Nebeljungen_Karte

Der Mainzer Nebeljungenstreich

Ein handfester Handelskrieg und Nicklichkeiten zweier Städte

Mainzer Kaufleute blockierten zum 1. März 1841 mit rund 100 bei Mannheim gemieteten, mit großen Bruchsandsteinen beladenen Lastkähnen die Fahrrinne nach Wiesbaden, so dass die Schiffe wieder in Mainz ihre Fracht löschen mussten. Dem bei Nacht und Nebel ausgeführten und deswegen so genanntem Mainzer Nebeljungenstreich folgte ein jahrelanger Streit zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Herzogtum Nassau. Eine Provinzposse, die im ganzen deutschsprachigen Reich belächelt wurde und sogar Eingang in ein Gedicht von Heinrich Heine fand. Von Mario Bohrmann und Jörg Jordan

Zur gleichen Zeit bekam die jahrhundertealte Karnevalstradition, die sich zuletzt nur noch in Form privater Maskenbälle gehalten hatte, durch den 1838 gegründeten Mainzer Carneval Verein, der seitdem auch den Rosenmontagszug als Straßenfastnacht ausrichtet, einen nachhaltigen Schub – getragen vor allem von der Mittelschicht. Die neu belebte Fastnacht wurde in den darauffolgenden Jahren auch ein Katalysator für politische und gesellschaftliche Aufmüpfigkeit über die irren Tage hinweg.

In dieser Zeit kulminierten auch die Spannungen zwischen dem Herzogtum Nassau und dem Großherzogtum Hessen, denn Mainz sah seine Pfründe im Handel gefährdet. Mit der Eisenbahn, die zunächst nicht in Mainz Halt machte, wuchs im benachbarten Biebrich mit seinem eigenen Zollhafen zusätzlich eine Konkurrenz heran, die manchen Mainzer Kaufleuten unerträglich wurde. Und zumindest subtil wurden sie durch ihre Landesregierung unterstützt. Das alles hat aber eine lange Vorgeschichte.

Napoleons Siegel über AKKs Schicksal

Alles hängt mit allem zusammen. Auch die liebevolle Feindschaft von Wiesbaden und Mainz. Besiegelt wurde sie im Grunde schon durch Napoleon, als er 1806 erreichte, dass Fürst Friedrich August von Nassau-Usingen die Gemarkungen von Kastel und Kostheim an Frankreich abtrat, das seit 1802 bis zum Rhein reichte. Man hatte somit letztlich wechselseitige Gebietsansprüche und deren Ausgleich vertraglich geregelt. Und das mit Stil in einer Urkunde, die deren Verfasser nicht im Unklaren lässt. Nassau hatte bereits 1803 den ganzen Ex-Kurmainzer Rheingau und die Mainspitze zugesprochen bekommen, und Napoleon wollte Mainz linksrheinisch zur Festung ausbauen, mit Kastel und Kostheim als Brückenkopf auf der anderen Seite.

Das Fürstentum Nassau wurde noch im gleichen Jahr durch Kaiser Napoleon zum Herzogtum befördert, das Wiesbaden zu seiner Hauptstadt machte. Dies hatte Konsequenzen, die bis heute anhalten, auch durch frühe Industrieansiedlungen in AKK. Denn Amöneburg markierte auf Höhe der Petersaue letztlich lange Zeit die Landesgrenze zu Mainz, und gerade dort siedelte sich später die Industrie an. Die Lage am Rhein war ideal. Die Grenze Nassaus verlief seitdem und verläuft heute noch zwischen Biebrich und Amöneburg mitten durch das Industriegelände Infraserv, trennt Kalle und Albert von Dyckerhoff und setzt sich auch auf dem Wasserwege fort.

Die Petersaue stromaufwärts gehörte zu Mainz, die Rettbergsaue, damals noch aus zwei Teilen bestehend, gehörte zu Nassau und diente mit ihren landwirtschaftlichen Flächen, insbesondere auf der größeren, der Schiersteiner Aue, schon seit dem 18. Jahrhundert der Versorgung des herzoglichen Haushalts gegenüber im Biebricher Schloss. Erst im späten 19. Jahrhundert wurden das Biebricher Wörth und die Schiersteiner Aue zur heutigen Rettbergsaue verbunden, benannt nach einem nassauischen Offizier, der sie eine Zeitlang in Besitz hatte. Das heutige Biebricher Strandbad befindet sich an der nördlichen Seite des frühen Durchflusses zwischen den Auen.

Zollhafen Biebrich und Rheinbahnhof

Nach dem Sturz Napoleons und dem Wiener Kongress übernahm das Großherzogtum Hessen 1816 Mainz und auch die von Nassau 1806 abgetretenen rechtsrheinischen Gebiete. Die Stadt Mainz bezeichnet die Wiesbadener Vororte Amöneburg, Kastel und Kostheim bis heute als „de facto zu Mainz gehörig“. Aufgrund der rechtlich nie ganz abgeschlossenen Gebietsübertragung nach Wiesbaden tragen sie in ihrem amtlichen Namen noch immer das Präfix „Mainz-“. Dem damaligen Regierungssitz des Großherzogtums Hessen in Darmstadt verdankt übrigens auch das heutige Regierungspräsidium seinen Standort.

Zwischen Hessen und Nassau entwickelten sich in dieser Zeit Handelskonflikte, denn Mainz hatte durch die Rheinschifffahrtsakte von 1831 seine historischen Handelsprivilegien verloren. Es war nun der Biebricher Konkurrenz ausgesetzt und durch neue Zollvereinbarungen und alternative Transportwege ins Hintertreffen geraten. Und das in Zeiten, als der Handel auf dem Rhein durch die Dampfschiffe erst richtig Fahrt aufnahm.

Der „Zoll“ in diesem Sinne kombinierte eine allgemeine Maut pro Schiff mit einer Gebühr, deren Höhe sich nach dem Gewicht der Ladung richtete. Bis 1803 hatten zwischen Mainz und Köln noch elf solcher Mautstellen bestanden. Die Rheinschifffahrtsakte von 1831 reduzierte diese Zahl auf sechs. Dass es dabei, jedenfalls in finanzschwachen Staaten wie Nassau, um wichtige Einnahmen ging, verdeutlicht das Beispiel der Jahre 1837-1847. Die Nettoeinnahmen Nassaus aus der Zollstelle Kaub betrugen in dieser Zeit jährlich durchschnittlich 170.577 Gulden.

Dampfschifffahrt und Handelskrieg

Um 1840 waren bereits 100 Dampfschiffe und 36 Schleppschiffe, die ebenfalls mit Dampfkraft betrieben wurden, auf dem Strom im Einsatz. Außerdem befuhren ihn im Fracht- und Personenverkehr mehrere Tausend Segelschiffe; allein 1845 wurden 290 neue Segelschiffe nach der Rheinschifffahrtskonvention „geaicht“, das heißt, für den Verkehr auf dem Rhein zugelassen, 1848 waren es 324.

Mit den neuen Zollvereinbarungen erhielt Biebrich, das bisher für die Rheinschifffahrt kaum Bedeutung gehabt hatte, eine neue gewerbliche Perspektive. Sie veranlassten den nassauischen Staat, erheblich in die Entwicklung des Ortes zu investieren. Ab 1838 ließ die Landesregierung dort eine neue Kaimauer, zwei Krananlagen, ein neues Zollamt und ein großes Depotgebäude für die Verwahrung der zollfreien Waren, den sogenannten Zollspeicher, errichten.

Schließlich waren auch die Flöße zollpflichtig. Im 19. Jahrhundert erlebte die seit dem 14. Jahrhundert auf Main und Rhein betriebene Flößerei eine besondere Blüte. Rund fünf Millionen Festmeter Holz wurden in kleineren Chargen jährlich allein den Main heruntergetrieben. Der Rheinstrom verlief auf dieser Höhe vor allem westlich der Petersaue bei Mainz, danach hatte man die Wahl, rechts oder links am Biebricher Wörth vorbei – Hessen oder Nassau, Mainz oder Biebrich. Die Nassauer lenkten in dieser Zeit mit einer sogenannten Fangbuhne, einer leicht veränderten Inselspitze in diesem Fall, den Strom mehr auf nassauische Gefilde. In Richtung Biebrich. Des neuen Zollhafens.

Es begann ein großes Geschäft, und Nassau zog mit seinem Freihafen und den neu errichteten Kränen bei Biebrich nebst direktem Eisenbahnanschluss nun viel davon an sich, während die Mainzer Kaufleute das Nachsehen hatten. Denn die Taunuseisenbahn, die als neunte Eisenbahnstrecke überhaupt bereits seit 1840 Frankfurt mit Wiesbaden verband, hatte seit 1841 auch eine Abzweigung nach Biebrich. Vom Bahnhof „Curve“, dem heutigen Bahnhof „Wiesbaden-Ost“, verlief ein Gleis über knapp 1,4 Kilometer quer über das heutige Infraservgelände und durch Biebrich und endete am Rheinbahnhof auf Höhe der an seiner Statt später errichteten Oranier-Gedächtnis-Kirche, oberhalb des noch heute dort stehenden Zollspeichers und Zollamts.

Eine Dampflok fuhr hier aber nie, die Waggons, die am Rheinufer beladen wurden, kamen mit Pferdekraft zur Abzweigung am Bahnhof Curve und wurden von dort auf den Weg mit der Taunuseisenbahn gebracht. Mit dem Mainzer Nebeljungenstreich aber war dieser Handelsweg zumindest über einige Zeit verbaut. Letztlich entfernten in Mainz stationierte preußische Pioniere drei Jahre nach der Blockade die letzten verbliebenen Bruchsteine aus der Fahrrinne. Heinrich Heine bezeugte die Vorgänge mit einem Vierzeiler aus Sicht Vater Rheins innerhalb seines satirischen Versepos „Deutschland-Ein Wintermärchen“.

Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
Doch schwerer liegen im Magen mir
Die Verse von Niklas Becker.

Es ist nicht überliefert, ob der Nebeljungenstreich für die dafür verantwortlichen Mainzer Kaufleute Konsequenzen hatte. Er war aber der nassauischen Regierung Genugtuung wie Lehre zugleich. Der Bau des Schiersteiner Hafens war die konsequente Folge – und die Nicklichkeiten und karnevalistischen Spitzzüngigkeiten zwischen Mainzern und Wiesbadenern.

Fortsetzung Schiersteiner Hafen

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