniger Jahre emigrierte, vor allem in die USA, existierte zunächst eine zahlenmäßig starke und altersmäßig relativ junge Gemeinde um einen festen Kern aktiver Gläubiger, die ein nach außen relativ abgeschottetes Gemeindeleben führte. Als ab 1949 der Zuzug jüngerer Gemeindemitglieder stockte, setzte ein schleichender Prozess der Schrumpfung und Alterung ein.

Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die Entwicklung umgekehrt; die Gemeinde ist durch den Zuzug russischer Aussiedler (überwiegend Wolgadeutsche, keine Russen) gewachsen und hat sich auch hinsichtlich ihrer Altersstruktur günstig entwickelt. Schätzungen im Jahr 2005 gingen von circa 300 Mitgliedern aus; exakte Zahlen gibt es nicht.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche

Ihre Ausprägung erfuhr die orthodoxe Kirche im griechisch geprägten oströmischen Reich, weswegen oft von der „griechischen Kirche“ (im Gegensatz zur lateinischen beziehungsweise römischen) gesprochen und die russisch-orthodoxe Kirche auf dem Neroberg als „Griechische Kapelle“ bezeichnet wird. 1054 kam es zum Bruch, ausgelöst durch Differenzen in Fragen der Glaubensauslegung und kulturelle Unterschiede. Der Gebrauch des Latein in der römischen und des Griechischen in den oströmischen Kirchen führte dazu, dass die Sprache der jeweils anderen Seite immer weniger verstanden wurde. Schließlich beanspruchten die Päpste zunehmend die Rolle eines Oberhauptes der Christenheit, die ihnen die oströmischen Christen verweigerten. Anstatt in einer Unstimmigkeit zu vermitteln, beschimpfte ein nach Byzanz entsandter Kardinal den Patriarchen und schloss ihn aus der Kirche aus, woraufhin der Patriarch seinerseits den Kardinal exkommunizierte.

Im Unterschied zu den westlichen Kirchen orientiert sich die orthodoxe Kirche dogmatisch ausschließlich an den Beschlüssen sehr früher ökumenischer Konzile; ihre Riten wirken archaischer. Noch stärker als in der katholischen Kirche ist der orthodoxe Gottesdienst ein „Fest für alle Sinne“, bei dem Weihrauch und Kerzen, Chorgesänge und Hymnen, prachtvolle Gewänder, goldgeschmückte Ikonen und eine Vielzahl von Symbolen eine große Rolle spielen. Angesichts einer Gottesdienstdauer von mindestens zwei Stunden verwundert es, dass es in russischen Kirche abgesehen von einigen Stühlen für Alte und Gebrechliche keine Bänke gibt; man steht im Gottesdienst.

Obwohl die Gesänge in der Liturgie einen großen Stellenwert besitzen, gibt es in orthodoxen Kirchen keine Orgeln. Der Grund ist, dass die Gesänge als Gebete verstanden und deshalb nur von menschlichen Stimmen „produziert“ werden. Weil Instrumente nicht beten können, ist ihr Gebrauch in den orthodoxen Kirchen nicht gestattet.

Auch einen Altar wird man vergebens suchen. Zwar erinnert die Ikonostase (siehe Titelbild) an die Altarwand einer Renaissancekirche, hat aber eine völlig andere Funktion. Sie trennt den Raum, in dem sich die Gemeinde versammelt, vom Allerheiligsten. Der Altarraum ist den Geistlichen vorbehalten und den Blicken der Gläubigen entzogen – abgesehen von einigen Gelegenheiten während des Gottesdienstes. Die geöffnete Königspforte stellt dann eine Verbindung zwischen dem Diesseitigen und dem Jenseitigen her. Der kleine Annex im Norden stellt eine Besonderheit der Kirche dar: Abgesondert vom eigentlichen Sakralraum, in dem es nur heilige Dinge geben darf, birgt der kapellenartige Raum den Sarkophag der Herzogin.

Der Sarkophag für Elisabeth

Der Schöpfer des Sarkophags ist Emil Alexander Hopfgarten (1821–1859), der bekannteste Wiesbadener Bildhauer des 19. Jahrhunderts. Auf ihn war Herzog Adolph 1848 während eines Besuchs in Berlin aufmerksam geworden und hatte ihn nach Biebrich eingeladen. Sein Atelier wurde in der Mosburg im Biebricher Schlosspark eingerichtet, wo er vom Herzog als Dank für sein Schaffen lebenslanges Wohnrecht erhielt.

Hopfgartens Sarkophag aus weißem Carrara-Marmor hat ein berühmtes Vorbild, das Christian Daniel Rauch als einer der führenden Berliner Bildhauer für die 1810 verstorbene preußische Königin Luise schuf. Die Verstorbene stellt er als Schlafende dar mit einem Kranz aus Rosen als Zeichen der Liebe ums Haupt; die linke Hand liegt auf dem Herzen, die rechte ist ausgestreckt. Der Saum ihres Mantels gibt ihre Kronen und Wappen sowie ihren Namen wider¸ Engel wachen über ihren Schlaf. Die Skulpturen der Apostel und die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sowie eine Allegorie der Unsterblichkeit umgeben den Sockel des Sarkophags. Mit dieser Darstellung folgt Hopfgarten der klassizistischen Auffassung des Todes, nach der der Tod nicht mehr als Sensenmann verstanden wird, vor dem man sich fürchten muss. So ist auch der „Todesengel“ genau gegenüber Elisabeths Sarkophag , über dem Südportal, als traurige und zarte Engelsfigur dargestellt, die mit schlaffen Flügeln und gesenkter Fackel anzeigt, das ein Lebenslicht erlischt.

Der älteste orthodoxe Friedhof in Westeuropa

Nordöstlich der Kirche, die als Grabeskirche errichtet wurde, aber der russisch-orthodoxen Gemeinde seit jeher als Gottesdienstkirche diente, befindet sich das frühere Wärterhaus, in dem seit dem Zweiten Weltkrieg der Priester mit seiner Familie wohnt; auch Erzbischof Mark hat hier eine kleine Wohnung, wenn er sich in Wiesbaden aufhält. An das Grundstück grenzt der Russische Friedhof, der als erster seiner Art in Westeuropa angelegt wurde.

Die Anlage des Friedhofs erfolgte auf nachdrückliches Drängen der Großfürstin Helena, wobei die Kosten von ihr selbst und dem russischen Außenministerium übernommen wurden; der Herzog stellte das Grundstück zur Verfügung, hatte aber das Interesse weitgehend verloren. Die Mutter der verstorbenen Herzogin hatte sich in Russland dafür eingesetzt, dass die russische Oberschicht sich nach Wiesbaden zur Kur begab. Andererseits war es für den gläubigen Russen ein unerträglicher Gedanke, im Ausland zu versterben und nicht in geweihter Erde nach den orthodoxen Riten begraben zu werden. Eine Überführung war teuer und aufgrund der Vielzahl der einzuholenden Genehmigungen kaum durchführbar.

Der Friedhof ersetzte die zuvor genutzten Grabstätten auf den allgemeinen christlichen Friedhöfen an der Platter Straße und auf dem Bürgerfriedhof. Als Architekten hatte sich die Großfürstin wiederum Philipp Hoffmann gewünscht; Bedingung war eine möglichst harmonische Verbindung mit der Grabkirche ihrer Tochter. Den 1856 eingeweihten Friedhof legte Hoffmann auf zwei Terrassen an und gab ihm die Grundform eines nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichteten Kreuzes. Entlang der Außenmauer sah er rund 200 Gräber vor, während die Mitte mit Blumen, Büschen und Bäumen begrünt werden sollte.

Der Russische Friedhof zu Wiesbaden war der erste und lange Zeit einzige russisch-orthodoxe Friedhof in Deutschland; sein Einzugsbereich erstreckte sich bis nach Frankreich und in die Schweiz. Er wurde so stark frequentiert, dass er schon zehn Jahre nach der Eröffnung erstmals erweitert werden musste. Die Zahl der Grabstätten ist bis heute auf über 800 an­gewachsen; noch immer begräbt die orthodoxe Gemeinde hier ihre Toten. Die Gräber sind auf ewig angelegt und dürfen nicht neu belegt werden, zudem lehnt die orthodoxe Kirche die Feuerbestattung ab. Dies hat zur Folge, dass die ursprüngliche Begrünung längst neuen Grabreihen gewichen ist und der Friedhof mehrfach erweitert werden musste, zuletzt in den 1970er Jahren.

Etwa ein Drittel der rund 800 Gräber stammt aus der Zarenzeit, zwei Drittel aus der Zeit nach der russischen Revolution. Vorwiegend russischstämmige Menschen orthodoxen Glaubens haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, aber auch Deutsche, die in russischen Diensten oder in einer besonderen Beziehung zu Russland standen. Der Gang über den Friedhof gleicht einem Streifzug durch die Höhen und Tiefen der deutsch-russischen Beziehungen der letzten 200 Jahre. Hier finden sich die Gräber von Generälen, die noch gegen Na­poleon gekämpft haben, Angehörigen der russischen Oberschicht des 19. Jahrhunderts, Staatsbeamten, Militärs, Intellektuellen, vielen Diplomaten, darunter solchen, die steinalt geworden sind, und anderen, die in ganz jungen Jahren wie die Herzogin todbringenden Krankheiten erlagen.

Nach der Revolution waren es dann überwiegend Emigranten, Angehörige der aufgeriebenen Weißen Armee, Menschen, die vor den stalinistischen Säuberungen flohen, Kriegsgefangene, Verschleppte, Zwangsarbeiter, sogenannte displaced Persons – „Opfer wirrer Zeiten“, wie auf einem Grabstein steht –, schließlich die Emigranten der zweiten Welle. Und Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wie der Sohn einer in den USA lehrenden russischstämmigen Professorin. Er übernachtete mit seiner Verlobten auf einer Reise durch Südeuropa am 26. Juli 1963 in Skopje und kam bei dem verheerenden Erdbeben ums Leben. Für seine Mutter, die die Belagerung Leningrads überlebt hatte und später vor der Roten Armee fliehen musste, weil die deutsche Besatzung die sprachkundige Frau als Dolmetscherin eingesetzt hatte, war dies Anlass, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Als sie 1996 im Alter von 90 Jahren starb, ließ sie sich in Wiesbaden neben ihrem Sohn begraben.

Nehmen Sie die Gelegenheit wahr, den Friedhof entweder auf eigene Faust zu erkunden oder an einer Führung über einen der stimmungsvollsten russischen Friedhöfe außerhalb Russlands teilzunehmen. Jedes Grab erzählt eine Geschichte. Mit Alexej von Jawlensky begegnen Sie einem der bedeutendsten russischen Maler des 20. Jahrhunderts, der seit 1921 in Wiesbaden lebte und hier 1941 verstarb. Und zwei Kindern des Zaren Alexander II.

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