Bowling Green Altes Kurhaus - Quelle: Stadtarchiv Wiesbaden

Das Bowling Green

Von der Kleewiese zum Edelsportplatz
Von Rainer Niebergall und Mario Bohrmann

„Gesellschaftliche Unterhaltungen und abwechselnde Ver­gnügungen sind ohnläugbar Hauptbedürfnisse jeder Badeanstalt, sie (…) werden daher all­gemein in jedem Badeorte gewünscht; daß ein freundliches nur den Ver­gnügungen der Kurgäste gewidmetes (…) Gebäude diesen Zweck vorzüglich befördert, ist allgemein anerkannt.“

So zu lesen in einem herzoglichen Publicandum von 1807, im Jahr zuvor war Wiesbaden durch das neue Herzogtum Nassau zur Hauptstadt erklärt worden und die wollte man nun repräsentativer gestalten. Kurhaus und Kureck entstanden aus diesen frühen Planungen.

Die Spielbankpächter hatten die Regierung davon überzeugt, dass die Einrichtung eines gesellschaftlichen Zentrums vonnöten sei, wo auch die Spielbank beheimatet sein sollte. Wiesbaden war Sitz der herzoglichen Regierungsbehörden und ein Badestädtchen von regionaler Bedeutung, aber durch und durch landwirtschaftlich geprägt und im Begriff, von Badeorten wie Langenschwalbach oder Schlangenbad überflügelt zu werden. Weil man anderenorts gute Erfahrungen mit einem solchen „Cursaal“ gemacht hatte, sollte es ihn auch hier geben. Angesichts leerer Kassen musste das erforderliche Kapital durch eine Aktiengesellschaft eingesammelt werden; die Planung wurde Christian Zais übertragen, der damit seinen ersten Großauftrag erhielt.

Zum Streit kam es über die Frage, wo gebaut werden sollte. Die Badwirte favorisierten einen Standort in der Nähe ihrer Badhäuser, den Zais strikt ablehnte. Die als schäbig geltende Stadt sollte den Blicken der Gäste möglichst entzogen sein. Er hatte die besseren Argumente – mit der Konsequenz freilich, dass er die Badwirte gegen sich aufgebrachte und kein Wiesbadener Aktien zeichnete; sie wurden allesamt durch die Regierung und die herzogliche Familie erworben. Der 1810 eröffnete „Cursaal“, das alte Kurhaus, lag vor dem Sonnenberger Tor an der Stelle des Wiesenbrunnens, einer kleinen Attraktion innerhalb der bescheidenen Kuranlagen. Zur Stadt hin plante Zais einen großzügigen Platz bis zu einer parallel zum Kurhaus geplanten „Alleestraße“, der späteren „Wilhelmstraße“. Jenseits der Straße sah er einen weiteren Platz vor, dessen Bebauung den Kurbezirk zur alten Stadt hin abschirmen und alle Einrichtungen versammeln sollte, derer die Badegäste bedurften – auf dass sie den Kurbezirk möglichst nicht verlassen mussten.

 

Schwere Zeiten um Vier Jahreszeiten

Links des 1812 abgerissenen Stadttors baute Zais ein Wohnhaus für sich und seine Familie, rechts ein Gasthaus, das später umbenannt wurde in „Nassauer Hof“. Auf der Nordflanke sollte ein Theater entstehen sowie zur Burgstraße hin das Kur- und Badhaus „Zu den Vier Jahreszeiten“, das mit marmornen Bädern und eleganten Zimmern und Appartements die Voraussetzungen dafür schuf, dass selbst hohe und höchste Herrschaften ein angemessenes Quartier finden konnten.

Leere Staatskassen verhinderten die Realisierung; um sein Konzept der exklusiven Abgeschlossenheit zu retten, plante Zais einen Bau in eigener Regie, der Theaterbau wurde vertagt. Auseinandersetzungen mit den Wiesbadener Badwirten um die Einleitung von Thermalwasser, bis hin zu Sabotageakten, führten 1820 zu seinem verfrühten Tod. Spätere Untersuchungen ergaben die Haltlosigkeit der gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe; 1822 eröffnete die Familie das Haus „Vier Jahreszeiten“, das überregional Maßstäbe setzte – es wurde 1945 durch Bomben vollständig zerstört.

Zais’ Tod brachte die Bautätigkeit zum Erliegen, bis der Landbaumeister Wolff 1826 mit dem Bau eines Theaters auf der Nordflanke des Platzes beauftragt wurde. Als der aus städtischen Mitteln errichtete und später vom Hof übernommene Bau räumlich und ästhetisch den gestiegenen Anforderungen nicht mehr genügte, wurde er abgerissen und machte damit Platz für den großzügigen Neubau des Nassauer Hofs. Zeitgleich entstand nach den Plänen von Domänenbaurat Zengerle die heute als „Kurhauskolonnade“ bezeichnete „Alte Kolonnade“, angelehnt an die strenge klassizistische Architektur des „Cursaals“, mit 46 dorischen Säulen zwischen zwei Pavillons. Ihre spiegelbildliche Ergänzung bildet die 1839 vom Baurat Faber als „Theaterkolonnade“ bezeichnete „Neue Kolonnade“. Sie entsprechen in Form und Funktion den als „Stoa“ bezeichneten Wandelhallen, die den zentralen Platz griechischer Städte umgeben. Gemeinsam mit dem Kurhaus an der Stelle des zentralen Tempels ist der Kurhausplatz inspiriert von der „Agora“ der griechischen Stadt und Ausdruck der Griechenlandbegeisterung im frühen 19. Jahrhundert.

Ob sich Christian Zais den Platz so vorstellte, ist fraglich – verbindende Gänge finden sich nicht in seinen Plänen und widersprechen seiner Absicht, die auf Distanz abzielte. Allerdings wurden Wandelhallen seit Beginn der Planungen gefordert, die vor Regentropfen wie Sonnenstrahlen gleichermaßen schützten und zudem Verkaufsbuden witterungsunabhängig und ästhetisch befriedigend aufnehmen konnten. Der Platz, den der Hofgärtner Schweitzer nach Zais’ Plänen gestaltete, sah im Zentrum eine Grünfläche vor, die mit schnell wachsendem Klee bepflanzt wurde. Beidseits der Grünfläche befanden sich Wege, gesäumt von je drei Baumreihen. Fahrwege und eine weitere Baumreihe schlossen den Platz ab. Zais konnte noch erreichen, dass die schnell wachsenden Akazien und Pappeln durch Platanen ersetzt und die Grünfläche mit Rasen bepflanzt wurde; die geplante Fontäne im Zentrum ließ sich nicht verwirklichen. Sein Budget hatte er bereits überschritten. Zudem ergaben sich technische Schwierigkeiten. Die Quellen, die er zum Betrieb der Fontäne im Umland hatte fassen lassen, speisten stattdessen diverse Laufbrunnen im Innenstadtbereich.

 

Das Bowling Green entsteht

Um die Kolonnaden ergänzt und um einige Baumreihen vermindert, präsentierte sich der Platz den englischen Kurgästen, die verstärkt seit den 1830er Jahren die „Brunnens of Nassau“ und Wiesbaden besuchten und die – sehr zur Verwunderung der Einheimischen – Sport trieben. Um Cricket, Crocket oder Bowling zu spielen, war eine Rasenfläche erforderlich und die englischen Gäste waren hoch erfreut, diese mitten im Kurbezirk vorzufinden – so kam es zum Namen „Bowling Green“. Einschneidende Veränderungen ergaben sich 1855, als Carl Friedrich Thelemann im Auftrag des Herzog und finanziert aus Spielbankerlösen die Gärten am Warmen Damm anlegte, den Kurpark neu und auch das Bowling Green umgestaltete. Nun entstanden die barockisierenden Brunnenbecken mit den beiden Kaskadenbrunnen nach den Entwürfen des Architekten Theodor Goetz, die schon zur Entstehungszeit nachts durch Gaslicht „wahrhaft feenhaft“ erleuchtet wurden.

Spätere Ansichten zeigen den Platz durchzogen von Wegen, üppig begärtnert und eingefriedet. Wie den Kurpark ließ Kurdirektor Hey’l auch den nun als „Blumengarten“ bezeichneten Platz einzäunen, der dem zahlenden Publikum vorbehalten war, was die Exklusivität steigerte. Diese Veränderungen wurden nach dem Ersten Weltkrieg rückgängig gemacht. Im Zuge der Bemühungen um eine Wiederbelebung des Kurbetriebes erhielt die Theaterkolonnade ihre derzeitige Gestaltung, wobei der pompöse wilhelminische Portikus des Theaters entfiel. In der gegenüberliegenden nördlichen Kolonnade wurden – unter Mitwirkung des Architekten Paul Bonartz – die Läden entfernt, die Rückseite geöffnet, eine halbrunde Exedra ergänzt und eine Trinkhalle eingerichtet, weswegen sie in der Folge als „Brunnenkolonnade“ bezeichnet wurde.

Unter Verzicht auf Wege, Rabatten und Zaun präsentierte sich das Zentrum des Platzes nun wieder als eine durch Brunnen belebte Rasenfläche – eine Gestaltung, die auch nach dem Bau der Tiefgarage und dem Ersatz der altersschwachen Platanen gewahrt blieb. Eine eindrucksvolle klassizistische Platzschöpfung, streng und klar – und festlich am Abend, wenn die Lichter erstrahlen.

Hohe Hürden für Veranstaltungen

Für alle bedeutenden Grün- und Parkanlagen, wie Reisinger und Herbert Anlagen, Kurpark, Warmen Damm und andere existieren bereits seit langem Parkpflegewerke, die über frühere und heutige Nutzungen der Grünanlagen, die Geschichte der Parks, deren Schutz und Pflege Auskunft geben. Bislang sind sie leider nicht veröffentlicht und werden nur verwaltungsintern genutzt. Der Warme Damm gilt hier als besonderes naturräumliches und geschütztes Gut, das keine Massenveranstaltungen verträgt.

Das Bowling Green fällt hier in eine andere Kategorie mit anderen Ansprüchen. Als eine der größten Stadtplatzanlagen aus dem frühen 19. Jahrhundert wird es in seiner Einbettung zwischen Kolonnaden, Kurhaus und Kaiser-Friedrich-Denkmal vor dem Nassauer Hof denkmalrechtlich als sogenannte Sachgesamtheit gesehen, da die Gebäude quasi in einem Guss und vor allem aus einem planerischen Gedanken entstanden sind.

So ist auf dem Bowling Green das Gesamtbild im Blick zu halten und man hat weniger Probleme mit großen Konzerten, als mit tagelangen Automobilausstellungen mit großen Werbezelten. Verantwortlich für das Bowling Green ist das Kurhaus als Eigentümer der Fläche, die einen Anforderungskatalog zu erfüllen hat, wenn sie diese Fläche nutzt. Neben den Anforderungen an das Gesamtbild sind die Brunnen und vor allem die zweireihigen Platanenalleen besonders zu sichern. In diesem Sommer, wenn es denn noch einer wird, sind gleich zwei Musikgrößen auf dem Bowling Green zu sehen. David Gilmore und Sting geben sich die Ehre und durch die zwischen Mainz und Wiesbaden gewünschte, engere Kooperation bei Veranstaltungen aller Art, kommen noch weitere große Konzerte, auch am Biebricher Schloss zustande.

Organisiert von mainzplus CITYMARKETING, die ähnlich Wiesbaden Marketing innerhalb der Stadt die Bereiche Congress, Tourismus und Kultur verwalten und eigentlich Mainz als Tourismus-, Kultur- und Tagungsdestination vermarkten, kommen nun deren Konzerte auch nach Wiesbaden. Gemeinsam mit Palast Promotion organisieren sie auch die Sommerkonzerte auf dem Bowling Green.

Bild: Bowling Green und altes Kurhaus
Quelle: Stadtarchiv Wiesbaden

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