klatsch

Café Klatsch – Ein Lehrstück in praktischer Solidarität

Die Räume des Café Klatschs sollten verkauft werden. Doch in der Not zeigt sich, wer die wahren Freunde sind: Innerhalb kürzester Zeit sammelte der Verein LinksRoom genügend Spenden und Darlehen, um die linksalternative Kneipe kaufen zu können. Der Autor Falk Sinß hat sieben Jahre im Café Klatsch gearbeitet.

Der Wiesbadener Kneipen-Dschungel ist ständig in Bewegung. Neue Lokale entstehen, andere verschwinden. Manche bleiben in Erinnerung, viele sind schnell in Vergessenheit geraten. Eine Konstante stellt seit mehr als 31 Jahren das Café Klatsch dar. Zu dem im Rheingauviertel beheimateten Laden hat fast jeder Kneipengänger eine Meinung. Die einen meckern, dass sie so lange auf ihre Bestellung warten müssen, die anderen zucken mit den Achseln und sagen: „Das ist halt das Klatsch.“ Und gehen gerade deshalb gerne dort hin. Denn das Café Klatsch war schon immer etwas anders als andere Kneipen in Wiesbaden. Hier gab es schon Lebensmittel aus regionalem Anbau, Eiern von glücklichen Hühnern und fair-gehandelten Kaffee aus Nicaragua lange bevor die Discounter Fair-Trade- und Biosiegel für sich entdeckten. Von den stuckverzierten Wänden wetterten Plakate gegen die Atomkraft und schreien noch heute gegen die Ungerechtigkeit der Welt an oder rufen zu Blockaden von Naziaufmärschen auf. Und bis heute hat das Café Klatsch keinen Chef: die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen treffen jede Entscheidung als Kollektiv. „Wir wollten nicht nur unseren eigenen Lebensunterhalt, sondern auch genügend Geld verdienen, um damit andere Projekte zu unterstützen und weitere selbstverwaltete Betriebe zu gründen“, sagt Rainer, der fast von Anfang an im Klatsch arbeitet.

Rückblende: Deutschland in den 1980er Jahren. Das Land ist in Aufruhr. Die Proteste gegen den Bau der Startbahn West und die Aufbereitungsanlage in Wackersdorf oder gegen den NATO-Doppelbeschluss werden in einer Heftigkeit geführt, die heute kaum noch vorstellbar ist und die nicht selten blutig oder manchmal sogar tödlich endet. Das Café Klatsch ist ein Kind dieser Zeit. Denn der Traum von einer besseren Welt sollte nicht nur erkämpft, sondern auch gelebt werden. Selbstverwaltete Betriebe schossen in ganz Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Und so wurde das Café Klatsch am 15. September 1984 von elf Menschen eröffnet, die nicht nur eine alternative Form des Zusammenlebens suchten, sondern auch eine alternative Form des Arbeitens – selbstbestimmt, ohne Chef.

Doch nur wenige Kollektivbetriebe aus jener Zeit existieren noch heute. „Ich schätze, dass etwa 80 bis 90 Prozent davon entweder dicht gemacht haben oder mittlerweile nicht mehr selbstverwaltet sind”, so Rainer. Eine Erklärung zu finden, warum gerade das Klatsch eine Ausnahme darstellt, ist schwierig. Rainer vermutet, dass die Fluktuation der Kollektivisten einer der Gründe dafür ist: „Es sind immer wieder neue Leute dazu gekommen, die mit neuen Ideen frischen Wind gebracht haben, ohne dass der Laden seine Ideale verliert.” Rund 180 Menschen dürften das in den vergangenen 31 Jahren gewesen sein.

Geschichte ist nie eine lineare Erzählung. Es gibt Brüche, es gibt Höhen und es gibt Tiefen. So auch beim Café Klatsch. Das sind bei einem Kneipenbetrieb natürlich die Phasen, in denen die Gäste weniger werden und das Geld knapp wird. Diese Phasen gab es auch beim Klatsch. Doch als Tiefpunkt bleibt vor allem ein anderes Ereignis in Erinnerung: die Steinmetz-Geschichte, wie Rainer sie nennt. Klaus Steinmetz war ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der 1993 in Bad Kleinen war, als Birgit Hogefeld verhaftet und Wolfgang Grahms bei einem Schusswechsel mit Beamten der GSG-9 ums Leben kam. Beide waren Mitglieder der RAF. Steinmetz war aber nicht nur V-Mann, er war auch in der linken Szene Wiesbadens aktiv und arbeitete kurze Zeit im Klatsch. „Wir wussten, dass der Verfassungsschutz ein Auge auf uns hat”, sagt Rainer. „Aber dass die einen Spitzel bei uns einschleusen, hielten wir nicht für möglich.“ Das Kollektiv stand vor der Zerreißprobe. Gegenseitiges Misstrauen prägte die Arbeit. Doch das Café Klatsch meisterte auch diese Herausforderung und machte weiter – bis heute.

Dieses Jahr stand das Café Klatsch erneut vor einer Herausforderung – der Größten in seiner 31-jährigen Geschichte. Der Besitzer des Ladenlokals wollte sich schon länger von seiner Immobilie trennen. Was ein neuer Besitzer mit den Räumen anfangen würde, stand in den Sternen. Würde er das Café Klatsch weiterhin als Mieter akzeptieren? Würde er das Mietverhältnis kündigen? Fragen auf die es keine Antworten gab, als die Verkaufsabsicht im Frühjahr publik wurde. Kurzum: die Existenz des Café Klatschs war gefährdet, solange nicht klar war, was ein neuer Besitzer mit der Immobilie anfangen würde.

„Das war natürlich ein Schock, als wir von der Verkaufsabsicht erfuhren“ sagt Jannek, der seit zwei Jahren im Klatsch arbeitet. Eine Lösung musste her, die dafür sorgt, dass auch in den nächsten Jahrzehnten noch Biobier und Feta-Fladen an der Marcobrunnerstraße verkauft werden können. Deshalb wurde von einigen Kollektivisten und Freunden des Café Klatschs der Verein LinksRoom e.V. gegründet. Dieser wird nun die Immobilie kaufen und dann an das Kollektiv vermieten. Dafür brauchte der Verein Geld. 250.000 Euro betrug der Kaufpreis, weitere 20.000 Euro werden für den Notar und andere Kosten, die mit dem Kauf zusammenhängen, benötigt. Bis zum Ende des Jahres sollte das Geld zusammen sein, mit den Mieteinnahmen sollen anschließend die Darlehen, die für den Kauf gesammelt wurden, zurückgezahlt und andere linke Projekte unterstützt werden. „Wiesbaden braucht Freiräume jenseits des bürgerlichen Mainstreams, in denen sich Menschen ohne Konsumzwang treffen können. Eine lebendige Stadt braucht Orte, von denen Impulse für ein solidarisches, selbstbestimmtes, ja für ein gutes Leben ausgehen“, sagt Jannek und macht klar, dass es hier um mehr als nur das Café Klatsch geht.

Wahre Freundschaft zeigt sich in der Not, heißt es. Und dass das Café Klatsch viele Freunde hat, zeigte sich in dieser Notsituation. Innerhalb kürzester Zeit kam die Kaufsumme über Spenden und Darlehen schon bis Ende November zusammen. Es fehlen nur noch rund 20.000 Euro für Steuern und Notar. „Die Welle der Solidarität, die wir zurzeit erfahren, ist enorm“, sagt Jannek und fügt an: „Dafür sind wir sehr dankbar.“ Und selbst wenn diese Summe nicht mehr über Spenden zusammenkommt: Das Café Klatsch ist gerettet. Und Wiesbaden darf sich über den Erhalt einer Konstante im Wiesbadener Kneipen-Dschungel freuen.

Praktische Solidarität

Soli-Veranstaltungen um die fehlenden 20.000 Euro zu sammeln finden statt am

27.12. Superbleep mit elektronischen Beats im Kesselhaus/Schlachthof
29.12. Livekonzert mit Can You Can Can und Puerto Hurricane Sisters im Kesselhaus/Schlachthof

Schreibe einen Kommentar