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40 Jahre Volleyballclub Wiesbaden

Bundesliga im Herzen der Stadt

Die Stimmung, gerade in der eigens für den Verein so konzipierten Halle am Platz der Deutschen Einheit, ist schon einzigartig infektiös. Die gut 2.000 Plätze sind bei vielen Heimspielen nahezu vollständig belegt. So viele Zuschauer hat der SVWW selten im weitaus größeren Stadion an der Berliner Straße. Der Wiesbadener Volleyballclub hat offensichtlich das, was dem Drittligisten im Fußball bislang nur sehr bedingt gelingt: Erfolg und echte Wiesbadener Identifikation.

Von Mario Bohrmann

 

Am 30. Januar 1977 schlossen sich die Volleyballabteilungen des TVBiebrich, TuS Dotzheim und der Eintracht Wiesbaden zum neu gegründeten Verein Volleyballclub Wiesbaden zusammen. Das daraus eine solche Erfolgsgeschichte werden sollte, konnte zu dieser Zeit noch niemand ahnen.

Das Potenzial an guten Volleyballspielern war in Wiesbaden früh zu sehen, aber noch verteilt über verschiedene Volleyballabteilungen der Wiesbadener Vereine chancenlos, um wirklich dauerhaft erfolgreich zu sein. Die Volleyballabteilung des Turnvereins Biebrich war zwar bereits in die Bundesliga aufgestiegen, aber es mangelte dort an Nachwuchsarbeit. Dennoch war Wiesbaden schon damals eine Bank im deutschen Volleyball, die Bundesliga war erst kurz zuvor gegründet worden. Man spielte noch in der Dyckerhoffhalle in Biebrich, später im Schelmengraben, lange bevor man an die Halle am 2. Ring wechseln konnte.

Anfangs erfolgsverwöhnt, die Regionalligamannschaft der Herren stieg in den frühen 1980er Jahren in die 2. Liga auf und hielt sich zunächst lange dort, die Frauen spielten ja bereits erfolgreich in der 1. Liga, folgten erste Rückschläge. Nach anhaltenden Misserfolgen gingen viele Leistungsträger weg und man musste sich in den 1990er Jahren erst wieder aus der Bezirksliga hocharbeiten. Doch dank schon damals starker Nachwuchsarbeit und neuem Aufschwung in den 1990er Jahren stieg man wieder in die Regionalliga auf. Allerdings neigte sich die Waagschale schon damals mehr und mehr in Richtung Frauenmannschaft. Es gab einfach schon lange zu wenig mänlichen Nachwuchs, bei Sichtungen von 40 jungen Spielern waren dann auch schon mal nur 38 Mädchen und 2 Jungen dabei, man beschloss daher auch, die Nachwuchsarbeit bei Männern einzustellen. Die letzte Herrenmannschaft des VCW wurde 2004 aufgelöst.

Talentförderung und frühe Jugendarbeit

Frühe Talente zu finden ist Kernelement des VCW mit enorm hohem Stellenwert für den Verein. In Wiesbaden arbeitet man vor allem mit der Elly-Heuss-Schule zusammen. Die Eintracht Wiesbaden dient hier als Partner bei der Talentsuche für deren Jungenmannschaften, der VCWiesbaden bei den Mädchen.

Ab dem 3. Schuljahr versucht man alle Grundschulen zu erreichen und eine Sportstunde mit jeder Klasse zu organisieren. Mit Volleyball, bzw. volleyballähnlichen Übungen werden hier und in Folge bei mehreren Sichtungen frühe Talente gesucht und dann in Ballsportgruppen weiter beobachtet. 30 Jugendliche pro Jahr werden so in den Leistungssport aufgenommen und in den Jugendmannschaften des VCW besonders gefördert. Derzeit gibt es sage und schreibe 28 Jugendmannschaften, zusätzlich zu den zehn der Erwachsenen.

Sportlicher Aufstieg und drohende Insolvenz

Völlig überraschend stieg man in der Saison 2004/2005 wieder in die 1. Bundesliga auf, noch mit drei 15-jährigen Spielern im Team! Kurz zuvor übernahm mit Achim Exner ein Mann mit besten Kontakten den Vereinsvorsitz und konnte die Sponsoreneinnahmen schnell vervielfachen. Der erstklassige Spielbetrieb erforderte nun aber auch ganz andere Ausgaben, sei es für Spielereinkäufe, Trainerstab oder Fahrten zu den Auswärtsspielen. Der Erfolg hielt an, der VCW spielt seitdem durchgängig in der ersten Liga.

2010 jedoch wurden durch Geschäftsführung und Vorstand Fehler gemacht und wechselseitige Kontrollen versagten offenbar. Vorgestreckte Sponsorengelder wurden im Vertrauen auf den schon sicher geglaubten Sieg in der Bundesliga für Spielereinkäufe verausgabt, die Mittel reichten nicht mehr für die Rückspielrunde und eine Insolvenz des Vereins konnte nur mit allergrößten Anstrengungen und Kredit mancher Sponsoren vermieden werden. Ein vollständiger Wechsel in Geschäftsführung und Vorstand folgte und es war wohl auch mancher Unterstützung durch Wiesbadener Unternehmer und einiger Stadtpolitiker geschuldet, die auch städtische Gesellschaften animierten ins Sponsoring des VCW einzusteigen, das der Verein und seine erfolgreiche Nachwuchsarbeit gerettet werden konnte.

Hintergrund: Wie sich Profi-Volleyball finanziert

Volleyball auf dieser Leistungsebene ist mittlerweile reiner Profisport. Mehrere Trainingseinheiten pro Tag mit einem Gesamtumfang von etwa sechs Stunden sowie der eng getaktete Spielplan mit Heim- und Auswärtspartien lassen es nicht mehr zu, dass ein Volleyballprofi nebenher einem Beruf nachgeht. Die Finanzierung des Spielbetriebs und das damit verbundene Risiko trägt ein Club in Deutschland alleine. Das Budget ist in den allermeisten Fällen auf Kante genäht.

Unvorhersehbare Ereignisse wie Spielerverletzungen oder der Rückzug eines Sponsors kann einen Topverein bereits an den Rand der Leistungsfähigkeit bringen. Hinzu kommt: Der bezahlte Sport ist eine gewerbliche Tätigkeit, das stört die Gemeinnützigkeit, auf die die meisten Sportclubs aufbauen. Die Profi-Spielbetriebe werden daher meist von den eigentlichen Trägervereinen als Spielbetriebsgesellschaft ausgelagert. Diese schließt dann die Verträge mit Sponsoren, Spielern und Trainerstab und haften außerhalb des Vereinsvermögens.

Das wirtschaftliche Grundproblem bleibt: Die Spielbetriebsgesellschaft muss ihre Kosten selbst decken können. Anders als beispielsweise beim Fußball oder Handball steht der Volleyballsport nicht im zentralen medialen Interesse und kann daher bislang beispielsweise keine Einnahmen aus der Vermarktung von Übertragungsrechten erzielen. Auch sportlicher Erfolg allein spült kein Geld in die Kassen. Wenn ein Volleyballverein sich für eine Teilnahme am Europapokal qualifiziert, erhält er hierfür nicht etwa hohe Prämien, sondern muss alle damit verbunden Kosten wie die Reisen zu europäischen Vereine aus der eigenen Tasche bezahlen. Kurzum: Im Volleyballsport ist eine Spielbetriebsgesellschaft ausschließlich auf die Erlöse aus Sponsoring angewiesen.

Ende 2010 gründete auch der VCW eine solche Gesellschaft, zu einer Zeit jedoch, als der Verein bereits hoch verschuldet war. Ein radikaler Sanierungskurs wurde eingeleitet. Dieser führte beim Verein zunächst zu wirtschaftlicher Stabilisierung, die Spielbetriebsgesellschaft verkraftete den Ausfall eines Sponsors in 2013 jedoch nicht und musste zum Ende der Saison 2012/2013 ihre Tätigkeit einstellen.

Mit der Neugründung der heute tätigen Spielbetriebs GmbH ging ein strenges betriebswirtschaftliches Dekret einher. Die Verantwortlichen verordneten eine strikte Budgetplanung und kontrollierten dessen Einhaltung. Seit dem geht es mit dem VCW auch wirtschaftlich wieder aufwärts. Ausruhen können sich die Verantwortlichen trotzdem nicht. (s. auch das folgende Interview mit Sascha Mertes, 1. Vorsitzender des VCW).

Was den VCW neben seines sportlichen Erfolges und seiner erst kürzlich mit 5.000 Euro belohnten Nachwuchsarbeit (das „Grüne Band“ als Auszeichnung des Deutschen Olympischen Sportbundes) auszeichnet, ist die hohe Indentifikation seiner Fans mit Verein und Spielerinnen. Die Mischung aus hoher Professionalität bei gleichzeitig ansteckender Emotionalität macht auch für die vielen ehrenamtlichen Helfer die Freude am Verein aus. Hinzu kommt das Familiäre, ein Teil der VCW-Familie zu sein macht richtig Spaß! Der VCW will „der vorbildliche Volleyballverein“ sein und zwar über alle Altersklassen und Ligen hinweg. Dazu gehört die hohe Verwurzelung und das absolute Bekenntnis zu Wiesbaden. Es ist halt der Bundesligaverein im Herzen der Stadt…

INTERVIEW

Der Volleyball-Club Wiesbaden, kurz VCW, ging auch durch schwere Zeiten und konnte eine Insolvenz seiner Spielbetriebsgesellschaft am Saisonende 2012/2013 nicht vermeiden. Wir sprachen mit dem Vereinsvorsitzenden Sascha Mertes über die harten Bedingungen im Profispielbetrieb und dessen Finanzierung.

Frage: Herr Mertes, Sie sind seit 2015 erster Vorsitzender des VC Wiesbaden. Im Hauptberuf sind Sie als Fachanwalt für Insolvenzrecht und als Notar tätig. Die Frage an den Fachmann: Ist der VCW aus dem Gröbsten raus? Als Verein wie auch beim Bundesliga-Spielbetrieb?

Die wirtschaftlichen Verhältnisse konnten in beiden Institutionen stabilisiert werden. Dafür haben wir in den letzten Jahren hart gearbeitet. Klare und verbindliche Budgets bestimmen unser tägliches Handeln.

Frage: Was bedeutet dies konkret für den Verein?

Die Finanzierung ist ein stetiger Drahtseilakt, da wir mit hochqualifizierten Trainern und Übungsleitern eine vorbildliche Talent- und Nachwuchsförderung betreiben. Außerdem stemmen wir einen Wettkampf- und Spielbetrieb mit rund 40 Mannschaften. Da unsere Mitgliedsbeiträge diesen Aufwand nur zu etwa einem Fünftel decken, sind wir darauf angewiesen, für diese Arbeit im Bereich der Gemeinnützigkeit jedes Jahr einen sechsstelligen Betrag an Spenden und anderen Unterstützungsleistungen einzuwerben. Da ist man nie in Sicherheit. Aber wir konnten zuletzt im Verein die extreme Verschuldung aus früherer Zeit fast vollständig abbauen und in den letzten zwei Jahren eine schwarze Null erwirtschaften. Doch die Situation bleibt angespannt.

Frage: Und wie geht es dem Bundesliga-Spielbetrieb?

Die Spielbetriebs GmbH hat noch größere Herausforderungen zu meistern. Der Mittelbedarf steigt stetig. Die Gründe hierfür sind beispielsweise die wachsenden Ausgaben im Personalbereich – hier steigen neben Gehältern und Sozialabgaben auch Transfergebühren – und die höheren Anforderungen beim Durchführen von Heimspieltagen. Wir wollen und müssen, das fordert die Liga von uns, den Volleyballsport künftig noch professioneller präsentieren; nicht nur für unsere eigene Vermarktung, sondern auch für die des gesamten Produkts „Volleyball-Bundesliga“. Die Bereitschaft von Sponsoren, die dafür nötigen Mittel beizusteuern, ist in den letzten Jahren zwar mehr und mehr gewachsen. Wir stehen jedoch zugleich permanent vor der schwierigen Herausforderung, überhaupt unseren bisherigen Etat halten zu können. Da sind neben einem harten Stück Arbeit auch ständig neue Ideen gefragt.

Frage: Sie würden sich also mehr Unterstützung für den VCW wünschen?

Wer in der letzten Zeit bei uns in der Halle war, weiß: Wir sind in der Sportstadt Wiesbaden ein herausragendes Event, das viele Menschen begeistert. Wenn wir die Pläne der Liga weiter umsetzen können und der sportliche Erfolg weiter erhalten bleibt, werden wir die Begeisterung für den Sport, den wir lieben, und damit einhergehend die Aufmerksamkeit für unsere Partner noch weiter steigern können. Außerdem erzielen wir in der Nachwuchsarbeit regelmäßig tolle Erfolge, für die es sich lohnt, weiterzukämpfen. Aber damit all dies gelingt, braucht es auch weiterhin Menschen und Unternehmen, die an den VCW glauben und bei der Finanzierung mitgehen. Nicht nur ein weiterer großer Trikotsponsor wäre da zum Beispiel ein wichtiger Schritt. Jeder, der den VCW für sich und unsere Stadt erfolgreich sehen will, sollte seinen Teil dazu beitragen und uns nach vorne tragen.

Frage: Welche Fehler wurden denn in früheren Jahren gemacht?

Ich möchte auf den Fehlern der Vergangenheit nicht herumreiten. Sicher war der Ehrgeiz groß und die sportlichen Erfolge wurden mit einem extrem hohen finanziellen Einsatz erkauft. Die Gegenfinanzierung war nicht ausreichend gesichert. Dann reicht schon ein unvorhersehbares Ereignis, um einen Etat ins Wanken zu bringen. Die nötige Trennung des professionellen Spielbetriebes mit all seinen Kosten und Risiken vom Herz des Vereins, dem Nachwuchs-Leistungssport, erfolgte im Zweifel zu spät. Dadurch geriet auch der Verein in Gefahr.

Frage: Wie kann man das künftig vermeiden?

Konsequente Planung und Einhaltung von Budgets ist zunächst der Schlüssel. Daraus folgt Stabilität. Alles andere ist harte Arbeit und das Quäntchen Glück, das man braucht, um die richtigen Unterstützer finden und binden zu können.

Frage: Der VCW ist sportlich im Moment sehr erfolgreich. Was macht Ihnen am meisten Freude bei Ihrer Arbeit?

Die strahlenden Gesichter der Spielerinnen bei einem Erfolg, ganz gleich, ob in der Bundesliga, in der Kreisklasse oder bei der Nominierung eines Nachwuchstalents für die Nationalmannschaft oder für den Landeskader. Außerdem zu sehen, mit welcher Begeisterung ein großes Team von überwiegend ehrenamtlichen und einigen hauptamtlichen Mitarbeitern zusammenarbeitet, um unseren VCW nach vorne zu bringen, macht mich stolz.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Noch mehr Begeisterung für den VCW auf ganzer Breite in und um Wiesbaden sowie eine spürbare Weiterentwicklung der Nachwuchsförderung. Außerdem wünsche ich mir, weitere Talente vor Ort zu finden oder nach Wiesbaden zu holen, sie hier zu entwickeln und am Standort zu halten. Wir wollen sportliche wie berufliche Perspektiven bieten. Alles das würde uns im Verein, aber auch im Topteam in der Bundesliga helfen.

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