Mosburg

Die Mosburg – Scheinruine im Wasserglanz

Die Mosburg – Scheinruine im Wasserglanz –

Mit der Geschichte der romantisch gelegenen Mosburg im nördlichen Teil des Schlossparks, näher zur Äppelallee als zum Rhein hin gelegen, sind eng die Wirren jener Zeit von Aufklärung und Säkularisierung verwoben – sie ist, in ihrer Zusammensetzung, ein „Patchwork“ der Geschichte – wie Schloss und Park alles andere als aus einem Guss.

Aufgebaut auf alten Burgresten wandte sich dieser neue Stil von Scheinruinen in naturnaher Parklandschaft wieder ab von den streng geometrisch gegliederten Gärten des Barock, stellte einen Gegensatz zum Schloss dar und wurde von den Herzögen seit 1806 über rund 60 Jahre persönlich genutzt oder Freunden überlassen. Die wieder aufkommende Sehnsucht nach mittelalterlicher Romantik drückt sich im Schlosspark an keiner anderen Stelle so imposant aus wie hier – die Mosburg weiß einige Geschichten zu erzählen.

Friedrich August von Nassau-Usingen war der vierte Herrscher über das Schloss und hatte von 1744 an auch dort gelebt. Sein Vater, Fürst Karl, hatte nun die Residenz ins Biebricher Schloss und den Regierungssitz nach Wiesbaden verlegt. Friedrich August wuchs mit dem alten Barockpark und freiem Feld dahinter auf – der damals Fünfjährige war sozusagen der erste „Biebricher Bubb“ aus Adelsgeschlecht –, an dessen Mosbach die aus dem 12. Jahrhundert stammende und bereits verfallene „Biburc“ gelegen war. Er wird vielleicht schon als Kind davon geträumt haben, dort wieder eine Burg zu errichten. Friedrich August musste erst 64 Jahre alt werden, bevor er 1803 das Fürstenturm übernahm und sie bauen konnte.

Erwähnt als gleichnamiger Ort wurde die spätere Doppelgemeinde Mosbach-Biebrich erstmals 871 als „apud villam biburc“. Aber es hatte sich über all’ die Zeit auch nicht wirklich viel verändert; hier, und in Wiesbaden. Die Bevölkerungszahl hielt sich noch auf niedrigem Niveau, wurde sie doch über die Jahrhunderte immer wieder durch Kriege oder Seuchen dezimiert. Bevor durch den ständigen Sitz der Fürsten von Nassau in Biebrich und Wiesbaden mehr Leben rein kam und auch Geld für Aufträge, existierte in späterer Schlossumgebung nur das arme Fischerdörfchen am Rhein und das oberhalb gelegene und reichere, vor allem landwirtschaftlich geprägte Mosbach, nebst Gibb.

Vorgängerburg und Neuaufbau

Die Biburc als Vorläufer der Mosburg war eine kleine Wohnburg und vermutlich eine Königspfalz, an der bereits Herrscher des frühen Mittelalters Rast machten auf dem Weg durch ihr Reich. Zudem günstig am Rhein gelegen und so auch per Schiff erreichbar. Auch die nassauischen Grafschaften waren zu dieser Zeit bereits hier vertreten und hatten früh in Wiesbaden einen Sitz und Vorgängerburgen, wo heute das Stadtschloss steht. Die alte Biburc im heutigen Schlosspark jedoch war 1805 bereits seit langem eine echte Ruine. Friedrich August kaufte sie sowie umliegende Grundstücke und ließ auf den Burgresten eine neue, im neugotischen Stil gestaltete Wasserburg errichten, die bereits ein Jahr später fertig wurde. Hierzu beauftrage er Carl Florian Goetz, der Wiesbaden als späterer Landesbaumeister und Architekt zusammen mit seinem neuen Mitarbeiter Christian Zais maßgeblich prägte. Gemeinsam planten diese in den darauf folgenden Jahren das Historische Fünfeck als neue städtische Gliederung und bauten in Friedrich Augusts Auftrag Wiesbaden zur Kurstadt um.

Genutzte Gelegenheiten und edles Abbruchmaterial

Die Menschen dachten pragmatisch in jener Zeit. Napoleon hatte die linksrheinischen Gebiete besetzt, mit dem Beitritt zum Rheinbund hatte man sich über Gebietsabtretungen arrangiert. Die Mönche des Klosters Eberbach waren bereits durch die in den Vorjahren im Rheingau aufmarschierten französischen Truppen immer wieder vertrieben und ausgeplündert worden. Zum Ausgleich für linksrheinisch verlorene Gebiete wie Saarbrücken erhielt Nassau unter anderem mehrere Klöster zugesprochen, genauer gesagt: Die rechtsrheinischen Teile von Ex-Kurmainz, heute Rheingau genannt, also alles zwischen Walluf und Lorch. Kloster Eberbach gehörte dazu.

Der Kreuzgang von Kloster Eberbach als Zentrum der Mosburg

Im protestantisch geprägten nassauischen Land spielte der Katholizismus nur noch eine untergeordnete Rolle. Man bediente sich am neuen Besitz. Carl Florian Goetz war denn auch damit beauftragt, die säkularisierten Klöster im Rheingau rückzubauen und nutzte diese Gelegenheit. Aus heutiger Sicht undenkbar frech, ließ er den alten Kreuzgang von Kloster Eberbach teilweise ab- und im Zentrum der Mosburg wieder aufbauen. Die Lücke sieht man in Eberbach heute noch! Auch wertvolle Grabplatten der alten Grafen von Katzenelnbogen mit Ritterreliefs wurden von dort herbeigeschafft und als Deko verwendet – die Grabplatten gingen zwischenzeitlich wieder an die alten Eigentümer zurück. Der Kreuzgang und Grundaufbau aber blieben bis heute in der Mosburg erhalten. Sie sind faktisch ihre neuen Grundmauern geworden. Um das mittelalterliche Bild der Mosburg authentisch zu formen, bediente man sich jedoch nicht nur im Rheingau an zweckmäßigem „Abbruchmaterial“, sondern auch auf der anderen Rheinseite.

Napoleons Aufbauhilfe und Weichenstellung für Wiesbaden

Es traf sich gut, dass ab 1803 die durch Kriegsschäden (preußische Bombardierung 1793) heimgesuchte neugotische Liebfrauenkirche in Mainz abgetragen wurde. Mainz wurde in den französischen Revolutionskriegen immer wieder von rechtsrheinischer Seite aus durch Preußen schwer beschossen, die Maaraue war häufiger Aufmarschgebiet, und man konnte nicht auch noch diese Mainzer Kirche retten. Napoleon zeigte zumindest kein sonderliches Interesse daran. Mainz baute zur gleichen Zeit seine Festung unter den Franzosen wieder aus. Mit Abbruchmaterial der Liebfrauenkirche wurden Festungsanlagen am Brückenkopf in Mainz-Kastel errichtet, viele der neugotischen Tor- und Fensterbögen aus Sandstein dagegen wurden in der Mosburg verbaut.

Interessantes Detail dabei ist, das Kaiser Napoleon 1804, ein Jahr vor Beginn der Arbeiten an der Mosburg, im Biebricher Schloss bei Friedrich-August zu Gast war. Der mit cleverer Diplomatie für sich und sein Land viel herausholte und zwei Jahre später durch Napoleon zum Herzog erhoben wurde. Erst daraufhin wurde 1806 Wiesbaden Hauptstadt des Herzogtums, im Jahr der Fertigstellung der Mosburg. Hier wurden frühe Weichen für Wiesbaden gestellt und Schlosspark nebst Mosburg sollten noch Inspirations- und Begegnungsort für weitere Generationen und viele Herrschaften werden.

Einbettung in die Landschaft und dicke Alleen

Friedrich August wandte sich schon in seinen ersten Regierungsjahren von der barocken Parkgestaltung ab. Der zuvor von Revolutionstruppen verwüstete Garten wurde von ihm nun naturnaher gestaltet. Von Anfang an gab es eine Wege- und Sichtbeziehung über die so genannte „Dicke Allee“ zwischen Rotunde im Schloss und Burg im Norden des Parks. Die nun zu Wohnzwecken eingerichtete Mosburg, innen vollständig verputzt und reich mit Stuck verziert, nutzte der Herzog häufig und wohnte gerne darin.

Sein Großneffe, Wilhelm von Nassau-Weilburg, für den 1816 eigentlich das Erbprinzenpalais in Wiesbaden erbaut wurde, trat vorzeitig das Erbe an und blieb im Schloss. Ein Jahr nachdem er die Herzogswürde übernommen hatte, begann er, den Schlosspark als englischen Landschaftsgarten anlegen zu lassen und vergrößerte ihn erheblich nach Norden. Dazu kaufte er die restlichen Grundstücke um die mittelalterliche Mosburg und nahm die letzten Veränderungen an Schloss, Park und Mosburg vor, die diesem Gesamtkunstwerk sein bis heute weitgehend erhaltenes Bild gaben.

Dazu beauftragte Wilhelm den berühmten Gartengestalter Friedrich Ludwig von Sckell, der auch dem Englischen Garten in München seine Form gab und fast zwei Dutzend Schlossgärten anlegte. Der Biebricher Schlosspark war sein letztes Werk; zwischen 1817 und 1823 dirigierte er die Arbeiten weitgehend von München aus. Von Sckell wie seinem Auftraggeber war es wichtig, auch gerade Wege zu brechen und alte Fluchten zu verzerren. Diese axiale Sichtbeziehung Schloss – Allee – Mosburg wurde beim Parkumbau durch Sckell bewusst durch Pflanzungen verschleiert, weil gerade Alleen ein Teil des barocken Erbes sind und in die moderne naturnahe Gartenauffassung nicht mehr passten.

Künstler als Untermieter und Adolph als Herrscher

Die Mosburg wurde nun nur noch selten von den Herzögen selbst genutzt, lebten die doch spätestens seit Herzog Adolph ab 1841 im Stadtschloss. In Biebrich weilten sie nur noch im Sommer.

Der Bildhauer Emil Alexander Hopfgarten, der 25 Jahre später unter Wilhelms Nachfolger Adolph in der Mosburg sein Atelier einrichtete, schuf 1848 unter anderem den Sarkophag für die im Kindbett verstorbene Herzogin Elisabeth in der Russischen Kapelle -– der früh verstorbenen Frau Adolphs, einer gebürtigen Großfürstin aus Sankt Petersburg. Zum Dank für sein bildhauerisches Kunstwerk wurde Hopfgarten von Zar Nikolaus I., Elisabeths Onkel, mit dem Kaiserlichen Stanislausorden 2. Klasse ausgezeichnet. Er blieb bis zu seinem Tod 1856 in der Mosburg leben. Danach ließ Adolph die Mosburg als Ausstellungsraum für Hopfgartens Werke herrichten, bis in die Preussische Zeit hinein.

Die Mosburg nach Ende des Herzogtums und Sisis Besuche

Seit 1866 lebten die Nassauischen Herzöge nicht mehr im Schloss und erhielten erst 1890 das Großherzogtum Luxemburg zugesprochen. Es stand ihnen zwar frei, aber auf preußischem Gebiet wollte Adolph lieber nicht mehr verweilen. Die Innenausstattung von Schloss und Mosburg, sie verblieben, wie auch das Jagdschloss Platte, im Besitz von Herzog Adolph, wurde weitgehend zum Ende des 19. Jahrhunderts in das neue nassauische Großherzogtum Luxemburg verbracht.

Unter den Kaisern Wilhelm I und II. prosperierte Wiesbaden weiter und mehrmals war auch die reisefreudige Österreichische Kaiserin Sisi hier (Sissi heißt sie nur in den Filmen), inkognito im Hotel Vier Jahreszeiten. Ihre größte Leidenschaft galt dem Reiten, das sie meisterhaft beherrschte, was für Frauen ihrer Zeit eher ungewöhnlich war. Besucher wurden von ihr nicht nach ihrem Rang, sondern entsprechend ihren Reitkünsten ausgewählt und empfangen. Sisi ritt viel und oft in der Gegend aus. Auch alleine. Beliebtes Ziel war auch die romantische Mosburg, wie ein alter Stich bezeugt.

Siechtum, Verfall und Mosburgfeste

Zwischen 1909 und 1945 wurde die Mosburg als Heimatmuseum genutzt. Die Genehmigung dazu und ein Großteil der ersten Ausstattung wurde von Wilhelm IV. von Nassau-Weilburg gegeben. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde aus der künstlichen eine tatsächliche Ruine – bis sie 1979 ehrenamtlich von Biebricher Heimatfreunden gereinigt und der Bewuchs entfernt wurde. Dies auch, um im Rahmen der ersten Mosburgfeste in der Ruine Strom anlegen zu können.

Es waren Biebricher Vereine und deren Arbeitsgemeinschaft als Vereinsring, die bis heute das Mosburgfest als reines Vereinsfest Ende August organisieren und sich lange Zeit als einzige um die Burg gekümmert haben. Nur wegen dieser alten, auch vertraglichen Verbundenheit und da das Fest keine kommerzielle Veranstaltung ist, bleibt das Mosburgfest um den Weiher herum weiter möglich. Außer diesem und dem Pfingstturnier werden sonst keine größeren Veranstaltungen im Schlosspark genehmigt.

Rettung in Sicht – ruinöß wird sie bleiben

Die Mosburg verfiel innerlich und äußerlich weiter, auch durch viel Vandalismus. Seit einigen Jahren wird sie im Auftrag der Schlösser- und Parkverwaltung wieder hergerichtet und restauriert, so gut es mit dem verhältnismäßig geringem jährlichen Etat möglich ist. Sie wird aber ihren ruinösen Charakter behalten und sicher nicht mehr innen mit Stuck verziert. Der für den Schlosspark zuständige Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen sieht im Anschluss an die Sanierung vor, die Mosburg wieder gelegentlich für Besucher zu öffnen, evtl. auch für standesamtliche Trauungen. In wenigen Jahren könnte es soweit sein.

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