Caravaggio

Caravaggios Erben – Barock in Wiesbaden

Sonderausstellung im Landesmuseum Wiesbaden
von Meinrad v. Engelberg

Mit letzter Kraft versucht der halbnackte, auf dem Rücken liegende Mann sich gegen die zwei jungen Frauen zu wehren, die ihn mit aller Gewalt auf das Bett pressen. Doch ein Blick in das vor Anstrengung gerötete Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen und dem halb geöffneten Mund zeigt, dass er keine Chance hat. Das Schwert, das die blaugewandete Dame ihm an die Kehle gesetzt hat, durchtrennt gnadenlos seinen Hals, wie der Blutstrom auf den weißen Laken belegt. Die Gesichter der Täterinnen wirken dabei ernst und konzentriert. Sie erledigen gewissenhaft einen höheren Auftrag. Sie retten mit dieser Bluttat ihr Volk vor einem Tyrannen.

Judith, die blau gekleidete Herrin, hat sich als junge, schöne Witwe zusammen mit ihrer Dienerin als Lockvogel aus der belagerten Stadt Betulia heraus in das Zelt des assyrischen Generals Holofernes geschlichen. Sie erwirbt das Vertrauen des feindlichen Heerführers, macht ihn betrunken und tötet ihn mit seinem eigenen Schwert auf jenem Bett, auf dem er sie besitzen wollte. Den abgetrennten Kopf nimmt sie später als Siegeszeichen mit in die Stadt. Die Feinde werden kurz darauf durch einen Ausfall vertrieben, Betulia – mit Gottes Hilfe – befreit und Judith als Heldin gefeiert.

Das Skript eines Agententhrillers? Ein Filmstill aus einem Splatter-Movie? Nein, eine Szene aus dem Alten Testament, ins Bild gesetzt von einer Frau namens Artemisia Gentileschi, vor 400 Jahren gemalt und ein Hauptwerk jener großen Ausstellung, für die das Museum Wiesbaden aufwendig in der Stadt plakatiert. Das war eindeutig zu viel für manche besorgten Eltern, die sich bei Museumsdirektor Klar beschwerten: „Zu blutrünstig für Kinder!“, für den öffentlichen Raum!

Ein Missverständnis? Eine gezielte Provokation? Ja und Nein. Man wundert sich schon, welche Reaktionen ein historisches Gemälde in einer Zeit noch auslösen kann, in der „echte“ Enthauptungsvideos ebenso zur politischen Propaganda gehören wie die Blutspritzer am Tatort zur Eröffnungssequenz der meisten Fernsehkrimis. Vielleicht wären Gentileschi und ihre Zeitgenossen aber auch stolz darauf gewesen, dass die Schockeffekte, die ungeschönte Drastik und nahsichtige Körperlichkeit ihrer Bildererfindungen auch nach Jahrhunderten nichts von ihrer Emotionswirkung eingebüßt haben. Bemerkenswert auch, dass die biblische Geschichte, die hier abgebildet wird, anscheinend nur noch den wenigsten bekannt ist, obwohl sie zu den beliebtesten Motiven der Kunstgeschichte zählt.

Und das soll Barock sein? Da denkt der Laie doch lieber an Reifröcke und gepuderte Perücken, Pracht und Überfluss, Luxus und Leichtlebigkeit. Aber die Epoche hatte eben auch ganz andere Seiten, wie es die gleichzeitig in Mannheim gezeigt Schau in ihrem Titel ausdrückt: „Barock – nur schöner Schein?“ Nein, sondern auch Krieg, Gewalt, Armut, Pestepidemien, emphatische Religiosität und ein heute weitgehend vergessenes Repertoire aufregender Geschichten aus Mythologie und Antike, die von den neapolitanischen Künstlern bevorzugt ins großformatige Bild gesetzt wurden. Sie sind der eigentliche Gegenstand dieser Ausstellung, in der es vor allem ums dramatisch-wirkungsvolle Geschichtenerzählen geht, um „Historienmalerei“, wie man damals sagte.

Die Konzentration auf diese führende Bildgattung, damals die höchstrangige und sozusagen der „Spielfilm“ jener Epoche, erklärt auch, warum es in der großen Wiesbadener Schau so wenig gefällige Porträts und Stillleben, Landschaften und Genrebilder zu sehen gibt. Bezugspunkt aller hier vorgestellten Künstler war Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571-1610), der als Einzelgänger und Malerrevolutionär in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Angeblich im Alleingang erfand er im Rom der Päpste eine neue Form der Bilderzählung, die nahsichtig und mit grellen Beleuchtungseffekten dramatische Szenen wirkungsvoll aus einem dunklen Bildgrund herausmodelliert. Als Modelle wählte er möglichst derbe, authentische Vertreter des einfachen Volkes, die, wenn sie betend vor der Madonna niederknien, dem Betrachter ihre vom Barfußlaufen schmutzigen Fusssohlen entgegenstrecken. Erstaunlicherweise erkannte die von der Reformation erschütterte katholische Kirche schnell das Potential, das in dieser Darstellungsweise liegt: Es galt, die Gläubigen oder auch Zweifelnden direkt und emotional zu berühren, über den Seh-Sinn Herz und Verstand zu erreichen, Interesse zu wecken, Identifikation zu fördern, zu unterhalten, zu packen, zu erschüttern und dadurch zu belehren. Helden und Heilige sollten als Menschen aus echtem Fleisch und Blut erkennbar werden, die sich dennoch stoisch dem körperlichen Leiden des Martyriums für Gott und die Tugend aussetzen. Die moralischen Lektionen der Antike rücken den Betrachtenden im Wortsinn „auf die Pelle“, wenn man den sinnlichen Reiz der jungen Lukrezia mit ihrem entblößten Körper (gemalt von Luca Giordano) nachempfinden kann, bevor sie sich, vom letzten römischen König Tarquinius entehrt, einen Dolch in die schöne Brust rammt, wie es Andrea Vaccaro darstellt.

In Neapel hat die Kunst des wegen einer Mordanklage aus Rom geflüchteten Caravaggio besonders intensive Nachfolge gefunden. Damals die drittgrößte Stadt Europas, unter wechselnder Fremdherrschaft österreichischer und spanischer Vizekönige, wandte sie sich ekstatisch an ihren Schutzheiligen Januarius, wenn wieder ein Vesuvausbruch drohte oder eine neue Pestwelle die von sozialen Unruhen erschütterte Metropole entvölkerte.

In Wiesbaden hat Kurator Peter Forster mit seinem Team nun nach zweijähriger mühsamer Vorarbeit die vermutlich größte und glanzvollste Schau neapolitanischer Malerei zusammengeführt, die je in Europa zu sehen war. Museen aus der ganzen Welt von Oslo bis Ohio, dem österreichischem Rohrau, Berlin, Budapest, Rom, Paris und natürlich Neapel selbst haben ihre Hauptwerke ausgeliehen: So kann man hier vielleicht erst- und letztmals zwei verschiedene monumentale Versionen der „Befreiung Petri aus dem Kerker“ des Malers Mattia Preti aus Wien und Dresden miteinander vergleichen kann, die vermutlich noch niemals an einer Wand hingen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auch auf den kleinformatigen Zeichnungen, mit denen die Kompositionen vorbereitet wurden: Sie stammen u.a. aus dem Privatbesitz der Queen oder der Wiener Albertina, also den berühmtesten graphischen Sammlungen der Welt. Einige von ihnen sind so kostbar und lichtempfindlich, dass sie nach der Hälfte der Laufzeit die Ausstellung schon wieder verlassen müssen. Man sollte sich also beeilen, wenn man sie noch zusammen mit jenen Gemälden sehen will, denen sie künstlerisch vorangingen.

Warum Neapel in Wiesbaden? Kristallisationspunkt der Ausstellung sind einige durchaus bedeutende Barockgemälde, die sonst eher unbeachtet in der Altmeisterabteilung des Landesmuseums hängen. Sie wurden zum großen Teil in den 1930er Jahren durch den damaligen Museumsdirektor Hermann Voss (1884-1969) angeschafft, der ein ebenso großer Experte dieser Kunst wie skrupelloser Nutznießer der in jenen düsteren Tagen grassierenden Enteignungs- und Zwangsverkaufspraktiken war. Auch dieses heikle Thema wird im opulenten Katalog dankenswerterweise nicht ausgespart.

Das alles hat viel Geld gekostet, wie der Kurator offen zugibt. Der Kulturfonds Rhein-Main hat neben vielen anderen großzügig geholfen, aber dafür will man jetzt auch Zahlen sehen … Besucherzahlen natürlich, die alles entscheidende Währung im heutigen knallharten Ausstellungsgeschäft. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen. „Hingen dieselben Bilder jetzt im Städel, hätten wir da keine Sorgen“ gibt Forster ehrlich zu. Wiesbaden liegt nun mal nicht an den Hauptrouten des internationalen Kunsttourismus. Wenn überhaupt, identifiziert man das Landesmuseum mit klassischer Moderne, Jawlenski und Kabakow, nicht Honthorst und Ribera. Der Barock jenseits von Markennamen wie Vermeer, Rembrandt oder Velasquez hat nicht gerade Hochkonjunktur. Wer pilgert schon zu Francesco Solimena, dem heute vergessenen Erfolgsmaler des frühen 18. Jh.s, der mit einer opulenten Werkreihe hier zu sehen ist?

Der gesamten Ausstellung haftet auch etwas Elitäres an. Der Kunsthistoriker freut sich über den wissenschaftlichen Tiefgang des Katalogs, aber wie erreicht man damit Schulklassen? Neapel kommt als Schauplatz nur am Rande vor, es geht eben um die dort entstandene Kunst, nicht um die Kulturgeschichte der Stadt. Der Spezialist ist begeistert, wenn er ein Dutzend seltene Bilder eines Malers vergleichen, der Entwicklung eines Sujets durch die Jahrzehnte nachspüren kann … aber wie lockt man die vielen potentiellen „Kunden“ jenseits des Bildungsbürgertums ins Museum, denen Lucrezia, Judith und Kampaspe gleichermaßen fremd und fern sind, die sich in das viele nackte, gemarterte, schwellende Fleisch, dass da aus dunklem Bildgrund hervordrängt, erst einsehen müssen? Im 21. Jh. gehören Kollwitz und Barlach, Monet und Werefkin eben viel eher zum Kanon des „must see“ als Caravaggio und Gentileschi.

Diese Ausstellung ist eine Herausforderung: Für das Museum, für die Besucher(-innen), für Wiesbaden. Keine leichte Kost, aber eine überaus lohnende Entdeckung. Es bleibt zu hoffen, dass bis zum 12. Februar noch möglichst viele Neugierige „Neapel sehen …“ wollen. Das sprichwörtliche „… und sterben“ kann man getrost den Helden und Heldinnen auf der Leinwand überlassen.


Führung durch die Ausstellung am 19. Januar um 18 Uhr

Das Lilienjournal bietet zusammen mit unserem Autor, dem Kunsthistoriker Meinrad von Engelberg (rechts im Bild), am Donnerstag, den 19. Januar um 18 Uhr, eine mit Sicherheit spannende und kurzweilige Führung durch die Ausstellung an. Wir treffen uns um 18 Uhr im achteckigen Foyer am großen Spiegel und lösen dann das gemeinsame Gruppenticket (7 Euro pro Person, bitte passend bereithalten).

Wer erst später nachkommen kann muss ein Einzelticket lösen und kann sich der Gruppe, die sicherlich leicht zu finden sein wird, anschließen. Das Museum ist Donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Am gleichen Abend zeigt die Caligari FilmBühne um 20 Uhr im Rahmen der Ausstellung „Caravaggios Erben – Barock in Neapel“ den Film „Artemisia“

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