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Das Licht-Spiel-Haus

90 Jahre Caligari-Filmbühne

Am 21. Dezember 1926 war Premiere im neu errichteten „Ufa-Filmpalast“, das als Stummfilmtheater in neogotischem Stil erbaut wurde. Auf Verlangen der Marktkirche durfte es jedoch in deren Blickrichtung nur mit nüchterner Fassade ausgestattet werden – Zerstreuung und Vergnügen so nahe an einem Gotteshaus galt vor 90 Jahren noch als Zumutung. Was mögen die klerikalen Kritiker dann wohl über den Eröffnungsfilm gedacht haben? Von Mario Bohrmann

„Faust – eine deutsche Volkssage“, inszeniert von Friedrich Wilhelm Murnau, einem der bedeutendsten Stummfilmregisseure seiner Zeit, war der erste Film, der vor ziemlich genau 90 Jahren über die spätere Caligari-Filmbühne flimmerte, mit Emil Jannings in der Hauptrolle als Mephisto. Noch vom Mann am Klavier beziehungsweise an der Orgel begleitet, denn der „Ufa-Palast“ war seinerzeit rechts und links der Filmbühne noch mit Orgelpfeifen über nahezu die gesamte Höhe ausgestattet.

Man kann das gesamte damalige Ensemble, das entlang der Arcaden bis an die Wilhelmstraße reichte und zunächst als „Hotel am Park“ genutzt und gebaut wurde, heute nur noch mit Hilfe eines Luftbild erahnen. Es gab auch einen direkten Zugang von der Wilhelmstraße aus, der neben dem heutigen Parkcafé lag. Die Tanzschule Weber residiert in ehemaligen Club- und Barräumen, die auf die Hotelnutzung folgten, so der frühere „Scotch Club“. 1974 zog die Tanzschule in diese Räume ein. In den hinteren Räumen über dem Caligari befand sich noch die „Tabarin Bar“, in der viele prominente Gäste, auch in den Zeiten, als das ZDF noch in Wiesbaden war, zu Gast waren. Eine Wand mit Unterschriften, etwa von Charlie Chaplin, Paola, Curd Jürgens und vielen anderen, ist bis heute erhalten geblieben.

Aufbruchsstimmung und Wirtschaftswunderjahre

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ufa-Palast zunächst von den Amerikanern genutzt. Eine grundlegende Umgestaltung und totale Entkernung mit Neuaufbau erfolgte 1955 im Auftrag der Allianz-Versicherung, damals Eigentümer des Gebäudes. Aus dieser Zeit stammt die bis heute erhaltene, einmalige und denkmalgeschützte Innenarchitektur. Durch eine Erbschaft kam das Lichtspielhaus in den 1970er Jahren in städtischen Besitz.

Es ist einem Glücksfall zu verdanken, dass bei der Generalsanierung im Jahr 2000 überhaupt noch Baupläne aus den 1950er Jahren auf dem Speicher gefunden wurden. Ohne diese wäre es erheblich schwieriger geworden, die geniale Deckenkonstruktion nachzuvollziehen. Diese folgt genau der Bewegung der tragenden Dachkonstruktion und nutzt die Zwischenräume zwischen den Querbalken, um in der Wellenbewegung noch ein wenig mehr Höhe zu gewinnen als in der ursprünglich flachen Decke über dem alten Ufa-Palast von 1926.

Was der damalige Architekt Ludwig Goerz hier vollbrachte und was glücklicherweise erhalten blieb, war mehr als nur die Umsetzung des Auftrags, ein modernes Kino zu schaffen. Es zeigt auch die Aufbruchsstimmung der Wirtschaftswunderjahre und ist in sich eine Inszenierung von Licht – vor allem durch vielfältige indirekte Beleuchtung. Wer erstmals das Caligari betritt, wundert sich denn auch über die üppige Ausstattung. Ist es Jugendstil? Art Déco? Weder noch oder von allem ein bisschen.

Das Caligari zählt heute zu den schönsten Lichtspielhäusern in Deutschland, was einzig Ludwig Goerz zu verdanken ist, der seine Gedanken dazu in seinen Memoiren beschreibt:

„Die größte, interessanteste und kostspieligste Aufgabe war der, ich möchte beinah sagen, Neubau des Ufa-Kinos. Alles außer dem Gerippe wurde abgerissen. Stehen blieben nur der sacht ansteigende Boden des Zuschauerraums, die stark ansteigende Empore über seinem hinteren Teil, die hohe flache Decke und die erhöhte Fläche der Bühne. Von der obersten Höhe der Rückwand bis zur Bühnenhöhe baute ich eine in großen Wellen abfallende Decke ein, sie endete über der Bühne in einer riesigen, nicht ganz geschlossenen golden Rolle, so dass der Eindruck entstand, die Decke sei oben Gold. Diese Decke war frei schwebend von den Wänden gelöst und endete an den Seiten mit einem goldenen Ornament (…)

Die Rückwand des Zuschauerraums ist durch Goldmosaiken geschmückt. Sie symbolisieren den Kulturfilm, die heitere und tragische Muse und das Auge der Wochenschau. Der riesige Bühnenvorhang von 13 × 7 ½ Metern war ein in warmen Farben gehaltenes Ornament, den ein Tapezierer meisterhaft nach meinem Entwurf angefertigt hatte. Ich hielt ihn für das Prunkstück des Raumes. Der Erfolg entsprach dem Aufwand, er war kaum glaubhaft. Der Direktor der Ufa wollte das Kino in der Wochenschau bringen. Regisseur Oertel sagte: „Sie wissen überhaupt nicht, was sie da geleistet haben.“ Die Wiesbadener Zeitungen überschlugen sich mit Lob und sprachen von „Vollendeter Harmonie“ und von „Schöpferischer Meisterleistung“. Ich muss gestehen, dass mir bei der Eröffnung nicht so ganz geheuer war. Ich hatte den Auftrag, ein Kino zu bauen, ein Kino ist kein rauschend-festlicher Raum, man geht meist im Dunkel hinein, und wenn der Film zu Ende ist, trachtet man danach, so rasch als möglich an die frische Luft zu kommen. Zum Glück hat mir die Zukunft recht gegeben. Beim Umbau des Staatstheaters konnte dieses „Kino“ mit Oper und Operette bespielt werden, jetzt ist es das unter Denkmalschutz gestellte „Volkstheater am Park.“


Besitzwechsel und Dornröschenschlaf

Neben der von Ludwig Goerz vermerkten Nutzung als Spielstätte während des Umbaus des Staatstheaters hatte das Gebäude noch zahlreiche weitere Zwischennutzungen, verfiel dann jedoch in einen Dornröschenschlaf. Beinahe hätte die Stadt das Kino in mehrere kleine „Schuhschachtel-Kinos“ umbauen lassen, ähnlich dem Thalia am Mauritiusplatz. Diese Pläne wurden zum Glück, auch durch das Veto des damaligen Kulturdezernenten, Peter Riedle, nicht realisiert.

Ende der 90er Jahre beschloss die Stadt Wiesbaden dann, das Caligari als Spielstätte ihres kommunalen Kinos grundlegend zu sanieren. Zuständig war das Hochbauamt. Brigitte Böke und Hardmuth Sonntag, als hinzugezogener freier Architekt und Innenarchitekt, planten das Objekt.

Hier galt es erneut, die Balance zu halten zwischen Denkmalschutz, notweniger Sanierung und Renovierung. Die rund 1.000 gelben Klappsessel hatten nach 45 Jahren wahrlich ihre Schuldigkeit getan. Man entschied sich zu einem bewussten Rückbau aus dieser maximalen Auslastung zugunsten der Bequemlichkeit und besserem Zugang zu den jeweiligen Sitzreihen. Lange suchten die Architekten nach geeigneten neuen Kinosesseln. Sie testeten diverse Frankfurter Kinos, nahmen hunderte Male Platz und ließen Ausstatter in Wiesbaden ihre Modelle präsentieren. Schließlich entschieden sie sich für einen Anbieter aus Süddeutschland, der die Caligari-Filmbühne nun mit 427 bequemen Sesseln ausstattete.

Preiswürdige Sanierung

Die gelungene Sanierung und Modernisierung für rund 3,5 Millionen D-Mark erhielt im Jahre 2001 den Hessischen Denkmalschutzpreis. Die Wandfarbe Schwarz im Kinosaal entspricht nicht der originalen Farbgebung aus den 1950er Jahren, sondern ist den aktuellen Anforderungen an ein modernes Kino geschuldet. An dieser Stelle stimmten sich die Planer zwar nicht mit dem Denkmalschutz ab, der zunächst nicht begeistert war von dieser Abweichung von Urzustand, aber er ließ sich dann doch davon überzeugen, dass eine helle Wand einfach den Kinogenuss stört.

Die original gelbliche Decke und die indirekte Beleuchtung samt Goldkelchen und roten Details sowie die Anforderung an eine schwarze Wand führten auch zur einheitlichen neuen Farbgebung in schwarz-rot-gold. Die großen Schwingtüren aus Messing sind noch original erhalten, und das Foyer wurde mit neuem Mobiliar im Stil der 50er Jahre ausgestattet und innenarchitektonisch aufgewertet.

Die ornamentalen Blätter in der gewellten Decke wurden im Rahmen des Umbaus geöffnet, um dem Rauchabzug im Brandfall – gemäß heutigen Brandvorschriften – zu genügen. Brigitte Böke berichtete uns, wie besorgt und aufgeregt man war, als die Feuerwehr mit einem Rauchversuch die neu geschaffenen Abzüge über das Dach und die doch recht kleinen Öffnungen testete. Doch es funktionierte, das Caligari konnte wieder bespielt werden.

Die auf dem Speicher gefundenen alten Baupläne wurden bei der Wiedereröffnung im Jahr 2000 im Foyer präsentiert. Auch ein ehemaliger Mitarbeiter des Architekten Ludwig Goerz war anwesend und zeigte sich mit der Sanierung sehr zufrieden: Der Umbau sei in dessen Sinne gewesen.

Zum Tag der offenen Denkmals nach der Wiedereröffnung fasste der Architekt Hardmuth Sonntag, der bereits wenige Jahre zuvor auch die Sanierung des thalhaus-Theater verantwortete, erneut die herausragenden Besonderheiten der zeitlosen Caligari-Filmbühne zusammen:

„Zur Überraschung aller erweckte der Rückbau ein räumliches Juwel der 1950er Jahre aus dem Dornröschenschlaf. Der Architekt Ldwig Goerz hatte nach der totalen Entkernung ein vollkommen neues Raumkonzept entwickelt, dessen wesentliches Moment in einer Ganzheitlichkeit von Raum, Form, Licht und Funktion zu sehen ist. Und dies mit einer architektonischen Sachlichkeit, die sich zunächst durch den überreichen Formen-, Farben- und Lichteindruck nicht so ohne weiteres erschließt. Da ist die große Wellenbewegung der Decke. Sie folgt mit ihrem Auf und Ab der darüber liegenden Tragkonstruktion und bringt zusätzliche Raumhöhe über dem Rang. Hier lag eine räumliche Schwäche der flachen Decke des Stummfilmraums von 1926. Die Decke rollt sich weiter auf und endet in einer großen vergoldeten „Locke“ über der Leinwand. Schafft aber auch einen Übergang von Decke zu Wand, zur Leinwand. Die Raumbewegung geht weiter über neu eingebaute Stufen und verbindet über diese mit der Bodenebene den Zuschauerraum im Parkett. (…)

Man muss dem Raum eine gewisse theatralische Inszenierung zusprechen, sozusagen als architektonisches Vorspiel auf das Filmerlebnis nach dem Dunkelwerden. Es ist ein beredtes Zeugnis der Aufbruchstimmung in den Fünfzigern und gibt ein Beispiel für ein mutiges Zusammenwirken von Bauherr und Architekt. Im Vergleich zu anderen Kinobauten dieser Zeit gehen Konzept und Gestalt nicht ganz in dem Stil der Fünfzigerjahre auf. Das wird erst durch die besonderen Talente und den Werdegang des Architekten Ludwig Goerz verständlich. Neben seiner lebenslangen Tätigkeit als Maler, belegt durch zahlreiche Einzelausstellungen, wirkte er von 1926 bis 1934 als Bühnenbildner beim Stadttheater Dortmund (…), ehe er sich als Architekt in Wiesbaden niederließ.“

Kommunales Vollprogramm

Verantwortlich für den Spielplan und die Programmgestaltung der Filmbühne ist das Filmreferat des Kulturamtes mit Uwe Stellberger und Claudia Steiger. Andreas Heidenreich vom Deutschen Filminstitut – DIF e. V. kuratiert montags und dienstags das Programm im Caligari. Das Kinder- und Schulkino gestalten Katrin Farner-Kölle vom Kulturamt beziehungsweise Maria Weyer vom Medienzentrum. Das kommunale Kino in Wiesbaden ist Forum für eine Reihe von Filminitiativen und und -instituten, beispielsweise Wiesbadener Kinofestival e. V., Deutsche Film- und Medienbewertung FBW, Medienzentrum Wiesbaden e. V. und Staatstheater Wiesbaden.

Das Programm des Caligari zeichnet sich vor allem durch seine Vielfalt aus. Filmhistorische Raritäten aus dem Hause des DIF sowie das deutsche und das europäische Kino werden ebenso gepflegt wie internationale Arthouse-Produktionen, Dokumentarfilm und Kurzfilm. Das „Traumkino für Kinder“ und Schulveranstaltungen führen den Nachwuchs an die Filmkunst heran.

In der Regel werden die Filme in Reihen präsentiert, etwa „Bergwelten im Film“, „Kunst im Film“, „Atlantis update“, „Lauter irre Filme“. Werkschauen stellen ausgewählte Regisseure und Darsteller vor. Falls möglich, laufen die Filme in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Die Reihe „Filmstadt Wiesbaden“ lenkt den Blick auf die Werke der Filmschaffenden in Wiesbaden. Das Deutsche Filminstitut, DIF, präsentiert einmal im Monat Stummfilme mit Live-Musik.

Die Highlights im Caligari sind alljährlich stattfindende Filmfestivals wie „goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films“ (veranstaltet vom DIF) im April und das Exground-Filmfest im November (veranstaltet vom Verein „Wiesbadener Kinofestival“). Das Kulturamt zeichnet für das Deutsche Fernsehkrimi-Festival im März verantwortlich und, gemeinsam mit dem Verein „Come Out“, für die Homonale im Januar.

Die Caligari-Filmbühne ist eines der ersten öffentlichen Gebäude, das im Rahmen der Umstellung Wiesbadens zur „LED City“ kürzlich komplett auf sparsame Beleuchtungstechnik umgerüstet wurde. In 480 Arbeitsstunden wurden 220 Meter Flexbänder entlang der Wanddekorationen im Art-Déco-Stil verlegt, 80 LED- und 50 Einzelmodule installiert und 100 Strahler ausgetauscht. Die Einsparungen über die Lebensdauer von 20 Jahren betragen rund 1,2 Millionen Kilowattstunden Strom, 328.000 Euro und 720 Tonnen Co2.

In der kürzesten Nacht des Jahres am 21. Dezember wird der 90. Geburtstag des Caligari mit einem Jubiläumsprogramm gefeiert.

Auszeichnungen

Seit 1998 wurde das Caligari jährlich für die herausragende Programmgestaltung mit dem Hessischen Filmkunstpreis ausgezeichnet. Weiterhin erhielt es den bundesweit ausgeschriebenen Kinopreis des Kinematheksverbundes in den Jahren 2001, 2005, 2007, 2009, 2010, 2011, 2013, 2014 und 2016.

Festivals im Caligari

Das Deutsche Fernsehkrimi-Festival

Das renommierte Deutsche Fernsehkrimi-Festival bringt seit 2005 des Deutschen liebstes Filmgenre vom heimischen Bildschirm auf die große Leinwand. Im Mittelpunkt der Festivalwoche steht der Wettbewerb um den Deutschen Fernsehkrimi-Preis. Außerdem finden ein Krimi-Rahmenprogramm und von Knut Elstermann moderierte Publikumsgespräche mit geladenen Filmgästen statt.

Das Festival wird vom Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden mit Unterstützung durch den Hessischen Rundfunk und in Kooperation mit dem Medienzentrum Wiesbaden und dem Wiesbadener Kurier veranstaltet.

goEast

Bereits seit 2001 verwandelt „goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films“ die Landeshauptstadt jedes Jahr aufs Neue zu einem der international wichtigsten Schauplätze für das Kino aus Mittel- und Osteuropa. Das Projekt des Deutschen Filminstituts umfasst weit über 100 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, die sich über sieben Spieltage und ebenso viele Sektionen verteilen.

exground filmfest

Das exground filmfest gibt es schon seit 1990. Mit zuletzt über 14.000 Besuchern hat es sich von einem lokalen Festival für den Experimental- und Underground-Film zu einer international renommierten Plattform für das Arthouse-Kino etabliert. Länderschwerpunkte – in diesem Jahr war es Iran – ergänzen das Filmprogramm.

www.wiesbaden.de/caligari

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