dyckerhoff

Es kommt drauf an, was man draus macht

Vor 150 Jahren begann die Familie Dyckerhoff, den Werkstoff Zement industriell herzustellen. Ein wichtiges Stück lokal-industrieller Revolution, nachdem die Ziegeleien im 20. Jahrhundert nach und nach überflüssig wurden. Im Gegensatz dazu kann man werden die Industriedenkmäler bei Dyckerhoff in großen Teilen immer noch genutzt. Gleich ein halbes Dutzend Gebäude auf dem Werksgelände steht unter Denkmalschutz.

Schon 1861 unternahm der Ingenieur Carl Brentano erste Versuche zur Herstellung von Portland-Zement, finanziell unterstützt von Wilhelm Gustav Dyckerhoff. Bei einer Wassermühle bei Hattenheim im Rheingau errichteten „Dyckerhoff & Brentano“ eine erste kleine Zementfabrik. Unterhalb der Hallgarter Zange entspringt der Leimersbach, dessen Wasserkraft allerdings nicht für die Zement-Produktion ausreichte. Brentano schaffte eine Dampfmaschine an und die Zementfirma wurde wegen besserer Transportmöglichkeiten nach Amöneburg verlegt. Dass diese Firma jedoch ihren Ursprung in Hattenheim hat, daran erinnert heute noch die dortige Dyckerhoffstraße.

Die „Portland-Cement-Fabrik Dyckerhoff & Söhne“, auf deren Gelände wir Sie mit einer Bildreise entführen, wurde 1864 gegründet. Gut 20 Jahre später lieferte Dyckerhoff in einem der größten Einzelaufträge bereits 8.000 Fässer Zement an die USA, die das Fundament der Freiheitsstatue formen sollten. Dyckerhoff hatte zu dieser Zeit bereits mehr als 500 Mitarbeiter. Seitdem prägt das Unternehmen den Industriestandort Amöneburg und wirkt weit über Wiesbaden hinaus.

Auch wenn der frühere Familienbetrieb mittlerweile vollauf im italienischen Unternehmen Buzzi aufgegangen ist, ist die Bindung dieses Namens und frühen Industriestandorts von und an Wiesbaden noch immer von besonderer Natur. Die Familie Dyckerhoff war und ist sozial wie kulturell engagiert und als Mäzen bekannt. Das belegt zuletzt der Bau eines neuen Vereinshauses am Amöneburger Sportplatz, dessen sechsstellige Baukosten allein aus Spenden der Firma und Familie beglichen wurden – ein Geschenk zum 150. Firmenjubiläum.

Dyckerhoff gründete mit der Firma aus eigenem Antrieb Sozialeinrichtungen, wie die „Arbeiter-Kranken-Casse“, in die die Belegschaft von jedem Gulden Verdienst einen Kreuzer einzahlen musste. Dafür wurden den Mitgliedern im Krankheitsfall ärztliche Hilfe und Arzneimittel sowie ein Krankengeld gewährt. Viele Arbeiter wohnten mit ihren Familien in einer der zahlreichen Werkswohnungen, die rund um das Werk in Amöneburg errichtet wurden. Bis heute hat sich daran wenig geändert, bis auf die Tatsache, dass bei dem hocheffizienten Betrieb nur noch wenige Dutzend Arbeiter für die Produktion nötig sind. Die größte Anzahl der Beschäftigten an diesem Standort arbeitet heute in der Verwaltung von Buzzi Dyckerhoff.

Viele Fabrikgebäude wurden von dem berühmten Bauhaus-Architekten Prof. Ernst Neufert errichtet, so auch das im Jahre 1962 erbaute Dyckerhoff-Hochhaus direkt am Rhein. Ein Ort, der selbst schon einem Kunstwerk gleicht und mit seinem lichten, in Glas und Sichtbeton gestalteten Eingangsbereich heute bereits den Status eines Baudenkmals hat. So heißt es im Gutachten zu den denkmalwerten Objekten bei Dyckerhoff zur neuen Verwaltung:

Sicherlich dem Wunsch des Auftragnehmers entsprechend, sollten die Möglichkeiten des Bauens mit Zement und Beton beispielhaft demonstriert werden. Dementsprechend wurden für die Außenfassade Waschbeton-Fertigteile mit zeittypisch abgerundeten Fensterausschnitten verwendet, im Inneren die ganze Palette der farblichen und formalen Gestaltung mit Beton ausgebreitet, wie Weisszement, farbig unterschiedliche ausgelegte Geschosse mit eingefärbten Terrazzoböden und vieles mehr. So macht gerade dieser sorgfältig entwickelte Katalog der Gestaltungsmöglichkeiten in Beton den besonderen Wert des Gebäudes aus. Für seine Erhaltung besteht deshalb Interesse aus künstlerischen, technischen und städtebaulichen Gründen.“

Experimentell wurden schon in der vom Firmengründer Rudolf Dyckerhoff 1889 als Wohnhaus erworbenen Wagner-Villa in der Nähe des Schlossparks Werkstoffe erprobt; eingelegte Metallringe grenzten unterschiedlichste farbige Materialien ab und wurden zu kunstvollen Terrazzoböden geschliffen. Auch im Hochhaus ist der Boden jeder Etage anders gestaltet. Bei Dyckerhoff hat man mit allem experimentiert, womit man bauen und verbinden kann, und war architektonisch sehr aufgeschlossen. Geforscht wird auch heute noch, im Wilhelm Dyckerhoff Institut für Baustofftechnologie.

Zement und Ziegel

Baustoffen wie den Ziegeln, aus irdenen und weichen Materialien, die man durch Brennen hart gemacht hatte, folgten durch die Möglichkeiten der industriellen Revolution und Ingenieursleistung ganz andere, die sie mehr und mehr überflüssig machten. Mörtel und verschiedene Bindemittel aus Lehm, Gips oder Kalk hielten frühere Baustoffe zusammen. Zement ist anders und bietet mehr Möglichkeiten. Er

kann überall gegossen und in Form gebracht werden. Es wurden Fertigbauteile in ungeahnter Vielfalt und Dimension möglich. Formstabil, aber nicht immer eben schön, denn Zement ist in aller Regel grau.

In erster Linie besteht er aus zermahlenem und gebranntem Kalkstein, der durch die Beimischung verschiedener Materialien und in Verbindung mit Wasser seine spezifische Festigkeit erhält. Anders als Kalkmörtel, ist Zement ein hydraulisches Bindemittel, das sowohl an der Luft als auch unter Wasser erhärtet und beständig bleibt. Durch unterschiedliche Rezepturen, Zusetzung von Gips oder anderen Zuschlagsstoffen wird die Abbindefähigkeit beeinflusst. Ob schnell oder langsam aushärtend, jeder Zement hat erst nach 28 Tagen seine Endfestigkeit erreicht. Dyckerhoff experimentiert derzeit mit schnellabbindenden Zementen, so dass Betonstraßen, die am morgen gegossen wurden, am Abend schon befahrbar sind.

Heute wird im Werk Amöneburg Grauzement aus anderen Produktionsstätten vermahlen, aber nur noch eine Sorte Zement hergestellt – der von Dyckerhoff erfundene Weißzement. Er erhält durch einen besonders aufwändigen Verarbeitungsprozess eine besonders helle Farbe, die als solche schon attraktiver wirkt als klassischer Grauzement, und vor allem auch besser eingefärbt werden kann. Wiesbadener kennen den Weißzement vor allem von einem früheren Jubiläumsgeschenk, der zum 100jährigen Firmenbestehen errichteten Dyckerhoffbrücke über die Schiersteiner Hafenmündung.

Drehrohröfen und Weißzement

Neben den denkmalgeschützten alten Wärmetauschertürmen von Neufert steht der einzige „Weißofen“ Deutschlands, der mit seinen gigantischen Anlagen das zu brennende Kalksteingemisch schon auf dem Weg zum Drehrohrofen auf mehrere hundert Grad vorheizt. Das Drehrohr hat einen Durchmesser von 3,5 m und eine Länge von 70 m. Im leicht zur Brennkammer geneigten eigentlichen „Ofenrohr“ rutscht das ständig in Drehung befindliche Rohmaterial der Flamme entgegen. Zwischen 1.000 und 2.000 Grad Celsius wird dabei Kohlenstoffdioxid (CO2) aus dem Stein getrieben und die Materialien verbinden sich zu „Weißklinker“ – mehr oder weniger großen Brocken des Rohzements. Um weißen Zement zu erzeugen braucht es unmittelbaren Luftabschluss, daher wird das glühend heiße Material direkt vom Ofen aus in einem Wasserbad abgeschreckt, um die Oxidation und damit eine Farbbildung der in sehr geringen Anteilen vorhandenen Elemente Eisen-, Chrom- und Mangan zu vermeiden. Der am Ofenauslauf über 1.000°C heiße Klinker würde an der Luft türkisgrün.

Schüttgut auf dem Franzosenplatz

Für den Weißzement verwendet man unter anderem Kaolin als Zuschlagsstoff. Auch bei der Porzellanherstellung findet dieses weiße bis türkisfarbige Gestein Verwendung und liegt auf dem Schüttgutplatz in erheblichem Volumen vorrätig, wie auch ein besonders heller Kalkstein. Die Zeiten, in denen im Dyckerhoffbruch nebenan der wichtigste Rohstoff der Zementproduktion abgebaut wurde sind schon lange vorbei. Teile der gigantischen Förderbänder sind noch in Betrieb aber die Rohstoffe und Steine werden heute alle mit dem LKW angeliefert. Warum der größte Schüttgutplatz auf dem Gelände „Franzosenplatz“ genannt wurde, lässt sich heute nicht mehr sicher ergründen, aber es mag etwas mit der bewegten Geschichte zu tun haben.

Dyckerhoff und die Werke von Kalle und Albert (heute Infraserv-Gelände) sind eng mit der Entwicklung von Biebrich und Amöneburg verbunden. Die besondere Lage, seit 1908 Mainz zugehörig, zunächst Nassau verpflichtet, dann durch Preußen geprägt, machte Amöneburg zum Industriestandort. Gewohnt und gelebt wurde eher in Biebrich, die Gewerbesteuern jedoch gingen über den Rhein. Mit der Folge, dass in schlechter werdenden Nachkriegszeiten die Belastungen der damals noch eigenständigen Stadt „Biebrich am Rhein“ so hoch wurden, dass sie sich 1926 nach Wiesbaden eingemeinden ließ. Amöneburg, Kastel und Kostheim folgten bekanntermaßen durch die neuen Grenzen der Besatzungszonen nach dem zweiten Weltkrieg, was die fastnachtsbegeisterten Büttenredner beidseits des Rheins bis heute zu wechselseitigen Sticheleien antreibt.

Der Dyckerhoffbruch

Er galt als größtes Loch Europas mit 450 Hektar Fläche, verschluckte dann unsere Müllberge und wird nun von den Entsorgungsbetrieben und der Baustoffindustrie sowie als Gewerbegebiet genutzt. Kürzlich erst hat die Stadt mehr als 240 Hektar davon seitlich der A 66 erworben. Hier liegt noch viel Potenzial für die Entwicklung Wiesbadens.

Auszüge aus der Denkmalbewertung:

Wasserturm: „Der 1882 entstandene Wasserturm gehört zu den ältesten Bauten aus der ersten Phase des Werksaufbaus. Wegen seiner Lage zwischen Rheinufer und Uferstraße kommt ihm besondere städtebauliche Bedeutung zu, die durch die erhaltene historische Firmeninschrift noch unterstrichen wird. Für seinen Schutz sind künstlerische, technische und städtebauliche Gründe maßgeblich.“

Drehofenanlage und Wärmetauschertürme: „Die von der Funktion bestimmte gedoppelte Anordnung von zweifach gestaffelten Bunkern, Rohmühle, Wärmetauscherturm, Drehofen und Brennerbau fasste Neufert zu einer monumentalen Anlage zusammen, die Assoziationen zu zweitürmigen Kathedralbauten erlaubt. (…) Die Schlankheit der Türme wird dabei durch den Kunstgriff der freien Ecke erzeugt, die stützenden Säulen sind eingerückt und vermeiden damit die plumpe Ansicht einer einfach quadratisch gegliederten Stahlskelettkonstruktion. (…) Deshalb besteht kein Zweifel, dass an der Erhaltung dieser Doppelanlage aus künstlerischen, technischen und wegen ihrer Fernwirkung auch städtebaulichen Gründen ein besonderes öffentliches Interesse besteht.“

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